Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die Zukunft der Verhörtechnik? Kryptotomographie?

Es gab diese und letzte Woche – vor allem im gedruckten SPIEGEL und im Online-SPIEGEL – einiges an Meldungen darüber, daß man Fortschritte beim Verständnis der Funktionsweise des Gehirns gemacht hat und inzwischen ansatzweise im Computertomographen sehen kann, was ein Mensch denkt. Man könne beispielsweise schon erkennen, ob ein Mensch an einen Hammer oder eine Zange denkt und vermeintlich willkürliche und spontane Entscheidungen 7 Sekunden vorher prognostizieren. Anlaß, sich über die Querverbindungen zur Sicherheitstechnik und zur Kryptographie Gedanken zu machen.

Um es vorweg zu sagen: Es gibt einige Leute, die an der Seriosität dieser Behauptungen zweifeln. Man muß nur die Blogs lesen. Was andererseits nicht viel sagt. Denn an allem, was passiert, gibt es immer Zweifler, vor allem in den Blogs. Dazu kommt, daß ich selbst nicht genug Ahnung vom Thema Gehirnmedizin habe, um zu beurteilen, ob das ernsthafte Ergebnisse sind oder eher heiße Luft, wie sie in der Forschung eben auch vorkommt.

Der Sicherheitsspezialist in mir sagt aber: Betrachten wir einfach mal den wenigstens hypothetischen Fall, es ginge. Was wäre wenn?

Der Zyniker in mir sagt: Vielleicht muß es ja gar nicht funktionieren, vielleicht genügt es schon, daß die betroffenen Personen glauben, daß es geht, wenn man das nur über die Medien hinreichend verbreitet. Eine Art Self-fulfilling Prophecy.

Nehmen wir also zweierlei wenigstens hypothetisch an:

  1. Es gibt Denkprozesse, von denen wir im Bewußtsein nichts mitbekommen und die wir nicht steuern oder unterdrücken können. Nicht das Bewußtsein steuert die Prozesse im Gehirn, sondern die Prozesse dirigieren das, was wir irrtümlich für Bewußtsein und freien Willen halten. Wir können uns – jedenfalls der nicht geschulte und trainierte Normalbürger – nicht dagegen sperren, über etwas nachzudenken.
  2. Diese Prozesse sind von außen auslesbar. Wir unterstellen, daß dieser Auslesevorgang – durch Gesetz, Druck, Gewalt, Drohung, Drogen – erzwungen werden kann. Die extremere Variante wäre, daß dies in Zukunft vielleicht sogar unbemerkt geschehen kann, entweder weil es so passiert, daß man es nicht bemerkt, oder weil man herausgefunden hat, wie man die Wahrnehmung diesbezüglich ausschalten kann. Vergleichbar mit den Tarnmechanismen von Computerviren, Bots und Rootkits.

Die Auswirkungen wären enorm.

Schon heute sind wir an dem Punkt, an dem manche Länder erzwingen wollen, den E-Mail-Verkehr über die Grenzen abzuhören, bei der Einreise den Datenbestand in Laptops zu filzen oder Leute gleich in Beugehaft zu stecken, wenn sie die Schlüssel für verschlüsselte Daten nicht offenlegen. Im Namen der Terrorismusabwehr und der Kinderpornographie, ein Schelm wer dabei an Überwachungswahn und Spionage denkt. Dabei betrachten viele Leute – auch ich – den PC inzwischen als eine Art Gehirn-, Denk- und Gedächtniserweiterung. Bei manchen ist der PC dann vielleicht auch gleich die Denkprothese. Hemmungen, darauf zuzugreifen, hat man nicht. Bundestrojaner, und so. Drängt sich da nicht der Gedanke auf, daß früher oder später auch das Gehirnauslesen als Verhör- und Nachrichtendienstmethode in Mode kommt?

Wir gewöhnen uns gerade daran, daß wir jedes Jahr ein bisschen tiefer eindringende Kontrollen an den Grenzübergängen haben. Früher wurden nur die Koffer geröntgt. Inzwischen werden sie durchsucht, man muß sie öffnen oder gleich “Schlösser” verwenden, die mit einem Generalschlüssel zu öffnen sind. Nagelscheren nehmen wir nicht mehr ins Bordgepäck und machen jede Schikane mit, indem wir Flüssigkeiten in Plastikbeutel verpacken, als ob Plastikbeutel etwas ausrichten könnten. Wir haben biometrische Ausweise bekommen, die uns in Schwierigkeiten und eine Empfehlung zum Besuch des Schönheitschirurgen einbringen, wenn die Nase schief ist, obwohl solche Abweichungen doch gerade Ziel der Biometrie sein müßten. Wir haben uns bei der Einreise in die USA erst fotographieren und gesichtsvermessen lassen, dann die Fingerabdrücke der Zeigefinger nehmen lassen, schließlich die aller Finger. Was bald nicht mehr nötig ist, denn die Fingerabdrücke werden sowieso im Reisepass und in den Datenbanken verewigt. DNA-Proben sind nur eine Frage der Zeit. Es wird registriert und über Jahre gespeichert, was wir kaufen, wo wir im Flugzeug sitzen, was wir essen, was wir hören und im Video schauen, was wir bei Google suchen, bei Amazon bestellen oder in der Bibliothek ausleihen. Wir sind drauf und dran, das Denken und die Gesinnung datenbankmäßig zu erfassen.

Wäre es da nicht naheliegend, bei der Einreise den Gesinnungstest im Tomographen vorzunehmen?

Man kommt – anfangs nur stichprobenartig und bei Verdacht, wie heute bei den Notebook-Durchsuchungen, später dann regelmäßig – in eine Kabine, muß einen Helm aufsetzen und bekommt dann einen Video vorgespielt. Kinderpornographie, Terroranschläge, Osama bin Laden, gesuchte Terroristen, Polizei, den amerikanischen Präsidenten, und vielleicht noch Bilder von Objekten der Industriespionage. Und dann wird vermessen, wann das Gehirn Freude, Wiedererkennen, Vertrautheit, Abscheu, Ekel, Angst, Lust oder sonstwas empfindet.

Daraus könnte man ein Profil über die jeweilige Person fertigen und die Person beurteilen – bei der Einreise, bei der Stellenbesetzung usw. Der hat sich bei bin Laden gefreut. Oder Angst vor der Polizei gehabt. Kinderpornos haben ihn erregt. Einen gesuchten, aber der Öffentlichkeit nicht bekannten Top-Terroristen hat er wiedererkannt. Den Präsidenten empfand er als lächerlich. Beim Einschlag der Flugzeuge in das World Trade Center waren Triumpfgefühle zu vermessen. Schon steht man auf der schwarzen Liste, darf nicht mehr fliegen, nicht mehr einreisen usw. Widerspruch ist zwecklos, wie schon die heutige Liste mit den Flugberechtigungen rot-gelb-grün zeigt. Meßfehler kommen eben vor, das Leben ist nun einmal nicht gerecht. Hat beim normalen Lügendetektor, dem Polygraphen, ja auch kaum jemanden gestört.

Da wir ja nun auch wissen, daß der Mensch keinen freien Willen hat sondern der Sklave seines Gehirns ist, könnte man aus solchen Profilen auch schlußfolgern, ob jemand Verbrechen begehen wird. Sie sind ein potentieller Verbrecher oder Kinderschänder, Sie kommen hier nicht rein. Wie in “Minority Report”. Muß man nicht bisher schon bei der Einreise in manche Ländern einen Fragebogen ausfüllen, ob man beabsichtigt, Straftaten zu begehen?

In der Kryptographie gibt es häufig Angriffe, bei denen man den Schlüssel in vielen kleinen Schritten ausrechnet, ein Stückchen Information nach dem anderen. Wie früher bei den billigen Fahrradschlössern, bei denen man einen Ring nach dem anderen drehte und eine Ringstellung nach der anderen knacken konnte. Als letzter Schrei der Sicherheitstechnik gilt die Hypothese, daß Quantencomputer durch enorme Rechenleistung kryptographische Rechenaufgaben lösen und Chiffren brechen. Die Briten setzen eher auf die Methode der Beugehaft bei Wasser und Brot. Wie wäre denn das: Der Delinquent wird auf einem Stuhl fixiert, die Augen aufgespannt zum Zwangsansehen eines Computermonitors. Und der Monitor zeigt dann das Gerät, an dem man normalerweise den Schlüssel eingibt, z. B. eine Computertastatur und die entsprechende Bildschirmanzeige. Und nun zeigt der Bildschirm dem Menschen Schritt für Schritt, wie die einzelnen Teile des Schlüssels – Buchstaben eines Paßwortes, Zahlen eines Tresors, Ziffern einer Zahlenkombination, was auch immer – eingestellt werden. So wie man es aus den Filmen kennt, wenn der Tresorknacker am Ring dreht und mit dem Stethoskop lauscht, wann es im Schloß “Klick” macht. Nur daß man hier nicht am Schloß, sondern am Gehirn lauscht, wann es darin “Klick” macht, und so Schritt für Schritt an den geheimen Schlüssel kommt, den der Delinquent kennt. Schon lange hat man in der Kryptographie das Phänomen, daß nicht mehr die verschlüsselten Daten, sondern das Endgerät angegriffen wird, in dem der Schlüssel gespeichert ist. Der nächste Schritt ist, das auf den Menschen auszudehnen.

Schon heute gehen Firmen dazu über, bei Auslandsreisen in die USA nur noch “leere” Notebookrechner mitnehmen zu lassen, aus denen man keine Daten herausholen kann. Die Zukunft wird sein, nur noch “leere” Mitarbeiter dorthin reisen zu lassen. Oder gleich ganz auf körperliche Reisen zu verzichten.

Auch Foltermethoden könnte man so verfeinern. Seit den Berichten über das Waterboarding und ähnliche Methoden in Guantanamo und anderwos wissen wir, daß man großen Wert auf Methoden legt, die dem Betroffenen große Angst einjagen, aber keine nachweisbaren körperlichen Spuren hinterlassen sollen. Kennt Ihr den Film “Uhrwerk Orange”? Oder das Zimmer des Geheimdienstes in George Orwells 1984? Zu wissen, wovor ein Mensch die größte Angst, den größten Ekel hat, kann von enormer strategischer Bedeutung sein. Man könnte Menschen die schönsten Foltermethoden als Video zwangsvorspielen und die Gehirnreaktkonen messen. Dann weiß man sofort und automatisiert, wofür sie am anfälligsten sind. Aber vielleicht reicht der Video schon, wenn er sich dynamisch adaptiert.

10 – 20 Jahre später sind die Dinger dann ganz billig und können zur Optimierung der Fernsehwerbung genutzt werden.

Aber ich merke, ich rede wirres Zeug. Das ist nicht real, nur sicherheitsüberdrehte Spinnereien. War ja auch nur hypothetisch gedacht…

Schlaft schön, träumt was nettes. 🙂

3 Kommentare (RSS-Feed)

Stefan
16.4.2008 23:26
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Ob man mit dem Brain-Scanner den Umweg über das beste Folterwerkzeug geht, oder nicht doch gleich alle Informationen aus dem Verdächtigen gewinnt?
Man könnte von einem Startverdacht aus (Terror) mehrere Optionen anbieten – einfach Wörter einblenden und evtl. Bilder die man automatisiert mit Google gewinnt: Irak, Afghanistan, Baskenland, Indonesien…. und den heftigsten Reaktionen folgen – z.B. Afghanistan: dann Städte einblenden, Methoden, Personen, usw. – mit einer spezialisierten Datenbank tastet sich die Maschine dann selbst durch einen Baum.

Die Unterhaltungsindustrie wird die Berührungsängste abbauen, indem Fremdgehen und Schwarzfahren investigativ durchleuchtet werden.

Oder Werbung – auch eine bemerkenswerte Idee. 🙂 Pardon, Traum.


[…] des BKA-Gesetzes (PDF) beim CCC (via Kai Raven). Hadmut Danisch denkt mal wieder als einziger


Kosta
21.4.2008 18:59
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Ach quatsch, die Zukunft des Waterboarding ist natuerlich einfach die Stimulation des Angst-Zentrums im Hirn. Wozu Aengste per Video ausloesen, wenn es auch mit elektromagnetischer Induktion geht?