Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Lazarus, komm heraus!

Hadmut
2.4.2017 11:33

War Jesus ein Gaukler und Zauberkünstler?

Ich höre Radio. Morgens deutsches Lokalradio, beim Wecken durch den Wecker (ich brauch ne Weile und komm nicht flott aus dem Bett) und im Bad. Ich sitze da auch nicht tatenlos herum, sondern habe morgens den doppelten Informationsfluss durch Radio (DAB+, wen’s interessiert) und Tablet für Mail und Web (bevor hier eine Flut von Mails zu hygienischen Bedenken über mich hereinbricht: Ich habe da ein separates Bad-Tablet. Is halt wie Zeitung lesen, nur zeitgemäß. Das Bloggen kostet soviel Zeit, dass man schon jede Zeitritze ausnutzen muss.)

Ab und zu bringen sie ja im Radio da auch diese christlich-religiösen Einwürfe, so wie Wort zum Sonntag, nur morgens.

Und da rollen sich mir dann meist die Zehennägel. Legendär der Käse, als da eine Pfarrerin erklärte, warum die Wolken oben bleiben und nicht herunter fallen: Da oben hätte die Schwerkraft schon aufgehört, deshalb blieben die Wolken oben, obwohl sie aus tonnenweise Wasser bestünden. (Seither weiß ich, warum sich Bergsteiger anseilen, nämlich damit sie nicht davonfliegen, wo sie doch außerhalb der Schwerkraft herumklettern. Und Flugzeuge fliegen ja auch nur, weil sie in die Zone außerhalb der Schwerkraft gehen. Komisch nur, dass noch keiner oben geblieben ist – obwohl, doch, ja, Satelliten und Raumstationen… ach, lassen wir das.)

Heute erzählte einer von Lazarus.

Da ich’s mit der Bibel so gar nicht habe, war mir die Story nicht näher bekannt, aber lässt sich ja im Web auch finden. Johannes – Kapitel 11 Die Auferweckung des Lazarus.

Lazarus sei krank gewesen, dann gestorben und vier Tage tot gewesen.

Da er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44 Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht verhüllt mit dem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löset ihn auf und lasset ihn gehen! 45 Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.

Im Radio hat der das noch etwas plastischer erzählt und ausgeschmückt.

Leute, was würdet Ihr denken, wenn heute im Fernsehen oder auf Youtube so eine Nummer käme, in der einer vor eine Gruft tritt und theatralisch vor Publikum „Komm heraus!“ ruft, und dann wankt da tatsächlich so ne Leiche mit Grabtüchern und Tuch über dem Kopf heraus?

Müdes Lächeln, oh, nee, wie peinlich, was für eine billige Zaubernummer. Wie bei den billigen US-Predigern, die da in Show-Hallen zum großen Hallelujah irgendwelche angeblich Todkranken durch Handauflegen heilen. „Wirf Deine Krücken weg! Geh! – Hallelujah, Brüder und Schwestern!“

Nachdem wir ja nun wirklich durch die Jahrzehnte hinweg durch allerlei Zauberkünstler, ob Houdini, Siegfried & Roy, David Copperfield oder wie sie alle heißen, und jede Menge Zauber-Experimentierkästen für Kinder geschult sind, würden wir heute bei so einer Nummer sofort billigen Schwindel, Show-Effekte, Hokus-Pokus wittern. (Geht ja so weit, dass Leute inzwischen grundsätzlich alles in Frage stellen und für Schwindel halten, und da will ich von den ganzen Film- und Digitaltricks ja noch gar nicht reden, nur von dem, was man live auf der Bühne so sehen kann.)

Wenn ich mir diese Szene, zeternde Weiber mit „Er stinkt ja schon“, dann kommt Jesus mit seinem Auftritt, predigt, er sei dies und das und der Tollste, und dann „Lazarus, komm heraus!“ – und der kommt heraus, in Leichentücher gewickelt, dann wirkt das auf mich wie eine billige Show-Nummer, Aufführung, fahrende Gauklertruppe. Und dann noch so Nummern wie Wasser in Wein verwandeln, Brot hervorzaubern. Wenn ich mir das so vor meinem geistigen Auge (heute sagt man „Kopfkino“) so vorstelle, dann wirkt das wie eine Animateursshow, wie so ein Sektenguru. Tschakka!

Dass die Leute damals auf sowas reingefallen wären, ist klar. Abergläubisch, ungebildet, sowas vielleicht noch nie gesehen.

Würde man Leuten heute sowas live oder als Video zeigen, würden sie sofort alle Schwindel vermuten, das würde keiner glauben.

Warum aber nehmen die Leute von heute das für bare Münze, wenn das vor 2000 Jahren passiert sein soll?

Gab es damals etwa keine Gaukler, Spaßvögel, Schwindler, Illusionisten? Warum sollte Jesus, der ja als Wanderprediger beschrieben wird, nicht dieselben Mittel und Tricks angewandt haben wie andere Wanderprediger auch?

Jesus wurde ja angeblich so um die 35 Jahre alt.

Schaut man sich aber mal an, was heute die Leute so zwischen 20 und 30 so machen, dann ist das auch das Lebensalter mit Abi- und Studentenstreichen. Wieso glauben eigentlich alle, die wären damals immer so total todernst, ehrlich, humorlos, vergeistigt durch die Welt gezogen? Und hätten keine Rhetorik und keine Bühnentricks angewandt? Als seien sie alle rumgerannt wie auf dem Titelbild das Wachtturms der Zeugen Johovas oder wie Moses im Hollywood-Schinken immer so priesterhaft, in Jesus-Latschen und mit leidendem oder hoffnungsvollem Blick gen Himmel? Immer dieser Gottes-Kitsch?

Denkt Euch einfach mal diese Szene „Komm heraus“ isoliert durch. Das stinkt doch geradezu nach einer Illusionisten-Show. Und irgendwo hieß es mal, Jesus sei auch mal in Indien unterwegs gewesen, wo die ja bekanntlich jede Menge Gaukler- und Guru-Tricks drauf haben.

Und dann noch eine Truppe von „Jüngern“. Also wenn ich mir mal meinen Studien- oder Arbeitskollegen so anschaue, wenn man da mit 12 Leuten mal unterwegs ist, oder einigen davon, dann kommt man schon auf eine Menge blöder Ideen, vor allem, wenn da welche was gesoffen haben. Leute verarschen gehört doch dazu.

Liest man an dieser Bibel-Stelle mal weiter, dann findet sich:

Der Entschluss zur Tötung Jesu

46 Etliche aber von ihnen gingen hin zu den Pharisäern und sagten ihnen, was Jesus getan hatte. 47 Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer einen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. (Matthäus 26.3-4) 48 Lassen wir ihn also, so werden sie alle an ihn glauben; so kommen dann die Römer und nehmen uns Land und Leute. 49 Einer aber unter ihnen, Kaiphas, der desselben Jahres Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisset nichts, 50 bedenket auch nichts; es ist uns besser ein Mensch sterbe für das Volk, denn daß das ganze Volk verderbe. (Johannes 18.14)

51 (Solches aber redete er nicht von sich selbst, sondern weil er desselben Jahres Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk; (2. Mose 28.30) (4. Mose 27.21) 52 und nicht für das Volk allein, sondern daß er auch die Kinder Gottes, die zerstreut waren, zusammenbrächte.) (Johannes 7.35) (Johannes 10.16) (1. Johannes 2.2) 53 Von dem Tage an ratschlagten sie, wie sie ihn töteten. 54 Jesus aber wandelte nicht mehr frei unter den Juden, sondern ging von dannen in eine Gegend nahe bei der Wüste, in eine Stadt, genannt Ephrem, und hatte sein Wesen daselbst mit seinen Jüngern.

Liest sich wie Bundesregierung gegen Fake-News. (Oder Presse gegen Blogger.)

Die kriegen also Wind davon, dass der komische Gaukler schon wieder unterwegs ist und die Leute aufwiegelt und ihnen Humbug erzählt. Und fürchten, dass da immer mehr auf diesen Firlefanz reinfallen. Kaiphas sagt: „Ihr wisset nichts, bedenket auch nichts“. Da wird er Recht gehabt haben, das sehe ich heute zum Thema Gender ja so ähnlich. Die wissen und denken auch nichts. Und hat dann entschieden, dass man besser schnell den einen Spinner umlegt, bevor die alle anfangen zu spinnen. So gesehen eine rationale und wirtschaftliche Überlegung. (Nur mit dem Unterschied, dass heute die Spinner in der Regierung und nicht in der Opposition sitzen, die gibt’s ja nicht mehr.)

Man kann das durchaus so lesen, dass da ein Spinner mit Fakes, Falschinformationen und faulen Zaubertricks die Öffentlichkeit aufgewiegelt hat, und einflussreiche Leute irgendwann gesagt haben, „Jetzt reicht’s aber, mach mal den Spinner weg, bevor die dem alle auf den Leim gehen“. So wie das heute in vielen Regimen und Diktaturen mit – seriösen und unseriösen – Kritikern passiert. Wenn in irgendwelchen Diktaturen irgendwelche Kritiker und Aufwiegler umgelegt werden, weiß heute jeder, was Sache ist, und dass die Medien und überhaupt jeder heute lügt und schwindelt und Rhetorik-Tricks anwendet. Aber es kommt niemand auf den Gedanken, denselben Gedanken einfach mal auf die Zeit vor 2000 Jahren anzuwenden. Weil da so ein edles biblisches Menschenbild geherrscht habe, da die guten, edlen, stockernsten, und gegen sie die bösen, verlogenen. Gutmenschen gegen Nazis, das Dauerschema. Tertium non datur.

Heute hat doch wirklich jeder Medien-, Journalismus-, Werbemisstrauen. Jedem Hokuspokus, jedem, der uns irgendeine Erlösung von allem Übel verspricht, wissen wir zu misstrauen. Keiner glaubt mehr der Presse. Warum schaffen wir das dann nicht, so einem genauso zu misstrauen, wenn der schon vor 2000 Jahren vorbeikam? Glaubt man ernsthaft, solcher Medien- und PR-Schwindel ist erst ein Produkt der Neuzeit, das habe es damals nicht gegeben?

Vielleicht haben sie den dann wirklich umgelegt, oder auch nur einen Deal mit ihm gemacht, dass er selbst oder seine Kumpels zum Abgang den großen Auferstehungstrick vorgeführt haben. Hauptsache weg und kommt nicht wieder und auch kein Nachfolger. Man muss das mal politisch durchdenken. Hätte man den einfach so umgelegt, wäre ein Märtyrer entstanden und der nächste gekommen. Vielleicht hat man ihm klargemacht, so jetzt hier Abschlussvorstellung und Verschwindibus, sonst kracht’s. Oder man hat ihn wirklich umgelegt, dann festgestellt, dass die da alle das Grab anbeten, und sich gesagt, lass mal die Leiche verschwinden, damit Ruhe ist. Oder die Jünger haben sich gedacht, den postmortalen Triumph mit der Unsterblichkeitsnummer könnten wir ihm jetzt schon noch verschaffen und haben die Auferstehung als letzten Zaubertrick inszeniert.

Wie auch immer.

Wenn man die Geschichte mit einem Wissen und Alltagsmisstrauen von heute liest, kommt meines Erachtens selbst dann, wenn man die reinen Fakten und Beschreibungen als wahr annimmt, aber als Augenzeugenberichte liest und analysiert, eine ganz andere Story als die von Gott und Hallelujah heraus.

Wenn man sich jetzt noch vorstellt, dass das Jesus-Publikum vom selben Schlag war, wie vor 30, 40 Jahren die Sekten-Heinis und heute die Gender-Spinner, Pay-Gap-Deppen und Social-Justice-Warriors, die ja auch jeden beliebigen Mist glauben, nur weil irgendein willkürlich zur Autorität erhobener Mensch ihnen einen erzählt, und sich dann in einen Unterdrücktheitsrausch reinreden, dann wird da eine Religion draus. Im Prinzip haben wir ja mit dem Genderismus auch gerade die Geburt einer Religion beobachtet.

Bleibt trotzdem die Frage, warum Leute solche 2000 Jahre alten Geschichten als göttliches Werk anerkennen und glauben, obwohl sie sie sofort als Schwindel erkennen und ablehnen würden, wenn man sie ihnen heute als aktuellen Zeitungsartikel, Nachrichtensendung oder Youtube-Video präsentieren würde.

Die Bibel ist eine Sammlung von Zeitungsartikeln, quasi ein Dossier zu einer Person. Eine von seinen Anhängern erstellte PR-Mappe. Und damit muss man sie genauso lesen, wie man heute jede Zeitung liest. Kritisch. Ungläubig. Als politisch, tendenziös, von Ideologen und Lobbyisten geschrieben. Man sollte die Bibel unbedingt in die Medienkrise mit einbeziehen, denn da gehört sie hin.