Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Von toter Hose und Fachkräftemangel

Hadmut
23.9.2021 20:09

Ich war bei IKEA.

Zum ersten Mal seit Corona.

Eigentlich auch nur wegen Kleinkram, weil ich mir vor Jahren kleine Kunststoffboxen für Kleinkram gekauft hatte, die viel zu teuer waren. Anscheinend war ich aber nicht der Einzige, der das Stück Plastik für überteuert hielt, denn den Preis haben sie gerade halbiert, und weil ich noch ein paar brauchte, und es natürlich schön ist, wenn man im Regal die gleichen und nicht lauter unterschiedliche Behälter hat, dachte ich, na gut, für 2 Euro geht das in Ordnung, holen wir ein paar. Zumal sie andere Boxen, von denen ich auch schon welche habe, jetzt passend auch in kleinerer Größe haben. Kommt mir gerade richtig.

Nun bin ich kein großer Freund der IKEA-Kantine. Mich ließ einst ein Teller Köttbullar über die Frage grübeln, ob selbige und Billy vielleicht aus derselben Fabrik kämen. Auch habe ich es noch nie geschafft, ein Softdrink-Glas zu mehr als 30% mit Preiselbeer-Limonade zu füllen, weil das Zeug immer so fürchterlich schäumt, dass das Glas voll Schaum ist. Dafür hatten sie aber auch schon richtig gute Gänsekeule mit Klößen und Rotkraut. Jedenfalls hieß es irgendwo, dass sie jetzt (anscheinend wegen Corona) einen Fress-Truck auf dem Parkplatz haben und man da Open-Air an Essen kommt. Wolt mal gucken, weil zu faul zum kochen.

Aber, ach.

Steht schon da, aber geschlossen und verrammelt. Großes Schild mit Öffnungszeiten dran. Ich steh so davor, gebe mir wirklich Mühe beim Nachdenken und kommen schließlich zu dem Ergebnis, dass das Ding eigentlich geöffnet sein müsste. Auch wenn ich falsch gedacht habe und aus irgendeinem Grund, den ich nicht benennen kann, gerade so ein Montags-Gefühl hatte, obwohl doch eigentlich Donnerstag ist, aber ich glaube, sie haben unter der Woche jeden Tag dieselben Öffnungszeiten. Irgendwie haben Wochentage für mich an Bedeutung verloren, und ich bin mir nicht sicher, ob es Corona oder Alzheimer ist.

Dazu kommt allerdings, dass der Parkplatz ziemlich leer war. Sehr wenig Leute. Für einen Montag wäre es nicht so auffällig, aber Donnerstags ist doch normalerweise schon ziemlich viel los. Heute nicht.

Drinnen der Imbissschalter zwar geöffnet, aber streng reglementiert, keine Tische zugänglich, man muss draußen essen. Ich frage drinnen einen, warum draußen der Außenstand nicht geöffnet hat, obwohl er das nach seinen Öffnungszeiten doch gerade müsste. „Ja,“, war die Antwort, „wenn wir genug Personal hätten, dann wäre der jetzt offen…“. Aber morgen seien wieder offen. (Vermutlich ist morgen Freitag, aber ich bin mir nicht ganz sicher.)

Irgendwie war ich heute nicht der Schnellste im Denken, mir ist nämlich erst so etwa 10 Meter weiter aufgefallen, dass die Aussage doppeldeutig war und ich nicht verstanden habe, welche die richtige Deutung ist. Haben sie zuwenig Personal, weil sie keine Fachkräfte finden, oder haben sie zuwenig Personal, weil IKEA gerade beim Personal spart?

Wäre eine interessante Frage, ich habe aber keinen mehr gefunden, der mir dazu was sagen konnte.

Es fiel auf, dass verdammt wenig los war, verdammt wenig Leute da. Immer wieder stand ich in Abteilungen nahezu oder ganz alleine herum, und es ist erstaunlich, wie lieblos, pappdeckelig und billigkaufhausig ein IKEA-Kaufhaus wirkt, wenn keine Leute drin unterwegs sind. Ist mir nie so explizit aufgefallen, wieviel Einfluss das auf die Gesamtwirkung hat, aber neulich kam ja irgendwo (ZDF WISO?) wieder ein Experiment, in dem sie in einem Einkaufszentrum Apfelsaft einer Phantasiemarke verkauft haben. Ist keiner am Stand, kauft auch keiner. Der Stand bleibt leer. Stehen einer zum Kosten da, kommen auch wenige. Stellt man aber zehn Statisten hin, die so tun als wäre was los, kommen die Leute in Scharen und kaufen das Zeug zu jedem Preis.

Womöglich ist IKEA gerade aus diesem Effekt rausgefallen. Wenn selbst an einem Donnerstag nachmittag nichts los ist… Vielleicht ist es auch keine Frage des Personals, sondern lohnt sich schlicht nicht, das Ding draußen aufzumachen.

Ich also mal drinnen in die Kantine. Eine Schüssel Gemüse-Gnocchi für 5 Euro. Ein Knoblauch-Baguette und eines von den unbefüllbaren Softdringgläsern.

Aber erst am Corona-Zerberus vorbei, der mich erst reinlässt, wenn ich Impfung nachgewiesen und mich per App eingecheckt habe (was ich übrigens zum ersten Mal getan habe, und dabei auch die Installation der Luca-App rundheraus verweigert habe, die andere akzeptierten sie aber auch). Ich werde unter Aushändigung einer Platzmarke angewiesen, mich zum beabsichtiten Verzehr an Tisch 64 niederzulassen und nirgendwo sonst. Und war nicht nur am Eingang alleine und ohne Schlange, sondern stehe – das habe ich auch noch nie erlebt – völlig alleine an der Theke. Bekomme deshalb ausgiebigen Einzelservice.

Viel los sei ja gerade nicht bei ihnen, meine ich lakonisch.
Die Antwort: Es gehe eben auf das Monatsende zu. Die Leute hätten erst nächste Woche wieder Geld. Was mich an das Kaufrauscherlebnis im Supermarkt zum Monatsanfang erinnerte. Nur jetzt der negative Fall. Ich hatte die Frage gestellt, warum man Lebensmittel am Monatsersten kauft und dann einen Monat damit auskommen muss, und ob es nicht besser wäre, sich das Geld einzuteilen und wöchentlich nach Bedarf zu kaufen, um auch was frisch zu haben und nicht zuviel alt werden zu lassen. Leser, vor allem Leserinnen, hatten mir geschrieben, das sei schon recht sinnvoll so, weil das, was man am Monatsanfang kauft, man dann auch konkret im Regal stehen hat, und der Herr Gemahl es schon nicht mehr versaufen kann. Diese Perspektive fehlt mir etwas. Wahrscheinlich lohnt sich der Außenimbiss nur immer am Monatsanfang.

Ich habe es wieder nicht geschafft, das Glas ordentlich mit Preiselbeerlimonade zu füllen. Fast nur Schaum. Wie immer. Selbst die üblichen Tricks wie das Glas schräg und nah an die Düse zu halten, sie helfen nicht. Ist das eigentlich Absicht, damit man nicht so viel nehmen kann?

Auch an der Kasse, kein Warten. Am Donnerstag abend.

Man merkt, dass die wirtschaftlich leiden. Das Mitleid hält sich in Grenzen, denn sicherlich müssten die auf einem großen Sack Geld sitzen.

Trotzdem treibt mich jetzt die Frage:

  • Haben Sie Fachkräftemangel und finden niemanden für den Fressstand draußen?
  • Oder haben sie Personalmangel, weil ihnen der Konzern mangels Umsatz die Zahl der Mitarbeiter kürzt, sie also nicht keinen finden, sondern keinen einstellen?
  • Oder war es nur eine faule Ausrede für „Lohnt sich gerade nicht, Donnerstags kommt ja fast keiner mehr…“. Dafür spräche die Ankündigung, dass morgen wieder offen wäre, weil Freitags und Samstags gewöhnlich ja mehr los ist.

Zeigt aber auch, wie 18 Monate Corona den Konsum runtergekühlt haben. Ich vermute, das wird eine Weile dauern, bis der Laden wieder brummt. So viele Leute wünschen sich, endlich wieder raus und in die Öffentlichkeit zukommen, aber ich vermute, dass die Leute sich das Shoppen abgewöhnt haben.