Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Bessamatic, Canon FTb und anderer Kameraschrott

Hadmut
31.5.2021 13:28

Liebe beleidigte Oldtimer-Fotografen. [Nachtrag]

Und damit meine ich nicht Leute, die Oldtimer fotografieren, sondern die mit Oldtimer-Kameras fotografieren.

Es ist völlig bescheuert und möge bitte fürderhin unterbleiben, wenn mir jetzt alle Leute, die mit irgendeiner Uralt-Kamera gerne fotografieren, beleidigt oder mit angeranztem Unterton schreiben, oder mir sogar Fotos ihrer Sammlung schicken, ja, aber die Canon FT und die Canon FTb oder die Bessamatic und gar die Vitomatic IIa seien doch so famose Kameras gewesen, mit denen man so gut habe Fotografieren lernen können, robust außerdem, und die bekäme man doch durchaus noch gebraucht für unter 100 Euro.

Ja.

Weiß ich.

Kenne ich alles.

Ich habe das damals mit einer Contaflex Super gelernt. Gleiches Kaliber, anderer Hersteller.

Leute, haltet mal die Bälle flach.

Mag sein, dass Euch das gefällt, und es noch ein paar funktionierende Exemplare gibt, aber das ist Kameraschrott.

Nett fürs Museum, auch nett, um mal damit rumzuspielen und die Mechanik zu verstehen, aber das war es auch. Ich werde einen Teufel tun, und einer 16-jährigen Anfängerin eine 70 Jahre alte Kamera empfehlen. Da muss man nicht nur ziemlich neben der Schiene laufen, sondern ehrlich gesagt: Von Fotografie und Kameras höchstens Drittelahnung haben.

Das Zeug ist alt, ausgeleiert, verharzt, dejustiert, nicht selten im nicht sichtbaren (aber bilderheblichen) Bereich verbogen, Kunststoffteile chemisch instabil, Federn ausgeleiert und spröde, Leder vergammelt, Glas trüb und geschimmelt, und so weiter. Ich habe mich lange genug mit alten Kameras befasst. Mein Vater hat die mal gesammelt, und jede Kamera, die er gekauft hatte, ging bei mir als Kind über den Tisch, prüfen, kontrollieren, reinigen, testen, Zustand erfassen. Und nebenbei: Ich habe ja noch meine eigene Analogausrüstung aus den Spät-Achtzigern (Minolta Dynax 7000i aufwärts) und sehe ja, wie das Zeug vor sich hinrottet und hinschrottet, das würde ich eigentlich auch niemandem mehr zumuten wollen.

Ja, kann man verwenden, wenn es einem Spaß macht. Wenn man

  1. genug Geld hat, um noch Fotografie auf Film zu bezahlen,
  2. genug Zeit hat, um immer ein paar Tage auf die Ergebnisse zu warten,
  3. genug Ahnung hat, um zu sehen, ob die Kamera noch brauchbar ist.

Ich käme auch nicht auf die Idee, einem 16-jährigen Mädchen einen Röhrenfernseher mit Analogtuner hinzustellen, damit sie lernt, wie man den Fernseher einstellt.

Und auch die Auffassung, die einer schrieb, dass man mit Digitalkameras nur vollautomatisch fotografieren könne oder würde, ist ziemlicher Quatsch.

Und, sorry, wenn ich es Euch mal so ganz direkt aufs Brot schmiere:

Man lernt nicht nur sehr viel besser und schneller fotografieren, wenn man die Wirkung (z. B. Empfindlichkeit, Belichtungszeit) sofort in der Wirkung sehen kann, oder gleich Belichtungsreihen machen kann. Die Zeiten, in denen Fotografieren nur aus Filmwahl, Blende, Belichtungszeit, Scharfstellen bestand, die sind lange vorbei. Fotografieren ist heute etwas anderes, funktioniert anders, ist anders.

Man kann das, was Fotografieren heute ist, mit einer alten mechanischen Kamera nicht mehr lernen.

Und ich würde keinem Anfänger mehr eine 50 oder 70 Jahre alte mechanische Kamera in die Hand drücken. Das ist schon deshalb Blödsinn, weil die Optiken und deren Berechnung große Fortschritte gemacht haben.

Dann, wenn man das alles verstanden hat und beherrscht, kann man sich immer noch den Spaß machen und sich alte Kameras angucken.

Und hört bitte damit auf, dass mir jetzt jeder schreibt, von welcher Kamera von vor x0 Jahren er so begeistert ist und die so empfehlen kann. Fotografieren ist nicht, irgendein Kameramodell aufsagen zu können, das älter ist als ich und damals gut war. Der VW Käfer war damals auch gut. Und ist trotzdem aus heutiger Sicht ein ziemlicher Steinzeitschrott und nicht zum Autofahrenlernen geeignet.

Denkt mal über folgendes nach:

Ja, ich kenne die Kameratechnik der letzten 100 Jahre ziemlich gut und vollständig. Vielleicht nicht jedes einzelne Modell, aber deren Äquivalente anderer Hersteller und jede dieser Technikstufen. Ich hatte Hunderte Kameras in der Hand, auch schon die alten Klapp- und Balgenkameras und sogar die großen Fach- und Plattenkameras. Den ganzen Spiegelreflexkram rauf und runter. Hasselblad, Rolleiflex (alle Modelle), Box, Robot, egal was, ich kenne so ziemlich alles und kann das alles bedienen, damit umgehen, damit fotografieren.

Und ich könnte es mir auch finanziell leisten.

Und nun ratet mal, warum ich es trotzdem nicht tue. Warum ich froh bin, mit modernen Kameras, mit elektronischem Sucher und so weiter, arbeiten zu können?

Oder warum ich Ton nicht mehr auf alten analogen Tonbandberäten aufzeichne.

Und Video nicht mehr auf VHS. Oder Super 8.

Aus dem einfachen Grund: Es war ein ziemlicher Murks. Gerade mal Halbzeit auf der Entwicklung der Fotografie bis heute.

Und wer das nicht glaubt: Schaut Euch einfach mal alte Zeitschriften aus der Zeit an. Egal ob Lifestyle-Zeitschriften wie Schöner Wohnen, Fotozeitschriften, Vogue und Cosmopolitan, Playboy und so weiter. Da sind nur ganz wenige Bilder, die wir heute noch als gut einstufen würden. Das meiste erschien damals gut, aber heute sieht es lausig aus. Geht mir genauso mit meinem alten Dias von um 1990. Damals war ich begeistert und stolz, 15 Jahre später dachte ich mir „Oh, was’n Mist.“

Wir waren damals nämlich vor allem eines: Anspruchsloser.

Und wer’s noch immer nicht gemerkt hat: Jede halbwegs ordentliche Digitalkamera hat oben ein Drehrad. P A S M. Die haben auch Blenden- und Zeitautomatik und manuelle Einstellungen. Und drei, vier oder mehr verschiedene Methoden der Belichtungsmessung. Aber die können einem beispielsweise („Zebra“) anzeigen, wo das Bild ausfrisst und sowas. Oder Histogramme anzeigen. Oder „nach rechts belichten“. Präzise High Key. Low Key. Und so weiter und so fort.

Sorry, aber Ihr wollte anderen irgendein bestimmtes Kameramodell von anno dunnemals aufschwätzen, seid aber nicht mal im Bilde, was die Entwicklung so gebracht hat.

Nachtrag: Und erzählt mir bloß nicht, dass früher alles soviel robuster und haltbarer war. Da war nur einfach viel weniger dran, und vieles ziemlich undurchdacht und zufällig zusammengenagelt. Die Canon A-1 meines Vaters ging 2 Tage nach Ablauf der Garantie kaputt. Wirtschaftlicher Totalschaden, weil Reparaturkosten in der Nähe des Neuwertes. Ich hatte damals eine Minolta Dynax 7xi gekauft und sie gleich wieder weiterverkauft, weil eine massive Fehlkonstruktion, kaum zu gebrauchen.

Und nahezu meine gesamte Ausrüstung aus der Zeit ist durch Alterung stark beeinträchtigt.

Das täuscht nur, weil nach der langen Zeit das meiste schon verschrottet ist und nur die paar wenigen guten Exemplare noch in Umlauf sind.