Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Priwessi or Breiwähsi ?

Hadmut
11.12.2007 18:39

Über die korrekte Aussprache des Wortes ‘Privacy’.

Wie ich schon früher an dieser Stelle erwähnte, war ich vorvergangene Woche in London um zwei Vorträge über Sicherheit zu halten. In denen Datenschutz und Schutz der Privatsphäre auch eine Rolle spielten, ich also das englische Wort ‘Privacy’ gebrauchen wollte. Da stieß ich auf unerwartete Probleme.

Bisher war mir das Wort nur in einer eher amerikanisch orientierten Aussprache geläufig, schön breit wie ‘Breiwähsi’ ausgesprochen (ich könnte ja mal in meinem Blog die Lautschrift in UTF-8 ausprobieren, aber dann beschweren sich die Windows-IE-Benutzer wieder, daß sie nix sehen…).

Nun hatte ich abends im Hotelzimmer den Fernseher an, als irgendwelche Nachrichten und irgendso ein Skandal-Journal liefen, hörte nur halb hin. Irgendwas hatten sie in den Nachrichten und danach mit irgendwelchen behördlich vergurkten Bürgerdaten. Dabei fiel mir auf, daß sowohl der Nachrichtensprecher als auch der Moderator in der Sendung danach mehrfach ‘Priwessi’, mit kurzem, hartem, wie deutsch gesprochenem i, deutsch klingendem e und scharfem c aussprach, ähnlich wie ‘Policy’. Weil es mehrfach von verschiedenen Leuten so kam, irritierte mich das. War ich nicht auf dem aktuellen Stand? Oder wieder ein Unterschied zwischen britischem und amerikanischem Englisch? Wäre das nicht peinlich, wenn ich vor versammeltem Publikum einen Vortrag hielte und nicht wüßte, wie man Privacy überhaupt ausspricht?

Also am späten Abend gleich runter an die Rezeption und zum Concierge und gefragt, wie der Mann von Welt ‘Privacy’ korrekt und gesellschaftstauglich ausspräche. Man war verdutzt.

Ich erläuterte, daß ich es bisher als ‘Breiwähsi’ kannte, die im Fernsehen aber mehrfach ‘Priwessi’ gesagt haben.

Der Concierge war überfordert.

Der von der Rezeption meinte, er kenne den Begriff natürlich, aber habe noch nie etwas anderes als ‘Breiwähsi’ gehört, so wie ich. Ich möge aber bitte Verständnis dafür haben, daß er kein Londoner sei, sondern von außerhalb Londons stamme und täglich pendele. ‘Priwessi’ möge er gar nicht ausschließen, das höre sich für ihn sehr nach Londoner Akzent an. Das mit dem Londoner Akzent sei aber so eine Sache und selbst für Engländer, so sie nicht aus London stammten, nur schwer durchschaubar, weil einem ständigen Wechsel und unvorhersehbaren modischen Strömungen unterworfen. Er hielt ‘Priwessi’ für möglich, aber eine Modeerscheinung. Da auch er als gebürtiger Engländer den Begriff als ‘Breiwähsi’ kenne und nur so aussprechen würde, würde ich als Ausländer mich selbst in London wohl nicht allzusehr damit blamieren, dies hielte sich wohl im Rahmen des Vertretbaren. Britisches Understatement.

Wie ich bereits in einem früheren Blogeintrag beschrieb, mußte ich mich an einem U-Bahnhof einer verdachtsunabhängigen Durchsuchung meiner Tasche unterziehen und führte im Anschluß daran ein ausführliches Gespräch mit einem Polizisten, um mir die Hintergründe und gesetzlichen Grundlagen erläutern zu lassen. Da der Polizist sehr auskunftsbereit war, erkundigte ich mich nach der korrekten Aussprache. Es sei ihm bekannt, daß es da im Raum London unterschiedliche Aussprachen gäbe. Der Begriff würde (auch wenn man es nicht so recht glauben mag) aber auch bei der Londoner Polizei im Dienstgebrauch häufig verwendet, und da würde man einheitlich von ‘Breiwähsi’ reden. Das sei ja auch logisch, denn es käme von ‘private’ was man ja schließlich auch ‘breiwäht’ und nicht ‘priwett’ ausspräche. Auch der Sicherheitsmensch vom King’s Cross Bahnhof hatte von ‘Breiwähsi’ geredet, als ich mich mit ihm unterhielt.

Auf der Konferenz fiel mir dann auf, daß alle anderen Sprecher, Diskutanten und Podiumssitzer stets von ‘Priwessi’ redeten. Scheint wirklich in Mode zu sein. Ich blieb in Einklang mit meiner alten Sprechweise und der Londoner Polizei und blieb bei ‘Breiwähsi’.

5 Kommentare (RSS-Feed)

Jens
12.12.2007 2:30
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(ich könnte ja mal in meinem Blog die Lautschrift in UTF-8 ausprobieren, aber dann beschweren sich die Windows-IE-Benutzer wieder, daß sie nix sehen…).

Kann der kein UTF-8? Hmm, die Seite ist ja schon in UTF-8.

Ich dachte, MS hätte brauchbare Unicode-Fonts?


Jens
12.12.2007 2:32
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In denen Datenschutz und Schutz der Privatsphäre auch eine Rolle spielten,

Und, wie definierst Du Privatheit?


Hadmut
12.12.2007 21:31
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Der Windows-IE kann schon UTF-8. Aber die unter Windows verwendeten UTF-8-Zeichensätze enthalten viel weniger Zeichen als die unter Linux. Viele Zeichen, z. B. einige mathematische Formelzeichen, fehlen da einfach.

Ich hatte schon mal einen Blog-Eintrag mit ein paar Formelzeichen und den unter Linux erstellt. Dachte mir zunächst nichts bei, weil es auf meinem Firefox gut aussah. Unter Windows fehlten dann die Formeln und einige dachten dann, da fehlt was.


Hadmut
12.12.2007 21:42
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Wie ich Privatheit definiere?

Das ist überhaupt nicht einfach.

Ich hab da noch keine konkrete Definition erstellt, bin aber schon etwas von der amerikanischen Sichtweise beeinflusst.

Viele Amerikaner verstehen und Privacy eigentlich nichts mit Daten oder IT, sondern generell das Ungestörtsein, Abgeschiedensein, keiner will was von einem. Hört sich etwas nach Wild-West an, aber genau das sind die Wurzeln.

Es hat mir mal einer so erklärt, daß das eben noch aus der Zeit stammte, als der Osten der USA besiedelt war und die ersten in den Wilden Westen zogen, ohne Recht und Ordnung. Viele Kriminelle (oder auch zu Unrecht verfolgte), auch aus Europa, zogen damals gen Westen einfach weil es da Gegenden gab, in denen einen keiner fand und keiner was von einem wollte. Jeder hatte die Möglichkeit zu entscheiden, daß er von der Zivilisation nichts wissen will und sich irgendwo im Westen eine Blockhütte hinstellen.

Viele Amerikaner verstehen Spam u.ä. eben als einen Eingriff, einen Angriff auf diese Abgeschiedenheit. Im Sinne von “Ich will meine Ruhe und da nervt mich einer” Mit Daten hat das eigentlich gar nicht mal was zu tun, sondern generell mit Störung in der Ruhe.

Deshalb reden Europäer und Amerikaner so oft aneinander vorbei wenn sie von Privacy reden oder wenn Europäer (insb. Deutsche) Datenschutz mit Privacy übersetzen. Das sind völlig unterschiedliche Sachen.

Siehe meinen Bericht aus London über die Durchsuchung in der U-Bahn von kürzlich. Der Engländer hat nichts dagegen, daß man seine Tasche durchsucht, will aber seine persönlichen Daten (Adresse usw.) für sich behalten wegen Privacy.

Ich hab kein generelles Problem damit, einem Polizisten meinen Ausweis zu zeigen, fühle mich aber in meiner “Privacy” verletzt, wenn der mir grundlos in der Tasche rumsucht (oder meine “intimate parts exposed”).

Das ist ein Grund, warum man – auch in der Politik – so oft divergiert was den Datenschutz angeht.

Wie ich das selber definieren würde? Nochmal drüber nachdenken.


Jens
12.12.2007 22:56
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Ich wollte bloß wissen, ob Du vielleicht Defs von Privatheit kennst, die ich noch nicht gefunden habe.

Die beste und nebulöseste ist wohl die von Westin:

However defined — and there are well-accepted
definitional formulations to use — privacy issues are fundamentally matters of values, interests, and power. Everyone’s definition of privacy and the way that definition is applied to real-world conflicts is a function of how each person — whether openly or sub-silento — defines such fundamental matters as morality, culture, associational life, civic and political processes, economic opportunity and justice, the role of government, and the preservation of democratic society.