Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Der fast reguläre Plural vom f

Hadmut
28.4.2021 13:41

Noch was zu Englisch.

Ich hatte gestern geschrieben, dass es Black Lives Matter mit v und nicht mit f heißt, weil das Wort zwar life und nicht live ist, der Plural von life aber eben lives mit v ist.

Dabei hatte ich geschrieben, dass life unregelmäßig sei, aber jetzt auch wieder nicht so ganz unregelmäßig, weil ja auch der Plural von wife wives ist und so weiter.

Dazu bekam ich Zuschriften.

Ob man das nun als regelmäßig oder unregelmäßig bezeichnet, ist eine Frage, wie man die Regel definiert, ob die Regel das Anhängen von s als Plural ist, oder die Ersetzung von f durch ves. Nun ist mein Englisch-Unterricht auch schon wieder um die 40 Jahre her, ich bin mir da nicht mehr so ganz sicher, was der Englisch-Lehrer da so im Einzelnen gesagt hat. Zumal ich zugeben muss, dass ich … also dass ich damals … ah, das ist eine gute Formulierung: In anderen Fächern wie Mathe und Physik aufmerksamer war.

Also, ich weiß nicht, ob das damals gesagt wurde, und ich weiß auch nicht, ob das hier im Blog immer richtig geschrieben ist, aber ich habe das eben so im Kopf und weiß es irgendwoher, dass life zu lives und wife zu wives wird, ohne jemals drüber nachgedacht zu haben, weil ich dass eben vom Deutschen, aber auch aus Latein und Griechisch kenne, dass es unregelmäßige Verben und Substantive gibt.

Ich kann mich noch erinnern, als ich so mit – weiß nicht mehr genau – 13 in den Osterferien zur Sprachreise bei einer Gastfamilie in England war, irgendwas mit Mäusen erzählen wollte (ich hatte als Kind mal Tanzmäuse), und die mich erst ganz komisch angeguckt und nicht verstanden haben, weil ich „mouses“ sagte (vgl. house houses) und die mir dann sagten, dass der Plural von mouse mice heißt und das unregelmäßig ist. Und bei der Aussprache gibt es in Englisch ja sowieso endlos Unregelmäßigkeiten und Varationen, die selbst die Eingeborenen nicht klären können. (Ich hatte das mal einem Kollegen erzählt, der erst lachte und meinte, dafür gäbe es doch Online-Wörterbücher mit Aussprache zum Anhören, und dann verdutzt feststellen musse, dass die auch nicht einheitlich sind, sondern seine beiden Lieblings-Online-Wörterbücher das auch unterschiedlich aussprachen, das eine so, das andere eben anders.) Und das bekannte Gedicht über tough english ist dann sowieso die Quelle aller Verzweiflung über die Unregelmäßigkeiten und Widersprüche der englischen Sprache, zumal ja inzwischen sowieso pidgin und african english als die Verschmähung jeglicher Regeln gelehrt werden. Ich habe ja schon geschrieben, dass ich Englisch nicht mehr für eine Sprache, sondern eine lose Familie von ähnlichen Sprachen und Kauderwelschen halte. Die Auffassungen zu Satzbau, Grammatik und Aussprache gehen weit auseinander. Sehr weit. Und Bücher wie Harry Potter wurden ja ganz offiziell vom Englischen ins Amerikanische übersetzt (wobei komischerweise niemand forderte, dass sie nur von Zauberern übersetzt werden dürfen, weil alles andere identitätspolitisch unerträglich wäre).

Nachdem mich früher schon einige Leser anschrieben und fragte, warum ich also Black Lives und nicht Black Lifes schreibe (schon deshalb, weil die Bezeichnung nicht von mir kommt), einer etwa vortrug, dass es ja auch bei shelves, calves, thieves, leaves, wolves, knives so wäre, bin ich der Sache auf den Grund gegangen.

Also: Es ist eine Regel. Aber kurioserweise keine, die direkt (nur indirekt) mit Grammatik und Plural zu tun hat.

Weitere Beispiele sind loaf und half. Werden auch zu v.

Es ist aber nicht so bei cliffs, denn es bleibt bei den White Cliffs of Dover. Und auch bei roof, hoof und safe bleibt es beim f.
Hier habe ich noch interessante Informationen dazu gefunden gefunden, etwa dass es früher auch bei elf und dwarf beim f blieb, aber J. R. R. Tolkien mit seinem Herrn der Ringe und den Hobbits der Meinung war, dass sich das zu modern und nicht altmodisch genug anhört, und daraus elves und dwarves gemacht hat, und diese seither auch anerkannt sind.

Der Grund für diese Verschiebung liegt im Alt- und Mittelenglischen. Ich zitiere mal:

In Old and Middle English voiceless fricatives /f/, /θ/ mutated to voiced fricatives before a voiced ending.[6] In some words this voicing survives in the modern English plural. In the case of /f/ changing to /v/, the mutation is indicated in the orthography as well; also, a silent e is added in this case if the singular does not already end with -e […]

Und etwas mehr hier.

Ursprünglich hatten sie kein v als eigenen Buchstaben, aber (vergleiche s / z ) stimmlose und stimmhafte Aussprachen von Zischlauten. Und das f wurde stimmlos, aber wenn es zwischen zwei Vokalen stand, stimmhaft gesprochen. Würde sich ja auch bekloppt sprechen, zwischen zwei stimmhaften Vokalen die Stimme kurz wegzulassen, würde sich ja anhören wie das Gendersprech der Tagesschau. Sowas will ja keiner. Ursprünglich gab es also nur f, aber je nach „Nachbarschaft“ von Vokalen den Unterschied, ob es stimmhaft oder stimmlos ausgesprochen wird. Einer erklärt dazu:

For example, the word for heaven was heofon and would have been pronounced something like “hayovon”

Wo man auch schon die Ähnlichkeit mit kontinentaleuropäischen Sprachen erahnen kann. Das klingt ja schon leicht wikingerhaft.

Ursprünglich war es also nur eine Regel, wann dass f stimmlos und wann es stimmhaft auszusprechen ist.

Irgendwann hat man aber zur Unterscheidung den Buchstaben v für das stimmhafte f eingeführt (weiß ich jetzt nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass so auch das z da zum s dazukam), also die Aussprache in die Schreibweise übernommen. Und damit war es dann folgerichtig, dass man bei Worten, die auf Vokal+f endeten, und an die man zur Plural-Deklination ein -es anhänge, damit also das f zwischen zwei Vokale stellte, aus dem f ein v machte, um die Schreibung an die Besonderheit der Aussprache anzupassen.

Gibt übrigens bei Wikipedia einen ausführlichen Artikel zur Pluralbildung im Englischen.

Was nun immer noch nicht die Eingangsfrage beantwortet: Ist das jetzt regelmäßig oder unregelmäßig? Es ist ja schon eine Regel, aber eine der Aussprache und nicht direkt der Deklination.

Laut Wikipedia weder noch. Sie nennen es da „Near-regular plurals”.

Der fast-reguläre Plural.