Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Flugangst

Hadmut
6.5.2019 18:49

habe ich eigentlich nicht. Bis auf einen bestimmten Ausnahmefall.

Ich habe nur einen Horror, was das Fliegen angeht (und auch schon gelegentlich im Blog erwähnt): Im Notfall nicht rechtzeitig rauszukommen, weil die Leute zwanghaft ihren ganzen Mist mit rausschleppen wollen und nicht zügig das Flugzeug verlassen.

Ich habe mal irgendwo Bilder von einer bruchgelandeten Maschine gesehen, schon lange her, eine von denen, bei denen es Notausgänge über den Tragflächen gibt und man da erst mal auf die Tragflächen läuft und dann von dort aus weiter runter. Soweit ich weiß, sind dann die Notrutschen so gebaut, dass sie erst auf die Tragflächen ausklappen und von dort dann runter gehen. Da standen Leute mit zwei großen Koffern, in jeder Hand einen, auf der Tragfläche. Die sind nicht in der Lage, die Prioritäten einzuschätzen.

Ich habe auch schon so viele Leute erlebt, die schon unter normalen Umständen schlicht zu dumm sind, ihr Gepäck vernünftig zu verstauen oder sich überhaupt nur auf den richtigen Sitzplatz zu setzen. Die intellektuell-charakterlich schlicht nicht in der Lage waren, sich einfach auf den Platz zu setzen, der auf ihrer Bordkarte steht, und dort mal für eine Stunde sitzen zu bleiben, weil die Freundinnen unbedingt beisammen sitzen wollen. Oder wenn dann noch die Mentalitäten mancher Kontinente dazukommen, alles erst mal zu palavern und Geschrei zu machen.

Druckabfall, Turbinenbrand, Softwaremängel, das schreckt mich alles nicht so wie die Vorstellung, im Notfall nicht an den Idioten vor und hinter mir vorbeizukommen, die schon mit regulärem Ein- und Aussteigen überfordert sind. Mein Horror wird genährt durch die Beobachtung gewöhnlichen Straßenverkehrs. Leute, die eben noch leidlich bis passabel Autofahren konnten, verlieren die Fähigkeit innerhalb einer halben Sekunde, wenn Blaulicht und Martinshorn vorbeikommen. Plötzlich nicht mehr in der Lage, einem Rettungswagen oder Feuerwehrauto einfach Platz zu machen. Manche können dann gar nichts mehr und stellen sich irgendwie quer oder hochkant und verkeilen sich vor Schreck so, dass gar nichts mehr geht. Andere machen mehr so die coole Yuppie-Version und fahren so angedeutet an den Straßenrand, stellen sich aber letztlich nur etwas schräg, so dass sie in der Breite sogar mehr Platz blockieren, als hätten sie gar nichts gemacht. Weil die nur vorne ihre Motorhaube sehen, aber nichts von dem, was hinter ihren Schultern passiert. So wie Leute in der U-Bahn, die alle anderen mit ihren Rucksäcken anrempeln oder im Weg stehen, weil sie außerhalb des Sichtfeldes kein Vorstellungsvermögen haben, schon gar kein räumliches. Und das einfach nicht kapieren, dass ihr Rucksack nach hinten absteht.

Oder die, die glauben, sie sind allein auf der Welt und sich da im Flugzeug erst mal ihr Wohnzimmer einrichten.

Oder generell diese krankhaften Egoisten, denen ihre Tasche einfach näher ist als das Leben anderer.

Mein Flughorror, mein einziger Flughorror, ist die Irrationalität der Leute. Nicht abzustürzen, sondern den Absturz zu überleben und nicht rauszukommen, weil die Leute einfach zu dämlich sind.

Dazu gehört, dass die Leute absichtlich Gänge und Wege blockieren, um erst mal den ihrer Meinung nach Wichtigeren den Weg freizuhalten, auch wenn dadurch Zeit vergeudet wird, weil die noch nicht wollen oder können. Und eben die, die dann ihre Koffer und Taschen aus den Fächern holen und damit den Web blockieren oder drüberfallen. Menschen mit Koffer sind der Horror.

Warum ich das jetzt schreibe?

In Russland ist doch gerade eine brennende Maschine notgelandet. 41 Tote.

Und es sieht gerade so aus, als wäre ein Teil der Leute gestorben, weil die vorne den Weg blockiert haben, weil sie ihr Gepäck rausnehmen wollten oder rausgenommen haben.

Die Notrutschen seien nicht zügig und durchgehend benutzt worden, sie hätten zwischendrin immer wieder Lücken gezeigt. Zeugen hätten gesagt, dass die innen versuchten, ihre Koffer rauszuholen. Und es seien Leute mit Koffer auf der Notrutsche gesehen worden.

Genau so habe ich mir so eine Bruchlandung immer vorgestellt. Leute, die die Ausgänge blockieren, weil sie ihr Gepäck mitnehmen wollen.

Zu der Notwasserung im Hudson in New York hatte ich damals gelesen, dass das Flugzeug vorzeitig abgesoffen ist, weil eine Passagierin durchgedreht hat. Bei einem Flugzeug im Wasser öffnet man nur die vorderen Türen, weil die hinteren teilweise unter Wasser liegen und da dann das Wasser reinläuft und das Flugzeug viel schneller absäuft. Die Stewardessen haben das auch richtig gemacht, aber sie konnten eine Passagierin in Panik, die sie bekam, weil es nicht schnell genug nach vorne rausging, nicht davon abhalten, eine der hinteren Türen aufzumachen, weshalb das Flugzeuge dann schnell voll Wasser lief. Aber das kann man immerhin noch unter Panik und Lebensangst verbuchen.

Leute, die dann, wenn das Flugzeug brennt, noch ihre Koffer mit den Unterhosen mit rausnehmen wollen und ein normales Aussteigen veranstalten, sind einfach nicht in der Lage, die Notsituation zu erfassen.

Ich habe den Eindruck, dass es ein Luxusproblem ist.

Leute sind heute komplett in Sicherheit aufgewachsen, kennen Gefahr nur aus dem Fernsehen.

Das ist etwas, was uns viele Flüchtlingskinder voraus haben: Wenn’s irgendwo kracht, sind sie sofort unter dem Tisch, haben gelernt, sich in Sicherheit zu bringen. Und nicht erst mal blöd zu gucken und zu filmen.

Irgendwo habe ich mal einen Artikel darüber gelesen, welches eigentlich die sichersten Plätze im Flugzeug sind. Es gibt Unfälle, da ist es vorne besser. Es gibt Unfälle, da ist es hinten besser. Es gibt Unfälle, da ist es in der Mitte besser. Im Durchschnitt ist es hinten etwas besser. Wichtig sei aber eigentlich nicht, ob man vorne oder hinten sitzt. Sondern wie weit man vom nächsten Notausgang weg sitzt. Nur die, die direkt dran sitzen, hätten ordentliche Chancen, noch rauszukommen. Alle anderen würden in Panik und Gepäckchaos übereinander fallen. In meiner Vorstellung gibt es in brennenden Flugzeugen dann noch Schlägereien, wer rausdarf und wer wen durchlässt oder den Weg frei macht.