Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Vom Gebrauch des Passivs in wissenschaftlichen Arbeiten

Hadmut
2.5.2021 14:13

Eine Anmerkung zur Sprache im Allgemeinen und der Causa Mai Thi Nguyen-Kim im Besonderen.

Obwohl ich eigentlich geschrieben hatte, dass mit an der Dissertation von Mai Thi Leiendecker/Nguyen-Kim nicht so sehr das Passiv an sich, sondern die Kombination aus Passiv-Formulierungen für das, was im Labor passierte, und dem Umstand, dass ich da keine Angaben darüber gefunden habe, wer da eigentlich was im Labor gemacht hat, also letztlich gar nichts erkennbar ist, habe ich viele Zuschriften dazu bekommen, dass diese Passivkonstruktionen üblich und erforderlich seien, weil man ja nicht ständig „Ich habe … dann habe ich … Ich … Ich … Ich“ schreiben kann und auch nicht darf, weil das von den Prüfern und anderen Wissenschaftlern nicht angenommen würde.

Dazu will ich mal ein paar Takte sagen.

Sprachliche Unzulänglichkeit

Ich fange mal mit dem an, was ich hier an dieser Dissertation eigentlich nicht isoliert kritisiere, und auch nicht als Rückschluss auf die Prüfungsleistung für zulässig halte, also als rein sprachliches Merkmal in die Bewertung einer solchen Dissertation auch nicht oder nur sehr weit am Rande einfließen dürfte, nämlich eine gewisse sprachliche Insuffizienz. Ich finde die ganze Dissertation sprachlich nicht gut, und verschiedene Leser hatten das bemerkt.

Die ganze Arbeit ist umgangssprachlich, und wirklich nicht sprachlich ausgefeilt. Dass man irgendetwas „spannend“ findet, kann man sicherlich in Youtube-Videos oder auch in Blog-Artikeln zum Besten geben, aber in einer wissenschaftlichen Arbeit hat es nichts zu suchen, weil es schlicht subjektives Empfinden und leeres Blabla ist. Zumal spannend nur irgendwelche Vorgänge sein können, bei denen man wartet, was herauskommt, aber nicht ein Gegenstand. Man kann gespannt sein, was bei einem Experiment herauskommt, aber es gibt keine spannenden Mikrogele. Und wenn mir ein Doktorand damit ankäme, dass er irgendwas spannend findet, hätte ich ihm gesagt, „Schön, freut mich, dass Sie Spaß dabei haben. Kommen Sie wieder, wenn Sie wissen, was dabei herausgekommen ist und sich ihre Spannung gelegt hat, denn Sie sollen ja Antworten und nicht Fragen liefern!“

Was eben für mich darauf hindeutet, dass da nicht viel Arbeit drinsteckt, sondern das nur so runtergeplaudert ist. So hingeworfen.

Ich habe da – wie schon in früheren Blogartikeln angesprochen – einen anderen Zugang, weil ich auf altsprachlichen Gymnasien war und Latein und Griechisch hatte. Irgendwo da drin hatte ich mal gelernt, dass man nicht ohne weiteres alles in das Passiv setzen kann, weil das Passiv nicht einfach eine umgedrehte und ansonsten semantisch gleiche Satzkonstruktion ist (siehe unten im nächsten Punkt), sondern eine Form des Erlebens, Empfangens ausdrückt. Im Altgriechischen gibt es ja nicht nur Aktiv und Passiv, sondern dazwischen noch das Medium für eine reflexive Handlung, bei der man sowohl Handelnder, also auch Empfänger der Handlung ist (ich wasche mich, ich koche mir Essen,…). Deshalb kann ich gewaschen werden, aber nicht mein Auto. Das muss schon jemand waschen. Weil ich das erleben kann, wie es ist, gewaschen zu werden, und passiv gewaschen zu werden einfach ein anderer Vorgang und nicht nur eine satzbauliche Alternative ist. Passiv ist nicht einfach ein umgedrehter Satz, es ist ein anderer Inhalt der Aussage. Es kann einen Kontrollverlust bezeichnen (Könige besteigen den Thron und danken ab, aber sie werden gekrönt und abgesetzt – jeweils andersherum geht es nicht).

Drastisches Beispiel: Die Sätze „Er wurde zu zwei Jahren verurteilt“ und „Der Richter verurteilte ihn zu zwei Jahren“ sind deutlich unterschiedliche Aussagen.

Diese semantische Gleichsetzung von Aktiv und Passiv als zwei lediglich formal unterschiedliche Satzbaualternativen ist – wie der ganze Genderscheiß – Symptom gesellschaftlicher Verblödung, des immer stärker voranschreitenden Verlusts sprachlicher Ausdrucksfähigkeit. Wir leben in einem Zeitalter einer massiven sprachlichen Verblödung, die nicht nur mit einer enormen Reduzierung des Wortschatzes, sondern generell mit einem weitgehenden Verlust sprachlicher Ausdrucksfähigkeiten einhergeht. Achtet mal drauf in den Youtube- und TikTok-Videos, wie stark – vor allem junge Frauen – unter sprachlicher Hilfslosigkeit leiden und statt Sprache dann Gestik, Mimik oder solche Dummfloskeln wie „hallooooo!?“, „wie … ist das denn?“ oder „das ist voll krass“ und sowas verwenden müssen, weil sie schlicht nicht mehr in der Lage sind, ihre Gedanken sprachlich zu artikulieren (und ich habe den Verdacht, nicht mal mehr den Gedanken fassen zu können). Wir sind gerade an dem Punkt, an dem Sprache von der verbalen Ausdrucksform zur Konkatenation von Grunzlauten aus einem minimalen Repertoire von Emotionalkategorien degeneriert. Der Journalist untescheidet sich davon noch, dass er für jede Kategorie zwei Grunzlaute kennt, nämlich das schon oft beschriebene Pärchen aus je einem positiv und einem negativ gewerteten aber ansonsten synonym kategorialgrunzend gebrauchten Wertungsbegriff besteht.

Rein sprachlich und aus der Entwicklung der Sprache betrachtet, kann ein toter Gegenstand wie ein Reagenzglas mit irgendeiner Chemikalie nicht Passivobjekt eines subjektlosen Satzes sein. Es geht dann, wenn aus dem Kontext klar ist oder früher erwähnt wurde, wer handelndes Subjekt ist, und dann ist das auch sprachlich in Ordnung, um ständige Wiederholungen und Aliterationen (Ich habe… ich habe …dann habe ich … und nachdem ich … habe, habe ich dann…), weil das Gehirn durchaus in der Lage ist, Satzteile zu speichern und einen darauffolgenden unvollständigen Satz durch wiederholung zu ergänzen. Ihn zu vervollständigen. Ihn zu verstehen. Diese Sätze kein Subjekt und kein konjugiertes Verb, trotzdem verstanden. Aber sie können nicht isoliert stehen.

Wohlgemerkt, ich halte das für sprachlich schwach, aber für die Bewertung einer Dissertation – zum wissenschaftlichen Arbeiten gehört immer auch die Fähigkeit zur verständlichen Wissensweitergabe in Schriftform, sprachliche Exzellenz ist aber nicht erforderlich – nur am Rande für beachtlich. Das ist nicht so schlimm, wenn einer für den Rest seines Lebens im Labor verschwindet, aber um dann auf Zwangsgebühren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu arbeiten ist es schon fragwürdig.

Das Passiv als Sprache der Täuscher

Was man aber vor allem bemerken sollte, ist, dass solche Sprachkonstrukte wie

  • übermäßiger Passivgebrauch
  • zuviel Substantivierung
  • Sätze mit „müssen“ ohne Angabe des zugrundeliegenden Zwanges oder Zwecks (um zu…)
  • Partizipiensprache
  • Unspezifizierter Gebrauch von „Wir“ als Quasi-Passiv-Ersatz
  • Pseudo-Ziele, wie „um Vorreiter zu werden“ – als ob die Quantität selbst das qualitative Ziel wäre

ein in Politik, Wissenschaft und Medien längst übliches Täuschergeschwätz ist und in aller Regel nur übertüncht, dass die entscheidende Information schlicht fehlt.

Gerade bei Spiegel online gelesen:

Tiaji Sio will mehr People of Color in deutsche Botschaften und Ministerien bringen. […]

Tiaji Sio: »Wir müssen anfangen, Diversität holistischer zu denken«

Wer ist „wir“? Wieso spricht sie für „wir“? Warum müssen wir und wozu? Im Text dazu steht nur, dass sie es gerne so hätte, aber keine Angabe zu „wir“ und auch nicht zum „müssen“. So typisches, richtig leeres Journalistengeschwätz, wie es mit der Verblödung der Medien immer weiter um sich greift, und auf das dann auch immer mehr Verblödende hereinfallen. Die Verblödung der Gesellschaft ist eng verzahnt und wechselseitig kausal mit dem Verlust sprachlicher Fähigkeiten. Normalerweise würde man solches Geschwätz zurückweisen und denjenigen auffordern, sich erst einmal klar zu werden, was er eigentlich sagen will und das in verständliche Worte zu fassen. Doch nach heutigem Zeitgeist kann man von jedem verlangen, mit dem Geschlechtspronomen seiner Wahl angesprochen zu werden, aber nicht mehr, dass Leute in vollständigen Sätzen zu einem sprechen. Es ist nur noch eine Folge von Grunzlauten.

Wo ist das Problem? Was ist die Ursache?

Sprachlich – irgendwo wurde mal beschrieben, dass das über alle Kulturen und Sprachen hinweg durchgehend immer so ist – folgen Sätze immer der Grundform Subjekt – Prädikat – Objekt, was sich nur auf die Zusammengehörigkeit, nicht auf die Reihenfolge bezieht. (Yoda: Lernen Du musst noch viel.) Es scheint ein Grundschema des Gehirns zu sein, Aussagen als solche Handlungsklauseln zu erfassen und zu verarbeiten, möglicherweise ein Hinweis auf die evolutionäre Entwicklung des Gehirns oder eine universelle Natureigenschaft. A frisst B. Möglicherweise das zentrale Prinzip unserer Erkenntnisfähigkeit. Selbst handlungslose Zustandsbeschreibung werden über Hilfsverb wie sein in dieses Schema eingefügt. Das Haus ist schön. Obwohl da gar nichts passiert. Aber sprachlich, als sei das Haus gerade damit beschäftigt, die Eigenschaft der Schönheit zu besitzen, als sei das eine Tätigkeit.

Ob Latein, Griechisch, Englisch: Immer hieß es SPO – Subjektiv, Prädikat, Objekt.

Verwendet man aber nur diese Passiv-Sprache, und das nicht nur in ein paar Sätzen, sondern durchgehend und ohne das Handlungssubjekt irgendwo zu erwähnen und klarzustellen – das Gehirn kann Informationen aus vorangegangenen Sätzen und aus dem Kontext in gewissem Umfang speichern, im Cache halten, und bei Bedarf ergänzen, denn auch Satzkomponenten wie Personal- und Demonstrativpronomen sind immer Rückgriffe auf Informationen, die zwar sehr nahe stehen, die das Hirn aber gerade in der Verarbietung hat – dann fehlt dem Gehirn was. In Programmiersprachen würde man sagen, es ist wie ein Pointer auf eine nicht initialisierte Speicherstelle. Das Gehirn kann die Information entweder nicht aufnahmen, weil es die Sätze nicht ergänzen kann – oder es ergänzt sie selbst, was sehr gefährlich ist, weil man dann etwas liest, was da nicht steht, und man eigentlich nur seine eigenen Annahmen in einen fremden Text hineinliest.

Hütet Euch vor den Lügnern und Täuschern, die nicht in ganzen Sätzen sprechen, sondern die wichtigen Informationen weglassen, indem sie die Satzkonstruktion Subjekt-Prädikat-Objekt vermeiden, ob duch Passiv, Substantivierung, „wir“, „man“ oder ähnliches. Egal, ob sie Zeitungen oder Disserationen schreiben.

Wissenschaftliche Unzulänglichkeit

Seltsam finde ich, wieviele Leute mir geschrieben haben, dass das in den Wissenschaften so üblich sei und von den Professoren auch so verlangt würde, weil ich so ein „Ich habe … und dann habe ich … “ zu blöd anhört.

Das sagt sich als Informatiker jetzt zwar leicht, weil die Informatik (in ihren meisten Bereichen) keine Laborwissenschaft ist und man deshalb da typischerweise keine Laborhandlungen beschreibt. Obwohl wir damals an dem Institut, an dem wir waren, auch Laboraufbauten hatten. Ich war damals der Meister, Gebieter und einzige Beherrscher des Transputer-Clusters, und später gab es dann die Experimente mit der optischen Bank zum Quantencomputing (die Anekdote, wie die optische Bank ins Institut kam, hatte ich ja schon erzählt), aber irgendwie kommen die Informatiker in ihren Laborberichten ohne diese Passivwüsten aus, weil wir eben auch die Aufbauten oder Programm beschreiben und nicht x wurde mit y zusammengerührt und erhitzt. Bei uns Informatikern werden die Dinge nicht so gewerdet. Bei uns steht da ein Laser und davor eine Linse oder sowas in der Art, weil wir den Aufbau und nicht den Kochvorgang beschreiben.

Komischerweise kommen meine Kochbücher aber ohne diese Passivformulierungen aus, weil sie Handlungsanweisungen geben und nicht das traurige Schicksal nacherzählen, das einer Reagenz in ihrem Labor widerfahren ist, ohne Täter und Schuldige zu nennen.

Und genau das ist der Punkt:

Passivformulierungen, vor allem in den Vergangenheitsformen, sind Nacherzählungen wie Zeugenaussagen, aber keine wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Es sind Erzählungen darüber, was in jener Labornacht passiert ist, die aber das Entscheidende ausblenden. So wie „in dieser Nacht wurde ich schwanger“ – wir wollen aber wissen, wer’s war und wie es dazu kam.

Auch rein wissenschaftlich gesehen ist das problematisch, weil es so einen Post hoc ergo propter hoc-Denkfehler mit sich schleift. Das wurde mit dem gemischt und das mit dem erhitzt. Und dann hatten wir diese Substanz und der Assistent fiel tot um. Ob das aber kausal oder überhaupt irgendwie zusammenhänglich oder erforderlich war, wird nicht beschrieben. Es hört sich alles eher wie so eine Versicherungsmeldung zum Laborunfall an.

Eine Nacherzählung ist keine Wissenschaft.

Sie kann sicherlich in vielen Fällen notwendiger Bestandteil gewissenhafter Laborarbeit sein. Und in den empirischen Wissenschaften ist es eigentlich auch unvermeidlich, in irgendeiner Form zu beschreiben, was man da getan hat, wonach dann das oder jenes passiert oder ausgeblieben ist. So wie der Bombenentschärfer möglichst noch per Funk durchgibt, dass er jetzt den roten Draht durchschneidet. Damit man dann weiß, woran’s lag.

Aber es ist noch keine wissenschaftliche Arbeit, höchstens Assistentenwerk, danebenzustehen und mitzuprotokollieren, was da ablief.

Und dazu gehören eben nicht nur die Nachprüflichkeiten wie Hinweise darauf, wo die Laborbücher zu finden sind und wer teilgenommen hat (und beispielsweise in einer Nachuntersuchung bezeugen kann, dass das so abgelaufen ist) sondern auch die Klarstellung, und zwar vor dem Lesen, wer eigentlich was getan hat – und warum überhaupt.

Experimente sind ja dann, wenn sie wissenschaftlich seriös sind, immer irgendetwas Planvolles, etwas mit einer Aufgabenstellung und zu lösenden Frage. Viele Leser, die mir dazu geschrieben hatten, auch Chemiker, wunderten sich, dass da keine Aufgabenstellung drin vorkommt. Mir schrieben allerdings auch welche, dass das immer heikel ist. Denn wenn man eine klare Aufgabenstellung verfolgt, kann es eben immer passieren, dass das Ergebnis negativ ist, der untersuchte Stoff die erhoffte Eigenschaft halt eben nicht hat. Was im wissenschaftlichen Sinne zwar ebenfalls eine Erkenntnis ist, aber nicht das Hurra liefert, das für Karriere und Promotion erforderlich wäre. Das sei halt frustrierend, wenn man da Jahre vergeigt und dann ohne Ergebnis dasteht, nur die Erkenntnis hat, dass es so eben nicht geht, was gerade bei Synthese-Arbeiten immer die Gefahr wäre. Deshalb meiden sie die Aufgabenstellung wie die Pest.

Der Haken daran:

Ich habe, wie gesagt, wenig Ahnung von Chemie und komme nicht über das Laienwissen hinaus, weil halt Chemie im Gymnasium, zwar mit Grundkurs bis 13., da dann aber in zutiefst lächerlicher Weise bei einem Chemielehrer, der die Gleichungen nicht hinbekam, und wenn wir anmeckerten, dass die Gleichungen links und rechts von der Zahl der Atome nicht zusammenpassten, die Kohlenstoffatome halt auch gerne mal sechs- oder siebenbindig machte, und links der Gleichung anders als rechts. Kreidetafeln waren geduldig.

Trotz meines geringen, und sicherlich nicht zum Bestehen irgendeiner Chemiestudiumsprüfung ausreichenden, 40 Jahre alten bescheidenen Schulwissens sähe ich mich in der Lage, in ein Chemielabor zu gehen, dann passivisch zu beschreiben, wieviel Mol von x zu y gerührt wurden, dass es erhitzt wurde, und dass es dann Bumm gemacht hat und ich seither keine Augenbrauen mehr, dafür aber so seltsame grüne Pickel im Gesicht habe.

Will sagen: Ich hatte als Kind mal solche Elektronik-, vorher aber auch Physik- und Chemieexperimentierkästen gehabt, sogar mit Retorte, in denen ich dann auch das mit dem zusammengerührt, es erhitzt und dann beschrieben habe, dass das Ergebnis irgendwie schmierig und klebrig ist, ohne auch nur im Ansatz zu kapieren, was ich da eigentlich getan habe. Stand so in der Anleitung. Das ist Beobachtung, aber noch keine systematische Wissensproduktion. Wir hatten mal einen Vogel, einen Star, den wir als aus dem Nest gefallenes Küken mal gerettet hatten, der mit Wonne die ihm als Lebendfutter gereichen Heimchen nicht sofort tötete, sondern sie in der Bodenwanne seines runden Käfigs um ihr Leben rennen ließ, ihnen dann von Zeit zu Zeit eines der Beine abzwickte, und sie dann wieder laufen ließ, um zu beobachten, wie ein Heimchen mit n-1 Beinen so läuft. Bei zwei Beinen und darunter wird es schon sehr schwierig. Auch da hätte man schreiben können „Bein vorne rechts wurde rumpfnah abgetrennt und das Experiment fortgesetzt – macht Spaß / Beobachtung: Mit vieren läuft’s noch, aber langsam, mit dreien humpelt’s noch, mit zweien fällt’s um. Sonderfall: Mit drei Beinen, aber allen auf einer Seite, kommt’s auch schon nicht mehr weit.“. Ist das schon wissenschaftliches Arbeiten?

Oder ist es nur Post hoc ergo propter hoc?

Prüfungsrecht

Ich wäre ja noch bei allem bereit, das hinzunehmen, wenn es sich um normale Publikationen handelte. Solange wir uns den Schwachsinn der Soziologen, Philosophen, Politologen und Genderspinner und den ganzen geisteswissenschaftlichen Krampf außenherum leisten, ist jegliche Chemiearbeit schon besser, wenn es einer schafft, die Labortür aufzuschließen, ohne sich für von der Tür diskriminiert zu erklären und heulend abzubrechen.

Hier aber geht es um eine Dissertation.

Was vielen offenbar nicht klar ist: Zwar ist eine Dissertation – natürlich – eine wissenschaftliche Arbeit. Oder sollte es zumindest sein, denn fast alle, die ich hier in den letzten Jahren auf den Tisch bekommen habe, waren es eben nicht.

Aber sie ist auch eine Prüfungsleistung.

Und es ist wirklich nicht so, wie sich an den Universitäten so viele einbilden, dass Promotion und Habilitation etwas irgendwie ganz anderes als eine Vordiplomsprüfung wären, dass da einfach einer irgendwas vorturnt, und das Publikum dann eben lauter oder leiser klatscht. Es gibt verfassungsrechtlich nur die berufsbezogene Prüfung mit den für alle Prüfungen gleichen Regeln und Anforderungen, und sonst ist da nichts. Und weil die Promotion mit einer Prüfungsbewertung und einer Note abgeschlossen wird – und sei es auch nur Bestanden/Nicht-bestanden – sie über eine untergesetzliche Norm im Verordnungrang geregelt, manchmal sogar im Gesetz entfernt erwähnt wird, und sie das weitere berufliche Fortkommen beeinflusst, fällt sie unter das Recht für berufsbezogene Prüfungen. Ende.

Es ist nicht so, wie viele meinen, dass die Promotion da so eine Art Ordensverleihung ist, die die Universität kraft des ihr verliehenen Promotionsrecht völlig willkürlich und nach täglich wechselndem Gutdünken vergeben kann. Das war vielleicht mal so im 17., 18., 19 Jahrhundert, und ist auch in manchen Ländern noch so, aber nicht unter unserem Grundgesetz, weil die Grundrechte derartige Willkür und Beliebigkeit schlicht nicht zulassen.

Verfassungsrecht mag vielen nicht in den Kram passen, neuerdings nicht mal mehr dem Bundesverfassungsgericht selbst, aber eine Dissertation ist zunächst mal nichts anderes als eine hundsgewöhnliche Prüfungsleistung, in der der Prüfling eine ihm gestellte Prüfungsaufgabe löst. Und anders geht es nicht, weil prüfungsrechtlich eine Prüfung oder die Prüfungsaufgabe nicht möglich ist, und auch die Prüfungsbewertung immer nur betrachten kann, ob die gestellte Aufgabe gelöst wurde. (Habe ich neulich schon erläutert, warum Gendersprech nicht verlangt werden kann.)

Erst sekundär ergibt sich deshalb die Anforderung, dass eine Dissertation wissenschaftlichen Inhaltes zu sein hat, weil die Promotion als Nachweis der Befähigung zu selbständigem wissenschaftlichem Arbeiten gilt, und das somit zur Prüfungsaufgabe wird. Manche Leser vermissten hier in der Dissertation – ebenso wie ich – die Prüfungsaufgabe, anscheinend war sich Mai Thi Nguyen-Kim wohl selbst nicht darüber klar, außer irgendwie gefülltes Papier abzugeben. Warum übrigens damals Kern meines Promotionsstreites, dass ich von Doktorvater, Fakultät und Universität wissen wollte, was eigentlich die Aufgabe ist – sie konnten es nicht sagen. Das Rektorat meinte, ich solle das Maul halten und abgeben, sonst würde ich wegen Verfristung abgelehnt. Man hatte mir eigentlich zu verstehen gegeben, dass man sich mit sowas wie Aufgaben nicht abgibt und das Ding ja schon durch sei, in der Akte war die Promotion ja schon vor der Prüfung als bestanden eingetragen. Das macht es aber dann vor Gericht unheimlich schwierig, eine Prüfungsbewertung anzufechten oder für den Richter zu überprüfen, wenn es keine Aufgabe gab.

Formal, rein prüfungsrechtlich gesehen, ist eine Prüfung ohen Prüfungsaufgabe nicht nur rechtswidrig, sondern nichtig, wiel eine Leistungsfeststellung oder -erbringung nie stattgefunden hat. Es ist nie zu einem Prüfungsvorgang gekommen.

Was war hier die Prüfungsaufgabe?

Dazu muss man allerdings sagen, dass es formal nicht Aufgabe des Prüflings ist, die Prüfungsaufgabe zu wiederholen oder selbst zu formulieren. Das müssten die Prüfungsbehörde und der Prüfer schon selbst wissen, was die gestellte Aufgabe war. Systematisch gesehen müsste einer veröffentlichten Dissertation eigentlich immer die von der Prüfungsbehörde (Uni) gestellte Aufgabe vorangestellt werden.

Es gehört aber auch zu einer Prüfung, dass nur der Prüfling selbst die Prüfungsleistung erbringt. Kennt Ihr alle: Beim Nachbarn abschreiben oder Spickzettel bedeutet: Durchgefallen.

Deshalb sind Teamarbeiten eigentlich nicht oder nur in sehr begrenztem Umfang und unter besonderen Anforderungen möglich. Man kann zwar Hausarbeiten und sowas im Team machen, dann muss aber klar nachgewiesen werden, wer welche Leistung erbracht hat. Der in Teams häufig zu beobachtende Effekt, dass ein paar die Arbeit machen und der Erfolg dann auf alle umgelegt oder von den Vorgesetzten für sich einkassiert wird, ist in Prüfungen unzulässig. Weil es keine Leistungsbewertung eines individuellen Leistungsnachweises ist.

Und das ist hier in diesem Fall eben hochkritisch, weil hier nicht erkennbar ist, und eben durch diese Passiv-Formulierungen völlig verschleiert wird, wer diese Leistungen erbracht hat. Irgendwas passiert mit den Reganzgläsern, aber es nicht erkennbar, wer was getan hat oder überhaupt dabei war.

Und da können mir noch so viele Chemiker schreiben, dass so etwas üblich sei, es geht prüfungsrechtlich nicht. Man kann in einer Prüfung keine Leistung angerechnet bekommen, die andere erbracht haben.

Das ist wie mit den Ghostwritern: An der Uni, an der ich war (und vielen anderen eben auch) war das totaaaal üblich, dass sich die Professoren ihre Papers und Vorträge von ihren Mitarbeitern schreiben lassen und sie als ihre ausgeben. Das kann noch so üblich und kollegial akzeptiert sein, es geht rechtlich nicht. Man kann nicht anders Urheber eines Werkes sein und als dessen Urheber genannt werden, als indem man es selbst schafft. Man kann die Nutzungs- und Verwertungsrechte haben, aber man kann nicht Urheber eines Werkes eines anderen werden und auch nicht als Autor draufstehen. Auch wenn es noch so üblich ist.

Und man kann für einem Prüfling keine Prüfungsleistung anerkennen, die ein anderer erbracht hat. Geht nicht.

Und deshalb sind Gruppenarbeiten höchst problematisch, eigentlich unzulässig, und nur unter der Anforderung möglich, dass eben genau abgegrenzt und eindeutig feststellbar war, wer was getan hat. Sonst hat eine Leistungsbewertung nicht stattgefunden, und die Prüfung ist nicht rechtswidrig, sondern nichtig.

Und hier fällt eben auf, dass durch das Passiv – ob nun üblich oder nicht – faktisch jedenfalls völlig verschleiert und verheimlich wird, wer die Laborarbeit eigentlich durchgeführt hat.

Und wenn man dann doch irgendwo solche kleinen unauffälligen Hinweise findet wie auf Seite 77

In dieser Arbeit wurden zwei verschiedene Mikrofluidik-Devices genutzt, nämlich selbst gebaute Glas-Devices, die von Jan Wallenborn hergestellt wurden (siehe Kapitel V.4.1) und PDMS-Devices (Polydimethylsiloxan-Devices), die mit Photomasken (von der Arbeitsgruppe Wessling) hergestellt wurden.

oder in der „Zusammenfassung“ auf Seite 85

Wie oben erwähnt ist dieses Projekt Teil der Diplomarbeit von Jan Wallenborn, die von Mai-Thi Nguyen-Kim und Prof. Alexander Böker direkt betreut wurde. Nähere Details finden sich in der Ausfertigung „Responsive Microgel Particles via Microfluidics“.

ist für mich unklar, ob da nur von Wallenborn hergestellte Geräte genutzt oder das Projekt von Wallenborn durchgeführt wurde.

Das Problem ist dabei nicht die Passiv-Formulierung. Geschenkt.

Das Problem ist, dass da über drei Standorte und in irgendwelchen Teams mit irgendwelchen Diplomarbeiten irgendwas passiert ist, es eigentlich keine richtige wissenschaftlich-theoretische Arbeit, sondern nur Laborarbeit gibt, bei der Laborarbeit aber nicht ersichtlich ist, wer sie durchgeführt hat.

Es mag ja sein, dass vielen Chemikern sowas gefällt.

Aber eine Prüfung, die zu einem rechtsbeständigen Prüfungsergebnis führen kann, ist es eben nicht.

Und das ist ganz besonders deshalb hochproblematisch, weil gerade die Promotion der Nachweis zu selbständigem wissenschaftlichen Arbeiten sein soll, was Teamarbeit qua Aufgabenstellung und Anforderung von vornherein ausschließt.

Das ist der Grund, warum ich diese Arbeit für nicht promotionsfähig halte.