Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Warum Seenotrettung auf Dauer nicht funktionieren kann

Hadmut
12.7.2019 23:53

Ein wesentliches Detail, [Nachtrag]

auf das mich ein Leser hinweist, nämlich diese Bevölkerungsstatistik. Unbedingt gucken.

Seit 1950 ist die Zahl der Einwohner in Europa zumindest der Größenordnung nach gleich geblieben, von damals 550 Millionen auf 700 Millionen angestiegen.

Afrika dagegen ist von 229 Millionen 1950 (also nicht mal die Hälfte von Europa) stark angestiegen, hatte schon 1995 Gleichstand mit Europa, hat jetzt schon deutlich mehr und liegt bei für 2050 erwarteten 2,5 Milliarden, also fast dem Vierfachen von Europa.

Da wachsen von jetzt bis 2050 den Prognosen nach mehr als doppelt so viel Menschen nach, wie wir in Europa haben.

Und das, obwohl Afrika dreimal so groß ist wie Europa.

Hatte ich vor einiger Zeit schon mal erwähnt.

Übrigens erklärt das ein gewisser Roy Beck in einem Vortrag anhand von Kaugummis auf sehr eindrucksvolle Weise, ein didaktisch wunderbarer Vortrag:

(Hier eine Version mit deutschem Untertitel)

Wie kommt sowas?

Irgendwo in den Tiefen meines (längst massiv geschumpften) Bücherregals habe ich noch ein uraltes Buch: „Zahlenblindheit”.

Da ging es darum, dass manche Teile der Bevölkerung Zahlen nicht mal von der Größenordnung her erfassen können und und völlig darin versagen, auch nur deren Richtung zu verstehen. Es war mal eine Zeit in Mode, in Bewerbungsgesprächen dem Bewerber eine Frage zu stellen, die absurd klang: Wieviele Ping-Pong-Bälle passen in einen VW-Bus? Wieviele Streben hat das Brückengeländer der Brücke da vorne über den Rhein? Und sowas. Fakten, die man unmöglich genau oder überhaupt wissen kann. Es ging dabei nicht um präzise Zahlen, sondern darum, die Leute mal fundiert schätzen zu lassen, das, was man im englischen „educated guess” nennt. Ob die Leute überhaupt in der Lage sind, eine plausible Größenordnung zu finden oder sich völlig verzetteln. Nein, das Brückengeländer hat keine Milliarde Streben.

Es gibt Leute, die kapieren noch das 3 oder 5 oder vielleich auch 50 sind. Aber nichts mehr, was wesentlich darüber liegt. Wenn man denen sagt, da sitzen 50 Leute in einem Schlauchboot und saufen ab, dann kapieren die das, weil 50 noch begreifbar ist. Sagt man denen aber, da sitzt noch eine Milliarde in Afrika rum, dann kapieren die das nicht, weil die sich unter einer Milliarde nichts vorstellen können und auch nicht kapieren, wieviel Schlauchboote man mit einer Milliarde Menschen füllen kann. Ja, dann müssen wir halt noch ein Rettungsboot mehr einsetzen. Oder zwei.

Einfach mal so eine Frage stellen: Wieviel der erwarteten 2,5 Milliarden Menschen wollt Ihr retten? Sagt mal einen Zahl!

Dann rechnet mal um, wie oft so ein Rettungsschiff, das 50 Leute aufnehmen kann, da hin- und herfahren muss. Wenn wir nur eine Milliarde retten wollen, wären das 20 Millionen Fahrten. Nehmen wir an, wir schaffen jeden Tag eine pro Schiff (und brauchen nicht 3 Wochen) und hätten 5 Schiffe, wären wir immer noch 11.000 Jahre beschäftigt.

Wir schaffen es mit solchen Schiffen nicht einmal, die rüberzubringen, die nachwachsen. Ich kenne jetzt die genauen Zahlen nicht, aber in dem Artikel, den ich im älteren Blogartikel zitiert habe, hieß es, dass Afrika um etwa 30 Millionen Menschen pro Jahr wächst. Nach der verlinkten Graphik müsste es etwas mehr sein, weil die sich da in 35 Jahren mehr als verdoppeln, um auf 2,5 Milliarden zu kommen. Aber nehmen wir mal 30 Millionen Menschen pro Jahr.

Macht über 82.000 Menschen pro Tag, um die Afrika wächst.

Und da machen die hier so ein Riesen-Geschiss um ein Rettungsschiff, dass 3 Wochen braucht, um 47 Leute zu retten.

47 Leute in 3 Wochen gerettet, während Afrika täglich um 82.000 wächst.

Leichenbilder.

Könnt Ihr Euch noch an das Foto des Kindes erinnern, das da tot am Strand lag und das überall gezeigt wurde?

In Afrika sterben jeden Tag Menschen. Ich weiß nicht, wieviele, aber bei einem Bestand von 1 Milliarde Menschen dürften es schon bei westlicher Lebenszeit etwa 40.000 Menschen pro Tag sein.

Es sind aber viel mehr. In Afrika sterben nämlich auch ganz viele Kinder, weil die eine enorm hohe Kindersterblichkeit haben, wie eben häufig bei traditionell lebenden Völkern. Da bekommen die Frauen gerne auch mal 10 oder 20 Kinder, damit die Population nicht einbricht. Von denen dann viele sterben, bevor sie groß sind.

Wenn man sagt, dass Afrika täglich um 82.000 Menschen wächst, dann sagt das noch nichts über die Zahl der Geburten und Todesfälle. Das ist nur die Differenz zwischen beiden. Weil da aber die Sterblichkeit ziemlich hoch ist, heißt das, dass es viel mehr Geburten und Todesfälle sind, als man in westlichen Gesellschaften damit verbinden würde. Die sind ja in vielen Gegenden ständig schwanger. Ein Leser schrieb mir mal, dass sein Freund als Arzt in der Ausbildung ein Jahr irgendwo in Afrika war, was ja viele Ärzte machen, um mal wirklich mit Krankheiten, Fehlbildungen, Behinderungen zu arbeiten. Eines Tages sei eine Frau Anfang 40 in ihr Krankenhaus gestürzt, die um ihr Leben schrie und meinte, sie verblute, sie müsse jetzt sterben, man solle ihr doch helfen. Natürlich haben sich die Ärzte notfallmäßig auf sie gestürzt, sie untersucht, und kamen zu dem Ergebnis, dass sie nichts hat und gesund ist. Das mit dem Verbluten, das sei eine normale Menstruation. Keine Gefahr. Warum sie denn das nicht wisse, fragten sie erstaunt. Sie wusste es nicht, weil es ihre erste war. Die Frau war seit Beginn ihrer Fruchtbarkeit pausenlos schwanger gewesen. Irgendwo gab es mal einen Bericht über eine Frau mit über 30 Kindern, und irgendwo, ich weiß nicht, ob es dieselbe war, eine Frau, die mehr Kinder hatte als sie an Jahren alt war. Alle 9 Monate, dazu ein paarmal Drillinge und Vierlinge.

Die sterben reihenweise weg. Es gibt Gegenden in Afrika, in denen die Leichen einfach so rumliegen und vergammeln.

Ich hatte mal einen Artikel über einen Friedhof in Windhuk (Namibia) geschrieben, weil das strunzdumme ZDF jammerte, dass die Weißen da schöne, gepflegte Friedhöfe haben, während die Schwarzen ihre Toten da in völlig ungepflegt verscharren müssen. Die Realität ist aber: Es interessiert die nicht. Die verstehen überhaupt nicht, warum wir da so einen Leichenkult betreiben. Die trauern zwar und gedenken ihrer Toten, aber nur der Erinnerung. Die Leiche interessiert sie nicht, die wird vergraben und fertig. Da kommt auch keiner mehr, um sich das Grab anzuschauen. Warum? Na, weil sie so viele Tote haben. Die hätten gar nicht die Zeit, sich da noch um jede Leiche zu kümmern und Lebenszeit dafür zu verbraten.

Wenn aber ein einzelnes totes Kind, wie in Afrika schätzungsweise jede Sekunde eines stirbt, an einem europäischen Strand liegt, dann ist Weltuntergang.

Irgendwie sind die Gutmenschen hier total zahlenblind. Die denken, da sitzen ein paar Verzweifelte im Hafen, und wenn wir ab und zu mal ein Schiffchen rüberschicken, dann ist schon alles gut.

Es hat auch damit zu tun, dass es uns zu gut geht. Der normale Bürger hier sieht nie eine Leiche. Oder wenn, dann den aufgebahrten Opa bei der Trauerfeier im besten Anzug.

Eine Generation über mir war das anderes. Ich habe meinen Vater und Leute ähnlichen Jahrgangs noch erzählen gehört, dass es im Krieg ganz normal war, dass da viele Leichen rumlagen und sie auch tote Russen aus der Elbe gezogen haben. Leichen in Afrika sind nichts besonderes. Und aus Indien (da war ich noch nicht) wurde mir erzählt, dass man da für manche Gegenden auch recht hart gesotten sein müsse, weil da überall Leichen rumliegen und man auch im Ganges, in dem sich alle waschen, des Öfteren eine vorbeischwimmen sieht.

Kurioserweise ist das Theater aber nicht auf einige wenige Gutmenschen beschränkt.

Die Presse macht da voll mit. Ein Foto eines toten Kindes, und alle drehen durch.

Einfach mal so eine Neujustierung, dass jeder, der sich mit Afrika abgeben will, da rein statistisch arbeiten muss und sich nicht über ein totes Kind oder auch mal 50 Ertrunkene aufregen kann, weil das da erstens normal, zweitens statistisch belanglos und drittens sowieso bedeutungslos ist, weil da jeden Tag 80.000 nachwachsen, ist nicht drin.

Freilich ist das schlimm, wenn ein Kind ertrinkt.

Aber wer damit schon rational-emotional überfordert ist, der sollte lieber in einer Dorfidylle bleiben, in der sowas vielleicht alle 20 Jahre einmal vorkommt, und sich mit Afrika erst gar nicht befassen.

Vor allem sollte er besonders davon absehen, Nachrichtensendungen zu machen.

Übrigens sterben in Deutschland an einem Tag weitaus mehr Menschen am Rauchen. Oder im Straßenverkehr. Und das juckt auch keinen.

Nachtrag: Ach, ein dynamischer Afrika-Zähler:

(Leider keine JavaScript-Zählmaschine, sondern nur ein Screenshot-Video)

Wenn man sieht, wie die da nachwachsen, und wie winzig Deutschland im Vergleich ist, dann merkt man, dass das nie und nimmer funktionieren kann.