Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Klebstoff

Hadmut
22.8.2021 22:49

Wisst Ihr, was mir gerade so auffällt?

Mir ist gerade aufgefallen, dass ich im Besitz von Klebstoff bin, einer Tube Pattex und einer Flasche Uhu, bei dem ich mich beim besten Willen nicht erinnern kann, wann ich den gekauft habe, oder dass ich den jemals benutzt hätte. Sehen beide noch unbenutzt und nagelneu aus, aber ich habe überlegt, ob der überhaupt noch funktionieren. Flüssig sind sie jedenfalls noch.

Als Kind habe ich, wohl auch wegen der Schule und gelegentlichen Bastelarbeiten, ständig Uhu und Pattex gebraucht, immer wieder Tuben gekauft. Pattex hielt fester, den mochte ich aber nicht so, weil der so hartnäckig an den Fingern pappte und so nach Rotz aussah. Uhu war mir lieber, weil man den gut von den Fingern rubbeln konnte und der so völlig durchsichtig aussah, hielt aber nicht alles ganz so gut und fest wie Pattex. Ein paar noch nicht angestochene Tübchen Sekundenkleber habe ich auch noch rumliegen, auch schon seit Ewigkeiten.

Der einzige Klebstoffeinsatz von flüssigem Klebstoff, an den ich mich jetzt in den letzten erinnern könnte, war, dass ich vor einigen Jahren mal einen speziellen Schuhkleber gekauft habe, der sich wie die verschärfte Version von Pattex darstellte und so roch und aussah, um eine Schuhsohle an einem Schuh wieder anzukleben, deren Klebung sich gelöst hat.

Ansonsten brauche ich zwar viel großes Klebeband und gelegentlich Klebestifte, nämlich zum Paketversand, ab und zu mal ein Stück kleines Klebeband, aber das war es.

Ich habe noch einige Rollen dieses weißen, seidig-matten Scotch-Klebebandes, das ich früher immer verwendet habe, um zusammengefaltete Landkarten gegen Zerreißen zu sichern. Dieses Band hat nämlich den Vorteil, dass es nicht nur sehr dünn ist, und es sich viel leichter falten lässt, als etwa Tesa-Film, sondern dass man es auf einer Landkarte oder ähnlichem bedruckten Papier so gut wie gar nicht oder nur mit Mühe sehen kann, wenn man es nicht gerade über einen Abroller mit gezackter Abreißkante abreißt und dann so gezackte Kanten hat. Weil gefaltete Landkarten an den Knickstellen, wo sich die horizontalen und die vertikalen Knicke kreuzen, sehr leicht und schnell aufreißen und dann immer weiter reißen, habe ich die immer gleich nach dem Kauf flach auf den Tisch gelegt und alle diese Kreuzungsstellen beidseitig mit kleinen Klebebandstellen abgeklebt. Von einer Seite vertikal (Nord-Süd) und von der anderen Seite horizontal (Ost-West). Wenn man das sorgfältig macht, gut andrückt, und beim ersten Mal sehr sorgfältig und fest falzt, sieht die Karte wie vorher aus, ist nur unmerklich dicker, aber zerreißt bei normalem Gebrauch für sehr lange Zeit nicht mehr. Deshalb hatte ich mal zu der Zeit, als ich viel gereist bin, so eine ganze Packung von diesen Klebefilmrollen gekauft. Und dann mit kleinen, ablösefähigen Notizfahnen und Klebepfeilen vor der Reise wichtige Punkte wie Hotels und Sehenswürdigkeiten markiert.

Nur: Landkarten kommen auch etwas aus der Mode, seit Google-Maps, Openstreetmap und großbildschirmigem Smartphone. Die Klebefähnchen habe ich auch längst durch MyMaps ersetzt. Und in den wenigen Fällen, in denen ich in den vergangen Jahren überhaupt noch gefaltete Karten gekauft habe, waren das in der Regel fast nur noch laminierte oder aus wasser- und reißfestem Papier (eigentlich Papierersatz) gefertigte Karten.

Früher hatte ich massenweise Falk-Stadtpläne, habe sofort welche an der Tankstelle gekauft, wenn ich in irgendeine Stadt kam, zu der ich noch keinen hatte. Inhatlich sehr gut, aber von deren Patentfaltung immer sehr anfällig gegen Zerreißen. Ich kam immer gut mit denen klar, aber kenne Leute, die sich fast die Knochen gebrochen haben beim Versuch, den wieder zusammenzufalten. Selbst wenn man damit klarkam: Leicht rissen sie ein. Rettung: Der matt-weiße Klebefilm von Scotch (oder gleiches von anderem Hersteller). Seit Jahren habe ich meinen Vorrat dieses Klebefilmes nicht mehr angerührt. Inzwischen klebe ich Schutzfolien und Schutzgläser auf Handybildschirme. Wer braucht noch einen Stadtplan, wenn man Google Maps hat?

Ich habe von jungen Leuten gehört, die nicht mehr wussten, was ein Stadtplan auf Papier ist und die mit einem Falkplan einfach gar nicht mehr zurecht kamen. Irgendwo hatte ich das mal auf Youtube gesehen, jemandem erzählt, der Kinder in dem Alter hat, der sich auf dem Flohmarkt für ein paar Cent oder einen Euro noch einen gekauft hat (ich habe nämlich auch keinen mehr) und seinem Nachwuchs das als Rätsel aufgegeben hat. Der Stadtplan hat es nicht überlebt. Die haben das Ding weder kontrolliert auf, noch in irgendeiner akzeptablen flachen Form wieder zusammenbekommen. Gefunden haben sie daran auch nichts. Auf die Idee, hinten in dem Heft nachzuschauen, kamen sie noch, aber dann mit Koordinaten wie die Soundsostraße ist in e7 konnten die nichts anfangen. Ja, und wo sieht man dann die Hausnummer?

Also seit die aus der Mode sind, ist auch mein Verbrauch an weißem mattem Klebeband zurückgegangen.

Irgendwie klebe ich nichts mehr. Schon gar nicht an.

Auch Aufkleber pappe ich nur sehr selten noch irgendwo hin.

Es könnte auch daran liegen, dass sich die Materialien und die Preise verändert haben. Früher sind Vasen gebrochen und man hat sie geklebt. Ich habe nicht mal eine Vase. Und heute würde man sie wegwerfen und neu bestellen, statt sich damit herumzuärgern. Kein Mensch würde sich noch eine geklebte Vase irgendwohin stellen. Man stopft ja auch Socken nicht mehr.

Vielleicht sind die Materialien besser geworden. Oder zumindest andere. Mehr Kunststoff, mehr Metall, mehr Glas. Entweder bricht es nicht, oder so, dass da eh nichts mehr zu machen ist. Irgendwie aber brechen mir sehr selten irgendwo irgendwelche Dinge. Eigentlich bricht mir nur selten etwas ab. Aber wenn, dann ist das beyond repair. Oder man druckt sich ein Ersatzteil mit dem 3D-Drucker.

Oder ist es so, dass wir nicht mehr flicken, sondern es einfach ersetzen?

Oh, doch, mir fällt was ein, was ich mal geklebt habe. Als ich nach Berlin kam, hatte ich erst mal für ein Jahr eine Übergangswohnung, weil ich die Wohnung, in der ich jetzt wohne, zwar schon blind angemietet hatte, sie aber noch nicht bezugsfertig war: Das Haus existierte noch gar nicht, die Grube nicht mal ausgehoben. Und da brauchte ich im Bad einen Handtuchhalter, wollte aber die Wand nicht anbohren. Also habe ich im Baumarkt Zweikomponentenklebeknete gekauft und einen Billist-Halter aus Metall von IKEA auf die Kacheln gepappt. Ich war verblüfft, die Lösung hat erstaunlich gut gehalten. Ich habe beim Auszug nach einem Jahr einiges zu tun gehabt, bis ich das mit Fön und Spachtel wieder ab hatte.

Gut, so Klebepads kommen auch noch vor. Irgendwelches selbstklebendes Zeugs gibt’s immer. Doppelseitiges Klebeband.

Aber sonst?

Airfix-Flugzeuge habe ich auch schon seit meiner Kindheit nicht mehr zusammengeklebt.

Natürlich weiß ich, dass Kleben in der Industrie eine ganz große Rolle spielt. Vieles wird dort nicht mehr geschraubt, sondern geklebt. Windschutzscheiben werden auf Autos geklebt. Alles mögliche wird geklebt. Aber: unter kontrollierten, konstruktiven Bedingungen, von Ingenieuren ausgewählt und abgewogen.

Aber so im Sinne von Haushaltskleben? Bei mir nicht mehr.

Und die Heißklebepistolen liegen auch schon seit Jahren ungenutzt im Keller rum. Früher beim Elektronikbasteln habe ich damit ständig Kabel, Platinen, Schalter irgendwo befestigt, kommt aber irgendwie auch nicht mehr vor.

Tja.

Fiel mir eben gerade so ein, als ich bei meinem Bürozeugs an einer Flasche Uhu vorbeikam.