Ansichten eines Informatikers

Der Nachrücker

Hadmut
29.7.2021 12:21

Ich beobachte doch gerne das archaisch-evolutionär erworbene Verhalten von Menschen.

Ich hatte doch erwähnt, dass ich gestern in Potsdam zur Impfung war und mir bei der Gelegenheit einen Besuch im Filmpark Babelsberg geleistet habe.

Seltsamer Vorgang:

Entlang der Hauptstraße steht an der Seite ein gelber Zeitungskiosk nach DDR-Stil, der im Film Sonnenallee ab und zu im Hintergrund rumsteht. Da findet ab und zu eine Führung statt, wo sie einem manche Dinge erklären. Beispielsweise dass eben dieser Zeitungskiosk nicht originalgetreu ist und einige Fehler aufweist. Das Zeitungssortiment stimmt nicht, und in der DDR wurde auch zwischen normaler Verkaufs- und „Bückware“ unterschieden, die nicht ausgestellt wurde, sondern die man nur auf Nachfrage unter dem Tresen hervorholte, sich dazu also bücken musste. Oder dass die Getränkeflaschen darin einen Drehverschluss haben, während die damaligen DDR-Flaschen Kronkorken hatten. Ich habe auch Zeitungen des Jahrgangs 1991 im Zeitungsständer entdeckt. Sie erklärten aber auch, dass das nicht so wichtig ist, weil das Ding keine Hauptrolle spielt, sondern nur unscharf im Hintergrund rumsteht und das dann sowieso keiner sieht – aber natürlich, wenn man direkt vor dem Ding steht und gelernter DDR-Bürger ist. Heißt: Im Film ist alles Schwindel, es wird immer nur gerade soviel gemacht, dass es so aussieht als ob.

Es stehen aus verschiedenen Filmen auch Panzersperren herum, im Original aus Stahlträgern geschweißt, während die da aus Holz sind und ehemals originalgetreu bemalt waren. Es stehen auch Mauersegmente herum, die aus Sperrholz und Styropor gemacht sind, was man sogar sieht, wenn man direkt davor steht und besonders von hinten, hinten ist nämlich gar nichts, hohl, etwas Sperrholz, und man könnte die Dinger problemlos wegtragen, weil ihre Mauersegmente nur etwa 10kg wiegen. Auch eine Kanone zeigen sie, die angeblich die Originalkanone von Hans Albers aus Münchnhausen sein soll, woran mir aber zweifel kommen, weil sie sich nicht nur hohl und nach Pappdeckel anhört, was plausibel wäre, sondern angeblich aus Glasfaserverbundstoff gebaut sei, den es meines Wissens war der Werkstoff 1943 noch nicht im Einsatz. Oder? (Anscheinend schon, ab 1930, aber in den USA.)

Oder es steht ein angegammelter Geländewagen, Stand zweiter Weltkrieg, aus dem Film Monuments Man herum, der zwar amerikanisch („USA“) beschriftet war, aber nicht so richtig amerikanisch aussah, und wenn ich das richtig verstanden habe (ich hatte es aber gerade nicht verstanden, weil ich abgelenkt war) wohl eigentlich ein russischer war, aber filmtauglicher, weil die da reingepasst haben. Noch mit den Einschusslöchern aus dem Film. Da nun sei das Problem gewesen, dass Hollywood-Star John Goodman das Ding fahren musste, es aber nicht konnte, weil er Amerikaner ist und nur Automatik fahren kann, das aber ein Schaltwagen ist. Deshalb überlegt man, ob man einen hochbezahlten Hollywood-Star noch langwierig in die Fahrschule steckt, oder eine andere Lösung findet. Sie haben es dann geschaft, den Oldtimer zu schänden und innerhalb von 24 Stunden ein Automatikgetriebe einzubauen, damit Goodman das Ding fahren kann. Was dann aber dumm war, weil es auch eine Innenaufnahme gab es dann aufgefallen wäre, dass der Schalthebel fehlte. Also hat man wieder eine Attrappe hingeklebt, die aber irgendwie nicht beweglich war, oder Goodman nicht wusste, wie er sie bewegen musste, und man deshalb im Film sieht, wie der da durch die Gegend brettert, obwohl der Schalthebel permanent auf Rückwärtsgang steht. Filmfehler kommen vor.

Die Führung fing also an diesem gelben Sonnenallee-Zeitungskiosk an, gehalten von einem Mann mit einem kleinen Megaphon. Die Mehrzahl der Leute, die teilnahmen, stellten sich ihm natürlich frontal gegenüber, damit er also zu ihnen sprach, im großen Haufen. Da wollte ich aber von Coronas wegen nicht mittendrin stehen, sondern lieber Abstand halten. Irgendwie kapieren die Leute das mit dem Abstand bis heute nicht.

Also stellte ich mich woanders hin, nämlich seitlich neben dem Tourguide. Ich stand so ungefähr 4 Meter rechts neben ihm.

Da stellte sich ein Mann, auch ein Teilnehmer, auch alleine, so vielleicht in den 40ern, neben mich, um auch zuzuhören.

So ein Unsympath mit debilem Grinsen. Aber nicht wegen mir, weder seine Position, noch sein Grinsen, mich nahm der eigentlich gar nicht wahr. Dem ging es eher darum, gegenüber dem Frauen zu stehen, die ihrerseits in der Gruppe gegenüber dem Tourguide standen. Es gibt so eine Sorte Mensch, die mir enorm auf die Nerven geht: Leute, deren Sozialinteraktionsverhalten aus einem ständigen, krampfhaften, künstlichem Grinsen besteht. Ursula von der Leyen mit ihrem Wundstarrkrampfgrinsen ist so ein Katastrophenfall. Der war auch so ein Typ, der sich dahinstellt und völlig anlasslos und grundlos dämlich in die Menge grinst. Zumal es so aussah, als grinse er, weil er sich so gut vorkäme. Dabei war er schon ohne dieses Grinsen wirklich kein schöner Anblick.

Und der Typ stellte sich ziemlich nah neben mich. Zur Orientierung: Hinter mir der Kiosk. Links neben mir, ca. 4 Meter Abstand, der Tourguide mit dem Megaphon. Mir gegenüber, auch etwa 4 bis 5 Meter Abstand, die Menge der Zuhörer. Rechts neben mir mit etwa 60 bis 70 cm Abstand der komische Typ.

Hat mir nicht gepasst, auch von Corona-Abstand wegen.

Es ist aber nicht so, dass der was von mir wollte oder versucht hatte, mich zu provozieren. Der hat mich gar nicht beachtet, der guckte nach den Frauen in der Gruppe.

Also ging ich so einen kleinen seitlichen Schritt nach links, etwas in Richtung Tourguide, um Abstand zu gewinnen.

Und was macht der Typ? Guckt nicht mal bewusst hin, sieht mich nur aus den Augenwinkeln, ändert auch seinen Blick nicht – aber rückt genau dieselbe Schrittweite nach links nach, um wieder auf gleicher Distanz zu sein.

Nach einem Weilchen bin ich wieder ein Stückchen nach links gegangen, um wieder Abstand zu bekommen – der Typ rückt wieder nach. Da ist mir das dann aufgefallen. Als der zum zweiten Mal – anscheinend nicht bewusst, sondern unwillkürlich – mir genau nachrückte um den Abstand konstant zu halten, fiel mir das auf. Ab da fand ich das Psychospielchen eigentlich interessanter als den Abstand und den Vortrag. Ich habe dann noch drei weitere Male, also insgesamt fünfmal, einen Schritt nach links gemacht und dabei versucht, es so unauffällig und beiläufig, absichtslos wie nur möglich aussehen zu lassen, so unwichtig und unbeachtlich, wie ich nur konnte. Jedesmal rückte der Typ innerhalb von 1 bis 3 Sekunden genau dieselbe Schrittweite nach, immer wieder auf dieselbe, mir nicht genehme, Distanz nach, ohne mich jemals anzusehen.

Der hat da auch nicht drüber nachgedacht.

Meine Erklärung wäre, dass der eigentlich direkt gegenüber den Frauen stehen wollte, und ich für ihn nur ein Hindernis war, von dem er „seine“ Mindestdistanz hielt. Die eben mit meiner nicht übereinstimmte. Der griff halt Raum nach links, was er an Raum bekam.

Ich musste dabei dann auch an einen Film denken, den ich mal darüber gesehen habe, wie ein Pferdeflüsterer wilde, nicht zu reitende Pferde gewaltlos zähmt. Der übt erst mal mit denen, wer da Chef ist, indem er sie abdrängt und sie dazu bringt, ihm auszuweichen. Wer weicht, ist der Rangniedrigere. Anscheinend habe ich dem Typen da in dessen Unterbewusstsein Schwäche und niedrigeren Rang signalisiert, weil ich ihm gewichen bin. Der kam sich da ja erkennbar als der Macker vor. Und mir gegenüber eine gewisse HÖflichkeit zu erweisen, indem er auf Abstand bleibt, kam ihm nicht in den Sinn, weil der mich nicht bewusst wahrgenommen hat.

Ich habe mal überlegt, ob ich ihn ansprechen und bitten sollte, Abstand zu halten. Habe es aber bleiben lassen, weil sowas leicht Krach ergibt und der mit Sicherheit gesagt hätte, ich könnte doch zur Seite gehen, wenn ich mehr Abstand wollte. Dass der selbst ständig nachrückte, hat er selbst höchstwahrscheinlich nicht mitbekommen und würde es leugnen.

Als ich dann keinen Platz mehr nach links hatte und dem Tourguide auch schon auf 1,50 nahegekommen war, machte ich ein anderes Experiment. Ich habe so richtig finster, böse, verärgert geguckt und bin so übertrieben auffällig und demonstrativ um den Typ rumgegangen, um mich dann dahin zu stellen, wo er ursprünglich stand. Einige aus der Gruppe gegenüber haben auch komisch geguckt, nur eben diese Grinseboje nicht. Der hat das überhaupt nicht beachtet, mich völlig ignoriert, nur die Frauen gegenüber dämlich angegrinst, ist dann aber sofort wieder nach links gerückt, nunmehr an die Stelle, an der ich zuvor stand, jetzt fast genau gegenüber den Frauen.

Was für mich wieder mal gezeigt hat, dass der Mensch im Allgemeinen nun wirklich kein verantwortlich handelndes Wesen ist, sondern da im Gehirn außerhalb des Bewusstseins schräge Dinge ablaufen. Rudelverhalten. Rangordnungen. Raumgreifungen.

Ich halte es für einen zentralen Fehler, dass man in solchen Fällen wie Corona-Sicherheitsabständen, aber auch bei solchen Love-Parade-Stampeden, wo es ja auch schon Tote gab, dieses Urzeit- und Herdenverhalten von Menschen nicht ausreichend berücksichtigt, und sich nach den depperten Soziologen und Politologen orientiert, nach denen alles nur sozialisiert und anerzogen und dekonstruierbar ist.

In Berlin fällt mir das immer wieder auf, dass auch nach eineinhalb Jahren Corona viele Leute nicht kapieren, dass sie Abstand halten sollen. Abstandsmarkierungen auf dem Boden der Kassenschlange helfen ein bisschen, werden von vielen aber ignoriert. Am besten ist immer noch die Methode der Supermärkte, Leute nur mit Einkaufswagen reinzulassen, weil sie dadurch meist gezwungen werden, eine Einkaufswagenlänge Abstand zu halten. Selbst heute, nach eineinhalb Jahre, reagieren viele noch immer überrascht, wenn man sie bittet, nicht direkt hinter einem zu stehen und in den Nacken zu atmen, was man ja selbst mit Maske spüren kann.

In den ersten Monaten der Pandemie hatte ich mal so ein Schlüsselerlebnis. Ich stand in der Kassenschlage, gerade als letzer. Da schlurfte so ein typischer Berliner Depp direkt an mir vorbei und blieb dann auch noch stehen, weil er was im Regal guckte. Ich so: „Würden Sie bitte etwas mehr Abstand halten?“ Regt der sich fürchterlich auf, er sei ja noch gar nicht auf seiner Warteposition angekommen. Der hat nicht kapiert, dass er Abstand halten sollte, sondern für ihn reichte es, nur irgendwann in der Zukunft pro Forma eine Position auf Abstand kurz einzunehmen, Haken dran.

Das ist etwas, was mir öfters auffällt, dass die Leute eine unterschiedliche Distanz zu anderen einhalten, eine unterschiedliche persönliche Sphäre einhalten. Irgendwo habe ich mal ein Foto von Leuten gesehen, die sich zwei solche Schaumstoffschwimmnudeln als Kreuz zusammengeklebt und auf den Kopf gesetzt haben, um anderen anzuzeigen, welchen Abstand sie einzuhalten hätten.

Und ich könnte mich jetzt nicht erinnern, dass dieser Aspekt in Sachen Corona oder auch Konfliktvermeidung irgendwo aufgegriffen wurde.