Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Murphy’s Law: Barfuß in München

Hadmut
30.1.2008 2:19

Warum selbst die Dinge schiefgehen, die eigentlich gar nicht schiefgehen können, und die nicht mal ich als Berufs-Pessimist vorhergesehen habe.

Heute hatte ich einen wichtigen geschäftlichen Termin in München. Einen von der Sorte, wo man nicht einfach nur ne Durchschnittskrawatte umbindet und irgendein Allerwelts-Sakko anzieht, sondern wo alles stimmen muß und man den feinen Zwirn auflegt.

Dazu gehören natürlich auch passende Business-Anzug-Schuhe. Wenn man als Security-Consultant tätig ist, kommt im Laufe der Zeit einiges an Business-Kleidung zusammen. Da ich bis vor kurzem zwei Wohnungen hatte, hatte sich einiges als Reserve in der Privatwohnung gebildet, obwohl eigentlich nur die Sachen in der Dienstwohnung benutzt wurden.

Vor einigen Jahren, werden so etwa 5 Jahre gewesen sein, genau weiß ich es nicht mehr, hatte ich mir ein Paar besonders gute und teure schwarze Anzug-Schuhe geleistet, nicht maßgeschneidert, aber Markenschuhe. Feinstes Leder, beste Verarbeitung, sahen richtig gut aus, Untersohle aus Kunststoff (ich mag keine Ledersohlen), und sowas von traumhaft weich und bequem. Man geht wie auf Wolken, keine Druckstellen, nichts reibt, eingelaufen mußten sie nie werden. Anziehen und Wohlfühlen. Die Marke sag ich jetzt mal nicht, weil ich heute verpennt habe, die Panne zu fotografieren, und die Schuhe schon im Müll sind. Ich könnte nichts beweisen, wenn der Hersteller sich auf den Schlips getreten fühlt.

Jedenfalls hatte ich diese Schuhe nur selten getragen, vielleicht ein Dutzend Mal. Weil man bei einem Geschäftstermin die Schuhe wenig belastet, waren sie eigentlich wie neu. Außer ersten leichten Biegefalten über dem Oberfuß sahen sie aus wie eben gekauft. Und diese Schuhe hatte ich eben etwa 3 Jahre unbenutzt in der Privatwohnung stehen, sauber aufgeräumt im Schrank.

Für den Termin heute wußte ich, daß ich ein paar Meter zu laufen hatte. Und eben den etwas besseren Zwirn brauchte. Also legte ich mir die bequemen teuren Schuhe raus. Ich hatte die gestern abend noch in der Hand um zu sehen, ob sie Schuhcreme brauchen. Nichts, alles tadellos, sehen aus wie frisch geleckt.

Heute morgen gings also los. Ein paar Meter zur Straßenbahn gegangen, zum Bahnhof gefahren, ne Fahrkarte gekauft und in den Zug gesetzt. Beim Einsteigen mal von jemandem mit der Rolle eines Koffers angerempelt worden, war aber nicht schlimm. Nichts zu sehen.


Ich sitze also so im Zug nach München und wundere mich.

Das wäre an sich noch nicht ungewöhnlich, weil es in diesem Land so vieles gibt, worüber man sich zu wundern hat. Aber es war eine besondere Art des Wunders, das dringende Gefühl, das irgendwas nicht so ist, wie es sein sollte, aber man nicht gleich merkt, was eigentlich. Das Wundern steigerte sich langsam. Es wurde zu einem “Peltier-Wundern”. Weil ich nämlich irgendwann das ganz bestimmte Gefühl hatte, daß es an einem Fuß kühler wäre als an dem anderen. Sowas irritiert.

Irgendwann merkte ich, daß mein rechter Fuß Nebenluft zieht. Aus dem schwarzen Schuh hing etwas weißes raus.

Umpf.

Der Schuh war so im mittleren Drittel offen. Das Leder war völlig in Ordnung, auch die extra-starke Vernähung war einwandfrei, aber sie hatte die Untersohle der Länge nach aufgerissen. Mist! Das muß der mit dem Koffer gewesen sein.

Dabei fiel mir auf, daß der Schuh auch auf der Innenseite (also zum anderen Fuß hin) genauso aufgerissen war. Seltsam, der hatte mich doch nur außen berührt. Hatte ich soviel Schwung drauf gehabt?

Mittlerweise hing die Sohle so weit nach unten und die Risse waren so groß und so weiß, daß sie nicht mehr zu tarnen waren. Verdammt, was machen. Schon mal per Handy jemanden in München angerufen, wo ich den nächsten Schuhladen fände. Die erleichternde Auskunft war, daß es am Bahnhof Läden geben müßte. Viel Zeit war nämlich nicht.

Ich sitze also so da und ärgere mich, daß mir der Typ mit dem Koffer die teuren und superbequemen Schuhe kaputt gemacht hat, da kommt mir der Riß länger vor. Seltsam.

Kurz vor München meldete der linke Fuß, daß er friert. Äh, wieso jetzt des? Meßfehler in der Sensorik wie bei Space Shuttles vor dem Start?

Plötzlich hatte der linke Schuh auch so einen Riß an der Seite. Dabei hatte ich mit dem gar nichts gemacht.

Was war denn jetzt los? Der Weg zum Schuhladen erschien unausweichlich.

Nun kam der Zug also an, ich stieg aus und lief Richtung Kopf des (Sack-)Bahnhofs. Erst wundere ich mich, wo ich jetzt wieder reingetreten war, weil auf einmal weiße Krümel nach vorne flogen. Der Boden war aber sauber. Trotzdem flogen bei jedem Schritt so ein paar kleine weiße Krümel nach vorne. Andere Leute guckten mich schon ganz komisch an, weil das aussah, als würden mir da die Knochen aus den Hosenbeinen rieseln. Zu meiner Überraschung lösten sich meine Schuhsohlen immer mehr auf und sonderten bei jedem Schritt Bestandteile ab. Ich fühlte mich unwillkürlich in den Film Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All versetzt, in dem sich ja auch erst Kunststoffe und dann Blut in ein Granulat verwandelten und zerfielen. Würde die Menschheit das überleben? Hatte ich Tod und Vernichtung nach München gebracht?

Polizisten sahen mich wegen der Krümel, die mir aus den Füßen flogen, argwöhnisch an. Ich bat mit dem Tonfall des rechtfertigenden Notstands um Auskunft, wo ich den nächsten Schuhladen fände. Es war ihnen anzusehen, daß sie im ersten Augenblick Schuhgeschäfte in eine Reihe mit Notärzten, der Feuerwehr und dem Veterinär stellten. Dann kam dieser Moment-mal-was-hat-der-da-gerade-gesagt-Gesichtsausdruck. Die guckten mich an, als wäre ich nicht mehr ganz dicht (war ich ja auch nicht, nur eben nicht am oberen, sondern am unteren Ende). Ich zeigte ihnen das Malheur, sie lachten und erklärten mir, da lang, über die Straße, direkt gegenüber des Bahnhofs sind Karstadt und Fußgängerzone mit Schuhläden.

Grausam. Der Weg erschien mir endlos. 300 Meter schienen kein Ende zu nehmen. Mit jedem Schritt verloren die Schuhe schwer an Substanz und ich zog eine Spur von Krümeln hinter mir her. Das Schuhwerk wurde immer labiler und zerlegte sich immer mehr, dafür bekam ich ein immer besseres Gefühl für die Bodenbeschaffenheit. Ich schaffte es gerade so in den erstbesten Schuhladen, erläuterte das Problem und bat um Schuhe mit vergleichbarem Aussehen. Die haben vielleicht geguckt. Sowas hatten die auch noch nicht gesehen.

Wie ich die alten Schuhe so ausziehe, zeigt sich die Schwere des Schadens:

Ursprünglich waren die Schuhe so weich und bequem gewesen, weil die Sohlen aus einem geschäumten, nachgiebigem Material gemacht waren. Und das Zeugs muß eben gealtert sein und sich chemisch zersetzt haben. Was früher elastische Sohlen gewesen waren, war jetzt ein Presskäse aus Krümeln. Morgens noch hatten die Schuhe einwandfrei ausgesehen, wie neu, jetzt hatten sich nach kurzer Belastung die Sohlen völlig zerkrümelt. Ich war beim rechten Fuß mit der Ferse durch den dicken Absatz durchgestoßen, der unten schon offen war. Innen hatten sich die Schuhe auf wenigen hundert Metern Strecke zerlatscht als wäre ich auf Pudding gelaufen. Teilweise war’s schon in die Socken reingetreten.

Gut, die Sache war ärgerlich aber harmlos, direkt gegenüber des Bahnhofs gab es Schuhgeschäfte, und der Wechsel zu neuen Schuhen ging wie ein Reifenwechsel in der Formel-1. Das hätte aber auch anders laufen können.

Wären die Schuhe nur ein bischen später zerfallen, wäre ich schon auf einem abgelegenen, längeren Fußweg gewesen. Und den hätten die nicht mehr ausgehalten. Die Sohlen wären völlig zerbröselt und abgefallen. Dann wäre ich wohl oder übel in Socken, die nichts aushalten, also 30 Meter später Barfuß im Industriegebiet gestanden. Zum Geschäftstermin im Anzug aber barfuß mit dreckigen Füßen zu erscheinen, wäre auch mal was gewesen, womit man bleibenden Eindruck hinterläßt. (So ähnlich muß es den britischen Soldaten im Irak-Krieg gegangen sein, deren Schuhsohlen der Hitze des Wüstensandes nicht standhielten, die Konsistenz von Kaugummi annahmen und klecks-weise desertierten).

Was mich nur ärgert: Die freundliche Dame im Schuhgeschäft hatte mir angeboten, die Schuhe gleich wegzuwerfen, was ich dankbar annahm, nur habe ich im Eifer des Gefechts vergessen, ein Foto davon zu machen. Sowas ist einfach unglaublich.

Erst kürzlich haben ja schon einige Teile an meinen Fotoobjektiven angefangen, sich aufzulösen. Alles nicht mehr die Qualität, die es mal war.


5 Kommentare (RSS-Feed)

yasar
31.1.2008 13:57
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Jetzt weißt Du ja, warum Leder manchmnal besser ist. 🙂


yasar
31.1.2008 14:07
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Nachtrag:

Ich habe auch einige Schuhe im Laufe meines Lebens angesammelt:

Welche mit Ledersohlen, die immer noch benutzbar sind und einige mit Kunstoffsohlen, die nur darauf warten, bei nächster Gelegenheit entsorgt zu werden. Meine Erfharung ist, daß chuhe mit Ledersohlen im Prinzip “das ganze Leben” halten. Die mit Kunstoffsohlen (auch bei teuren Markenschuehen) nur solange wie die Weichmacher in der Sohle drinbleiben (je nach Modell 1-5 Jahre).


Hadmut
31.1.2008 20:21
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Würd ich so jetzt auch nicht sagen. Ich hatte auch mal ein paar Wanderschuhe aus der günstigen Schuhdiscounter-Kette. Sahen eigentlich gut aus, die Sohlen sind aber nach ein paar Tagen gebrochen.

Seither habe ich (hohe und flache) Wanderschuhe von Lowa mit Kunststoffsohlen, die sich bisher auch nach Jahren als unkaputtbar erwiesen haben. Mit den flachen, die zwar nicht übermäßig viel benutz t waren aber nun auch schon 5-6 Jahre alt sind war ich kürzlich vier Wochen in Westaustralien, wandern unter erschwerten Bedingungen, bei großer Hitze stundenlang über heiße und scharfkantige Felsen und Geröll, mehrfach duch Bäche usw. gewatet. Haben die völlig problemlos weggesteckt.

Kunststoffe gibt’s halt in sehr unterschiedlichen Qualitäten.


folon
10.2.2008 21:17
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Lustig! EXAKT das gleiche ist mir vor ein paar Wochen auch passiert. Vor 10 Jahren ein paar schöne Schuhe von C****s in London gekauft, lange im Schrank stehen lassen, wenig getragen und neulich wieder rausgekramt. Nach einer Stunde haben sich die Absätze in Krümel aufgelöst, es war schon ein lustiges Gefühl. Ich mußte mir auch rasch neue Schuhe besorgen, der Tag war auch nicht damit durchzuhalten.

Waren Deine Schuhe auch von C****s?


Hadmut
10.2.2008 21:28
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Pruuust, JA, meine waren auch von C****s !