Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Bewusstsein und Maschinenschreibfehler aus Sicht einer Gehörlosen

Hadmut
4.2.2021 23:57

Ich hatte doch gerade zur Frage nach dem Bewusstsein beschrieben, dass mir beim Maschinenschreiben gelegentlich Schreibfehler unterlaufen, nämlich ganze Silben gegen solche zu vertauschen, die völlig anders geschrieben werden und was anderes bedeuten, aber ähnlich klingen, weil die Bewegungsabläufe offenbar nach dem Klang im Hirn abgespeichert werden, und die Frage gestellt, ob dieser Fehler auch bei von Geburt an Gehörlosen auftreten könne.

Eine gehörlose Leserin hat mir geantwortet.

(Ich finde das so wunderbar: Ich kann die abgefahrensten Fragen stellen, es antwortet immer irgendwer, der das als Beruf oder Behinderung oder Eigenschaft hat, da wohnt oder dabei war oder irgendwas schon mal gemacht hat, und Auskunft geben kann. 🙂 )

Wenn ein GL (Gehörloser Mensch) nie in seinem Leben Melodie, sei es Sprach- oder Musikmelodie, Geräusche im Allgemeinen ect. gehört hat, kann derjenige auch beim Lesen keine so genannte Sprachmelodie mitlesen.

Ihr Hörenden könnt das. Punktpause, Kommapause ect.

Wir leben in einer reinen Augenwelt. Wir fühlen auch, wenn hinter uns eine Fliege fliegt oder sehen Dinge im Raum, die Hörende nicht wahrnehmen.

Da jedes ausgefallene Organ im Körper eines Individuums seinen Ersatz (Unterstützer) sucht und sogar in der Regel findet, ergänzen die Augen und das Körpergefühl die Ohren (das Hören) bei GL`s.

Ähnlich wie bei Nichtsehenden Menschen die Ohren und die Tastorgane (Beispiel: Fingerkuppen) Ersatz (Unterstützer) wird oder bei Menschen mit Amputationen.

Andere Organe werden „Unterstützer“ für das fehlende, ausgefallene Organ.

Wir lesen auch nicht diesen „Unterton“ wie ihr Hörende aus einem Text.

Autisten (Asperger, wie ich) lesen sowieso nur die reine Sachinformation in einem Text. Der Rest wird im Hirn nicht einmal abgespeichert, wozu auch?
Ich persönlich nenne das dann Informationssondermüll. Raus damit aus dem Hirn.

Übrigens: Wenn ich all den Mist den ich lese am Tag auch noch hören müsste, würde ich mich einweisen lassen!

Also: keine Melodien beim Lesen vorhanden und reine Sachinformationen aus einem Text entziehen.

Ich bin übrigens beeindruckt, wie oft mir Asperger unter den Lesern schreiben. Und wie plastisch und klar sie ihre Wahrnehmung erklären. Ich bilde mir zumindest ein, so etwas wie eine gewisse entfernte Vorstellung davon zu entwickeln, wie Asperger die Welt aufnehmen.

Ich hatte schon öfters mal den Gedanken, dass da die Aufnahme von Sozialinformationen, eben diese über den reinen Informationsgehalt übertragene Seitenkanalkommunikation nicht normal funktioniert, eben das, was ich von einer Namibia-Reise als Emotionalsynchronisationsgeplapper beschrieben hatte. Die nämlich hatten nichts zu sagen, schnatterten aber unentwegt, um sich ständig emotional zu synchronisieren und von der emotionalen Gleichschaltung zu überzeugen. Also das genaue Gegenstück zur autistischen Wahrnehmung. Ich hege den Verdacht, dass Autismus seine Ursachen in eben diesen Sozialwahrnehmungsfunktionen stattfindet, die auch über Gesichtsausdrücke, den Tonfall und so weiter übertragen werden. Und damit vielleicht ebenfalls irgendwo im Rudelverhalten oder der funktionalen Nähe zur Amygdala liegen.

Die Kombination aus Asperger und gehörlos ist natürlich wissenschaftlich gesehen etwas schwierig, weil man Symptome womöglich nicht eindeutig zuordnen kann. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein Asperger mit Gehörlosigkeit weit besser klar kommt als andere, ihm weniger „fehlt”.

Sprache ohne Klang wahrzunehmen, ohne die Satzpausen, stelle ich mir als ziemlich anspruchsvoll, schwierig vor, denn zunächst mal fällt mir ein, dass wir in der Schule Vorlesen, Gedichte lernen mussten. Und wenn ich selbst Vorlesungen oder Vortäge gehalten habe, es mir eigentlich immer wichtig war, wie ich etwas sage und betone, und ich eigentlich immer auch Wert auf die Pausen lege. Ich halte Denkpausen für enorm wichtig. Es ist ein Brüller, wenn man vor einem Hörsaal mit aufsteigenden Reihen voller Leute steht, etwas sagt, dann eine Redepause einlegt, die Leute damit zum Nachdenken zwingt, und man dann in ein paar hundert Gesichert guckt und sieht, wie sich dahinter die Zahnräder drehen. Beim einen mehr, beim anderen weniger.

Dass Gehörlose anders kommunizieren, hatte ich mal in einem meiner frühesten Blogartikel beschrieben – den ich gerade aus unbekannten Gründen nicht wieder finde. Ich hatte mal in Karlsruhe mit Informatikerblick beobachtet, wie sich zwei Gehörlose in Gebärdensprache und ziemlicher Hektik und Erregung fürchterlich stritten. Manches sah nach Beleidigungen aus.

Dabei fiel mir auf, dass die etwas können, was andere nicht können: Die streiten in Vollduplex. Das ist eigentlich ein Begriff aus der Kommunikationstechnik und meint, dass man nicht nur in beide Richtungen kommunzieren kann, sondern – im Gegensatz zu Halbduplex – auch gleichzeitig. Wenn zwei Leute persönlich oder am Telefon durcheinander reden, versteht man gar nichts mehr. Gehörlose können das aber. Ich habe seither drauf geachtet. Das machen die alle so. Ich habe auch mal irgendwo eine ganze Gruppe, wohl eine Reisegruppe, Gehörloser gesehen, die alle nur gebärdet haben. Die stehen im Haufen zusammen und quatschen kreuz und quer durcheinander miteinander, alle gleichzeitig, ohne dass es zu Kollisionen kommt. Bei normal gesprochender Sprache braucht es CSMA/CD (das war jetzt ein Insider – heißt eigentlich wie bei manchen Netzwerktechniken, dass jeder zuhört und auch anfängt zu senden, wenn er meint, es ist gerade frei, man für den Fall, dass zwei auf die gleiche Idee kommen, aber eine Kollisionserkennung und ein -auflösungsverfahren hat; brauchte man bei den früheren Ethernet-Techniken, heute durch die Switche nur noch bedingt bzw. in den Switchen. Braucht man aber auch, wenn Leute beeinander stehen und reden wollen.).

Zu Ihren verwechseln der Buchstaben beim Schreiben:

Das ist eine Übermüdung der einzelnen Hirnareale. Menschen haben dann zu viele Informationen im Hirn, die noch nicht sortiert sind, respektive die Grenze der Konzentration auf das jeweilige Thema mit dem man sich beschäftigt ist erschöpft.

Passiert mir mit dem Verwechseln auch ab und zu :)) Kein Grund zur Panik, es ist noch keine Demenz : ))

Panik hatte ich da jetzt nicht, für Demenz habe ich es auch nicht gehalten, vor allem, weil es sich ja nur auf das Maschinenschreiben bezieht.

Aber der Hinweis, dass es sich um ein Ermüdungssymptom handeln dürfte, ist sehr gut. Darauf muss ich mal achten.

Ich danke für den Hinweis.