Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Vorlesungen bald allgemein per Video?

Hadmut
5.10.2007 21:57

Die kalifornische Universität Berkeley stellt mittlerweile einige Vorlesungen als Video bei YouTube zur Verfügung.

Schon vor einigen Jahren gab es auch an der Uni Karlsruhe Vorlesungen, die eigentlich in Freiburg gehalten wurden und in Karlsruhe nur als Video abzurufen waren. Das war damals noch etwas ungewöhnlich. Und es war etwas komisch als in die Vorlesung statt des Dozenten nur ein Mitarbeiter kam, eine kleine Videokamera an den Beamer anschloß und verkündete, daß es einfacher wäre, sich die Vorlesung von zuhause aus anzugucken. Ist das nun gut oder schlecht?

Also es hat jedenfalls gegenüber einer echten Vorlesung die Nachteile, daß es deutlich mehr Konzentration und Selbstdisziplin erfordert und man keine Rückfragen an den Dozenten stellen kann. Und auch daß der Dozent selbst kein Feedback bekommt und nicht merkt, wenn Fragen aufkommen oder Unklarheiten bestehen. Man versuchte damals, das Feedback über eine Newsgruppe abzubilden, aber das war nicht so dolle, und scheint auch nicht mehr betrieben zu werden. Vielleicht macht man es jetzt über Mailinglisten, aber auch das hat Vor- und Nachteile.

Ein Vorteil einer Videovorlesung ist ganz klar, daß man sie sich auch von zuhause ansehen kann und eben mal unterbrechen um etwas nachzugucken, die Stelle in der Literatur zu suchen usw. oder auch mal “zurückspulen” kann. Es hat unbestreitbare Vorteile und erinnert mich verdammt an die Telekolleg-Sendungen, die Ende der Siebziger Jahre in den Dritten Programmen kamen. Da gab es auch Vorträge, die zwar so ähnlich wie Vorlesungen waren, aber mit Graphiken und Animationen gezielt auf das Videoformat ausgelegt waren, also gerade keine Vorlesungen für ein anwesendes Publikum, sondern eine konstruierte Konserve.

Gerade darin könnte aber der Wert liegen, denn so wirklich toll sind echte Vorlesungen nur selten. Dann, wenn die Video-Aufnahme eben nicht nur eine “tote Videoaufnahme” ist, sondern durch ordentliches Online-Lehrmaterial ergänzt wird, beispielsweise auch aktive Elemente wie Kurvendarstellungen mit beweglichen Parametern oder Einzel-Animationen, kann da etwas richtig gutes draus werden. Aber eben dann “Multimedia” und nicht einfach nur ne Video-Aufnahme: Video, PDF-Skript, Webseiten mit Java-Programmen und derlei Zeugs mehr. Es ist natürlich viel mehr Aufwand als bei einer herkömmlichen Vorlesung.

Grundsätzlich ist das nicht ganz ungefährlich. Als ich im Studium war gab es damals gerade den Umschwung von handgemalten Vorlesungsfolien, die für man Zeit brauchte und sich Gedanken darüber gemacht hat, was man vorliest, hin zu den Macintosh-Graphik-Folien, die damals der neueste Schrei waren. Erstmals waren einfache Graphik-Programme für alle und bezahlbar zu haben. Das Ergebnis war katastrophal: Statt einer Vorlesung mit rotem Faden einfach nur ein riesiger Stapel unsäglich inhaltsloser Folien, die sich alle an der Steinzeit-Macintosh-Graphik orientierten: Einfache Kästchen, willkürlich plaziert und mit plumpen Schlagworten gefüllt, und mit den grausigen Macintosh-Pfeilen verbunden, die keine richtige Pfeilspitze hatten, sondern ein Kreissegment, hinten rund und fast immer asymmetrisch. Grauenhaft. Technologie macht Vorlesungen nicht immer besser.

Es wird aber einen anderen Effekt geben, der bisher in Vorlesungen so nicht auftauchte: Wettbewerb

Wenn der Student nicht mehr auf die Vorlesungen am Wohn- und Studienort festgelegt ist, sondern weltweiten Zugriff auf die besten Vorlesungen zum Thema hat, dann kann es plötzlich sinnvoll sein, die Vorlesung am Ort von vornherein flitzen zu lassen und sich besseres Futter aus dem Internet zu holen, und so quasi andere Universitäten als Fernuniversitäten zu nutzen.

Was wird das Ergebnis sein?

Vielleicht kommt es zu einem Schrumpfungsprozess, weil es besser ist, gute Vorlesungen aus dem Netz zu holen als einer schlechten Vorlesung vor Ort zu folgen. Irgendwann bleiben dem Professor vor Ort die Zuhörer weg, was dem vielleicht gar nicht ungelegen kommt. Vielleicht aber lösen sich die Grenzen der einzelnen Universitäten auch mit der Zeit auf, ein Effekt der schon jetzt teilweise zu beobachten ist.

Vielleicht besucht man die Universitäten bald nur noch zum Ablegen von Prüfungen, wie eben schon bei den Fernuniversitäten üblich.


2 Kommentare (RSS-Feed)

Stefan
6.10.2007 5:54
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Bei Live-Vorlesungen, die bloß übertragen werden, könnte man auch ein Live-Feedback ermöglichen: Der User klickt auf das Fragezeichen (logisch: er hat eine Frage), auf das Ausrufezeichen (er weiß es besser) oder auf den Papierflieger (er will blos stören).

Überlegt man sich das aus einer Resourcenperspektive, so könnte die Vorlesung mit der Arbeit von 10 Leuten gemacht werden, wenn man wirklich wertvolles Begleitmaterial bereitstellt, und damit 100 Vorlesungen verteilt über die Republik ersetzen (wenn es ein 08-15-Stoff ist).

Fragen könnten zentral gesammelt und beantwortet werden, um schnell festzustellen, wo das Material nach Verbesserung schreit.
Etwas boshaft fällt mir dann aber auch gleich die kostenpflichtige Hotline ein. 🙂

Ein weiterer Vorteil für die Studenten: Zuhause dürfte es leichter sein, einen Sitzplatz zu bekommen, an dem man sich auch ausbreiten kann.

Ich fürchte aber, das Einsparpotential wird schnell erkannt, und notwendige Unterstützung durch Begleitmaterial schnell vergessen.
Dann werden die Videos nie überarbeitet, und die Studenten könnnen sich 10, 20 Jahre altes Zeug anhören, daß nicht mehr ganz Stand der Forschung ist.

Mit Squeak könnte man auch Vorlesungen mit Avataren in einer virtuellen 3D-Welt unternehmen, und damit auch Experimente im virtuellen Labor.
Anatomie, Chirurgie, Der freie Fall, gefährliche chemische Mixturen.

Clever gemacht, kann es jederzeit verbessert und ergänzt werden, wenn auch die Teilnehmer wikipediaähnlich Gestaltungsrechte und -möglichkeit bekommen.

Dem steht aber der Privatisierungstrend entgegen.


Hadmut
7.10.2007 12:30
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Auch die IEEE Communication Society bietet inzwischen Tutorials an, wenn auch eher so als Probierstückchen.