Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die TAZ dreht durch

Hadmut
10.4.2017 0:00

Journalisten am Rande des Wahnsinns.

Die Frage ist, auf welcher Seite des Randes.

Ich hatte ja vorhin schon den Artikel über diesen feministisch-dämlichen Beschimpfungs-Bot „Judith Botler“, der behauptet, zur TAZ zu gehören.

Jetzt schreibt sie (in Übersetzung aus Le Monde diplomatique) bzw. der Autor Geert Lovink: Die Filterblasen müssen platzen – ein Gejammer über die Depressionen, die einsetzen, wenn man merkt, dass das Internet was Maschinelles und nicht das Soziale ist.

Informatiker wissen, wie das Internet von innen aussieht. Sie haben’s gebaut. Kabel, Protokolle, IP-Adressen, TCP, DNS, Server, Prozesse, Dämonen, Daten, Rechenzeit, Rechenzentren, Stromversorgung, Ausfälle. Ein Haufen Technik. Da lebt nichts. Man kann es verwenden, um mit Lebenden zu kommunizieren, aber es lebt nicht. Es ist so technisch wie eine Kaffeemaschine oder ein Kopiergerät. Das Internet ist eine Maschine. Nicht mehr, nicht weniger. Fertig.

Viele Leute, die keine Informatiker sind, wissen das auch, mehr oder weniger.

Und es gibt Leute, die es nicht wissen. Vor allem Feministinnen, Journalisten und Politiker. Die meinen, Internet und Social Media wäre das gleiche und sowieso alles weiblich. Oder zumindest Neuland. Und für die das ganze Internet eigentlich im Bereich der Mythologie und der Animismen liegt. Und Algorithmen das Böse verkörpern wie Atomkraft.

Und so kam es, dass sie sich alle mit dem Internet beschäftigten, stundenlang, tagelang, jahrelang. Gut, das tun Informatiker auch, aber ich technischen Sinne. Sie aber nahmen es im sozialen Sinne, als Sozialprothese. Und als jetzt die ersten merken, dass das mit den Social Media ungefähr so sinnvoll ist wie Liebesgeflüster mit einer Parkuhr (Stand April 2017, ich bin mir sicher, dass Parkuhren in Kürze auch die Dialogfähigkeiten von Googles Alexa und das Einfühungsvermögen von Weizenbaums Eliza haben werden, und man ausgiebige Gespräche mit ihnen führen kann, bis die Parkzeit abgelaufen ist. Der Spruch „Hier haste nen Groschen, erzähl’s der Parkuhr“ wird für die Generation der Millenials nur wegen des absurd niedrigen Preises ungewöhnlich erscheinen. Psychotherapie ist in den USA ein Milliardengeschäft und wird demnächst garantiert durchdigitalisiert und automatisiert, Elizas Urenkelin sozusagen. Aber noch sind wir nicht so weit.)

Und als die Leute merkten, dass Computer keine Menschen sind, setzten bei ihnen schwere Depressionen ein.

Darüber schreibt nun die TAZ.

Nach der Euphorie über das Internet folgt die Depression. Statt Befreiung schafft es Leere. Der Widerstand dagegen könnte uns der Revolution näher bringen.

Enttäuschte Liebe.

Was aus Partnerschaften eben so wird, wenn der Sex nicht mehr so gut ist. Natürlich gibt es inzwischen digitale Dildos, aber wenn in einer Partnerschaft der Dildo das noch beste ist…

Die Ernüchterung über das Internet ist eine Tatsache: Aufklärung bringt uns nicht Befreiung, sondern Depression. Die einst märchenhafte Aura, die unsere geliebten Apps, Blogs und so­zia­len Medien umgab, hat sich aufgelöst. Swipen, Teilen und Liken fühlt sich an wie seelenlose Routine. Wir haben zwar schon angefangen, uns zu entfreunden und zu entfolgen (unfollow), aber wir können uns nicht leisten, unseren Face­book-Account zu löschen, das wäre sozialer Selbstmord. Wenn Wahrheit das ist, was die meisten Klicks produziert, wie Evgeny Morozow behauptet, scheint ein genereller Klick-Streik die einzig mögliche Option zu sein. Da der nicht stattfindet, fühlen wir uns gefangen.

Sie werden Depressiv, wenn man ihnen sagt, dass das nur Maschinen sind. Sie dachten, das Internet ist so ein großes weibliches Kollektiv. Der große Sozial- und Emotionalozean. Dabei war es nur eine Sozialprothese. Früher haben sie geraucht, um sich ihr Belohnungszentrum im Hirn zu reizen und soziales Wohlverhalten vorzugaukeln, jetzt haben sie sich die große Software-Sozialprothese reingeschoben, und irgendwann war sie abgewichst. Facebook ist ja nichts anderes als eine Art große Sozialprothese für Leute, die nicht sozial sind.

Die Frage ist, wie sich diese Unzufriedenheit in der gesamten Architektur des Internets niederschlagen wird. Werden wir eine Renaissance lokaler und regionaler Netzwerke erleben, da die Globalisierung als Organisationsprinzip unter Beschuss steht? Was ist Techno-Reue?

Renaissance lokaler und regionaler Netzwerke?

Früher hatte man direkten Kontakt zu Freunden, Nachbarn, Kollegen. Sind ausgerechnet die, die sich für die Obersozialen hielten, die sozialen Analphabeten, und am Ende ausgerechnet die, die man immer als kontaktunfähige Nerds hinstellte, die einzigen, die schon immer wussten, dass das alles nur Maschine und Simulation ist?

Ich musste mal vor über 10 Jahren in einer meiner früheren Tätigkeit eine Wochenendbereitschaft im Außendienst für eine andere Abteilung übernehmen, weil zuviele Kollegen krank und in Urlaub waren. Natürlich ging was kaputt, ein Netzwerkswitch in einer Bank, der den Geldautomaten mit dem Banknetz verband. Also am Samstag nachmittag mit einem Ersatzgerät hingefahren, in die – schon geschlossene – Bank rein, und an der Rückseite des Geldautomaten herumgebaut. Als vorne Leute Geld abheben wollten, rief ich von hinten nach vorne durch, dass es noch 5 Minuten dauert, bis der Automat wieder funktioniert. Die dachten wirklich, der Automat spricht mit ihnen und sie könnten mit ihm verhandeln und ihn überreden, das Geld doch schneller herauszurücken. Als ob der Automat lebte oder da einer drinsitzt. Es ist ja schon absurd, wenn Leute ihren Hund wie einen Menschen behandeln. Schlimmer, wenn sie ihren PC oder einen Geldautomaten wie einen Menschen behandeln. Aber das Internet…

In den Post-Brexit und Trump-Ereignissen gibt es keine Chronologie, keine Entwicklung, keinen Anfang oder eine Mitte, geschweige denn ein Ende. Nur die Intensität des sich ewig wiederholenden Jetzt. Was passiert, wenn die Aufregung der Informationssättigung in ein tiefes Gefühl der Leere umschlägt? Wenn wir über diesen Punkt hinaus sind, wird das Digitale weder verschwinden noch wird es sich materialisieren. Die niemals endenden Ströme kulminieren nicht mehr in einem altrömischen Spektakel. Stattdessen erfahren wir das Simulakrum als vorrangige Realität.

Die tausend Plateaus (nach Deleuze und Guattari) der Tweets, Blogs, Instagram- und Facebook-Postings schaffen eine Kultur der tiefen Verwirrung. Fragmentierung und Vielfalt hätten uns bereichern sollen. So wie es ist, war es nicht geplant. Ist das die „Differenz“, die wir einmal angestrebt haben?

Äh…ja. Das ist dann der Punkt, an dem man die Leute zu der Sorte Arzt mit lustigen Pillen und geschlossenen Türen schickt.

Hat man in Trump eine Projektionsfläche für den eigenen Wahnsinn gefunden? Es gibt Tiere, die nicht verstehen, dass sie im Spiegel nur ihr Spiegelbild sehen, und es ständig angreifen. Gibt es Leute, die vor dem Spiegel (ich meine jetzt nicht die Zeitschrift, ich rede hier von der TAZ) stehen und ihr Spiegelbild „Du Idiot!“ anbrüllen? Sind das dieselben, die ihre Dummheit für Trump-Ereignisse halten?

Unsere Social-Media-Wut ist nicht nur ein pathologischer Zustand von wenigen; sie gehört zur conditio humana. Es herrscht geistige Erschöpfung (#sleepnomore). Mit leeren Händen diskutieren wir über eine machtlose Database-Kritik nach der anderen. Um es in räumliche Begriffe zu bringen, der Cyberspace hat sich als ein Raum entpuppt, der ein Haus enthält, das eine Stadt enthält, und ist in eine flache Landschaft kollabiert, in der sich die geschaffene Transparenz in Paranoia verwandelt. Wir sind nicht in einem Labyrinth verloren, sondern ins Offene geworfen, beobachtet und manipuliert, ohne irgendeine Kommandozentrale in Sicht.

Sag ich nicht immer, lasst die Finger von den Drogen?

Sie haben sich mit all ihren Neurosen, Psychosen, Paranoien ihren eigenen Existenzraum vergiftet, die Sozialen Netzwerke, so, dass sie darin schon nicht mehr reden können, sondern sich Fremdsprachen und Emojis bedienen müssen, und müssen nun vor der Vergiftung aus dem einzigen, was sie noch hatten, ins Nichts fliehen.

In die Krise.

Wie mich das freut. Vielleicht wird man sie so wieder los. Vielleicht bleiben sie sogar im Nichts. Es ist ja bekannt, dass sich manche Feministinnen physisch nicht mehr aus dem Haus trauen. Die Welt wäre eine bessere, wenn sie das auch digital nicht mehr täten.

Eine entscheidende Rolle im Zerfallsprozess spielen die Mainstream-Medien. Während ihre Deutungshoheit schwindet, wird ihr Einfluss immer noch als signifikant betrachtet. Ihre Rolle als Clearingstelle für Tatsachen und Meinungen wurde von wachsenden Zentripetalkräften in der Gesellschaft untergraben, die Gefühlslagen (und Interessen) der Babyboomer nicht mehr als legitimierten Konsens hinnehmen.

Das ist ein Irrtum. Es ist anders herum.

Denn gerade die Babyboomer sind derzeit die einzigen, die noch bei Verstand sind und die der Presse nicht mehr trauen. Die Jungen sind die Spinner, die Alten sind die Misstrauischen.

Denn ein anderer Begriff ist die der Digital Immigrants im Gegensatz zu den Digital Natives. Man dachte immer, dass die Digital Natives, die Millenials, die wären, die so richtig gut mit dem Netz umgehen können. Es ist umgekehrt. Die, die noch das Leben vor dem Internet kannten und ohne auskommen, die es gebaut haben, die wissen, wie man mit und ohne lebt, das sind die Gesunden. Die von heute, die ein Leben außerhalb des Digitalen gar nicht mehr kennen, die in eine Lebenskrise stürzen, wenn Facebook ausfällt, weil sie sonst nichts mehr haben, das sind die Bekloppten.

Um wieder meine alte Frage aufzuwerfen: Geht es hier nur um das Belohnungszentrum im Hirn, das das Sozialverhalten steuert? Sind die Social Media nur eine Simulation wie ein Ballerspiel, was diese Stelle im Hirn reizt, die das Sozialverhalten kaputt macht und bei Ausbleiben zum Entzug führt? Sind die alle wie Drogenabhängige und deshalb so völlig bekloppt und überdreht? Alles Sozialkrüppel?

Die Unfähigkeit der „Mainstream-Medien“, mit den Veränderungen in der Gesellschaft umzugehen, hat eine Kultur der Gleichgültigkeit hervorgebracht. Die blinden Flecken in den Theorien der postmodernen Generationen sind zu zahlreich, um sie aufzulisten.

Da kommen wir der Sache jetzt näher.

Die Postmodernen sind die Ursache des Übels. Das Postmoderne an sich ist eine Schnapsidee.

Und so wie es aussieht, ist es gar keine Krise des Internet, denn das Internet funktioniert, wie es immer funktionierte. Vielleicht ist eher der Defekt, sein Sozialverhalten so ins Digitale zu verlagen, dass man das Digitale für das Soziale hielt, ein Symptom des Postmodernen, der Idiotie, alles nur für Diskurs zu halten, und deshalb zu glauben, dass sich alles in Social Media mit Plapperprothesen abhandeln ließe.

Der große Elefant im Raum ist Jürgen Habermas. Viele von uns hängen immer noch seiner Vorstellung von der bürgerlichen öffentlichen Sphäre an, als einer Arena, in der verschiedene Meinungen im rationalen Dialog miteinander konkurrieren. Doch im Internetzeitalter ist es nicht mehr möglich, eine sichere, geschützte Habermas’sche Sphäre herzustellen, die auf einem nationalen Konsens beruht. Was in diesem neuen Kontext ist denn „Gegenöffentlichkeit“? Der nutzergenerierte Content von 4chan, Reddit und YouTube?

Ja, wenn Ihr auf solche Schwätzer hereinfallt und denen Eure Seele verkauft…

Der rationale, zurückhaltende Ansatz scheitert an den ironischen Strategien dieser Kultur der Meme. Meme, ikonische Bilder und Slogans, die durch das Internet reisen, fassen Argumente zusammen und ermöglichen einfache Beurteilungen komplexer Probleme, mit dem allgemeinen Ziel, zu beschleunigen und die öffentliche Debatte überflüssig zu machen.

Meme verkörpern die Krise der „partizipativen Kultur“. Während für die Prä-Internet-Babyboomer-Generation Bildung synonym war mit der Fähigkeit, Quellen zu hinterfragen, Meinungen zu dekonstruieren und aus quasineutralen Botschaften Ideologien abzulesen, geht es nun um die Fähigkeit, eigene Inhalte in Form von Antworten, Beiträgen, Blog-Postings, Social-Media-Updates und Bildern zu produzieren.

Das ist das, was ich gerade über die animierten GIFs schrieb. Slogans und Animationen als groteske Vereinfachungen von Sachverhalten, um sie für die Blödesten unter den Blöden „handhabbar“ zu machen.

Krise der partizipativen Kultur. Das stimmt sogar. Die Millenialas und folgende sind heute nicht mehr in der Lage, an einem Gespräch, einer Diskussion teilzunehmen. Außer Ablehnungs-Animationen hochzuhalten kommt nichts mehr. Die Prä-Internet-Babyboomer-Generation (meine) war die letzte noch breit gebildete.

„für die Prä-Internet-Babyboomer-Generation Bildung synonym war mit der Fähigkeit, Quellen zu hinterfragen, Meinungen zu dekonstruieren und aus quasineutralen Botschaften Ideologien abzulesen, geht es nun um die Fähigkeit, eigene Inhalte in Form von Antworten, Beiträgen, Blog-Postings, Social-Media-Updates und Bildern zu produzieren.“

Ich will mich nicht selbst loben, aber ich bekomme viel Lob für mein Blog wegen genau dieses Inhaltes, nämlich Meinungen zu analysieren und Ideologien zu erkennen. Dabei sehe ich mich da nicht als Besonderheit, sondern als Beispielexamplar meiner Generation mit der Art und Weise des Denkens, was wir lernten. Es besteht eine hohe Korrelation der Zuschriften der Art „Sie schreiben, wie ich denke“ und der Angabe, dass der Lobende aus meiner Altersstufe kommt. Je größer der Altersunterschied, desto mehr nimmt die Ablehnung zu. Ein tl;dr gab es bei uns damals nicht.

Was aber ist mit dem zweiten Teil dieser Aussage? Der Text nimmt für die Jungen in Anspruch, im Austausch dafür die Fähigkeit zu haben „Inhalte in Form von Antworten, Beiträgen, Blog-Postings, Social-Media-Updates und Bildern zu produzieren.“

Es geht wohl nicht mehr darum, ob es stimmt, sondern nur noch um das Produzieren als quantitativer Selbszweck.

Aber stellen wir doch mal die Frage: Können sie das denn?

Wer von den Millenials ist denn noch in der Lage „eigene Inhalte in Form von Antworten, Beiträgen, Blog-Postings, Social-Media-Updates und Bildern zu produzieren“?

Ich sehe da nur noch geistloses Nachplpappern. Keine eigenen Inhalte mehr.

Der Übergang vom kritischen Konsumenten zum kritischen Produzenten hat einen Preis: Informationsinflation.

Falsch.

Es war der Übergang von dem, der erst zuhört, zu reinen Schwätzer, Plapperer. Die Wertlosigkeit der Rede liegt nicht nur daran, dass keiner mehr zuhört. Es liegt auch daran, dass die Rede zum Geschwätz geworden ist.

Presse, Linke und Postmoderne abschaffen? Das würde helfen.

Gibt es Möglichkeiten, nicht nur mit Zensur und moralischen Urteilen zurückzuschlagen, sondern einen Schritt voraus zu sein? Wie können wir von Daten zu Dada kommen und zur Avantgarde des 21. Jahrhunderts werden, die den technologischen Imperativ wirklich versteht und zeigt, dass wir das Soziale in den sozialen Medien sind

Gar nicht. Dafür seid Ihr zu blöd, der Zug ist abgefahren. Man kann aus Idioten um die 30 nichts mehr machen. Die Avantgarde waren für’s erste wir, und wenn wir weg sind, wird es duster. Auch Eure Kinder werden es nicht sein, weil Ihr nicht in der Lage seid, ihnen noch etwas beizubringen. Vor 2050 sehe ich keine Chance, den Schaden wieder zu reparieren.

Sobald wir den Widerstand als organisierte Einmischung verstehen, können wir mit dem Gegen-Mapping beginnen, dem Schweigen zuhören und den hysterischen Realismus ans Licht bringen, der so lange versteckt war. Wir verlangen, stabile Löcher in die selbstverständliche Infrastruktur des Alltags zu sprengen. Wie wir von den Silicon-Valley-Business-Gurus lernen können, reicht Störung aus, um anfällige und voneinander abhängige Infrastrukturen über ihre sinnlosen Routinen zu Fall zu bringen. Es ist viel einfacher, als wir denken. Das bringt auch die Möglichkeit einer Revolution näher – ein Ereignis, das, 100 Jahre nach 1917, selbst die dogmatischsten Kritiker des neoliberalen Regimes bis vor Kurzem für ausgeschlossen hielten.

Den Absatz sollte man wirklich dreimal lesen. Nur dann merkt man so wirklich, dass er dadurch nicht besser wird.

Sie haben sich in eine Sackgasse gefahren, aus der sie nicht mehr herauskommen. So langsam wird ihnen klar, dass das alles nur Schrott ist, was sie da produzieren.

Harren wir also der Suizide, die da kommen werden.