Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Ausstellung: Deutscher Kolonialismus

Hadmut
6.5.2017 21:30

Ich war gerade dort.

Ein Leser hat mich schon ein paarmal aufgefordert und erinnert, mir doch die Ausstellung „Deutscher Kolonialismus“ im Deutschen Historischen Museum mal anzuschauen. Ich weiß zwar eigentlich nicht, warum ich da hin soll, aber andererseits bin ich ja begeisterter Museumsgänger. Ich liebe Museen. Naja, sagen wir manche. Nicht alle. Und weil ich das jetzt seit Monaten vor mir herschiebe und diese Sonderausstellung in einer Woche schließt, war ich dann jetzt doch mal da.

Mit 8 Euro fand ich sie zu teuer. Eigentlich hat das Museum ja drei Ebenen für drei Ausstellungen, aber zwei waren gerade wegen Umbau geschlossen.

Kolonialismus ist ein schwieriges Kapitel. Da kann man leicht dran scheitern. Und sie sind dran gescheitert.

Zunächst findet man eine ganze Reihe von Ausstellungsstücken (von denen mir eins sogar gefallen hat, nämlich eine über 100 Jahre alte lustige afrikanische Schnitzerei eines deutschen Offiziers, der aussieht, wie aus einem Comic), die aber eher lieb- und zusammenhangslos drapiert sind. Bilder, Gewehre, mal in „Deutsch-Südwestafrika“ (heute Namibia), mal in China.

Einen geschichtlich historischen Zusammenhang habe ich da nicht entdeckt. So in der Art von: Warum haben die das gemacht, was wollten die da, hat’s funktioniert? Das habe ich aber nicht gesehen.

Einige Fotografien, sogar teils stereographisch, Gegenstände, Uniformstücke, sogar alte Schallplattenaufnahmen mit Ton, und die zentrale Botschaft: Die Deutschen sind da hin, haben die Herero und Nama totgeschossen und verhungern lassen, wurden von den Südafrikanern vertrieben, und das war’s auch schon. Die Deutschen waren schon immer Rassisten, auch vor dem dritten Reich schon. Ende der Durchsage.

Da ist zwar schon was dran, aber so einfach ist es dann halt auch wieder nicht.

Als ich da in Namibia war, habe ich davon auch so manches mitbekommen. Eigentlich haben sie da keine große Nummer draus gemacht. Man stößt immer wieder mal drauf, aber es war eher ein Rand-Thema. Wir waren mal auf einer Farm, auf der wir zu einem Stein- und Pflanzenfeld geführt wurden, um uns das da anzuschauen. Auf dem Fußweg dahin kamen wir zweimal an einzelnen Gräbern vorbei, die ziemlich willkürlich und unmotiviert einfach in der Natur oder auf dem Feld irgendwo mittendrin rumstanden. Grabstein mit deutschem Namen und Dienstgrad. Der Farmer erklärte, das seien Angehörige dieser „Schutztruppe“ gewesen, die – ich weiß es nicht mehr genau, aber ich glaube – beim Kampf mit den Südafrikanischen „Befreiungstruppen“ vor rund 100 Jahren getötet wurden. Damals sei es üblich gewesen, solche Leute an genau der Stelle zu begraben, an der sie gestorben sind. Egal wo. Da ist er tot umgefallen, also wird er da vergraben. Je nach Dienstgrad noch ein Grabstein. Deshalb findet man da in manchen Gegenden immer wieder mal einfach irgendwo in der Natur so ein einzelnes altes Grab.

Nur so ganz eindeutig kam mir das mit den Kriegsverbrechen da jetzt auch nicht vor.

Denn Swakopmund ist nicht nur das mit Abstand schönste und aufgeräumteste Städchen, das ich dort gesehen habe (Windhoek hat zwar auch ein paar sehenswerte Stellen, kam mir aber doch eher so mmh vor). Es ist auch ziemlich deutsch. Deutsche Sprache, deutsche Straßennamen, deutsche Preisschilder beim Friseur, deutsche Bezeichnungen an Behörden. In den Buchgeschäften das Kochbuch von Horst Lichter. Und es wird erklärt, dass die Tracht der Herero, in der man dort übrigens sehr viele Frauen sieht, die sie stolz tragen (die einzige mir bekannte Tracht, die nur Frauenbekleidung umfasst), Ergebnis einer List eifersüchtiger Siedlerfrauen sei, die nicht ertragen konnten, dass da so viele nackte gutaussehende Frauen herumlaufen, und sich im Klaren waren, dass da mit direkten Verboten nichts zu machen war. Also haben sie den Herero-Frauen das Nähen beibegracht und ihnen Stoffe und Nähmaschinen geschenkt. Seitdem laufen sie angezogen herum und sehen (bis auf den eigentümlichen Kopfputz, der an die Rinder der Herero erinnern soll) aus wie europäische Missionarinnen des 19. Jahrhunderts. (Freilich knallbunt in allen Farben, was die Farbenindustrie hergibt.) Beides erscheint mir etwas seltsam vor dem Hintergrund des Völkermordes. Zumal ich jetzt auch mehrfach gelesen habe, dass die „Befreiiung“ durch Südafrika da jetzt auch nicht so als Verbesserung angekommen sein soll, denn da wurden sie dann auch nur als Provinz Südafrikas angesehen und bekamen die Apartheid, und mussten sich dann von denen auch erst befreiien. Ich will damit nichts schmälern und nichts beschönigen. Ich will nur sagen, dass es mit so einer Ausstellungsstück-orientierten Darstellung nicht adäquat darstellbar ist und die Sache zu sehr vereinfacht. (Und dann an manchen Stellen noch mit „einfacher Sprache“ kommt.) Man kann Verbrechen nicht vereinfachen, damit man sie leicht und allgemeinverständlich darstellt, weil man sie damit verändert, und einen Verbrechensvorwurf kann man einfach nicht verändert erheben.

Einen interessanten Punkt habe ich dabei gefunden. Allerdings anders, als die das gemeint haben. Es gibt da wohl ein (mir bisher nicht bekanntes) sehr bekanntes Foto, das wohl 1907 im Zeitraum des Völkermordes an den Herero aufgenommen worde (worden sein soll, anscheinend weiß man nämlich gar nicht so genau, wer das Foto wann und wo und bei welchem Anlass gemacht hat), und in einer Vitrine verschiedene Bücher und Poster, sogar aus verschiedenen Ländern, brachte, die alles das gleiche Bild (teils mit wegretuschiertem Hintergrund, und ich hatte den Eindruck, dass man die Rippen mitunter nachdträglich mit stärkerem Kontrast aufgepinselt hatte) zeigten. Das ist nicht so verwunderlich, weil es um 1900 noch nicht so wirklich viele Fotografien aus Afrika gab, aber das Bild wurde zur Pressememe über die Untaten deutscher Truppen, und genau da hätte man eigentlich einhaken müssen und da mal die Frage stellen, was recherchiert und was abgeschrieben war, ob das nicht eine der frühen Progaganda-Aktionen aus der Frühzeit der professionellen Fotografie war. Wenn da einer vom anderen abschreibt und alle – beim damaligen Stand der Technik eine ordentliche Leistung – das gleiche Bild bringen, obwohl man die Herkunft nicht so genau kennt, wäre vielleicht etwas Vorsicht angebracht. Gerade heute, wo man doch ständig auf ungenaue Berichterstattung schimpft.

Und um zu belegen, dass in Deutschland wirklich alles so total rassistisch war, haben sie noch Werbeplakte von Sunlicht aus Mannheim.

Man sieht, gezeichnet, eine Frauenhand von links unten und eine Männerhand von rechts oben, in der Mitte eine Packung Waschmittel. Dazu die Erklärung, dass das rassistisch wäre, weil die saubere weiße Frau dem knorrigen schwarzen Mann Seife gibt, damit der sich wasche. Was ich nicht nachvollziehen kann. Denn erstens sieht man bei den Händen kaum Helligkeitsunterschied, mir scheint die Hand auch die eines Weißen zu sein (aber Männer arbeiteten um 1900 mehr draußen als Frauen, waren also ohnehin etwas dunkler als Frauen, zumal man von der Frauenhand die Innenhand, vom Mann die Außenhand sieht). Besonders aber aufgefallen ist mir, dass nach meinem Eindruck die Männerhand der Frau das Waschmittel gibt und nicht die Frau dem Mann. Warum auch sollte man um 1900 einem Mann Wäsche-Waschmittel geben?

Auf einem zweiten Poster, wieder Sunlicht, sieht man nur eine Frau, die gerade dasteht und ein blütenweißes Kleid trägt. Wieder die Beschreibung, dass das rassistisch wäre, weil da weiß mit sauber und rein assoziiert wäre. Kann ich wieder nicht nachvollziehen, denn dass man in einer Waschmittelwerbung (insbesondere um 1900 oder wann auch immer das war, jedenfalls vor Erfindung des Color-Waschmittels) ein weißes Kleid zeigt, liegt mir in der Natur des Produkts begründet. (Ich bin mit „Dash wäscht so weiß…“ und „Der weiße Riese“ aufgewachsen.) Das war nun mal damals die wichtigste Aufgabe eines Waschmittels, weißes fleckenfrei weiß zu kriegen. Alle wichtige Wäsche war damals weiß. Und in vielen Ländern gibt man eben auch heute noch Bleichmittel in das Waschmittel, nicht aus rassistischen Gründen, sondern damit die Flecken rausgehen.

Ein drittes Bild, so eine abstrakte Figur mit Faltenröckchenansätzen verteilt Seifenpulver über eine Erdkugel. Seife von Deutschland in die Welt zu exportieren wird als rassistisch angesehen. Man unterstelle sowas wie, dass die sich dort nicht waschen könnten. Und die Faltenröckchenansätze seien an Josephine Baker angelehnt. Selbst wenn: Warum sollte es rassistisch sein, einen Weltstar zu zitieren? Wobei mir gerade so auffällt, dass Josephine Baker erst 1906 geboren war, da kann also sowieso irgendwas nicht stimmen. Ich hätte mir das vorhin genauer notieren sollen. Abfotografieren ging leider nicht, war nicht erlaubt.

Und dann ganz groß der Sarotti-Mohr, erfunden, weil die Firma damals in der Mohrenstraße gewesen sei.

Wieso jetzt eigentlich rassistisch?

Als ich Kind war, war der Sarroti-Mohr noch hochaktuell. Und äußerst positiv angesehen, sonst hätte es ja nicht als Werbung getaugt. Ich bekam nur ganz selten Sarotti, die war zu teuer. Für gewöhnlich musste ich mich mit Milka begnügen. Erstens dachten wir damals wirklich nicht, dass die alle so aussehen. Zweitens war das Bild nicht rassistisch, sondern hochangesehen und von der Überzeugung getragen, dass der kleine schokoladenfarbige Kerl einfach die beste Schokolade macht. Und drittens hatten sie da aus Metall den Original-Sarottimohren aus den 50er Jahren, der damals über dem Firmeneingang prangte. (Guckt Euch mal diese Werbung an. Alberner als das HB-Männchen ist die auch nicht, aber man freut sich doch ausdrücklich darüber, dass der Sarotti-Mohr da ist.) Und ich fand diese Figur sehr gelungen, der sieht wunderbar und nett aus. Und das war einfach der Stil der Zeit (Kennt Ihr noch Lurchi und Unkerich von Salamander?)

Mag sein, dass der Sarotti-Mohr aus der Kolonialzeit hervorgegangen ist, aber den als Beleg für latenten Rassismus herzunehmen, erscheint mir doch sehr an den Haaren herbeigezogen und damit eher als Beweis dafür, dass man nichts Überzeugenderes hat, als wirklich überzeugend zu sein.

Und da hatten sie noch eine Ecke zu Berliner Straßennahmen von heute, Mohrenstraße und zwei nach Kolonialverbrechern benannte Straßennamen. Udn die Forderung, sie nach afrikanischen Freiheitskämpfern umzubenennen. Und diese Verbindung von aktueller linker Politik mit 100 Jahre altem Kolonialismus hat das für mich dann ziemlich unglaubwürdig gemacht. Da entstand der Eindruck, dass das alles durchpolitisiert und extrem selektiv dargestellt wurde, dass es wieder mal um „alles Rassisten“ ging.

Dann hatte ich noch ein persönliches Ärgernis, denn in einer Ecke hatten sie drei Bildschirme mit drei Kopfhörern, auf denen drei Filme liefen. Ich wollte mir den mittleren ansehen, eine Sendung aus den 60er Jahren („Heia Safari“), in der es darum ging, dass die Kolonialidylle, die man damals zeichnete, erstunken und erlogen war (Propaganda und so). Nur: Setzen ging nicht, weil sich eine alte, eigentlich nicht zu dicke, Frau sich so breit gemacht hatte, dass sie zwei Plätze belegte, und das Kopfhörerkabel so kurz war, dass hinter der Bank zu stehen auch nicht so wirklich ging. Dann legte sie irgendwann ihren Kopfhörer weg, blieb aber ostentativ sitzen, währen von links noch ein Neuer hinzudrängte, um ihren Kopfhörer zu nehmen, und sich direkt vor „meinen“ Fernseher stellte. Als ich die Frau ansprach, dass es nett und angemessen wäre, die Sitzplätze zweckgemäß denen zu überlassen, die die Filme sehen wollten, wurde sie auslandend pampig, und töberte szenenhaft, dass sie gestern schon dagewesen sei und jemand anderes sie nicht habe sitzen lassen. Deshalb wolle die ausreichende Gerechtigkeit und sei heute da, um die Plätze für sich zu beanspruchen und auch mal jemandem wegzunehmen. Leute gibt’s…

Und dann habe ich doch noch was gefunden, was mir (neben der geschnitzten Figur) wirklich gut gefiel. An anderer Stelle lief auf einem kleinen Mini-LCD mit Kopfhörer ein Film über „Radi-aid“ und Africafornorway.com, samt ausgestelltem goldenem Heizkörper, in der sich afrikanische Künstler satirisch (und gut gesungen) darüber auslassen, dass die europäischen Gutmenschen-Charity-Aktionen wie Live Aid immer ein völlig stereotypisch-albernes Hilfe-Bild darstellen. Deshalb spotten sie zurück, dass Afrika nun Norwegen helfen müsse. Da sei es so bitter kalt und in Afrika hätten sie doch genug Wärme für alle, dass sie was spenden müssten und ihre Heizkörper nach Norwegen schicken.

Gibt noch mehr Videos, etwa hier und hier.

Was ziemlich direkt mitteilte, dass sie das aktuelle Gutmenschengehampel als den Kolonialismus unserer Zeit ansehen. Da sollte man mal drüber nachdenken. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass ein ordentlicher Umgang mit den Leuten heute wichtiger sein könnte als das, was vor 100 Jahren war.