Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Schuss gesetzt

Hadmut
29.7.2021 0:28

So, zweite Impfung heute bekommen.

Ich weiß, ich kriege jetzt wieder massenweise Mails dazu, wie ich so blöd sein könnte. Wofür ich wenig Verständnis aufbringe, weil ich ja schon ausführlich dargelegt habe, warum ich so blöd bin und wie ich zu meiner Entscheidung kam.

Abwägung. Risikoanalyse. Vorerkrankungen.

Und die Beobachtung, dass von denen, die von der Impfung „abraten“ im weitesten Sinne, auch kein Konzept kommt, wie denn eigentlich das weitere Vorgehen aussehen solle. Denn mehr als „das ist alles Schwindel, das gibt es gar nicht“ oder „das ist harmlos“ kommt da nicht. Viele, viele, viele Leute haben mir von der Impfung abgeraten. Aber nicht einer sagte, was ich praktikabel stattdessen tun solle. Oder fleißig mit Chlordioxid-Lösung gurgeln und dann … ja, und dann?

Zu Hause sitzen bleiben und warten, bis alles vorbei ist?

Oder die Pandemie für beendet erklären und sich voll reinstürzen?

Ich habe so ein grundsätzliches Verständnisproblem damit, dass Leute zwar dagegen sind, aber nicht so zu erkennen geben, dass ich es auch erkennen kann, was denn jetzt eigentlich die Vorgehensweise sein sollte.

Man sagt, dass die Impfung experimentell sei, nicht ausreichend geprüft. Das kann sogar sein. Aber heißt das, das man an diesem Experiment nicht als Versuchskarnickel teilnehmen sollte? Ich habe noch nie an einem Medikamententest teilgenommen. Ich konsumieren aber seit 55 Jahren Medikamente, Impfungen, Salben, Cremes, sonstwas alles, was zuvor von anderen getestet wurde. Ich halte mich jetzt nicht für einen solchen Edelmenschen oder König, dass ich für alles Vorkoster bekäme, dass ich nur das nehmen müsste, was andere zuvor getestet haben. Irgendwann bin ich dann halt auch mal dran mit testen.

Und wenn die Leute damit kommen, dass wir die „Herdenimmunität“ bräuchten, dann komme ich mir da noch schlimmer eingespannt vor. Denn Herdenimmunität beruht darauf, dass so viele Leute erkrankt (oder verstorben) sind, dass die Krankheit sich nicht mehr ausbreiten kann, weil nicht mehr genug Leute da sind, die man noch anstecken könnte. Auf Herdenimmunität zu bauen heißt auch, andere als Vorkoster einzusetzen, die eigene Gesundheit darauf bauen zu wollen, dass andere krank werden. Komischerweise taucht das Argument nie auf, obwohl nicht mal klar ist, ob wir bei COVID-19 überhaupt eine Herdenimmunität erreichen. Das ist nämlich auch nicht getestet.

Viele schrieben mir in der Art „wie kann man so blöd sein, sich impfen zu lassen“. Aber keiner schrieb dazu, was denn dann die Vorgehensweise sein sollte. Nichts tun? Warten, bis es wieder weg ist? Drauf ankommen lassen? Erst mal ein Jahr warten, oder auch drei, oder zehn, wie es den Geimpften so ergeht?

Es bringt mich, zugegeben, in ein Dilemma.

Denn normalerweise werte ich die Frage „Hast Du einen besseren Vorschlag?“ als Denkfehler. Geht zurück auf einen Streit, den ich mal in der Schule hatte. Es ging darum, die Rückwand des Klassensaales anzumalen, war damals so ein Kunstprojekt an der Schule. In Kunst war ich damals eine Pfeife. Ich fand den Vorschlag eines Klassenkameraden aber so hässlich und misslungen, dass ich das sagte. Sofort ging der auf mich los. Ich solle es besser machen oder die Klappe halten. Und sagte damals, dass ich es nicht besser kann, aber auch nicht der Maßstab sei, und sein Vorschlag kein Stück schöner werde, weil ich es nicht besser kann. Dann lieber gar nichts. Etwas wird nicht gut, weil der Kritiker keinen besseren Vorschlag macht – so lange die kanonische Methode des Unterlassens im Raum steht.

Nur: Wir standen nicht unter Handlungsdruck. Wir wurden nicht krank, wenn die Rückwand weiß blieb.

Man kann aber nicht auf eine Wand zu fahren und dann das Bremsen unterlassen, weil damit nicht alle einverstanden sind und das schon mal schief ging. Drumherum zu lenken, das wäre ein Vorschlag. Aber einfach nichts zu tun und zu sagen „Warte doch mal ab, vielleicht ist das ja gar nicht so schlimm“, ist nicht unbedingt überzeugend.

Ja, kann sein, dass es sich als falsch erweist. Wie so oft im Leben. Den Unterschied zwischen einer a priori und einer a posteriori-Bewertung habe ich aber schon erklärt, und ich verachte alle diese a posteriori-Klugscheißer. Denn hinterher will es dann auch keiner gewesen sein. Wenn es sich dann irgendwann zeigt, dass es mit Impfung besser ist, dann stellt man sich als ruhig, besonnen dar und geht dann impfen, und bleibt nicht etwa bei seiner Entscheidung, sondern wechselt dann schnell. Nachdem die anderen Versuchskarnickel gespielt haben. Denn das ist was, was mir auf die Nerven geht: Dieser Besserwisseroportunismus. Leute, die eigentlich gar nichts wissen, sich aber immer die Optionen offenhalten wollen, um dann a posteriori schnell auf die „Ich habe es ja gleich gesagt“-Position zu wechseln, immer die, die dann gewinnt. Ich habe so viele Leute erlebt, die auf diese Methode versuchen, Karriere zu machen. Fehlervermeidung durch Aussitzen, durch Entscheidungsaufschiebung.

Letztlich auch nichts anderes als Leben auf Kosten der anderen, die anderen als Versuchskarnickel vorzuschieben.

Eigentlich hatte ich einen Termin für heute abend.

In Potsdam. Ich hatte ja erwähnt, dass es Berlin nicht auf die Reihe kriegt, man in Brandenburg aber gleich drankommen konnte. Anstatt den Impfstoff nach Berlin zu bringen, fahren die Leute nach Brandenburg. Angewandter Umweltschutz.

Das Impfzentrum ist in einer Halle des Filmparks Babelsberg untergebracht. Als ich vor 6 Wochen zum ersten Mal dort war, war der Filmpark noch geschlossen, deren Parkplatz also frei und kostenlos zu benutzen. Heute war er offen, weshalb ich mich entschieden hatte, mit der S-Bahn zu fahren, was eine gute Entscheidung war, weil der Parkplatz voll und die Autowarteschlange so lang war, dass ich das Ende nicht sehen konnte. Und dazu hatte ich mir eine Eintrittskarte für den Filmpark gekauft, weil ich mir dachte, wenn schon dahin, dann gleich beides in einem Aufwasch.

Und nein, der Filmpark hat mir nicht so gefallen, aber das wäre eine andere Sache. Die leiden halt auch unter Corona, aber ich wollte es mir mal anschauen. Tom Hanks ist begeistert und dreht viele Filme dort, und die Liste der erfolgreichen tollen Filme, die dort gedreht wurden, ist verblüffend lang, erstaunlich viele Filme, die man so für Hollywood hält, wurden dort gedreht. Die sind wirklich toll. Aber der Besucherpark ist eher was für Kinder. Und Eltern mit Kindern. Ich wollte es wissen, jetzt weiß ich es.

Und die Veranstaltungshalle, in der die impfen, ist direkt neben dem Eingang zum Park, gehört zum Park. Termin für kurz vor fünf. Bisschen blöd, weil man damit sowohl nach vorne, als auch nach hinten festgelegt ist, wann man aus dem Park muss. Deshalb bin ich gleich morgens dort vorbeigegangen und habe gefragt, wie pünktlich man da sein muss. Die waren da sehr elastisch und meinten, die Uhrzeit sei nicht so wichtig, die diene nur darum, das halbwegs zu verteilen, ich könnte auch bis abends um 8. Oder auch gleich, wenn ich wollte. Oh, sagte ich, das ist nett, wenn das gleich geht, mache ich es gleich, weil ich dann für den Rest des Tages im Tagesablauf frei bin.

Komisch. Im Außenbereich kein Impfling.

Drinnen an den Anmeldungen auch niemand.

Hinter der Anmeldung ganz wenige Leute im Wartebereich. Ich bin ohne Warten sofort drangekommen. Auch noch ein Schwätzchen mit der Ärztin und der Assistentin gehalten, die hatten Zeit. Kam ja keiner.

Auch im Nachwartebereich sehr wenig los. Man bleibt da ja noch ein Weilchen sitzen, für den Fall, dass man sofort eine Impfreaktion hätte. Kommt vor, ich habe neulich mit jemandem gesprochen, der in einer Arztpraxis geimpft wurde, und da der, der neben ihm saß, plötzlich mit krampfähnlichen Zuckungen am Boden lag. Sei aber wohl schnell im Griff gewesen, die hätten da sofort reagiert und auch nicht unvorbereitet oder überrascht gewirkt.

Beim Rausgehen habe ich mich bei der Abmeldestelle bedankt und verabschiedet, mit Soldaten besetzt. Ein überaus gut gelaunter und lustiger [Dienstgrad anonymisiert]. Hatte noch gefragt, viel los sei aber nicht bei ihnen.

Nöh, sagte er, das sei aber ganz unterschiedlich, an manchen Tagen rennen sie ihnen die Bude ein und dann ist an anderen Tagen auch mal gar nichts los. Warum das so sei, wüssten sie aber auch nicht.

Das heißt aber: Wenn man sich impfen lassen wollte und hinreichend mobil ist, dann könnte man auch. Den ersten Termin hatte ich ja damals auch innerhalb von 48 Stunden gehabt, nachdem ich erst mal den Hinweis bekommen hatte, dass man nach Brandenburg müsse. In Berlin gab es die Tage mal freies Impfen ohne Anmeldung auf dem IKEA-Parkplatz, und die Schlange soll gigantisch gewesen sein. Nach Potsdam zu fahren und zurück dauert vermutlich weniger, als bei IKEA anzustehen. Vor allem, weil man einen konkreten Termin machen kann und nicht nur so einen Einzelsonntag hat.

Schauen wir also, wie es läuft.

Verblüffenderweise haben die mir dort vor Ort gleich den „digitalen Impfausweis“ (Ausdruck mit QR-Code) in die Hand gedrückt, ich muss nicht mal mehr in die Apotheke dafür. Könnte mich jetzt also dort, wo man eine Impfung nachweisen muss, mit dem Handy als geimpft ausweisen. Schauen wir mal.

Wie es mir geht?

Die Ärztin sagte, ich müsse bei diesem Impfstoff (Moderna, mRNA) mit stärkeren Impfreakionen/nebenwirkungen als beim ersten Mal rechnen. Und mich morgen am besten einfach ins Bett legen.

Tatsächlich ist es so, dass mir wieder wie beim letzten Mal der Arm weh tut, als hätte ich eine Sportverletzung, auch stärker als beim letzten Mal. Letztes Mal was es etwa 24 Stunden lang permanent, und nochmal 24 Stunden lang nur dann zu spüren, wenn ich den Arm gehoben habe. Diesmal tut mir der Arm stärker weh. Was für mich ein Indiz ist, dass die erste Impfung eine Wirkung hatte.

Auch eine zweite Reaktion beobachte ich, die ich beim letzten Mal schon hatte, mir aber nicht sicher war, ob es einen Zusammenhang gibt. Letztes Mal bin ich ja weitergefahren, ein paar Dinge in Potsdam zu besichtigen, einen Park mit Schloss und dann das Schloss Sanssouci. Dabei hatte ich auf einmal ein deutliches Kratzen im Hals, der Hals fühlte sich wund und leicht geschwollen an. Wie bei Husten oder grippalem Infekt. Letztes Mal dachte ich noch, Mist, jetzt habe ich endlich eine erste Impfung, und jetzt hat mich COVID-19 doch erwischt. War nach ein paar Stunden, bis abends, aber wieder weg.

Heute hatte ich das auch. Vielleicht noch etwas stärker, war aber nach zwei bis drei Stunden wieder weg. Jetzt spüre ich nur noch ein ganz, ganz leichtes, minimales Entzündungsgefühl im Rachen. Da es aber genau wie beim letzten Mal im Anschluss an die Impfung nach etwa ein bis zwei Stunden auftrat und ein paar weiteren Stunden auch wieder verschwand, bin ich mir nun ziemlich sicher, dass das eine Impfreaktion war.

Was mir aber heute aufgefallen ist: Ich hatte so ein, zwei, drei Stunden lang ungewöhnlichen Speichelfluss. Immer noch so ein kleines Bisschen. Stärker als sonst, auch wenn ich gar nichts esse oder so, es ist mir auf dem Rückweg so aufgefallen, dass ich ein paarmal das Bedürfnis hatte, in den Rinnstein auszuspucken, was ich sonst niemals mache. Es gehört nicht zu meinem Wesenszügen, auf die Straße zu spucken. Finde ich entsetzlich, auch wenn ich seit Jahren in Berlin wohne. Aber jetzt rein Rotz oder Schleim, sondern nur Spucke, die aber von etwas zäherer Konsistenz. Fast so wie der Uhu-Klebstoff meiner Kindheit. Dehydration war es nicht, ich hatte genug wasser dabei und an dem Tag schon etwa eineinhalb Liter getrunken, bei bewölktem Himmel, mäßigen Temperaturen und ohne körperliche Anstrengung. Gehört anscheinend, soviel lässt sich ergoogeln, zu den Symptomen einer leichten Anaphylaxie. Wenn ich schon Versuchskarnickel für ungetestete Impfstoffe bin, will ich auch die Symptome dokumentieren.

Könnte sein, dass ich morgen nicht so blogfreudig bin, wenn mir der Arm zu sehr weh tut.