Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Quereinstieg in die IT: Von der Modebranche an den Computer

Hadmut
15.7.2021 13:28

Ist es wirklich so leicht?

Viele Leser fragen an, ob das mit der IT wirklich so einfach wäre, wie der SPIEGEL das da beschreibt: Quereinstieg in die IT-Branche »Mittlerweile bekomme ich wöchentlich neue Jobangebote«

BWL-Studium, Traineeship, erster Job: Laura arbeitete jahrelang auf eine Karriere in der Modebranche hin. Bis sie im Corona-Shutdown ihre Leidenschaft für das Programmieren entdeckte. […]

Laura, 28, arbeitete hart für eine Karriere in der Modeindustrie. Doch während der Coronapandemie entschied sie sich für einen Quereinsteig in die IT.

»Ich habe BWL studiert, weil mir das solide erschien. Gleichzeitig lässt sich das Fach mit einer kreativen Branche wie der Modeindustrie verbinden. Für eine Karriere dort habe ich hart gearbeitet. Doch dann kam alles anders: Während des ersten Shutdowns entdeckte ich meine Leidenschaft fürs Programmieren und meldete mich schließlich für ein Bootcamp für Quereinsteiger:innen an.

Als das Programm begann, dachte ich erst, ich hätte mir zu viel vorgenommen. Doch es hat sich ausgezahlt: Ich habe direkt im Anschluss eine Stelle als DevOps-Engineer bekommen – und bin froh, einen Job mit Zukunft zu haben. […]

Unterfordert und unzufrieden saß ich im Homeoffice und fing irgendwann an, mir auf Jobportalen Stellenausschreibungen anzusehen. Immer wieder las ich dort technische Begriffe, die mir nichts sagten. Irgendwann tippte ich einfach ›Data Analysis, was ist das?‹ in die YouTube-Suche ein – und verlor mich direkt in einem sechsstündigen Tutorial.

Früher dachte ich immer, IT sei trocken und langweilig. Doch je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr kreative Gestaltungsmöglichkeiten entdeckte ich. In den folgenden Wochen schaute ich mir jeden Tag Videos an, während ich Nudeln mit Pesto auf meine Gabel stocherte. Ich brachte mir Programmiersprachen wie Python und JavaScript bei. Mein erstes eigenes Projekt war ein kleines Storytelling-Game, eine Art digitale Bilderbuchgeschichte. […]

Ich suchte im Internet nach Möglichkeiten, um ohne Berufserfahrung in die IT-Branche einzusteigen. So entdeckte ich eine Akademie, die ein zwölfwöchiges Bootcamp zum DevOps-Engineer, eine Art Software-Entwicklerin, anbietet – kostenfrei über ein Stipendium, und nicht für Tausende Euros, wie ich es eigentlich von so einer Umschulung erwartet hatte. Die Akademie suchte gezielt nach Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen haben, etwa Migrant:innen, ältere Menschen oder solche wie mich, die keinerlei Erfahrung in dem Bereich haben. […]

Für mich war dieses Bootcamp ein Jackpot. In meine Bewerbung schrieb ich, dass ich mir alles mit Videos selbst beigebracht hatte. Und wurde tatsächlich angenommen.

Das Bootcamp selbst war harte Arbeit – drei Monate Vollzeit-Programm. Neben Programmieren und technischem Know-how lernten wir Scrum-Methoden und Zeitmanagement. Zum Teil fanden die Seminare online statt, zum Teil in der Düsseldorfer Niederlassung der Akademie.

Ja und nein.

Also zunächst mal: Ich halte den Artikel für Fake. Propaganda und Werbung. Einerseits politischen Fake, dann feministische Story und drittens subtile Werbung für diese Bootcamp-Schulungen.

Man kann den ganzen Kram nicht in drei Monaten lernen. Ich mache das seit über 40 Jahren und bin trotzdem ständig am Lernen. Bei mir gehen immer noch durchschnittlich zwei, drei Tage pro Woche mit Lernen von Neuem drauf. Und vor allem dann, wenn man vorher gar keine Draht dazu hatte und sich nicht dafür interessiert hat, halte ich es für ausgeschlossen, dass man innerhalb von 3 Monaten ernstlich IT lernen kann. Ich habe Leute erlebt, die ein Informatik-Studium hinter sich hatten und es nicht konnten.

Ich halte sowas für Bullshit.

Was allerdings nicht heißt, dass die Story völlig ausgeschlossen ist und dass die das selbst glaubt.

Denn momentan herrscht ein ganz massiver Druck in der IT-Branche, Frauenquoten zu erfüllen. Und da spielt das überhaupt keine Rolle mehr, was die tatsächlich kann. Da genügen in vielen Bereichen drei, vier Punkte:

  1. Ersichtlich weiblich
  2. Aussehen OK, macht sich gut im Office und auf Gruppenfotos
  3. Bewirbt sich im IT-Bereich, ist also nicht völlig computerophob
  4. Hat es geschafft, sich online zu bewerben, kann also vermutlich Maus und Browser bedienen – reicht

Mehr braucht es in der derzeitigen Frauenquotensituation schlicht nicht.

Dazu kommt, dass sich die IT verändert hat. Tatsächlich sind nur noch ein Teil der IT-Sachen tatsächlich anspruchsvoll.

Es gibt eine ganze Menge an Aufgaben und Tätigkeiten, die ziemlich anspruchslos sind und in überschaubarer Zeit erlernt werden können. Gerade Scrum (und nein, ich mag Scrum nicht) mit seinem starren Verwaltungsaufwand gibt da einiges an Möglichkeiten. Ich habe auch schon einen Historiker als Scrum-Master erlebt. Und um die Tickets durchzusehen, was beim nächsten Sprint dankommt oder in den Dailys irgendwelche bunten Pappkärtchen an die Pinwand zu nadeln braucht man kein Informatikstudium.

Dabei ist generell zu beobachten, dass die IT immer mehr in eine Richtung geht, in der nur noch ein harter Kern wirklich Ahnung von der Sache hat und fertige Produkte wie Tools, Libraries, Frameworks, Container, Cloud-Image, Abo, Irgendwas-as-a-service raushaut, und ein Haufen Leute da draußen irgendwas damit macht, und sich einbildet, das wäre IT. Ich hatte diese Entwicklung schon öfters bei der Elektronikbastelei beschrieben. Als ich in meiner Jugend damit angefangen habe, hat man noch Transistoren, Kondensatoren, Widerstände, Potentiometer, Glühlämpchen, und gerade frisch und modern: rote LEDs, irgendwann auch in grün und rot, zusammengelötet. Und Transistorschaltungen berechnet. Heute kauft man nur noch fertige Module, am besten mit lötfreiem Steckverbinder, und lädt sich von der Webseite des Anbieters die Programmbeispiele runter. Oder programmiert gleich mit der Maus in einer graphischen Programmiersprache.

Wozu also noch mehr lernen?

Dass man eine Stelle bekommt, dafür sorgt die Frauenquote.

Dass man gutes Gehalt bekommt, dafür sorgt der Pay-Gap-Aktivismus, weil ja nach deren Maßstäben alle den gleichen Job machen.

Sowas funktionert derzeit vielleicht ein Weilchen aus gesellschaftlich-politischen Gründen und weil der Arbeitsmarkt so leer ist, dass die inzwischen jeden nehmen (müssen).

Bei mir gehen da aber alle Alarmanlagen an. Besonders bei einem Satz, nämlich diesem:

Ich habe direkt im Anschluss eine Stelle als DevOps-Engineer bekommen – und bin froh, einen Job mit Zukunft zu haben.

Mal abgesehen davon, dass ich das für blankes Werbegeschwafel für diese Pseudoschulungen und feministisches Gehampel halte, um Frauen in die IT zu locken: Sowas wäre für mich ein Grund, den Geschäftsführer/CEO zu feuern. Sowas ist absolut verantwortungslos und mindestens grob fahrlässig, jemanden mit so wenig Ausbildung, Wissen und Null Berufserfahrung in DevOps einzusetzen, denn das ist eigentlich nicht nur eine fachliche Doppelanforderung aus Developer und Admin, sondern auch mit hoher Verantwortung verbunden. Vor allem dann, wenn es um Datenschutz oder Geschäftsgeheimnisse geht. Da würde ich dann fehlende Sorgfalt attestieren.

Ich habe ein paar Jahre lang die Grundschulung für DevOps-Leute gehalten. Und dabei gemerkt, dass das Niveau der Leute, die der Markt noch hergibt, immer weiter sinkt. Ich musste immer mehr Grundlagen erklären. Ich halte es für verantwortungslos, wenn Leute für DevOps-Arbeiten eingeteilt werden, die nicht mal wissen, was eine ssh ist und macht. Probleme nicht erkennen, selbst wenn ich sie ihnen so präsentiere, dass sie sie förmlich in die Nase beißen. Und ja, ich habe auch schon Leuten den Zugang temporär oder dauerhaft verwehrt und als Schulungsergebnis „sorry, zu doof dafür“ ausgestellt.

Wir brauchen uns dann auch nicht zu wundern, wenn es an allen Ecken und Kanten brennt und zusammenfällt und die Leute dann mit Monaten an Wiederherstellungsarbeit rechnen, wenn ihnen irgendeine Malware den mühsam zusammengenagelten Drahtverhau von IT-Landschaft zerbröselt.

Also:

Nein, ich halte es für ausgeschlossen, dass man ohne Vorkenntnisse und Bezug zum Thema in einem Bootcamp in 12 Wochen den ganzen Kram lernt. Ich bin IT-Profi mit 30 Jahren Berufs- und über 40 Jahren IT-Erfahrung, und ich weiß, wie lange ich manchmal brauche, um etwas durchzuverstehen und zu beherrschen.

Ja, so ist die heutige Arbeitswelt und vor allem IT-Landschaft, denn es wird nicht mehr erwartet, dass jemand etwas durchversteht und beherrscht. Deshalb besteht die heutige IT-Landschaft auch vornehmlich aus „Getting started“ und Beispielprogrammen, die man sich runterkopiert und dann anpasst und zurechtfummelt, statt sie zu verstehen und von grundauf selbst schreiben zu können. Oh, nichts gegen „Getting started“ und Beispielprogramme, die sind in der heutigen Komplexität wichtig und nützlich. Ich will die nicht kritisieren. Aber danach kommt halt oft nichts mehr.

Früher hatte man so ein Reference Manual oder ähnliches, das durchgelesen und dann wusste man es.

Heute gibt es unzählige Foren und Tipps-und-Tricks-Seiten und Frageseiten und Issues und Tickets, und wenn man irgendwas nicht versteht, dann googelt man es, weil es meist schon irgendwer anderes vor einem auch schon nicht verstanden und nachgefragt hat. Es ist heute ein wesentlicher Teil des Konzepts, dass das Zeug nicht mehr beschrieben, sondern Fragen einfach ergoogelt werden.

Den hier hatte ich schon einige Male im Blog, aber der ist, was die Frau betrifft, völlig realistisch:

Dann fragt man eben Siri, wenn man nicht weiter weiß

Unrealistisch und heute nicht mehr zeitgeistkonform ist, dass der Chef sich da noch erlauben kann, die Tussi nicht einzustellen.

Also lautet meine Antwort auf diese Frage, ob das wirklich so geht:

Nein, man kann nicht in einem 3-Monats-Bootcamp ohne Vorkenntnisse und als „Quereinsteiger“ qualifiziert in der IT arbeiten, DevOps gar.

Ja, Fachkräftemangel und politischer Druck haben dazu geführt, dass auch unqualifizierte Frauen in der IT sofort einen Job bekommen. (Und sich dann beschweren, dass sie Kaffee kochen sollen.)

Aber: Ich halte den Artikel nicht für real, sondern für feministische Propaganda. Motto: Ihr braucht gar keine Ahnung zu haben und auch nicht so ein ätzendes Nerd-Studium über Jahre zu machen, sondern geht da einfach mal für ganz kurze Zeit in so ein Camp, in dem Ihr lauter Worte lernt, die Ihr vorher nicht kanntet, und schon steigt Ihr groß ein und es klingelt in der Kasse, weil Ihr ganz tolle, kreative Superjobs bekommt. Das Zauberwort heißt „Quereinsteiger“.

Früher sagte man dazu „Vordrängler“. Oder auch „Hochstapler“. Heute eher „Baerbock“: Ein Jahr irgendwas in London hampeln, schon ist man „Völkerrechtlerin“.

Der Feminismus suggeriert Frauen seit Jahren, dass sie als Frauen diese männertypischen Ausbildungen gar nicht brauchen, und einfach ohne Ausbildung direkt in den Führungsjobs und hochbezahlten Posten anfangen können, die Zauberworte heißen „Frauenquote“, „Quereinsteiger“, „Teilhabe“ und „Gleicher Lohn“.

Es wird aber nach hinten losgehen.

Denn solche Frauen verfestigen das Frauenbild von Frau = inkompetent.

Irgendwann wird sich rumsprechen, dass es sich nicht mehr lohnt, eine richtige Ausbildung zu machen, und dann werden die Firmen ganz ohne Fachkräfte dastehen.