Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Hatten wir die Hochwasser-Version von HIV?

Hadmut
20.7.2021 0:36

Leser fragen – Danisch weiß es auch nicht.

Ein Leser fragt an (naja, es ist keine ausformulierte Frage, er schreibt halt so als Leserbrief und Gedanken):

Sehr geehrter Herr Danisch,

eine andere mögliche Erklärung für das totale Behördenversagen könnte sein, dass in Ahrweiler die “Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung” liegt, also das Hochwasser genau die Stelle “ausgeknipst” haben könnte, die für die Koordinierung und Leitung der Gegenmaßnahmen zuständig gewesen wäre.

Weiß ich nicht.

Aber gucken wir mal auf Google Maps.

Ach Herrje.

Das sieht ja aus, als ob die die Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung mitten ins Hochwassergebiet gebaut hätten. Keine Ahnung, ob da das Wasser hinreichte, aber wenn man in Google Maps die Topologie einschaltet, sieht es nicht aus, als ob die da höher liegen. Weit weg jedenfalls nicht. Ich weiß nicht, ob die da nasse Füße bekommen haben. Aber vielleicht haben die da gerade keine Zufahrtswege, kein Personal, kein Wasser, kein Strom, kein Internet mehr. Das wäre wie HIV, wenn die Krankheit den Abwehrmechanismus befällt und die Abwehr lahmlegt.

Gut, nun ist das eine Akademie, und Akademien sind normalerweise nur mit Ausbildung befasst, und nicht operativ. Für gewöhnlich würde man dann eigentlich erwarten, zumal sie ja auch für die Verteidigung da sind, dass die irgendwo an einem geheimen Ort tief im Berg in einem Bunker sitzen, damit man ihnen im Kriegsfall nicht gleich die erste Bombe auf den Kopf wirft. Aber ich glaube, die Bunker sind so marode wie die Sirenen, weil wir ja beschlossen haben, dass wir seit der Wiedervereinigung von Freunden umzingelt seien, und sowas wie Schutzmaßnahmen gar nicht mehr bräuchten.

Was mich aber daran erinnert, dass der NRW-Innenminister Reul vorhin im Fernsehen was schlaues sagte. (Ich muss jetzt mal entsetzlich eingebildet angeben: Es ist mir sofort als schlau aufgefallen, weil ich das selbst seit Jahren in Schulungen sage.)

Reul sagte, dass wir nicht mehr in der Lage sind, Gefahren zu erkennen, sondern uns daran gewöhnt haben, dass Katastrophen immer nur bei anderen passieren, und wir uns das dann im Fernsehen ansehen. Deshalb seien die Warnungen wirkungslos verpufft, weil die Leute nicht mehr begreifen, dass sie sich in Sicherheit bringen müssen, wenn eine Gefahrenwarnung kommt.

Ich habe ja jahrelang Sicherheitssensiblisierungsveranstaltungen für ein Unternehmen gehalten. Obwohl es eigentlich dann mit meinem Thema der IT-Sicherheit nichts zu tun hat und ich darin nicht ausgebildet bin (und wir leider im Deutschen bei Sicherheit nicht zwischen Security und Safety unterscheiden), habe ich immer noch einen Teil zur Arbeitssicherheit, zu Fluchtwegen und Verhalten im Brand- und Fluchtfall gehalten, damit man die Leute nicht zweimal zu zwei Terminen zusammenholen muss.

Ich habe da seit Jahren darauf hingewiesen, dass es uns zu gut geht. Leute wie ich haben nie Krieg, Hunger, große Katastrophen erlebt, kennen das nur aus dem Fernsehen. Als ich Kind war, war das noch so, dass man vor einer Gefahr weggelaufen ist. Und wenn es nur ein Exhibitionist war. Heute ist das anders, heute rennt jeder hin, um Selfies zu machen, Youtube-Videos zu drehen oder sich einzumischen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Ich habe dann Bilder aus den Internet gezeigt, in denen Leute vor Krisensituationen (z. B. Brände bei den Kampfhandlungen in der Ukraine) dämlich grinsende Selfies gemacht haben.

Ich habe ein Bild von einem Schild gezeigt, wie es in asiatischen Hochhäusern hängt, ich es dort selbst gesehen habe: Man soll im Brandfall erst rausrenn. Und danach erst twittern. Nicht andersrum. Das muss man den Leuten heute sagen, dass sie wirklich rausrennen sollen und nicht nur twittern, dass sie gerade verbrennen.

Ich habe mal vor Jahren eine Brandschutzübung veranlasst. Ein dem Zeitpunkt nach ungangekündigter Problealarm, aber die Leute wussten, dass irgendwann einer kam, dass es also ein Test ist. Es war sogar ein hauptberuflicher Brandschutzbeauftragter dabei, der sich das angeguckt und überprüft hat. Es lief perfekt. Wie am Schnürchen.

Es gab nur eine schräge Kuriosität. Eine ganz schräge. In Absprache mit diesem Brandschutzbeauftragten, der das überwacht hat, bin ich als einziger oben in den Geschäftsräumen geblieben. Erstens um zu prüfen, dass keiner drinnen gelieben ist. Zweitens um darauf zu achten, dass keiner reinkommt und klaut, weil ich den Leuten in den Schulungen eingetrichtert hatte, im Brandfall die Türen nicht abzuschließen, um keine Fluchtwege zu versperren und der Feuerwehr den Zugang zu erleichtern, die kontrollieren müssten, dass keiner in den Räumen liegt. Ich war also der einzige, der nicht draußen am Sammelplatz war. Aber der Brandschutzbeauftragte, der ungefähr meine Größe und mein Alter hatte, mir ansonsten aber überhaupt nicht ähnlich sieht, und sich auch stimmlich völlig anders anhörte, den die Leute überhaupt nicht kannten, weil der vorher noch nie da war, stand draußen und hat mit einem Megaphon Anweisungen und Belehrungen erteilt. Obwohl allen klar war, dass es nur eine Übung ist und es keinerlei Streßgrund gibt, waren zwei Drittel der Leute hinterher felsenfest und unverrückbar überzeugt, und hätten jeden Eid geschworen, dass ich unten die Belehrungen und Anweisungen mit dem Megaphon gegeben hätte, obwohl das ein völlig anderer, Fremder war, der mir nicht ähnlich sieht, sich nicht nach mir anhört, und ich gar nicht unten war.

Da konnte man sehen, wie schon eine einfache, harmlose Übung, die zwar vom Zeitpunkt überraschend kam, aber ansonsten angesagt war und jeder sofort wusste, dass es nur eine Übung ist, die Leute unter Stress setzt.

Etwa 10 Tage später gab es abends einen Fehlalarm. Ein defekter Rauchmelder hatte den Feueralarm ausgelöst. Ich war an dem Abend schon zuhause, ein paar Leute waren aber noch in den Räumen. Nun wussten die nicht mehr, was sie machen sollten, weil der erwartete Übungsalarm schon gelaufen war. Fünf verschiedene Leute riefen mich an dem Abend auf dem Handy an, sagten, dass es einen Feueralarm gab (den ich im Hintergrund kreischen hörte) und fragten, was sie machen sollten. Eine Woche vorher erst geübt. Ich so: Ja, raus! Einen habe ich zwischendrin nicht verstanden, Verbindung weg. Ich dachte schon, der Teufel ist los (ich wusste ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es nur ein Melderdefekt und Fehlalarm war.) Der so: „Ja, ich war gerade im Aufzug“ Obwohl die Schulung explizit darauf hinwies und das Teil der Übung war, den Fahrstuhl nicht zu benutzen. Am nächsten Tag fragte einer bei mir an, allen Ernstes, ob ich den Feueralarm nicht leiser stellen lassen könnte. Dabei könnte man ja nicht arbeiten.

Wir sind so an Fernsehgewalt und Friedenszeiten gewöhnt, dass wir Gewalt und Gefahr als Fernsehunterhaltung auffassen. Nicht als Fluchtgrund. Wir gehen aus Neugier hin. Twittern es. Facebook. Instagram.

Schaut man sich dagegen Flüchtlingskinder an, die den Krieg erlebt hat, oder die Eltern-/Großelterngeneration, dann sind die sofort in Deckung, wenn es knallt. Kinder in Neuseeland und Japan haben in der Schule den Drill, was sie zu tun haben, wenn es ein Erdbeben gibt. Nicht blöd zum Fenster rausgucken und ein Handyvideo drehen.

Langjährige Leser meines Blogs werden sich an meinen damals, 2014, bekanntesten und leserreichsten Blogartikel erinnern: Das Tuğçe-Video Das war die hübsche Türkin, die vor einem McDonalds in einer Rangelei mit dem Kopf auf einen Bordstein fiel und dran starb. Erst hieß es überall, man habe die herzensgute Tuğçe ermordet. Schaute man sich aber das Video an, und ich war der ungefähr siebenmillionste, der es gesehen hatte, aber anscheinend der erste, dem das aufgefallen war, dass nicht der Täter auf sie zugegangen ist, sondern zwei Männer miteinander rangelten, und die wohl streit- und belehrungssüchtige Dame statt von der Gefahr weg-, zur Gefahr hingegangen ist, um sich in die Rangelei da einzumischen und den Jungs da Verhaltensvorschriften nach ihren Vorstellungen zu machen. Die haben die wahrscheinlich nicht mal kommen sehen, und man sah, dass sie nicht stabil stand, sich da enorm überschätzt hat, sich einmischte, das Gleichgewicht verlor und nach hinten fiel. Die war nicht in der Lage, Gefahr zu erkennen und sich zurückzuziehen, und konnte das nicht einschätzen. Große Klappe und dachte, sie kann wieder allen Vorschriften machen und sich überall einmischen, so moralig. Da staunten viele Leute.

Kurz darauf rief mich ein Türsteher und Zuhälter aus dem Hamburger Rotlichtmilieu an. Er fände meinen Artikel so wichtig. Früher sei er ein ganz schlimmer Finger gewesen und habe im Knast gesessen, aber er sei zum Guten gewandelt und mache inzwischen zusammen mit der Polizei Antiaggressionstraining mit Jugendlichen. Und eines der wichtigsten Dinge sei, sich von Gefahr zu entfernen, nicht sie zu suchen, zu ihr hinzugehen. Er habe meinen Blogartikel gelesen und er passe so genau in das, was er Jugendlichen beibringt, um zu überleben.

Und es gibt nun Hinweise, und das hatte auch Reul angesprochen, dass viele Leute die Warnungen nicht ernst genommen, in den Wind geschlagen hätten.

Nun kann man sich natürlich die Frage stellen, ob die Leute ein Problem haben, weil sie Gefahr hier nicht mehr real, sondern nur noch aus dem Fernsehen und von Youtube kennen, und dann nur die Handy-Akkus für das Video aufladen.

Oder ob wir durch den Alarmismus beispielsweise der Grünen (nach deren Auffassung wäre ich mindestens schon fünfmal gestorben, Atombomben, Atomkraft, Waldsterben, Ozonloch, Mobilfunk, ISDN, Schwermetalle, Klima…). Mancher würde vielleicht sagen Corona-Abstumpfung.

Das wird man noch betrachten müssen, welche Leute nicht gewarnt wurden – und welche die Warnung nicht ernst genommen haben. Und warum.