Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die rechte Gehirnhälfte

Hadmut
7.12.2013 11:22

Bemerkenswerte Erkenntnis.

Ich war gestern im Wool Museum in Geelong. Da geht’s zwar eigentlich um Wolle und Schafe, aber sie haben auch eine Etage mit wechselnden Sonderausstellungen. Dort gab es die Ausstellung „Perception Deception” des Questacon. Da geht es (zugegebenermaßen sehr populärwissenschaftlich, ist ja auch für Kinder und das allgemeine Volk, aber prima gemacht) um Sinneswahrnehmungen und Sinnestäuschungen, und darum vorzuführen, wie das Gehirn manches erledigt. Leider sind nicht alle Ausstellungsstücke auf der Webseite beschrieben.

Beispielsweise war da ein Bild mit konzentrischen Kreisen, die jeweils gestrichelt waren. Man steht davor und sieht eine Spirale. Man könnte schwören, eine Spirale zu sehen. Da ist aber keine. Nur einfache, konzentrische Kreise.

Oder sie zeigen einem ein einfaches Symbolbild. Ganz kurz. Dreimal blinkt es auf. Genau dreimal. Währenddessen hört man aber 5 Knackgeräusche. Es knackt fünfmal. Man glaubt, man hat das Bild fünfmal gesehen.

Oder sie spielen einem einen Satz vor, den jemand sagt. Allerdings ganz übel verzerrt. Man versteht überhaupt nichts, nur so ein schrilles Gezwitscher. Kein einziges Wort. Man kann es wiederholen, sooft man will, man versteht nichts. Dann spielen sie einem die unverzerrte Version vor, wo jemand ganz normal irgendeinen einfachen Satz sagt, aber denselben. Danach hört man wieder die verzerrte Version, und plötzlich versteht man auch in der verzerrten Version jedes Wort und wundert sich, warum man eben noch glaubte, nichts verstehen zu können.

Auch gut war ein Ausstellungsstück, in dem einfach nur ein Foto hing. Einfach nur ein Foto, das da so hing. Das Portrait einer Frau. Der allerdings hatten sie per Bildverarbeitung Augen und Mund verdoppelt. Zwei Augenpaare übereinander und zwei Münder übereinander. Man steht davor und rutscht irgendwie an dem Bild ab, irgendwie kann man das nicht richtig angucken. Der Grund ist, dass das Gehirn eine Funktion hat, Gesichter zu erkennen, und dieser Teil des Hirns an diesem Foto einfach scheitert und sich weigert.

Und solche Dinge mehr.

Ein Ausstellungsstück hat mich aber besonders verblüfft.

Sie hatte da an einem Bildschirm zwei Portraits von zwei Menschen. Die sich sehr, sehr ähnlich sahen. Irgendwie gar nicht so ganz klar, was die Leute unterscheidet. Man sollte per Fingerwisch einordnen, welches der beiden Fotos man eher für männlich und welches man eher für weiblich hält. Obwohl sich die Bilder ziemlich ähnlich sahen, kam mir eins männlich und eins weiblich vor, und so habe ich gewählt.

Dann kam die Anzeige, dass fast alle Menschen (also drastisch mehr als 50/50, ich weiß die genau Zahl nicht mehr, ich glaub, das war sogar über 90) genau so wählen, wie ich gewählt habe. Und dann die verblüffende Erklärung:

Bei Bild A hatten sie die eine Gesichtshälfte eines Portraits leicht ins männliche, die andere Hälfte leicht ins weibliche modifiziert. Das war gar nichts so leicht zu sehen, etwa die Augen unterschiedlich groß, Lippen etwas asymmetrisch und so.

Jetzt kommt’s: Bild B war das exakte Spiegelbild von Bild A. Das genau gleiche Bild, nur seitenverkehrt. Prinzipiell hätte damit B nicht weiblicher oder männlicher als A sein können, denn es war da das genau gleiche Bild, nur seitenverkehrt. Trotzdem waren sich fast alle Betrachter einig, dass eins männlich und eins weiblich wirkt. Weil – so die gelieferte Erklärung – wir mit unserer rechten Hirnhälfte beurteilen, ob jemand männlich oder weiblich aussieht, und das wegen der Überkreuzung mit unserem linken Sichtfeld tun, also die rechte Gesichtshälfte einer Person beurteilen.


32 Kommentare (RSS-Feed)

claus
7.12.2013 11:54
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@Hadmut: “Oder sie spielen einem einen Satz vor, den jemand sagt. Allerdings ganz übel verzerrt. Man versteht überhaupt nichts, nur so ein schrilles Gezwitscher. Kein einziges Wort. Man kann es wiederholen, sooft man will, man versteht nichts. Dann spielen sie einem die unverzerrte Version vor, wo jemand ganz normal irgendeinen einfachen Satz sagt, aber denselben. Danach hört man wieder die verzerrte Version, und plötzlich versteht man auch in der verzerrten Version jedes Wort und wundert sich, warum man eben noch glaubte, nichts verstehen zu können.”

Auf dieser Seite kann man den Effekt nachvollziehen:

http://www.kgu.de/index.php?id=1551

Ich hatte die Beipiele nur einmal, vor etwa sechs Monaten angehört und erst heute wieder. Beim ersten Versuch konnte ich noch bis auf die beiden Namen alles verstehen, nach dem Klarbeispiel auch die Namen.

Interessante Frage in die Runde: wer kann das verzerrte Beispiel auf anhieb verstehen?


Paul
7.12.2013 12:41
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Nach dem fünften Durchlauf konnte ich es ohne Probleme verstehen. Nur habe ich statt “Emil” “Emmi” rausgehört.

@Hadmut: war die Verzerrung in der Ausstellung vergleichbar?


Phil
7.12.2013 12:42
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@claus, ich könnte beim fünften Versuch alles Verstehen. Nach der Klarversion wird es aber noch deutlicher. Danke für den Link.


morpheus
7.12.2013 12:48
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@claus

Den verzerrten Teil habe ich beim ersten anhören nicht verstanden, nur am Schluss das Afrika. Dann habe ich den Teil erneut angehört und sofort alles verstanden, ohne die Klarversion zu hören.


Herbert
7.12.2013 12:55
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@claus, danke, das ist interessant!
Hab bisher nur die verzerrte Version gehört und wie du versteh ich die Namen nicht.
Beim allerersten Mal hören noch nichts gehört, zweites mal Hören den letzten Teil verstanden, drittes Mal alles bis auf die Namen und dabei bleibts im Moment 😉


patzer
7.12.2013 13:02
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Hab die beiden Namen auch nicht verstanden.
Gruß patzer


yasar
7.12.2013 14:07
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Und da sagen die Leute, es gäbe eine fixe “Wahrheit”, udn zwar die, die man selbst sieht, hört und fühlt.

@claus

Ich beim ersten Anhören des verzerrten “Urlaub” und “nach Afrika” verstanden, beim zweiten Anhören ohne zwischendurch das Original anzuhören den ganzen Satz, hat aber stark verzerrt geklungen.

Nach Anhören des des Originals war der verzerrte Satz ganz deutlich zu verstehen und nur schwach verzerrt (wie “Computerstimme” halt).


Martin Domig
7.12.2013 14:18
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@claus Habs verstanden, sogar die Namen. Die Erklärung könnte sein, dass mein Gehör auch für Sprechfunk trainiert ist, in einer Umgebung, in der man nur den hochfrequenten Teil der Sprache wahrnehmen kann.


Svenska
7.12.2013 14:34
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@claus: Auf Anhieb nicht, aber nach dreimaligem Hören schon.


Robert
7.12.2013 14:46
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@claus: Das ist ja total krank. Ich hatte die verzerrte Variante zwar nach 3 Mal anhören komplett verstanden. Aber nachdem ich die unverzerrte Variante angehört hatte und dann nochmal die verzerrte Variante abspielte, hatte ich das Gefühl, dass es viel weniger verzerrt war als vorher. (OBWOHL ich den INHALT ja schon ohne die unverzerrte Variante verstanden hatte!!)

Abgefahren.


Peter
7.12.2013 15:08
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Ich verstand nur “Afrika” ganz am Schluss des Satzes …


Torsten
7.12.2013 15:11
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Claus, ich konnte das erste Beispiel sofort verstehen. Das zweite ohne die hohen Frequenzen fand ich trotz anhören des Original schwerer. Ich hab sie mit Kopfhörer angehört, vielleicht ist es dann auch einfacher. Der Klang des ersten erinnert mich an mp3 mit <=64bit, die haben auch oft so einen metallischen Klang, allerdings nicht ganz so stark, das wäre nicht zum aushalten.


brak
7.12.2013 15:51
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Ich habe nur “von Otto nach Afrika” verstanden, beim ersten Anhören nur “nach Afrika”, mein Sohnemann ebenso und er hatte noch “fliegen” rausgehört.


Michael
7.12.2013 15:54
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Beim ersten Anhören habe ich nur Afrika verstanden, beim zweiten Anhören dann den ganzen Satz.


Stefan W.
7.12.2013 16:42
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Erst nach hören des unverzerrten Originals.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass manche Leute beim Rückwärtshören von Rockmusik satanische Botschaften wahrnehmen. 😉


prx
7.12.2013 17:42
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Bei der 3. Wdh habe ich alles ausser den Namen verstanden.


Tobias
7.12.2013 17:49
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Beim ersten anhören habe ich nur das letzte Wort des verzerrten Satzes verstanden. Bei mehrmaligem anhören war der verzerrte Satz verständlich ausser dem 2. Namen (Beim 4. anhören).

Nach dem anhören des Orginals war der Satz vollständig verständlich.


Claus
7.12.2013 19:41
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@claus: Ich hab es gerade auf Anhieb verstanden. Sagt das irgendwas aus? – Vererbterweise hab ich eine Hörschwäche in einem bestimmten Frequenzbereich, aber das sollte ja keine Rolle spielen…


Stefanie
7.12.2013 21:35
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Das mit dem Satz kenne ich von rückwärtslaufenden Platten, wenn eine Band angeblich vom Satan singen soll oder so.

“wir mit unserer rechten Hirnhälfte beurteilen, ob jemand männlich oder weiblich aussieht”

Dann sind die restlichen paar Prozent Linkshänder? Da läuft das mit den Hirnhälften angeblich umgekehrt.


lairsdragon
7.12.2013 21:55
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@claus: es brauchte kopfhörer und 4 wiederholungen um es zu verstehen…


Tobias
7.12.2013 22:15
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@claus Beim zweiten Hören habe ich den Satz verstanden, beim ersten Durchlauf nur das Ende. Schneller Lernerfolg…


Heinz
7.12.2013 22:27
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Ich hatte beim ersten mal nur “Afrika” verstanden, beim zweiten Mal nur “Emil” nicht verstanden – nach dem Originalton alles verstanden.

Vielleicht könnte es auch helfen, wenn man zuerst einen anderen Text mit der Verzerrung hört.
Damit man sich, wie beim (analogen) Sprechfunk, daran gewöhnt.

@claus kennst du noch mehr Beispiellinks?


claus
8.12.2013 13:17
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Das waren viele interessante Antworten. Zwei davon besonders.

@Claus: “Ich hab es gerade auf Anhieb verstanden. Sagt das irgendwas aus? – Vererbterweise hab ich eine Hörschwäche in einem bestimmten Frequenzbereich, aber das sollte ja keine Rolle spielen…”

Ich weiß nicht, ob das etwas sagt, ich bin da auch völliger Laie und nur mal über den Link gestolpert. Aber die Hörschwäche in einem bestimmten Frequenzbereich kann schon viel erklären: dein Gehirn hat vermutlich gelernt, das zu kompensieren. Genauso wie man das verzerrte Beispiel sehr klar hört, wenn man das unverzerrte einmal gehört hat. Ich konnte immerhin nach sechs Monaten (der Text war mir entfallen) die verzerrte Version weitgehendst verstehen. Vor sechs Monaten hatte ich fast gar nichts verstanden.

@Martin Domig: “Habs verstanden, sogar die Namen. Die Erklärung könnte sein, dass mein Gehör auch für Sprechfunk trainiert ist, in einer Umgebung, in der man nur den hochfrequenten Teil der Sprache wahrnehmen kann.”

Ich vermute, das ist bei Dir ähnlich gelagert wie bei Claus: du hattest es vermutlich schon gelernt, solche kastrierten Signale zu verstehen.

@Heinz: leider kenne ich keine anderen Links genau dieser Art. Aber etwas Ähnliches: der McGurk Effekt, der allerdings nicht so effektvoll ist.

HINWEIS: am besten nicht die Beschreibung des Videos lesen, sondern Fenster gleich verkleinern, damit man den Text nicht sieht. Er könnte beeinflussen. Der Link:

http://www.youtube.com/watch?v=jtsfidRq2tw

Hier ein anderer Link:

http://www.youtube.com/watch?v=G-lN8vWm3m0

Und die Erklärung:

http://de.wikipedia.org/wiki/McGurk-Effekt

Seltsam finde ich, dass er bei mir irgendwie teilweise nicht funktioniert. Meist höre ich genau das, was gesagt wird.


melanie
8.12.2013 19:15
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off topic, aber passt in den Blog

was ist “Derailling” aus Sicht der Leute, die mit diesem Begriff arbeiten?
http://derailingfueranfaenger.wordpress.com/

—-

“Kenne deinen Feind und kenne dich selbst, und in hundert Schlachten wirst du nie in Gefahr geraten.“ (Sun Tsu)


30C3
8.12.2013 19:52
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Anhand der Kommentare hier, fühle ich mich jetzt richtig ausgerenzt. Ich verstehe jedes Beispiel sofort. Auch die Reihenfolge ist egal. Das macht mir jetzt richtig Angst.


Tobias
8.12.2013 20:34
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Ich fände es interessant zu wissen ob sich die Verbesserung auch einstellt wenn einem nicht bekannt ist welches der Orginal Text ist.

Also das man nach dem verzerrten Texte mehrere unverzerrte Texte mit gleicher länge und Wortanzahl hört ohne zu wissen welches der richtige ist.

Ob sich dann auch eine Hörverbesserung einstellt?
Was ist wenn der Korrekte orginal Text nicht dabei ist sondern nur ähnlich klingende? Hört man dann den falschen?


Hank
9.12.2013 8:44
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Wen die Sache mit dem verzerrt vorgespielten Satz mal im Ernst interessiert, das ist gut durch Hawkin’s Theorie des Gehirns abgedeckt (http://www.amazon.de/dp/3499621673).


kokko
10.12.2013 3:14
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auf bild schwarzen punkt oben fixieren solang bis untere leiste voll ist

http://www.telegraf.rs/wp-content/uploads/2013/11/11/opticka-iluzija.gif


yasar
10.12.2013 14:08
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@kokko

Das ist aber ein anderer Effekt, der sich “Nachbild” nennt.


Stuff
11.12.2013 1:50
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Hadmut
11.12.2013 13:39
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Oh, hat die schöne Augen…


Kai
12.12.2013 11:27
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@claus
Mir gings wie morpheus, beim ersten Mal anhören hab ich nur Afrika verstanden. Beim 2. mal dann alles.

Das Bild mit den 4 Augen und 2 Mündern hab ich schonmal in einem Forum oder so gesehen. Länger als 5 Sekunden konnt ich mir das nicht ansehen, das ist mir irgendwie schlecht/schwindelig geworden.