Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Über die Naivität von 4G

Hadmut
29.8.2021 19:42

Leute, das ist nicht schön, was ich gerade an Zuschriften bekomme.

Mir schreiben gerade ganz viele Leute, dass mein Artikel darüber, dass „3G“ (genesen, geimpft, getestet) alternativenvollständig sei und man gar nicht anders könne, als sich für eines davon zu entscheiden, wolle man nicht für immer in seiner Wohnung hocken, eigentlich sogar nur die Wahl zwischen genesen oder geimpft habe, weil es sich gar nicht vermeiden lässt, dass man in Kontakt mit dem Virus kommt, wenn man Kontakt zu anderen Menschen hat, gröblichst falsch sei.

Ich hätte das vierte G übersehen.

Das vierte G sei „gesund“. Mit expliziter Betonung des G.

Immer wieder Formulierungen wie „Ich bin einfach gesund“.

Leute, das wirkt auf mich so überzeugend wie wenn einer sagt, dass er kein 3G braucht, weil er Georg heißt und das auch mit g anfängt.

Sorry, aber das wirkt auf mich völlig bescheuert, wenn einer darüber argumentiert, dass es auch mit „g“ anfängt, als ob der Klang des Wortes die Realität schafft. (Sprechakt und so.) Wie bei den Linken, die alles für wahr und bewiesen halten, wenn es sich als Spruch darstellen lässt, der sich reimt.

„Gesund“ ist ein Zustand, aber keine Verhaltensweise, kein Plan. Wie soll das gehen? Man wird und bleibt ja nicht dadurch gesund, dass man den Beschluss fasst, gesund zu sein oder zu bleiben. Leute, glaubt Ihr, Ihr seid kraft persönlicher Überzeugung irgendwie so unverletzbar? Die Krankheit ziehe an Euch vorbei, wenn Ihr ihr nur kühnen Blickes entgegentretet?

Habt Ihr mal drüber nachgedacht, dass „gesund“ kein viertes G ist, sondern zu „getestet“ gehört, denn der Test soll ja zeigen, ob man gerade gesund ist?

Woher wollt Ihr überhaupt wissen, dass Ihr „gesund“ seid? Viele schreiben, dass 99% der Infizierten symptomfrei seien. Woher wollen sie dann wissen, ob sie „gesund“ oder nur symptomfrei infiziert sind?

Wer von Euch ist alt genug, um sich noch an die Anfangszeit von AIDS/HIV zu erinnern?

Bei AIDS/HIV gibt es auch eine erhebliche, teils Jahre betragende Inkubationszeit, als Zeit zwischen Infektion und Ausbruch der Krankheit. Heute gibt es Medikamente, die einen halbwegs beisammen halten, aber damals war es so, dass Leute, die völlig symptomfrei waren und sich pudelwohl gefühlt haben, längst krank und dem sicheren Tod geweiht waren. Und schlimmer noch: Infektiös gegenüber anderen.

Ich verstehe nicht, wie man sich einfach so kraft Überzeugung für gesund erklären und die Sache damit für erledigt halten kann. Und dann erwarten, dass andere Menschen einem das einfach so glauben. Einfach so durch den Klang des Wortes. Wie so ein Zauberspruch. Als ob man beim Betreten eines Restaurants nur möglichst kernig „Ich bin gesund“ aussprechen müsse.

Leute, sorry, aber das ist doch mythisches Denken.

Kein einziger derer, die mir sowas schreiben, und die ich bisher gelesen habe (es sind gerade sehr viele), erklärt, wie er sich verhalten oder wie andere ihn behandeln sollen, oder wie er glaubt, gesund zu bleiben.

Es gibt noch eine vierte Möglichkeit statt 3g, nämlich gesund.
Was soll ich denn von einer Krankheit halten, bei der ich mich testen lassen muß, um zu wissen, ob ich sie habe?

Wie gesagt: Ein Wort als Alternative anzubringen, weil es auch mit g anfängt (andere betonen das sogar extra), hat mir gegenüber einen Überzeugungswert unter Null. Das ist Rhetorik, aber kein Inhalt.

Während meines Studiums stand mal einer mit Flugblättern ab und zu vor der Mensa herum, der sich über die technische Uni aufregte, weil Chemie und Physik alles frei erfundener Blödsinn seien. Wie albern es wäre, dass die behaupteten, dass die Welt aus kleinsten Teilchen bestehe. Obwohl man die nicht sehen könnte.

Sogar das Licht bestehe aus kleinsten Teilchen. Was doch Blödsinn sei, dann müssten die sich ja vor dem Fenster als Staub sammeln, wenn sie an der Fensterschreibe abprallen. Licht leuchte. So eine rein verbale, am Wortklang ausgerichtete Argumentation.

Ich wäre mal vor 30 Jahren fast an Krebs gestorben, war eigentlich schon in einem nicht mehr heilbaren Zustand, und habe davon nichts gemerkt, fühlte mich pudelwohl und ohne jede Einschränkung. Das war auch etwas, was man nur mit Tests feststellen konnte.

Eine frühere Kollegin ist an Brustkrebs gestorben. Der ging es auch wunderbar, bis es eben zu spät war.

Darmspiegelung: Da kann man den Darmkrebs auch nur mit Tests rechtzeitig feststellen.

Leute, tut mir leid, aber das ist nicht gesund und nicht überzeugend. Ihr tragt hier nur Eure Ignoranz zu Markte. Es gibt viele, die Ihr damit beeindrucken und überzeugen könnt, aber mich gerade nicht. Und sorry, aber ignorant fängt mit i und nicht mit g an.

Und „ich bin gesund“ ist halt auch keine Verhaltensweise, keine Strategie, für die mich sich entscheiden könnte. Das ist eine Hoffnung. Man kann ja nicht sagen, ach, das ist eine tolle Idee, wenn das so einfach geht, mache ich das jetzt auch. Ich bin jetzt auch einfach gesund und fertig. Per Beschluss. Beschlossen und verkündet.

Wenn jemand sagt, er könne nicht erkranken, weil es das Virus gar nicht gäbe, dann ist das ein Standpunkt, aus dem sich die Verhaltensweise „egal, los geht’s“ ableiten kann. Dann könnte man sagen, dass es ihn ja nicht scheren würde, ihn zu infizieren, und auf „genesen“ zu warten. Aber was ist „ich bin gesund“?

Nee, Leute, sorry.