Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Anfahrhilfe?

Hadmut
6.5.2022 18:13

Da denkt man, man kennt das Autofahren, und dann verblüfft einen so eine kleine Kiste.

Ich fahre seit fast vierzig Jahren Auto, bin schon alles Mögliche gefahren, was mindestens vier Räder hat, habe einen LKW-Führerschein gemacht, war auch in anderen Ländern viel unterwegs.

Die ersten 25 Jahre davon war ich schwer überzeugter Schaltwagenfahrer, aber seit die Automatiken nicht mehr mechanisch, sondern elektronisch gesteuert werden und ich mal Probleme mit dem Meniskus hatte, finde ich auch Automatik ganz angenehm, zumal man in manchen Ländern auch gar nichts mehr anderes bekommt. Irgendwo hat mal jemand behauptet, dass man in den USA bei einem Unfall als Schaltwagenfahrer automatisch eine Teilschuld bekommt oder zumindest die Beweislast. Aber ich habe mindestens 30 Jahre Erfahrung im Schaltwagen, und fahre auch immer wieder mal, auch wenn ich selbst keinen mehr habe. Ich kann das. (Ob es mir noch etwas nutzt, wenn wir alle auf E-Auto umsteigen, sei dahingestellt.)

Heute aber hatte ich einen Hä!?-Augenblick. In dem ich für einen Augenblick dachte, ich kapier’s gerade nicht mehr.

Ich bin ein kurzes Stück mit einem fremden Auto gefahren, das ich nicht kenne. Schaltwagen. Kia. Situation so typisch wie in der Fahrschule, Auto steht an einer mittelsteilen Stelle geparkt, bergauf. So die klassische Anfahrsituation wie in der Fahrschule oder -prüfung, Anfahren am Hang. Wollten sie damals von mir in der LKW-Fahrschule und -Prüfung, 12-Tonner mit Anhänger. Kann ich. Handbremse, schleifende Kupplung, langsam kommen lassen. Bloß keinen Zentimeter abrutschen, sonst guckt der Lehrer/Prüfer böse.

Nur fahre ich das, seit ich etwas Erfahrung habe, anders, auch um Kupplung zu sparen. Wenn hinter mir Platz und die Stelle nicht zu steil ist, mache ich das nicht so wie in der Fahrschule gelernt (oder doch, wir haben die vereinfachte Methode an flachen Stellen geübt), nix mit Handbremse, sondern Gang rein und gleichzeitig – ist halt eine Koordinationsübung – mit dem rechten Fuß von der Bremse auf das Gas und gleichzeitig Kupplung kommen lassen. Wenn man das schnell genug und richtig koordiniert macht, schleift die Kupplung nicht und hält länger. es geht viel schneller, man spart sich den Griff zur Handbremse, hat dafür beide Hände am Lenkrad oder eine zum Blinken frei und kann auch viel schneller auf Lücken im Verkehr reagieren. Eigentlich machen das fast alle Leute so, die Autofahren können, wenn es nicht gar zu steil ist oder hinter einem einer parkt, den man nicht anrempeln will. Ich denke da auch überhaupt nicht mehr drüber nach, ich mache das einfach. Das ist kein Thema mehr. Man nimmt bei der Methode halt immer in Kauf, dass das Auto in dem Augenblick ein paar Zentimeter zurückrollen kann, weil man dann, wenn man von der Bremse geht, einen kurzen Augenblick braucht, bis man auf dem Gas ist und der Motor hochgeht, weil man sonst ja das Auto abwürgen würde, wenn man zu früh einkuppelt, bevor man Gas gibt. Die Schwerkraft setzt ja sofort ein. Ist berücksichtigt, man achtet ja drauf, ob hinter einem etwas Platz ist.

Heute dachte ich: Hä!? Was’n jetzt los?

Kupplung getreten, geh mit dem rechten Fuß von der Bremse und will aufs Gas treten und bleibe mit dem Fuß in der Luft stehen. Habe ich vergessen, die Handbremse aufzumachen? Nee, Handbremse ist auf. Ich stehe an einer steilen Stelle, Handbremse auf, linker Fuß Kupplung voll durchgetreten, rechter Fuß in der Luft zwischen Bremse und Gas, und eine innere Stimme sagt mir „Tritt nicht aufs Gas, hier stimmt was nicht!“

Eigentlich hätte ich erwartet, dass das Fahrzeug dann, wenn ich alle Bremsen auf und die Kupplung voll durchgetreten habe, an einer steilen Stelle anfängt, nach hinten zu rollen. Denn was sollte es auch halten? Eigentlich wollte ich gerade Gas geben und die Kupplung schnell kommen lassen, um anzufahren, aber irgendwie wirkte das Fahrzeug blockiert. Kenne ich von Automatikfahrzeugen, ohne sowas überlebt man San Francisco kaum, aber bei einem Schaltwagen? Ja, gibt es auch. Die geländegängigen LKW der Bundeswehr haben einen Wandler, der kann auch sowas änliches. (Bin so ein Ding nur einmal in der Horizontalen durch eine Waschstraße gefahren.)

Warum rollt dieses Fahrzeug nicht nach hinten?

Klemmt die Handbremse?

Bei Frost kann die Bremse anfrieren. Und bei Fahrzeugen, die lange stehen, festkleben/anrosten/durch Straßenschmutz anpappen. Hier alles nicht der Fall. Erst mal zurück auf die Bremse, alles prüfen. Alles in Ordnung. Nochmal. Selber Effekt.

Fahrzeug lässt sich aber normal anfahren.

Sicherheitshalber nochmal angehalten, um zu verhindern, gegen die Handbremse zu fahren. Vielleicht die Rückholfeder gebrochen? Irgendwas sabotiert? Handbremsgriff scheint normal zu arbeiten.

Selber Effekt wieder. Nur: Nach ein paar Sekunden, als ich noch stutze und überlege, warum dieses Fahrzeug nicht auf Schwerkraft reagiert, rollte es urplötzlich dann doch erwartungsgemäß rückwärts ab und ich konnte ganz normal anfahren, wie ich es immer tue und eigentlich vorhatte.

Jetzt bin ich am Überlegen: Pappt bei dem Auto irgendwie die Handbremse fest und löst sich nicht von alleine, oder hat das Ding eine wundersame Art von Berganfahrhilfe, die ich noch nicht kannte?