Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Es gibt keinen “Sexismus”

Hadmut
23.1.2013 23:33

Immer häufiger, immer öfter, immer weitreichender, immer selbstverständlicher, immer politischer, immer lauter, immer hämmernder, immer fordernder, immer aggressiver, immer inflationärer hört man den inzwischen omnipräsenten und pseudointellektuellen Vorwurf des „Sexismus”.

Eine erstaunliche Karriere für etwas, was es nicht gibt.

Denn Sexismus ist frei erfunden. Also nicht der Inhalt des Sexismus, die Geschlechterrollen, wie man vielleicht glauben könnte. Sondern Sexismus selbst ist erfunden. Es gibt diesen Sexismus nicht.

Um das zu verstehen muss man zunächst wissen, dass es im Feminismus immer erhebliche Unterschiede zwischen der öffentlichen Außendarstellung und der internen Denkweise und Strategie gibt. Feminismus beruht nicht auf Erkenntnis und Wissenschaft, sondern auf Rhetorik. Und dazu gehört auch die Täuschung, etwas, was unverkäuflich wäre, so darzustellen, dass es abgekauft wird. Desinformation und Verbergen von Informationen gehören zum rhetorischen Standardwerkzeug des Feminismus.

Die Außendarstellung des Begriffes „Sexismus” läuft meist darauf hinaus, dass irgendein Starker (meist ein Mann) irgendeine Schwache (meist eine Frau) aufgrund des Kräfteverhältnisses und aufgrund des Geschlechts des Schwächeren unterdrückt, missbraucht, beleidigt, ausbootet, vergewaltigt oder so. Das übliche Vorwurfsschema ist, dass Frauen benachteiligt werden weil sie Frauen sind. Und das will natürlich niemand. Wir sind ja alle gut erzogen und selbstverständlich will niemand als Frauenbelästiger oder -unterdrücker dastehen. Deshalb ist natürlich jeder strikt gegen Sexismus. Man kann gar nicht anders, das ist längst die political correctness-Zwangsideologie. Sexismus ist ein magic buzzword. Der Vorwurf des Sexismus, sexistisch zu sein, ein Sexist zu sein, nimmt die Abkürzung am Denken vorbei. Da ist längst der Reflex eintrainiert, dass das sofort Tabu, Bäh und Igitt ist. Es wird nicht gefragt. Weil schon der, der fragt, ein Sexist und schon der Hauch des Zweifels sexistisch ist. Was den »praktischen« Nebeneffekt hat, dass es kein Gegenargument geben kann, weil jedes Gegenargument sexistisch und damit per definitionem unbeachtlich wäre. Ein Begriff, der sich selbst zur Unkritisierbarkeit definiert, unantastbar macht. Ein Begriff, der sich damit jeder Überprüfung, jeder Verifizierung durch Konstruktion entzieht.

Die eigentliche Bedeutung des Begriffs ist eine gänzlich andere.

Denn dem Begriff liegt die Gender-Ideologie zugrunde, die Auffassung, dass Geschlechter, geschlechtsbezogenes Verhalten, Sexualität keinerlei biologische oder angeborene Grundlage hätten. Nicht einmal die Einteilung in die Geschlechter männlich und weiblich sei von der Natur vorgegeben, sondern eine rein kulturell-böswillige Erfindung. Der Mensch würde als neutrales, geschlechtsloses, freies Wesen geboren. Die Wesen würden sich allein darin unterscheiden, ob das Geschlechtsorgan eher nach innen oder eher nach außen gestülpt wäre. Das Organ sei bedeutungslos und es gebe auch keine Grenze zwischen zwei Geschlechtern. Der Mensch sei geschlechtslos.

Die Kultur nun habe es hervorgebracht, dass ein Teil dieser geschlechtslosen freien Wesen einen anderen Teil böswillig und willkürlich unterdrückt, indem es ihn schon von kleinauf in die Benachteiligung und Sklaverei zwingt und zum unmündigen Unter-Wesen erzieht. Dieses Unterdrückten-Stigma sei das „Geschlecht”. Die zum Unterdrücktsein abgerichteten Unter-Wesen nenne man Frau (in der Genderisten-Sprache sagt man „das als unterdrückt konstruierte Geschlecht”), während die Wesen, die frei, neutral, geschlechtslos bleiben dürften, die „Männer” seien. Ausgedacht hätten sich dieses Komplott fiese Medizinier und Biologen, die sich die »Frau« im 18. Jahrhundert als Unterdrückungsopfer erschaffen hätten. Vorher hätte es sowas wie Frauen nicht gegeben. Durch beständige Falschaussagen der männlich orientierten »Wissenschaft« darüber, dass die biologisch-medizinische Unterscheidung in Geschlechter wissenschaftlich und naturgegeben sei, habe sich die »Erfindung« Frau kulturell durchsetzen können. Daher auch der tiefe feministische Hass gegenüber allem Wissenschaftlichem.

Dieses Abrichten neutraler Wesen zu Unterdrückten, dieses Aufzwingen des Benachteiligten-Stigmas, dieses Konditionieren zu Verhaltensweisen, in denen sich die Selbstbenachteiligung manifestiert, dieses Umformen und stetiges Nachformen eines neutralen, freien Wesens zur »Frau«, das ist das, was eigentlich hinter dem Begriff des Sexismus steht. Nicht die Benachteilung oder Belästigung der Frau. Sondern der Druck auf neutrale Wesen zur Formung der Frau. Sexismus ist nicht das Belästigen oder Benachteiligen der Frau, Sexismus ist das Machen der Frau.

Deshalb gilt es schon als »sexistisch«, wenn ein Mann einer Frau die Tür aufhält, in den Mantel hilft oder in den Ausschnitt schielt, weil das Verhaltensweisen seien, die Verhaltensweisen und Rollen »konstruieren« und verfestigen, aus denen die Geschlechter erst hervorgehen. Wer einer Frau die Tür aufhält, unterdrückt sie, weil es ein Akt ist, einem neutralen Wesen typische Unterdrückten-Verhaltensweisen aufzuzwingen. (Ungefähr so, als würde ein Mann zur Frau, wenn man ihm jeden Morgen die Tür aufhält, weil man ihn dadurch jeden Morgen etwas in Richtung Unterdrücktem umformt und ihm das kulturelle Frau-Verhalten beibringt, sich die Tür aufhalten zu lassen und damit der Tür-Schwächere zu sein.)

Sexismus ist damit jede beliebige Verhaltensweise, bei der man Männer und Frauen unterschiedlich behandeln würde. Auch jemandem nicht die Tür aufzuhalten ist sexistisch, weil man damit ja das andere »Stereotyp« bedienen würde. Es gibt keinen Weg, vor oder hinter jemand anderem durch eine Tür zu gehen ohne sexistisch zu sein. Man muss es alleine tun.

Ziel und selbsterklärte Aufgabe des Feminismus ist, die Erfindung der Frau rückabzuwickeln und Frauen wieder zu neutralisieren. In Gender-Sprache heißt das »Geschlechterrollen zu dekonstruieren«. Deshalb empfindet man alles, was sich auf diese Rollen bezieht, als kontraproduktiv, reaktionär, unterdrückungsverfestigend, weil es der Dekonstruktion im Wege steht und an den Rollen festhält. Das nennt man »sexistisch«.

Das hört sich bescheuert an. Ist es auch. Es ist frei erfundener Blödsinn. Wie aus Trash-Science-Fiction. Weil die zugrundeliegende Gender-Ideologie frei erfundener Blödsinn ist. Es gibt bis heute keinerlei Erklärung oder Herleitung dafür. Sie ist frei aus der Luft gegriffen.

Daher gibt es diese Biologie-freie Umformung natürlicher, freier, neutraler, geschlechtsloser Wesen zur „als unterdrückt konstruierten Frau” (wie die Feministinnen es ausdrücken) nicht.

Und wenn es diese Umformung nicht gibt, dann gibt es auch keinen Sexismus, denn der Begriff bezeichnet diese Umformung.

44 Kommentare (RSS-Feed)

N. Laus
23.1.2013 23:54
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Da fällt mir nur noch eins zu ein: Du Sexist! 😉


Hadmut
23.1.2013 23:59
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Du Weihnachtsmann! Ätsch!


Phil
24.1.2013 1:11
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Als nächstes verbieten sie den Osterhasen:

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\ \| |
\ | |
.–”/
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Skeptiker
24.1.2013 1:24
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Was passiert mit den vielen Frauen, die sich *gern* die Tür aufhalten, gegen ein Zwinkern mal auf die Figur schauen oder gegen ein große-Augen-bittebitte-Lächeln eine schwere Last tragen lassen, sobald die genderfeministische Revolution gesiegt hat? Oder z.B. den Edelescorts? Sind das Heldinnen der Männerausbeutung oder Kollaborateurinnen? Statue oder Gulag? Bitte erklären.


Hadmut
24.1.2013 6:41
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@Septiker: Die fallen laut Feminismus in dieselbe Kategorie wie die, die freiwillig mit Männern schlafen und dabei vielleicht noch Spaß haben. Das sind alles Opfer des kulturellen Drucks, die durch Erziehung und Abrichtung schon so verblendet sind, dass sie nicht mehr mündig sind und nicht mehr erkennen, wie sehr sie versklavt sind. Folgen des aufgezwungenen Sexualrollenverhaltens.

Deshalb brauchen sie ja die Feministinnen, die – auch gegen ihren Willen – entscheiden, was gut für sie ist. Deshalb spielen sich Feministinnen ja als Vormund aller Frauen auf.


Wima
24.1.2013 2:28
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Dann sind aber Frauen die wirklichen Sexisten, weil sie beleidigt sind wenn man ihnen -nicht- die Tür aufhält. Der Mann ein Matscho ist, weil er ihnen die Tür vor der Nase zuschlägt.

Gegen den feministischen Widerspruch empfehle ich den LadyDimmer2000:

http://webarchiv.wikimannia.org/_bilder/wohlfuehlpflaster.png


Andreas
24.1.2013 8:04
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Sind denn Naturvölker auch eine Erfindung der Wissenschaftler? Da man bei denen ja auch Geschlechterunterschiede feststellen kann ? Die Männer gehen jagen, die Frauen kochen und erziehen die Kinder?


Joe
24.1.2013 10:46
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Wir sind ja alle gut erzogen und selbstverständlich will niemand als Frauenbelästiger oder -unterdrücker dastehen. Deshalb ist natürlich jeder strikt gegen Sexismus. Man kann gar nicht anders, das ist längst die political correctness-Zwangsideologie.

Ich bin selbstverständlich ein homophober, islamophober, rassistischer* Sexist. Und das ist gut so[tm]. Die beste Strategie gegen Totschlagbegriffe der Unterdrücker ist die Flucht nach vorn durch Abschleifen dieser. Siehe die Entwicklung des Wortes “Piraten”.

Klar, wer im lila-nationalsozialistischen Milieu an deutschen Unitäten Karriere machen will, kommt mit dieser Einstellung nicht weit. Aber dafür hab ich ja eh die falschen genetischen Merkmale. Wird also nichts mehr mit dem Dr. in diesem Leben.

*) “Antirassismus” = anti-white, aber das ist ein anderes Thema


Skeptiker
24.1.2013 12:10
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@Hadmut deren Denke ist ja nicht logisch, und meine Frage galt ja nur einem von 411 Widersprüchen. Deiner These zufolge sind diese Frauen also Opfer wie alle anderen, nur (systemkonform) cleverer, was sie aber nicht vor dem Verlust von Ehre, Seele und Identität bewahrt.

Vorkämpferinnen also. Womöglich unwissend, aber Märtyrerinnen. Die größten Opfer von allen. Denkmal, nicht Gulag.

Interessant. Weil ich ein paar von denen ebenfalls auf den Sockel stellen würde, und nicht wegen Unterwürfigkeit oder Schwäche.

Folglich musst du unrecht haben Hadmut. Kollaboration. Ewige Verdammnis.


chuck
24.1.2013 14:12
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Dann brauchen wir jetzt aber ein neues wort um zu beschreiben, dass menschen aufgrund ihres geschlechts für besser oder schlechter gehalten werden.
Idiotisch ist leider zu allgemein.


Herrmann
24.1.2013 14:50
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http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-01/Political-Correctness-Essay

Siehst Du, Hadmut, dein Furor gegen den Genderquatsch ist bloß der Aufschrei eines kindlichen Narzissten. Mama und Papa Volkserzieher wissen es doch besser. Ätsch!

Der Artikel markiert wirklich einen Tiefpunkt in der “Zeit”.


Heinz
24.1.2013 18:55
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“Geschlechterrollen zu dekonstruieren”

Dann müssten die Femis ja eigentlich für das generische Maskulinum sein, da z.B. bei der Doppelnennung explizit darauf hingewiesen wird, dass es zwei Geschlechter gibt, also werden durch den Feminismus Geschlechterrollen erst konstruiert.

Wobei ich den Eindruck habe, dass der Feminismus nicht nur Geschlechterrollen sondern auch geschlechtsbezogene Diskriminierung konstruiert:
http://pastebin.com/P5vfxPnq


Skeptiker
24.1.2013 19:38
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Heute aus SPON: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/die-bruederle-debatte-und-der-alltaegliche-sexismus-a-879502.html

Original wie eine hier entstandene Satire.

Was ist eigentlich mit denen, die erfolgreich sind, ohne ihr Frausein ständig selbst(!) vor sich herzutragen? Mal Merkel als knalliges Beispiel. Gut & edel & vorbildlich kann nicht sein, weil ideologiefrei. Also wieder: Sockel oder Lager?


Herbert
24.1.2013 21:21
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Also ist ein Sexist jemand, der erkennt und anerkennt, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Ganz neutral erst mal, ohne besser/schlechter.
Ich bin gern Sexist.


Hadmut
24.1.2013 21:26
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@Herbert: Mit einiger Vernunft ja. Aber für Feministinnen ist ein Sexist einer, der die Unterschiede macht. Und sei es, indem er sie anerkennt. Weil die ja diesem postmaterialistischen Quark anhängen, wonach die Rede die Wirklichkeit erzeugt.

Deshalb kannst Du Unterschiede nicht er- oder anerkennen. Weil in deren Sichtweise Denken und Sprechen immer am Anfang steht. In dem Moment, in dem Du sie er- und anerkennst, bist Du deshalb in deren Sicht schon Schuld daran, dass es die Unterschiede gibt, weil Du sie herbeidenkst und -sprichst.


pokus
24.1.2013 22:14
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@Hadmut

Aus “aktuellem” Anlass ein wenig Wasser auf Deine Mühlen, da sind genau die richtigen Personen involviert…..

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/anmache-vorwuerfe-westerwelle-stellt-sich-vor-bruederle-a-879509.html


Hanz Moser
25.1.2013 1:56
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@ Wima

Der Ladydimmer erinnert mich an die guten alten Zeiten, als es noch RTL Samstag nacht gab.

“Schmerz. Schaltet den Spalt ab!”


techniknörgler
25.1.2013 12:12
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Frritz
25.1.2013 14:26
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Also ich finds nicht falsch zu behaupten, dass die Wirklichkeit durch die Rede konstruiert wird (wobei der “postmaterialistische Quark” auch allgemein Handlungen miteinbezieht, zb. Tür aufhalten, Kleidung, Gangart, diese dann aber als Zeichen-Sprache versteht). Durch was wird die Wirklichkeit den sonst erzeugt? Und was meint man denn mit Wirklichkeit, welche falsch herbeikonstruiert würde?

Ich finde, man müsste eher kritisieren, dass bestimmte Richtungen des Feminismus (auch hier gibt es nicht die eine geschlossene böse Gruppe, das anzunehmen ist hirnrissig) allen anderen eine einzige Wirklichkeit aufpressen wollen und zwar jene, die alleine sie zu ertragen im Stande sind und die ich unerträglich finde. Ich liebe die Welt der verschiedenen Geschlechter und ich will mir nicht vorschreiben lassen, ich dürfe das aber nicht lieben, weil jemand anderes damit ein Problem haben könnte. Ich finde Totalitarismen allgemein vollkommen schrecklich und verachte jede Gruppe, die Totalitarismen herbeisehnt, seien es Feministen oder sonstwer. Weil solche Sehnsüchte dazu führen, die Widerständigen irgendwann nicht mehr als Menschen zu betrachten, sondern als auszurottende Monster, welche der Verwirklichung der geglaubten Utopie allein im Weg stehen würden. Und zumindest diese Wirklichkeit (nenne ich jetzt einfach mal religiös-paranoischer Wahn) wird zumindest sehr stark durch Sprache erzeugt.


Pete
25.1.2013 17:15
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@Skeptiker,
wenn ich (m) also einer Frau die Tuer aufhalte, bin ich sexistisch?
Wir haben es weit gebracht, wenn so eine hoefliche (und praktische, weil oft aus raeumlichen Gruenden notwendige) Aufmerksamkeit so “gewuerdigt” wird. Sehr weit sogar.

Ich werde also demnaechst Allen, die direkt hinter mir durch die Tuer wollen, diese vor ihnen zuknallen. Sollen sie die sich doch selbst wieder aufmachen..

Pete


Christoph
25.1.2013 23:15
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Da habe ich gerade(trotz mangelnder Sachkenntnis)interessiert die Streitschrift Adele überflogen und das Anliegen sympathisch und gut dargestellt gefunden, und dann sowas.

Dass es in der neuesten Debatte (und auf die ist dieser Blogeintrag ja wohl bezogen) um ganz konkrete Beispiele von etwas geht, was in Ermangelung eines besseren Begriffes als Seximus bezeichnet wird, und eben nicht um die feministische Vereinnahmung des Genderbegriffes, geht am Verfasser wohl vorbei.

Letzten Endes ist es egal, wie man das Verhalten von Brüderle oder den Twitterkönigen der Piraten nennt – es ist würdelos und ich als Mann schäme mich für so etwas. Und entschuldige mich selbst auch, wenn ich im Alkoholüberschwang einmal zu weit gegangen bin.

Oder habe ich da etwas falsch verstanden, und dieser Eintrag entstand ganz unabhängig von jeglichem tagesaktuellen Geschehen?


Hadmut
26.1.2013 2:10
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@Christoph: Du hast es falsch verstanden. Komplett. Der Artikel hat überhaupt nichts mit Tagesgeschehen zu tun, sonder beruht auf meinem Buch von letztem Jahr.


Skeptiker
25.1.2013 23:48
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@Pete ich mäandere zu oft zwischen Ernsthaftigkeit und Ätzerei/Ironie, sorry dafür. Die Antwort in deren Lesart ist: Ja, dadurch bist du nicht nur ein Sexist, du erzeugst sogar das Phänomen als solches, wenn Hadmuts Herleitung weiter oben richtig ist.


Skeptiker
26.1.2013 0:09
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@Fritz, davon abgesehen, dass die Definition dessen, was “Wirklichkeit” ist, schon nicht ganz einfach ist: Sprache ist bestenfalls deren Vermittlung, nicht deren Ursache. Näher dran sind da schon eher unsere Sinne und unsere Wahrnehmung. Ja auch Sprache unterliegt der eigenen Wahrnehmung, aber jemandes Wort ist eben eine Ebene zwischen mir und den Erscheinungen.


jck
26.1.2013 12:54
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Da bleibt nur eines, wie das ja Joe oben schon andeutet: Reclaiming! Das machen die Dummfeministen ja auch – oder versuchen es zumindest, auch wenn es beim besten Willen nichts bringt.

Das wär doch mal ne nette Demo, so ein “Sexisten-Walk”. Wär ich dabei.


FullXD
26.1.2013 16:20
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Das aktuelle Problem mit Herrn Brüderle (FDP) ist einfach, dass er für sein Alter mehr Willen zur Macht haben müsste, um bei Frauen erfolgreicher sein. Die alte Geschichte eines kleinen Flirts, hat die Journallaiene erst gebracht mit Bezug darauf, als Rainer Brüderle nicht den Parteivorsitz übernahm, obwohl er die Chance dazu hatte.
In der Zeitgeschichte wurden selbst die hässlichsten Politiker von allen Frauen angehimmelt, sofern diese als Diktatoren über totale Macht verfügten. Ähnlich verhält es sich mit Rockstars, welche die Massenpublikum zum ekstatischen Toben bringen.

Wie Sexismus bei Flirts in der Arbeitszeit zu vermeiden ist, zeigt der Lehrfilm “Sexual Harassment and You”. https://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=gBVuAGFcGKY#t=10s


Fritz
27.1.2013 5:13
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@Skeptiker: unsere Sinnes- und Wahrnehmungseindrücke bemerken wir in unserem Kopf in Form von Sprache. Jede Sinneswahrnehmung (Geruch “Vanille”, Gefühl “komisch”, Bild “Haus”, Geräusch “Stimme”, Geschmack “süß”) übersetzen wir zuallerst in Sprache und dann verstehen wir sie, bekommen mit, was da gerade passiert ist und können es einordnen; haben wir kein Wort, verstehen wir nicht, was gerade passiert ist, weswegen wir dann auch nicht erklären können, was gerade passiert ist (Aporie: “sinnlos”, Aphasie: “sprachlos”). Aus diesem Zusammenhang ergibt sich die Wahrheit des Satzes: “Was man verstanden hat, kann man erklären, und was man erklären kann, das hat man verstanden.” Einige gehen noch weiter und behaupten, wir können auch nur das wahrnehmen und empfinden, wofür wir auch Worte bzw. Begriffe haben; alles andere ist schwammig, nicht erklärbar; und wie wir diese Worte und Begriffe, mit denen wir etwas erklären/verstehen können bilden, damit befasst sich die Lehre von der Logik der Phänomene, also die Phänomenologie; von woher wir auf das kamen, was die Begriffe zu formen möglich gemacht hat, damit befasst sich die Genealogie der Moral (“gut, schlecht, heilig, schmutzig, wohlriechend, gutaussehend, angenehm…”). Manche behaupten, Begriffe zu schaffen sei heute Aufgabe der Philosophie, weswegen die auch keine Wissenschaft ist, da sie nicht beweist, was da ist, sondern erschafft, was noch nicht gedacht worden ist und zwar in Form von Begriffen, die nicht notwendig ein einzelnes Wort sein müssen, sondern zb. auch Ideenbilder sein können (das klassische altgriechische Beispiel ist die Schiffahrtmetapher als Ausdruck des Phänomens der ungeheuerlichen Schwierigkeit der Menschenführung: schlechter Kapitän = Schiff geht aufs Riff; guter Kapitän und schlechtes Wetter = Glück oder Pech; guter Kapitän und gutes Wetter = Land in Sicht).
Insofern geht die Sprache auch der Wahrnehmung und Empfindung voraus, aber auch aus deren Irritation hervor, da alles, für das kein Begriff existiert, allgemein Unruhe, Verwirrung und Irritation hervorruft, aber trotzdem Erklärung benötigt. Genau mit diesem Schema kann man auch kulturpsychologisch das Phänomen der Entstehung von Religion für jene Epochen und Völker erklären, in denen es noch keine Wissenschaft gab bzw. gibt: alles, was unerklärlich scheint, ruft Nervosität und Unruhe hervor und alles, was Nervosität und Unruhe hervorruft, ist von Gott oder Göttern (wenn Mensch es nicht erklären kann, liegt es über seinem “Horizont”, kann also auch nicht von ihm kommen). Zur Beruhigung der unerklärlichen Unruhe schafft man sich Götzen als Abbild dessen, was man nicht erklären kann, an dessen Bildnis man aber Gedanken gegen die Unruhe formen kann (“Ich bete Dich an, Fruchtbarkeitsstatue, Du vergibst mein Unwissen über reiche Ernte”). Diese Abbilder erzeugen Gedanken, aus denen Begriffe entstehen (“Gotteszorn, Gottessegen”), die später zu Kausalitäten gemünzt werden (“Dein Zorn wird beschwichtigt durch mein Gebet, bete ich nicht, wirst Du zornig, daher diese scheiss Überschwemmung letztens”); diese Kausalitäten werden noch später wiederum als falsch aufgedeckt (Überschwemmung kommt gar nicht durch Gotteszorn), namentlich durch die Wissenschaft, welche ihrerseits die Gefahr des Religiotentums in sich birgt (“es existiert nicht, was wir nicht erklären können”) usw. usf., siehe Nietzsche.

Und das alles funktioniert ganz ausnahmslos über Sprache und deren Folgen (vielleicht sollte man das öfter erwähnen?), wesewegen man durch deren geschichtliche Erforschung auch eine ganze Menge und im Grunde nahezu alles über die Psychologie des Menschenwesens herausfinden könnte, wenn man sich nicht die ganze Zeit auf ADHS, PTBS und sonstige Phänomene beschränken würde, die ausschließlich erklären, mit welcher Form Mensch wir jeweils gegenwärtig nicht so ganz klar kommen. Die Leitwissenschaft müsste die Psychologie sein, sie kommt aber seit 200 Jahren nicht aus der verdammten Küche heraus, vielleicht auch deswegen, weil die Erkenntnisse etwas erschütternd sein könnten.


Roland
27.1.2013 5:19
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Klasse Beitrag zum Lieblingsthema (zu Recht) von unserem Hadmut:
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38368/1.html


Michael
27.1.2013 9:40
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Guckt Euch diese Pharisäer an: Den Brüderle in die Pfanne hauen, damit sie ihre “Heilige Hure” vermarkten: http://www.stern.de/wissen/mensch/sex-oder-nie-die-heilige-und-die-hure-597082.html


Michael
27.1.2013 10:17
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Ich habe folgende Beschreibung des Sexismus-Paradoxon gefunden (http://www.freitag.de/autoren/danielm2601/sexismus-in-der-politik):
Der Spam-Filter lässt mich nicht, den Beitrag SANDALTOLK 26.01.2013 | 10:08 hier einzukopieren.


Christoph
27.1.2013 13:51
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@Hadmut: Mit Verlaub, das glaube ich Dir nicht. Es wäre schon ein sehr großer Zufall, wenn Du jetzt, ein Jahr nach Erscheinen Deines Buches, aus heiterem Himmel die Idee hättest, wieder mal etwas zu diesem Thema zu schreiben. Und ich denke, wir beide glauben nicht wirklich an Zufälle.
Es scheint auch nicht viel Sinn zu haben, mit Dir über diese Dinge diskutieren zu wollen. Ich zitiere aus einer (durchaus wohlwollenden 4 Sterne-) Amazonrezenzion Deines Buches:

“Damit passiert in dem Buch etwas – mit Abstand betrachtet – sehr witziges. Ein extrem einäugig dogmatisch positivistischer Ingenieur wirft einäugig dogmatisch poststruktulalistischen Genderisten und Feminismten einäugige Dogmatik vor. Andauernd wirft er den Genderisten vor, deren Ausführungen würden an keiner Stelle ihre Axiome hinterfragen (oder gar beweisen, was aber in der Geisteswissenschaft eher sinnlos ist). Gleichzeitig aber stellt auch er seine Methode, sämtliche Vorgänge auf diesem Planeten ausschließlich durch seine Ingenieursbrille zu betrachten niemals in Frage. Das kann man natürlich tun und das funktioniert auch erstaunlich oft erstaunlich gut, heißt aber keineswegs, dass diese Betrachtungsweise einen Alleinanspruch auf Gültigkeit und Richtigkeit hat. Und nur weil er – wie sehr viele Ingenieure – für Geisteswissenschaften keine Existenzberechtigung erkennen kann, heißt dies nicht, dass diese objektiv nutzlos sein müssen.

Es ist schade – wenngleich zugegebenermaßen unterhaltsam – dass Herr Danisch es nicht lassen kann, permanent und durchaus auch auf penentrantem Stammtischniveau auf Feminismus und Gender herumzubashen, denn die Glaubwürdigkeit seiner eigentlichen Geschichte leidet (im Gegensatz zur Lesbarkeit) durchaus an diesen Entgleisungen. Dennoch habe ich die Bewertung von drei auf vier Sterne angehoben, weil ich nach weiteren eigenen Recherchen durchaus besser verstehen kann, warum Danisch gelegentlich das Stammtischschweinderl heraus lassen muss.”

Es scheint Dich auch nicht zu stören, mit welcher Art von widerwärtigen Menschen Du Dich mit so einer Polemik in ein Boot setzt.
Aber das ist Deine Sache und ich raus. Schönes Leben noch.


Hadmut
27.1.2013 14:01
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@Christoph: Erstens ist mir das völlig wurscht, ob Du mir das glaubst. Zweitens wüsstest Du, wenn Du mein Blog verfolgst, dass ich das Thema nach dem Buch nicht habe fallen lassen, sondern es kontinuierlich weiterverfolge. Und es gibt noch weit mehr als diese Twitter-Debatte jetzt. Drittens mache ich da noch eine ganze Menge Dinge, die nicht im Blog stehen, insofern kannst Du das überhaupt nicht beurteilen, wie ich jetzt darauf gekommen bin. Ich bereite gerade weitere Blog-Artikel und weitere Bücher vor.

Im Gegensatz zu feministischen Journalistinnen kann ich nämlich selbst denken und muss nicht warten, bis Twitter mir Stoff liefert.

Die Rezension ist übrigens Unfug. Denn ich habe im Buch ja gar keinen Ingenieurs-Standpunkt geäußert. Und auch an keiner Stelle einen Alleinanspruch auf Gültigkeit und Richtigkeit erhoben. Ich habe nur gesagt, dass das, was die dort sagen, falsch ist. Ich habe nie gesagt, dass ich das einzig Richtige wüsste.

Vermutlich hat der Kommentator – der mir trotz der 4 Sterne erkennbar böse wollte – das Buch nicht einmal richtig gelesen. Oder auch gar nicht. Denn dann wüsste der Kommentator nämlich, dass ich als Maßstab im Buch nicht ingenieurmäßige, sondern verfassungsrechtliche Maßstäbe angelegt habe, und auch nicht meine eigenen, sondern die des Bundesverfassungsgerichts.

Man soll nicht alles glauben, was Rezensionen schreiben. Und nicht auf jeden Blödsinn hereinfallen. Natürlich hat das Buch viele Gegner (sonst wär’s ja überflüssig), und die versuchen es eben auf diese indirekte Art zu attackieren.

> Es scheint Dich auch nicht zu stören, mit welcher Art von widerwärtigen Menschen Du Dich mit so einer Polemik in ein Boot setzt

Wenn man sich daran stören würde, mit wem man in ein Boot gesetzt wird, dürfte man gar keine Kritik mehr äußern, weil jede x-beliebige Kritik auch von widerwärtigen Menschen erhoben wird. Das Kritierium würde mich völlig außer Funktion setzen.


Hadmut
27.1.2013 14:04
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Ach ja, und:

> Und nur weil er – wie sehr viele Ingenieure – für Geisteswissenschaften keine Existenzberechtigung erkennen kann, heißt dies nicht, dass diese objektiv nutzlos sein müssen.

Es heißt aber auch nicht, dass sie einen Nutzen hätten. Den müssten die nämlich selbst mal nachweisen, und das haben sie nicht getan.

Das ist nämlich, wie ich im Buch beschrieben habe, der Haken an den Geisteswissenschaftlern. Sie verifizieren nicht, sondern behaupten Beliebiges, und überlassen es dem Publikum, die Falsifikation durchzuführen. Bei denen gilt als wahr, was noch keiner widerlegt hat. Und das ist natürlich eine riesige Willkür-Maschinerie. Da kann man jeden Mist behaupten.

Und damit sind Geisteswissenschaften keine Wissenschaften – nach den Maßstäben, die das Bundesverfassungsgericht festgesetzt hat. Und das sind Juristen, keine Ingenieure.


Skeptiker
27.1.2013 20:11
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@Fritz bin hier im Urlaub etwas schreib- und zeitbehindert. Deine lange Auseinandersetzung mit meiner kurzen These schmeichelt meinem Ego und ich werde dir noch ordentlich widersprechen, sobald ich kann *g


User
28.1.2013 23:36
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also wenn ich und meine freunde aus dem 18. Jahrhundert den plan ausersohnen hätten uns Sklaven zu erziehen, dann hätten wir:
a) nicht ausgerechnet das schwächere geschlecht gewählt
b) sie nicht mit türen sondern mit stöckchen abgerichtet und
zeh) sich die arbeit das glied immer bei den sklaven nach ihnen umzukremplen ganz sicher gespart!

wahnsinn was für sekten da draussen für hirngespinste ausbrüten.. echt wahr!


O.
29.1.2013 1:06
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“Was MACHT sexy?

Was macht einen Menschen für andere attraktiv? Rote Lippen, sinnliche Kurven, lange, schlanke Beine? Einerseits. Andererseits: Kräftige Muskeln, eine dicke Brieftasche, Einfluss und Macht?”

http://www.3sat.de/mediathek/index.php?display=1&mode=play&obj=34180


O.
29.1.2013 1:12
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Skeptiker
2.2.2013 17:08
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@Fritz, du hast da (27.1.2013 um 5:13) ziemlich viele Themen angesprochen. Ich kann bzw. will hier nur auf die eingehen, die mich quasi angesprungen haben. Das Ganze ist trotzdem leider sehr lang geworden. Und auch wenn das mangels Aktualität jetzt kaum noch jemand liest, schon gar nicht in voller Länge: Danke fûr den Anstoß, das alles mal in Worte zu fassen und Hadmut danke für die Plattform. Vorab sei noch gesagt, dass ich weitgehend mit selbstgemachter Logik argumentiere. Dazu am Ende noch ein Satz.

1) Sprache erzeugt Wirklichkeit

Ich habe mir lange den Kopf darüber zerbröselt, wie weitaus gebildetere Leute als ich auf sowas kommen, was mir intuitiv als grundfalsch erscheint. Meine Antwort liegt in der Definition dessen, was unter Wirklichkeit überhaupt verstanden wird. Wenn man die nämlich auf das beschränkt, was ich “gesellschaftliche Wirklichkeit” nennen möchte, wird die These fast wahr. Die meisten Leute in den saturierten Ländern (i.w. haben nur die das Problem) verbringen den allergrößten Teil ihres Lebens in dieser Blase, da nehme ich mich nicht grundsätzlich nicht aus: Schule, BWL oder Publizistik, Bürojob oder Stütze, Bücher, Facebook, Vereinsmeierei, politisches Engagement etc.pp.: Alles auf eine bestimmte Weise abstrakt, Sprache, Kampf um Deutungshoheiten etc.

Reale Dinge wie Convenience Food, Hängebrücken, Heizung und Navi funkionieren einfach, und Schluss. Dass da jeweils Jahrtausende an Forschung, angewandter Wissenschaft und mathematischem Können drinstecken, braucht man gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. In diesem Gedankengebäude bleibt die Kellertür zu dieser anderen Realität einfach zu, oder es kleben neuerdings sogar bildersturmmäßige Warnschilder dran: “Achtung, frauenunterdrückende Männerwissenschaftstechnik-Kackscheiße”. Wobei mich nebenbei mal die radikalfeministische Haltung zu Rückwärtseinparkassistenten interessieren würde. Die sind ja die Hightechvariante des frauendiffamierend-sexismuskonstruierenden Türaufhaltens, oder nicht? Wobei mir auffällt, dass Damenmode ja auch überwiegend von Männern gestaltet wird… sorry, ich schweife gerade zum Thread-Thema ab.

Ich bin aber Naturalist und halte die “gesellschaftliche Wirklichkeit”, so bestimmend sie für den Alltag sein mag, bestenfalls für einen Teil dessen, was ich für die Wirklichkeit halte. Verzeiht mir, dass ich keine geschmeidigere Begriffsdefinition anbiete, aber ich will hier auch nicht einfach irgendwas Gegoogeltes unreflektiert reinpasten.

Ich bin also u.a. von der Existenz einer Wirklichkeit vor und außerhalb jeder Wahrnehmung und Deutung überzeugt, was sich mit allerlei (Gedanken-)Experimenten auch leicht belegen lässt. Grob vereinfacht: “Der Mond ist auch da, wenn keiner hinschaut”. Seine Wirkung auf die Erde (Gezeiten, Verlangsamung der Erdrotation) ist real, messbar und wird durch Sprache weder konstruiert noch vermittelt. Das ganze Universum tickt so, auf fast jeder Skala (die Schwierigkeiten dieser Sichtweise in der Quantenmechanik sind mir bekannt. Jemand könnte sagen, auch die von uns Menschen wahrnehmbare oder messbare Realität sei eine Blase, Untermenge einer anderen oder größeren Wirklichkeit. Darauf würde ich antworten, dass man im Gegensatz zur physikalischen die “gesellschaftliche Wirklichkeit” verlassen oder auch ändern kann, also keine Analogie vorliegt. Und wo wir gerade dabei sind: Manche sagen ja selbstgewiss und angriffslustig, dass die Wissenschaft sogar von sich selbst feststelle, ihr Wissensstand sei stets unvollständig und vorläufig. Worauf nur zu antworten ist: Ach ja? Und Du weißt also genauer Bescheid?).

Das alles heißt nun nicht, dass man auf der oberirdischen Seite der Kellertür tun und lassen dürfte, was man will, also etwa Logik und Arithmetik etc. einfach ignorieren oder gar infragestellen und munter drauflospostulieren, etwa dass es keine Geschlechter gebe, keine genetische Disposition, dass Astrologie oder die Heilwirkung von Zuckerkügelchen real seien und was nicht sonst noch alles. Aktuell ist da die “schwache Quantentheorie” (WQT) in der Eso-“Medizin”.

Das geschieht aber, und in großem Stil. Das Problem sind die Disziplinen, denen die Korrektive fehlen, die sie erst zur Wissenschaft machen würden: Mathematik oder wenigstens kalte Logik, Experimente, Messungen oder auch schlicht: Funde, die ihre Theorien erden würden. Die können behaupten und fabulieren, was sie wollen, und sie tun es. Ich sage nicht, dass da alle so sind, aber die Versuchungen (und die Zwänge) sind groß. In manchem Fach scheint es praktisch unvermeidbar zu sein, mit Stuss das Reüssieren zu versuchen, weil einfach nichts anderes mehr als Stuss übrig ist.

Dergleichen Versuche scheitern zwar früher oder später alle am reality check. Bis zur nächsten Mode. Nur merken das die philosophischen Erdgeschossbewohner oft selbst nicht (um dieses nette Bonmot hier auch noch unterzubringen, wobei ich leider nicht weiß, von wem es ist. Klingt nach Erika Fuchs oder Dieter Nuhr), entweder aus Mangel an Hirn oder an realwissenschaftlicher Bildung. Oder vielleicht ist es interessengetrieben, man muss ja leben. Alles sehr menschlich.


Skeptiker
2.2.2013 17:11
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2) Verstehen ist nur durch Verbalisierung möglich

Ich hoffe, ich habe diese These richtig wiedergegeben. Auch sie lehne ich indes ab. Wir Menschen haben unseren evolutorischen Nachbarn körperlich nicht viel voraus, im Gegenteil sind wir eher Generalisten bei physischen und sensorischen Fähigkeiten. Der Hauptunterschied ist eine neue Hirnregion mit allerdings dramatischen Folgen. Gleichwohl ist unser Zugang zur äußeren Realität nicht überwiegend intellekt- oder sprachvermittelt, sondern wie bei den Tieren meist intuitiv. So sind alle Tiere, auch wenn sie nicht über Abstraktions- und Sprachfähigkeiten verfügen, zum Auffinden von Nahrung, Artgenossen und Gefährdungen und damit zur Interaktion mit der sie umgebenden Realität in der Lage.

Uns Menschen zeichnet nun aus, dass wir *zusätzlich* zum intuitiven (den übrigens auch teilweise in der “gesellschaftlichen Wirklichkeit”, was die Lage dort noch unübersichtlicher macht) auch den intellektuellen Zugang zur Welt haben. Von Ansätzen abgesehen können das auf diesem Planeten nur wir, und nur dieses bisschen Mehrhirn bringt Zivilisation und Kultur und eben auch Dinge wie die “gesellschaftliche Wirklichkeit” überhaupt hervor.

Immer wenn der direkte sensorische/intuitive Kontakt zur Realität versagt, können wir sie, das stimmt, durch Verbalisierung trotzdem oder zusätzlich versuchen zu erfassen. Beispiele:

+ Zum intuitiven Verständnis des Doppelspaltexperiments oder des Vorhandenseins von mehr als drei Raumdimensionen hat uns die Evolution nicht befähigt, trotzdem “verstehen” wir (einige von uns :-)) das im Rahmen unserer Möglichkeiten dank der Mathematik ganz gut, die in diesem Sinne auch eine beschreibende Sprache ist, sogar obwohl das in der Quantenwelt Vorgefundene mit dem vorherigen klassischen Realitätsbegriff gar nicht kompatibel ist.

Exkurs: Sprache ist zwangsläufig ungenau. Jemand sagte einmal,
Sprache könne nicht mehr als eine Metapher für die Realität sein.
Dieses Problem hat die Mathematik nicht: Sie kann sogar Ungenaues
ganz exakt beschreiben. /Exkurs

+ Manche Tiere scheinen einen Magnetsinn zu haben, von dem wir Menschen keine Möglichkeit haben zu erfühlen, wie es so ist, ihn zu haben (bei IR- oder UV-Sinnen können wir das in etwa, das ist ja irgendwie wie Sehen). Trotzdem kann ich hier darüber schreiben.

+ Gilt es nicht als psychische Störung (Autismus), keinen oder eingeschränkten intuitiven Zugang zur Welt zu haben?

+ Wenn du eine Frau bist: Wie sich eine Geburt anfühlt / Wenn du ein Mann bist: Wie sich eine Erektion anfühlt: Das ist allerdings auch mit Worten kaum noch dem jeweils anderen Geschlecht erklärbar 🙂

Es sind Beispiele dieser Art, auf die ich meine Überzeugung stütze, dass Realität nicht durch Sprache “konstruiert” wird (allein dieser Wortmissbrauch ist schändlich!), sondern allenfalls vermittelt. Die “gesellschaftliche Realität”, wie ich sie hier charakterisiert habe (“was uns groß und wichtig erscheint” – Reinhard Mey, “Über den Wolken”), ist also in diesem Sinne nur eine Art Fluse (“nichtig und klein”, ebd.) im Möglichkeitsraum des Universums.

Für das Individuum kann Sprache gleichwohl nicht nur Mittler, sondern auch Primärquelle seines Wissens und Weltbildes sein, global gesehen kann sie das keinesfalls. Das muss man unterscheiden.


Skeptiker
2.2.2013 17:14
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3) Man kann nur das verstehen (Input) und aussprechen (Output), wofür es Worte/Begriffe gibt

(Richtig wiedergegeben?) Es wird nach dem bisher gesagten nicht überraschen, dass ich mich auch dieser These nicht anschließe. Mein einfachstes Beispiel ist der Sachverhalt, keinen Durst zu haben. Das kann ich verbal wie intuitiv verstehen (Input), Schlüsse daraus ziehen (Verarbeitung) und darüber sprechen (Output), obwohl es kein Wort als Analogon zu “satt” gibt. Ich kann es ja umschreiben, das Konzept bleibt mir auch ohne Worte nicht verborgen. Auch ans Ehepaar aus Onkel und Tante kann ich auf einfache Weise denken (Input/Verarbeitung), aber nur umständlicher darüber sprechen (Output) als z.B. über “Eltern”. Geht also.

Eskimos haben angeblich 50 Wörter für Schnee, weil die Unterscheidung für sie wichtig ist. Es hält die Bewohner tropischer Breiten indes kein Prinzip davon ab, hinzufahren, die vorgefundenen Arten gefrorenen Wassers “Schnee 1” bis “Schnee n” zu nennen und mit den arktischen Kollegen darüber in den Diskurs einzutreten. Fehlende Begrifflichkeiten zur Not neu zu erschaffen ist in der Tat nicht nur Aufgabe der Philosophie, sondern der Wissenschaft insgesamt.

Wenn nun dereinst ein Wahrheitsministerium uns nicht nur den Begriff “rot” zu nehmen versucht, sondern perfiderweise auch gleich die Bedeutung von und damit die übergreifenden Konzepte für “Farbe” oder gar “Elektromagnetismus”, um uns die Möglichkeit zu nehmen, daran zu denken bzw. darüber nachzudenken, so wirft uns das doch nur auf den menschlichen Erkenntnisstand vor der Entdeckung und Beschreibung dieser Phänomene zurück. Wir können (und würden!) sie dann einfach nochmal entdecken, erforschen und neue Begriffe dafür prägen.

Exkurs: Viel gefährlicher als die Entkernung oder Abschaffung von
Begriffen ist es, bestehende Begriffe zu okkupieren und umzu-
deuten, entweder aus Ahnungslosigkeit oder Schlamperei (plötzlich
bedeutet “zeitgleich” dasselbe wie “gleichzeitig” – wenn ich aber
wirklich “zeitgleich” meine, muss ich jetzt auf Umschreibungen
ausweichen) oder aufgrund einer Agenda (wenn Indenausschnittgucken
schon eine Vergewaltigung sein soll), also an der Semantik
herumzupfuschen.

Sprache ist das einzige Medium zum intellektuellen Austausch und
das einzige, was uns Menschen neben einem kleinbisschen Program-
mierung davon abhält, als Kind wie z.B. ein junger Delfin jedes
Weltwissen durch Zugucken oder Versuch und Irrtum von Grund auf
neu erwerben zu müssen. Stattdessen gehen wir in die Schule und
erwerben dort das Vorwissen quasi der gesamten bisherigen Mensch-
heit qua Wort- und Schriftsprache.

Um nicht missverstanden zu werden: Sprache und Semantik waren nie
starr und dürfen es auch nicht sein. Deren Veränderung ist ein
typischer Fall von Dual Use. Aber es Bedarf des Konsens’. Sobald
wir ein neues anerkanntes Wort für “zeitgleich” haben, bin ich
sofort still 🙂

Mit etwas Pathos: Die Semantik etablierter Begriffe zu beschädi-
gen, die ja (leider?) nur eine Konvention ist – wenn man nicht
mehr wissen kann, was gemeint wurde und es immer umständlicher
wird, einen Sachverhalt klarzumachen – ist ein Angriff auf eine
Konstituente dessen, was uns überhaupt zu Menschen macht. Ohne
eine allgemeingültig anerkannte Semantik nutzt der ganze Intellekt
nichts oder hält sich nur noch mit Nebensächlichkeiten auf.
/Exkurs


Skeptiker
2.2.2013 17:15
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4) Verstehen und Erklären

Dem Zitat “Was man erklären kann, hat man auch verstanden. Was man verstanden hat, kann man auch erklären” möchte ich eine in meinen Augen und im Lichte des Gesagten lebensnähere Version gegenüberstellen: “Auf manchem Gebiet gibt es nur zwei wirkliche Experten: Der eine hat es komplett verstanden, kann es aber nicht so gut erklären. Der andere kann es supergut erklären, hat aber nicht alles verstanden”.

TL;DR

Sprache ist ein Medium. Sie “konstruiert” die Realität bestenfalls für einzelne Individuen und bezogen auf einen Ausschnitt der Realität. Die Semantik anzugreifen ist aber trotzdem sehr gefährlich.

p.s. Psychologie ist eine Wissenschaft

Das sehe ich in der Tat genauso. Die Art, wie sie in der Praxis betrieben wird, erscheint mir aber vielfach wie “Cargo-Kult” (Richard Feynman) und z.T. schlicht als Handwerk.


Skeptiker
2.2.2013 17:16
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p.p.s. Ach und doch noch was, eine Pauschalpolemik, von der sich bitte niemand persönlich angegriffen fühlen möge, insbesondere der Kommentator Fritz nicht, mit dessen Argumenten ich mich eben auseinandergesetzt habe und dessen oben gezeigten Stil ich schätze: Ohne Gegenmeinung keine Debatte und nichts Neues.

Ich gehe also mal wieder die Treppe rauf ins Erdgeschoss. Was ich eben ber Realität und Sprache geschrieben habe, halte ich trotz aller gelegentlichen Lust am Formulieren und Zuspitzen für weitgehend banal. Aber ich habe mir das selbst zusammengepusselt und zurechtgelegt. Deshalb warte ich geradezu auf Anmerkungen wie “Lies erstmal xy, bevor…”, oder noch besser “…anstatt so einen Käse zu schreiben”.

Ein Kommentartypus, der sich öfters durch dieses und andere Blogs und Foren zieht. Verallgemeinert: Immer erst nach der Qualifikation des Argumentierenden fragen (“Was verstehst du als xy denn davon?”), bevor man sich dazu herablässt, sich mit einer Sache zu befassen. Bevor(!) man entscheidet, ob man das ernst nehmen will oder nicht. Rein formal, rein sprachlich, ohne jeden Blick auf den Inhalt. Der Irrtum über das Wesen der Welt als Methode. Am schlimmsten sind die, die nur noch pauschal auf vorgebliche Autoritäten verweisen, um damit eine Debatte zu beenden. Das ist so dermaßen bezeichnend für manche Disziplin, dass man es schon als generelles Charakteristikum für (mangelnde) Wissenschaftlichkeit heranziehen könnte. Natürlich verweisen Naturwissenschaftler auch pauschal auf “Einstein”, aber damit meinen sie nicht seine vorgebliche Autorität, sondern die erdrückende Bestätigungslage bezüglich seiner Theorien. Auf “Darwin” verweist z.B. trotz seines epochemachenden und im Kern unwiderlegten Beitrags keiner mehr, weil sich die Theorie schon um Einiges über seinen damaligen Stand hinausentwickelt hat.

Selbst wenn ich etwas nach einem entsprechenden Ratschlag aus Interesse tatsächlich nachläse und egal ob mir zugestimmt oder widersprochen wurde: Leute, die nichts tun außer mit ihrer Belesenheit (oder ihrem Abschluss) zu argumentieren oder gar damit anzugeben, sind für mich Telefonbuchidioten. (Fachliche) Bildung ist die Voraussetzung für Debatten, nicht deren Ziel. Belesenheit soll das Wiederkäuen schon vorgebrachter Argumente verhindern oder einhegen, nicht sie perpetuieren. Sie ist der Boden, nicht die Decke.

Ich habe nichts gegen Bildung, ganz im Gegenteil: Je mehr, desto besser. Belesenheit ist in der Wissenschaft aber halt das, was im Leistungssport das Training ist, und der Master ist da sozusagen nur das Sportabzeichen. Kein Athlet wird im Stadion mit seinen Trainingsleistungen prahlen (oder gar dafür bezahlt). Von ihm wird erwartet, dass er eigenständig da rausgeht und, allein oder im Team, selbst und höchstpersönlich kämpft, selbst wenn er verliert. Selbst in der Kreisklasse wird das erwartet.

Wollte ich nur mal gesagt haben. Danke.


Klaus M
5.2.2013 10:26
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“… vergewaltigt oder so.” – aha


Ein kleiner Link für deine Sammlung:
antifee.de/antifee/?page_id=1496

Antisexistisches Sicherheitskonzept 2013

Das Konzept ist mit wenigen Änderungen aus dem Vorjahr übernommen worden.
Allgemeines

Das Antifee soll ein Ort sein, an dem Grenzen anderer Menschen respektiert werden, damit möglichst viele Menschen sich wohl und sicher fühlen können. Um das zu gewährleisten muss sicher gestellt sein, dass grenzüberschreitendem und diskriminierendem Verhalten auf dem Festival keinen Raum gegeben wird. Konkret heißt das, dass wir keinen Bock haben auf: unerwünschtes Anmachen, Begrabschen und Betatschen, dominantes männliches Auftreten und sonstiges aufdringliches Verhalten. Ihr entscheidet selbst, wo eure Grenzen liegen!
Wir wissen, dass wir Sexismus auf dem Antifee nicht komplett verhindern können, wollen aber einen bewussten und betroffenensolidarischen Umgang schaffen!

Praxis

Damit ihr euch möglichst sicher fühlt, gibt es auf dem Festival Strukturen, damit ihr zu jeder Zeit und überall schnell Unterstützung bekommen könnt.
Dafür gibt es u.a. eine Ansprechgruppe, welche während des gesamten Festivals auf dem Gelände präsent ist. Ihr könnt sie jederzeit ansprechen, wenn ihr euch unangenehmen, grenzüberschreitenden Situationen ausgesetzt fühlt. Das Ansprechgruppenzelt bietet einen Rückzugsraum, in welchem ihr zur Ruhe kommen könnt. Die Ansprechgruppe geht auf eure Wünsche ein und kümmert sich um eure Bedürfnisse. Damit ihr die Ansprechgruppe auch ohne langes Suchen findet, ist sie auch über ein Handy erreichbar.

Die Nummer lautet 0175 / 67 89 446 .

Definitionsmacht

Damit sich möglichst viele Menschen wohl fühlen können, gilt auf dem Antifee Definitionsmacht und wird konsequent durchgesetzt!
Definitionsmacht heißt für uns, dass die Macht, einen sexualisierten bzw. sexistischen Übergriff zu benennen und als solchen zu markieren, einzig und allein bei den Betroffenen liegt und sie entscheiden, wie und ob damit umzugehen ist. Die Motivation, warum wir Definitionsmacht gut finden und durchsetzen, liegt in der konkreten Unterstützung der Betroffenen und einer parteilichen Haltung zu ihnen. Alle weiteren Schritte ergeben sich aus dem Wunsch nach einem betroffenensolidarischen Umgang.
Definitionsmacht stellt für uns eine Möglichkeit der Selbstermächtigung dar. Die Entscheidung über einen Übergriff zu sprechen und die Macht darüber zu bestimmen wie und ob damit umgegangen wird, tragen nur die Betroffenen – und das finden wir gut. Dabei gilt es zunächst, die Definitionsmacht der Betroffenen uneingeschränkt anzuerkennen und nicht zu hinterfragen, nach scheinbar objektiven Beweisen zu suchen, sich die Situation beschreiben zu lassen oder über die Mitschuld der Betroffenen zu spekulieren. Um die Betroffenen in ihrer Selbstermächtigung zu unterstützen, möchten wir Strukturen schaffen, um ihre Handlungsoptionen zu erweitern und ihnen nicht das Gefühl zu geben, alleine mit der Situation umgehen zu müssen. Es liegt an allen, die sich mit ihnen solidarisch erklären, Räume, Gruppen, Zusammenhänge und Strukturen auf Wunsch der Betroffenen so einzurichten, dass sich die Betroffenen möglichst frei und ohne Angst erneut verletzt zu werden, bewegen oder auch zurückziehen können.
Da es gängige Praxis ist, im Kontext eines sexualisierten Übergriffes die Täter*innenperspektive einzunehmen, möchten wir bewusst einen Perspektivenwechsel vornehmen. Wenn dem*r Täter*in oder seinem*ihrem Umfeld Raum geboten wird sich zu erklären, zu rechtfertigen oder auch zu entschuldigen, setzt sich die erfahrene Verletzung der betroffenen Person u.U. fort. Deswegen soll niemand anderes als die Betroffenen selbst darüber bestimmen, ob überhaupt und wann, wo, wie, mit wem und über was gesprochen wird.
Das subjektiv empfundene Leid ist nicht mit einem allgemeingültigen Maßstab fassbar. Als Außenstehende*r darüber urteilen zu wollen, wie schlimm oder besonders eine Situation war, kann dementsprechend nur schief gehen und darf nicht ausschlaggebend für die Anwendung des Definitionsmachtkonzeptes und seiner Konsequenzen sein. Indem wir die Definitionsmacht der Betroffenen anerkennen, wollen wir bewusst parteiisch mit ihnen sein. Wir wollen weder vermeintlich objektiv noch neutral mit solch einer Situation umgehen und schon gar nicht irgendwelche scheinbar belegenden Beweise einfordern. Dieses gängige Verständnis von Gerechtigkeit hilft in einer solchen Situation meistens nicht weiter.
Mit dem Definitionsmachtkonzept wollen wir also vor allem in einer eventuellen Notsituation bestmögliche Unterstützung leisten. Es ist zugleich aber auch ein politisches Statement mit dem wir uns gegen sexistische Machtausübung und ihre Verharmlosung positionieren. Wir fordern einen solidarischen Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt!
Wir thematisieren sexualisierte Gewalt nicht weil wir Panik schüren wollen, sondern um Handlungsspielräume zu eröffnen, wie ein angemessener Umgang mit eventuellen Grenzverletzungen aussehen kann. Verhindern können wir jene ohnehin nicht, aber zumindest die Strukturen dafür schaffen, dass es für die Betroffenen so angenehm wie möglich bleibt.
Dafür, dass es jeder*m auf dem Festival so gut wie möglich geht, sind wir aber alle verantwortlich!

Fußnote:
Oft geht es an gesellschaftlichen Realitäten vorbei, den Täterbegriff zu gendern und dementsprechend wird dies in vielen Texten zum Definitionsmachtkonzept nicht gemacht. In den meisten Fällen sexualisierter Gewalt sind die Täter männlich, die Betroffenen weiblich. Wir haben, um keine mögliche Situation auszuschließen, in diesem Text trotzdem konsequent gegendert, obwohl wir uns auch (in diesem Jahr wieder) im Plenum darüber uneinig waren.