Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Zuschrift einer Reiterin

Hadmut
7.8.2021 20:29

Über Tierei im Allgemeinen und Pferde im Besonderen

Eine Leserin schreibt:

Lieber Hadmut,

als ehemalige, langjährige Reiterin mit eigenem Pferd bin ich bei der Analyse des Reit-Dramas von Frau Schleu zu ganz ähnlichen Ergebnissen gekommen, wie sie das in Ihrem Artikel schon geschrieben haben.

Im ersten Durchgang sprang der Wallach zunächst sehr ordentlich, bis der Russin einige Fehler beim Anreiten der Hindernisse unterliefen. Das (schlaue) Pferd hat das nicht mitgemacht und sich verweigert. Nach der letzen Verweigerung gab die Russin auf und setzte somit ein fatales Signal: das Pferd erkannte, daß es sich durch Verweigern dem ganzen Stress entziehen kann, also verweigern und dann „Bella Ciao und Feierabend“.

In diesem Zustand nun hat Frau Schleu das Pferd übernommen.

Sie war zweifelsohne die weitaus bessere Reiterin als es die Russin war.

Wenn die Reihenfolge anders gewesen wäre, die Russin als Zweite hätte reiten müssen, wäre das Ergebnis sicherlich ein anderes gewesen.

Ich finde das alles ebenfalls höchst unfair.

Das Pferd hätte nach dessen Theateraufführung nach dem einreiten in den Parcours aus dem Wettbewerb genommen werden müssen.

In dem Zustand, in dem sich der Gaul befand, ist es nahezu unmöglich, den noch zu überhaupt irgendetwas zu „überreden“ – es hat mich schon sehr gewundert, daß Schleu den überhaupt noch über 5 Hindernisse gebracht hat.

Auch das geshitstorme wegen angeblicher Tierquälerei ist komplett lächerlich.

Wer einmal beobachtet, wie Pferde auf der Koppel ihre Rangordungen herstellen, der kann über einen Peitschenhieb oder einen Knuff mit der Faust durch die Trainerin nun milde lächeln.

Aber Hut ab: Ihre Laienanalyse war echt zutreffend.

Mit freundlichen Grüßen

Was mich an mehrere Dinge erinnert.

Zum einen an Hundeerziehung. Wir hatten mehrere, als ich Kind war. Wenn die einmal merken, dass sie damit durchkommen, machen sie es immer wieder. Wie übrigens viele Tiere. Die „gewaltlose“ Hundeerziehung läuft darüber, dass man es rigoros und ausnahmslos durchzieht, dass der Hund nur dann das kriegt, was er haben will, wenn er gehorcht und macht, was er soll.

Affen. Ich habe in Malaysia und in Südafrika einige Begnungen mit wilden Affen gehabt. Die plündern auch Touristen aus und erpressen mitunter regelrecht Schutzgeld, einfach weil sie merken, dass es geht. Sie kriegen damit, was sie wollen.

Bären. Ich habe noch keinen wilden Bären gesehen, aber gelesen, dass sich Bären da, wo sie auf Menschen treffen, etwa in den Nationalparks, nach demselben Prinzip verhalten.

Auch über Wölfe. Sie haben mal einen Bericht über einen gebracht, der Wölfe pflegt und hält und sich mit denen auch direkt abgibt. Es geht aber nur, solange er als Rudelchef anerkannt ist. Einer habe sich mal mit ihm angelegt und ihn probegebissen. Da blieb ihm nichts anderes übrig, als diesen Wolf übel zu beißen, irgendwo wo es weh tut, um seine Position zu erhalten.

Der zweite Punkt ist eben der Umgang untereinander.

Moralapostel und Linke, die sich gerne als Vertreter anderer auspielen, vor allem, wenn die sich dagegen nicht wehren können, machen gerne einen auf Tieradvokat. Und glauben, der Umgang mit Tieren müsste sein wie im Safe-Space, wie im Kindergarten. Wir haben uns alle lieb. Oder wie eine Frau auf Twitter die Shitstormer beschrieb: „90% davon kommt von ‘Mädchen , die mit ‘Immenhof’-Idyll aufgewachsen sind!“

Das ist halt so, wenn man Pferde nur aus dem Fernsehen kennt und mit Black Beauty, Lassie und Flipper aufgewachsen ist.

Tiere sind nicht so.

Unter Tieren geht es weitaus robuster und rauher zu als unter uns verweichlicht-dekadenten Sofakissen. Wer übrigens mal auf die Idee käme, Tiere in der Natur zu beobachten, wie die sich da so benehmen, käme sehr schnell zu der Überzeugung, dass es da genau zwei Geschlechter gibt, die sich unterschiedlich verhalten und das angeboren ist. Wie gesagt, wer Tierkunde nur aus Fernsehserien kennt und sich auf dem Niveau von Hanni und Nanni bewegt…

Habt Ihr mal Kängurus miteinander kämpfen gesehen?

Oder habt Ihr mal wilde Delfine oder Orcas aus der Nähe gesehen? Die sind übersät mit wüsten, deftigen Narben, jede Menge Stücke fehlen aus den Flossen. So viele, dass die Kapitäne und Forscher jedes einzelne Individuum an seinen Narben wiedererkennen. Woher die kommen, fragte ich. Haie? Nöh, war die Antwort. Das verstehen die unter freundschaftlichem Spielen. So geht’s bei denen untereinander zu, wenn sie befreundet sind.

Mal Gazellen, Gnus, Nashörner gesehen, wenn die ihre Rangordnung regeln? Besser nicht dazwischen stehen.

Im Berliner Zoo fragte ich mal eine Pflegerin, die die Gorillas fütterte, ob sie sich zu denen reintrauen kann. Sie wusste es nicht. Sie dürfen es aus versicherungstechnischen Gründen seit Jahren nicht. Das Problem sei nämlich, dass die nicht wissen, was für empfindliche Weicheier wir sind. Selbst im günstigsten und freundlichsten Fall der bestmöglichen Gorilla-Begrüßung unter Freunden, die der wirklich nur positiv meint, aber die so ausfällt, dass die Rangordnung betont wird, würde selbst der herzlichste, freundlichste Begrüßungsknuff eines 200-Kilo-Gorillas einen Menschen mit gebrochenen Rippen ins Krankenhaus befördern. Von den unfreundlichen lieber nicht zu reden.

Das ist so. Unter Tieren geht es derbe zur Sache, da werden Fragestellungen nicht im sprachlichen Diskurs geklärt, sondern eher so mit einer physikalischen Note.

Mal Giraffen gesehen, wie die ihre Angelegenheiten untereinander klären? Ein beeindruckendes Schauspiel, dass man lieber aus gewisser Entfernung beobachtet.

Ich hatte gerade von einer Elfenbeinausstellung im Humboldt-Forum berichtet, wo ein Geländewagen ausgestellt ist, der aussieht, als wäre er nacheinander von einem Panzer überfahren, von einem Zug gerammt worden und halb in eine Schrottpresse geraten und der nur mühsam entkommen. Ein Elefant hat seinen Unmut daran ausgelassen, weil der Streit mit einem anderen Elefanten nicht erfolgreich verlief.

Ein Landwirt erzählte mir mal, dass er „Ferien auf dem Bauernhof“ als Zubrot anbietet, auch Schulklassen zu Besuch hat, und so oft Kinder erlebt hat, die noch nie eine Kuh gesehen haben und nicht wissen, was Milch und Butter eigentlich sind und wo die herkommen.

Was man dieser Sportlerin und ihrer Trainerin da vorwirft, das ist wirklich ein Witz, das ist nach Tiermaßstäben und wie Pferde untereinander umgehen, schlicht gar nichts. Empörung von Leuten, die Pferde nur noch von Fernsehserien kennen.

Schlau ist es allerdings nicht, wie die Trainerin agiert. Denn dieser Klopfer, der als Schlag oder „geboxt“ bezeichnet wird, hat das Pferd zwar sicherlich nicht verletzt, aber die haben da einen Reflex oder eine angeborene Verhaltensweise. Wenn die glauben, dass von hinten ein Raubtier aufspringt, treten die nach hinten aus. Übrigens generell bei Fluchttieren. Giraffen haben das auch. Und es ist gar nicht so selten, dass Giraffen den Löwen töten, der sie von hinten angreifen will, indem sie das merken und im richtigen Augenblick nach hinten austreten. So einen Treffer überlebt ein Löwe oft nicht.

Aus irgendwelchen Gründen haben gerade die Tierschützer und Tieradvokaten oft am wenigsten Ahnung von Tieren.