Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Das „Führerhaus“

Hadmut
28.5.2021 14:13

Interessanter Punkt.

Weil doch immer so gerne die Frakturschrift als Nazi-Schrift hingestellt wird:

In der Tat, sie haben beides, Bagger und Eier.

Nun will ich zwar gerne zugeben, dass der Aufkleber tatsächlich etwas anrüchig aussieht und, wie man so sagt, ein G’schmäckle hat.

Die Frage ist aber tatsächlich, ob dieses G’schmäckle originär und zutreffend ist, oder ob es nicht eher eine erst im Nachgang gebildete Pseudoverbindung ist. Denn richtig ist, dass die ganze gotischen und Frakturschriften keine Nazi-Schriften sind, sondern schon davor und im 19. Jahrhundert gebräuchlich waren, man sie in vielen alten Büchern findet. Es ist zutreffend, dass die Nazis die Schrift gar nicht mochten und sie auf Anordnung Hitlers abgeschafft wurde, weil die Nazis eben die alte Schrift nicht mochten. Es war zwar so, dass zunächst einige Nazis diese bevorzugten oder lobhudelten, aber nicht als Nazi-Schrift, sondern als „deutsche Schrift“ (im Gegensatz zur lateinischen), und Göbbels und Hitler dann durchsetzen, dass nur noch die (zwar auch schon ziemlich alte, aber moderner und einfacher aussehende und lesbarere Antiqua einzusetzen ist. Antiqua ist zwar alt, sagt ja schon der Name, der sie der Antike nahestellt, manche sind auch der Auffassung, dass es keine Schrift, sondern eine Schriftklasse ist, nämlich die Schriften, die keine gebrochenen, sondern runden Bögen haben.

Das hängt damit zusammen, dass die ganzen gebrochenen Schriften aus dem Schreiben mit einer Feder entstanden sind und den Federstrich oder dessen Neuansetzen darstellen. Wer man mit einem Federhalter Kaligraphie betrieben hat, weiß, was gemeint ist. Erst der Füllfederhalter und der Buchdruck ermöglichten (problemlose) durchgehend gerundete und geschwungene Bögen.

Nun hatte ich ja oft beschrieben, dass ein ganz wesentlicher Faktor des Aufstiegs der Nazis war, dass sie – mehr oder weniger zufällig, sie habe es nicht gemacht, aber ohne die technische Entwicklung der Zeit wäre es nicht zum ersten Weltkrieg und den Kommunisten gekommen, als die Situtation auch nicht entstanden – als erste in der Weltgeschichte (neben Mussolini) die brandneuen Medien wie Film, Fotographie, Radio, Fernsehen, aber eben auch Plakate, modernen Buch- und Zeitungsdruck und so weiter (auch Transportmittel wie Auto und Flugzeug) nutzen konnten. (vgl. die Probleme der Briten in The King’s Speech). Man sieht auf alten Fotos immer die Bilder, wie die alle uniformiert und mit unglaublich vielen Hakenkreuzflaggen unterwegs waren. Was man dabei aber nie erwähnt: Dass sie die ersten waren, die auf die technischen Möglichkeiten zugreifen konnten, Propagandamaterial wie Plakate und Fahnen maschinell, damit billig und in großer Stückzahl herzustellen. Man muss nur mal die Uniformen des ersten und zweiten Weltkriegs vergleichen, obwohl da nur 22 Jahre dazwischenlagen.

Ich hatte mal Martin Luther als den ersten Blogger beschrieben. Konsequenterweise müsste man Hitler als den ersten Youtuber bezeichnen. Man kann den ganzen Kram nicht ohne Medien, nicht ohne „Medienkompetenz“ verstehen. Und dazu gehören eben nicht nur solche Dinge wie die erste Fernsehübertragung von olympischen Spielen oder die Wochenschau.

Und dazu gehörte auch, sich ein ideologisch folgendes allgemeines Schriftbild zuzulegen, eben durch Ersetzung der Fraktur durch Antiqua. Als Anpassung an die moderne Medienwelt und das Lesen von viel Text.

Insofern ist es erstaunlich, dass dieser ganze political correctness- und Antifa-Krampf es vermocht hat, in die Köpfe einzuhämmern, dass die Frakturschrift eine Nazischrift sei – genau das Gegenteil ist der Fall. Die ungebrochenen, durchgängig gerundeten Schriften, die heute alles andere komplett verdrängt haben, sind damit die Nazi-Schriften, die von diesen durchgesetzt wurden. Deshalb müsste man eigentlich sagen, dass wir alle heute Nazi-Schriften verwenden und nur der, der noch gebrochen schreibt, Fraktur und sowas, sich als einziger der Nazi-Schrift widersetzt. SPD – CDU/CSU – Grüne – verwenden alle den von den Nazis durchgesetzten Schriftgrundtyp.

Was ich aber so oft sage und schreibe:

Ich halte es für eine (Bildungs-)Katastrophe, die dumm und dämlich Museen, Gedenkstätten und Ausstellungen zum Dritten Reich gemacht sind. Das wird immer so auf die ausgewählte Symbolik – Hakenkreuz, braune Uniformen, Judensterne, KZ usw. – reduziert und vereinfacht, aber es werden niemals die Methoden dargestellt. Irgendwo – war es nicht in den Niederlanden? – gab es mal eine Ausstellung irgendwie in die Richtung, war es nicht irgendwas über die Design-Ästhetik der Nazis? Riesen-Proteste. Ich wollte eigentlich hin, aber das habe ich irgendwie verpennt oder fiel Corona zum Opfer.

Jedenfalls halte ich die ganzen Gendenkstätten ausnahmslos für ziemlich dumm, weil sie nicht erklären, wie das passieren konnte, und wir genau deshalb gerade in die Wiederholung schlittern.

Ich hatte das schon angesprochen: Die machen sich alle so lustig darüber oder stellen als es typisch hin, dass Hitler so schnarrend gesprochen hat, begreifen aber nicht, dass der nicht normal so gesprochen hat, sondern das antrainiert war, um mit der damaligen Tontechnik verständlich zu sein, dass der Sprechunterricht von Schauspielern genommen hatte. Hört Euch die seltsam überartikulierten Radioansprachen und Werbungen von damals an. Das war ein eigener Beruf, so zu sprechen.

Wenn man verstehen will, wie das Dritte Reich entstehen konnte, muss man die Methoden verstehen. Dazu gehört einmal, wie so oft hier beschrieben, dass das eine gecastete Boyband war, deren ideologische Ausstattung man aus der ganzen Welt zusammenplagiiert war, an den Nazis war überhaupt nichts originär, singulär, neu, einzigartig.

Und: Dass sie als erste neue Medien im großen Stil zur Verfügung hatten und einsetzten. Und dazu gehört auch die Antiqua-Schrift.

Und ich finde es allerhöchstbedenklich, geradezu grob fahrlässig, wie wenig man heute darüber weiß, wie die Nazis ihre Macht aufbauen konnten, und dass ausgerechnet Leute wie die Antifa den größten Mist verbreiten – wie etwa Fraktur als Nazi-Schrift.

Medienkompetenz ist nicht, was Linke und Feministinnen daraus machen: Twittern und Influencer-Youtuben. Medienkompetenz fängt spätestens vor hundert Jahren an. Eigentlich spätestens bei Luther.