Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Women invented the field. Then men pushed them out of it.

Hadmut
10.8.2017 22:28

Ich hatte doch gerade darüber geschrieben, wie man uns die Informatik als Frauenerfindung verkaufen will.

Verschiedene Leser haben noch zustimmend angemerkt (und bestätigt), dass man die frühen Rechner genau genommen nicht programmieren, sondern eher konfigurieren oder parametrisieren konnte, weil das Programm an sich schon mit der Konstruktion des Rechners relativ weit festgelegt war. Selbst zu meiner Studienzeit wurde noch darüber gestritten, ob man Vektorrechner und ähnliche Superrechner überhaupt als voll programmierbare Rechner ansieht, oder nicht eher doch als ablaufgesteuerte Rechenwerke (Rechenmaschinen mit fest vorgegebenen Abläufen), weil sie dieselben Berechnungen mit vielen Rechenregistern parallel durchführten und damit nicht richtig Turing-fähig waren.

Einen ähnlichen Aspekt gab es auch bei den Signalprozessoren, die ja auch gezielt für ständige Fließ- oder Festpunkt-Rechenarbeiten gedacht waren und dafür ein genau definiertes Timing hatten. Ich habe noch mit einem DSP56001 rumprogrammiert, der übrigens auch keine von-Neumann-Architektur, sondern getrennte Programm- und Datenspeicher hatte. Ganz wichtig dabei ist, dass jeder Befehl eine fest Anzahl von Takten braucht, die nicht (wie bei anderen Prozessoren) von den Daten abhängen, sondern verlässlich sind. Und der Programmlauf war in der Regel auch nicht von den verarbeiteten Daten abhängig. Wenn man irgendwelche Filter oder Transformationen programmiert hat, waren zwar for-Schleifen im Programmraum kein Problem, aber Fallunterscheidungen bezüglich des Datenraumes hat man in der Regel nicht getroffen (und waren, wenn ich mich recht erinnere, auch im normalen Befehlssatz nicht vorgesehen, da gab’s irgendwelche Sonderbefehle, um das zu machen). Man konnte also vor- oder rückgekoppelte Filter oder Fouriertransformationen bauen, und der Programmlauf war unabhängig von den eingegebenen Daten immer derselbe. Deshalb konnte man die Programme simulieren und der Simulator sagte einem dann, wieviel Taktzyklen diese oder jene Prozedur braucht. Und zwar exakt, egal, was man eingibt. Auf diese Weise konnten die Dinger synchron und ohne Interrupts laufen, sogenannte „flache“ Programme. Wichtig im Bereich der Signalverarbeitung.

Es gab damals schon Diskussionen, ob das überhaupt Programmieren im engeren Sinne sei, weil der gesamte Ablauf zur Programmierzeit bereits festgelegt ist und das Programm zur Laufzeit keine Entscheidungen mehr trifft, Fragen wie Terminierung gar nicht und Korrektheit nur eingeschränkt auftreten. Im Prinzip kann man da nämlich auch alle Schleifen auflösen und das ganze Programm flach als Folge von linear ausgeführten Rechenoperationen hinschreiben, weil der gesamte Ablauf zur Programmierzeit schon feststeht. Es gab auch irgendwelche Signalprozessoren, die von vornherein nicht auf Turingfähigkeit entworfen wurden, sondern nur auf solchen tauben und flachen Abläufe getrimmt waren.

Und in vielerlei Hinsicht ähnlich muss man sich die ersten Computer vorstellen. Da ging es darum, ein Rechenwerk dazu zu bringen, Logarithmen oder Flugbahnen oder sowas auszurechnen. Als ich vor meinem Studium bei der Bundeswehr war, gab es da noch ein „Rechengerät Ballistik“ – einen Analogrechner. Und wer Analog-Rechner kennt, weiß, dass die nicht „programmiert“, sondern verschaltet werden. Und wenn diese Rechner sowas berechnen können, zeigt das schon, dass das von der Algorithmenkomplexität eher eine flache Angelegenheit ist.

Ich will damit nicht sagen, dass es einfach oder trivial ist, aber dass man sich erst mal Gedanken machen sollte, was man unter „Programmieren“ versteht, bevor man behauptet, wer das wann wie erfunden habe. Denn vieles, was man damals berechnete, wurde ja auch gar nicht neu programmiert, sondern war längst in Form von Formeln und den Arbeitsschritten der menschlichen „Computer“ bekannt, die am Tischrechner saßen. „Programmieren“ ist halt nicht, dass man am Computer sitzt, irgendwas macht, und dann blinkt’s und rattert’s. Man ist ja auch kein Internet-Experte, weil man twittert.

Ebenfalls gestern ist nun bei Medium.com ein Artikel genau zu diesem Thema erschienen: A Brief History of Women in Computing – Women invented the field. Then men pushed them out of it.

Wieder mal die unvermeidlichen Standard-Frauen (mehr haben sie ja nicht) Ada Lovelace, eine von ENIAC, Grace Hopper und Hedy Lamarr. Muss man sich mal klarmachen: Aus den paar, selektiv ausgewählten Leuten folgern die, dass „Frauen“ die Informatik erfunden hätten.

Also nicht diese Frauen. Sondern Frauen schlechthin. Sie können kaum fünf Namen nennen, verallgemeinern aber auf 4 Milliarden Frauen. Sämtliche Menschen, die zufällig das gleiche Geschlecht haben, aber auch nur diese, hätten die Erfindung der Informatik auf dem Konto. Dass die alle mit Maschinen arbeiteten, die Männer erfunden haben, und es damit keinerlei greifbaren Zusammenhang mit dem Geschlecht, jedenfalls keinen zugunsten von Frauen gibt, interessiert nicht.

Wehe dem, der auf die Idee käme, die Figuren von Top-Models als Maßstab auf Frauen zu verallgemeinern. Der wird als Sexist gelyncht. Stereotype und so. Aber die Verallgemeinerung von 5 auf alle Frauen gilt als selbstverständlich.

Bemerkenswerterweise wird auch nie betrachtet, wieviele Frauen überhaupt nicht programmieren können. Oder um es mal andersherum zu sagen: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lag die Weltbevölkerung bei ungefähr 3,5 Milliarden, heute bei etwas über 7. Wenn sie damals 80 Frauen hatten, die programmieren konnten, könnte man ja genauso Hochdreisatzen, dass es dann bei gleichem Befähigungsstand der Frau entsprechend weltweit 160 Frauen gibt, die programmieren können. Natürlich ist das Unsinn, aber die Verallgemeinerung auf alle Frauen ist noch unsinniger. Hätte man je behauptet, dass Frauen Männern den Strom weggenommen hätten, weil Elektrizität von Männern entdeckt und erfunden wurde, Frauen aber Elektrogeräte verwenden?

A history lesson on computer science, not often taught in Computer Science classes: women were the first software engineers, until men actively pushed them out.

In 1843, Ada Lovelace became the first computer programmer by designing the first computer algorithm, and explaining how it would work on Babbage’s proposed (but non-existent) Analytical Engine.

Kein Mensch hat Lovelace aus irgendwas vertrieben. Die ist halt dann irgendwann gestorben.

During World War II, in 1942, Hedy Lamarr invents the frequency-hopping technology that would later allow the invention of wireless signals like Wi-Fi and Bluetooth.

Ja, allerdings auch nicht ganz allein. Und danach kam auch nichts mehr dazu, hat noch ein bisschen geschauspielert und das war’s.

Warum aber verallgemeinert man das auf Frauen? Einfach irgendeine Eigenschaft herausgesucht? Sie war Österreicherin, als hätte man es ebenso auf Österreicher verallgemeinern können und sich nun darüber aufregen, dass man Österreicher in den USA nur als sexistischen Muskelprotz, nicht aber ausreichend als Programmierer fände, und deshalb die Österreicher von den Amerikanern verdrängt wurden. Wie kommt man dazu, sich an der Person Hey Lamarr willkürlich irgendeine Eigenschaft herauszusuchen, das Geschlecht, und dann deren Erfindung auf alle Geschlechtsgenossinnen zu verallgemeinern?

Oder fragen wir mal anders: Hedy Lamarr wurde später mehrmals beim Ladendiebstahl erwischt. Kann man daraus verallgemeinern, dass Frauen generell Ladendiebinnen sind? Nein? Warum dann ihre Erfindung?

In 1945–46, Jean Bartik and five other women developed and codified many of the foundations of software programming while working on ENIAC. The six women, who’s software work was crucial to its operation and success, were not invited to the dinner celebration for the completion of ENIAC.

Heißt das, dass man Frauen verdrängt hat? Oder heißt es, dass ihre Bedeutung einfach nicht so hoch war, wie sie jetzt dargestellt wird? Vielleicht waren die, die das Ding erfunden, geplant, gebaut haben, einfach wichtiger? Aus dem verlinkten ENIAC-Text:

Marlyn Meltzer and Ruth Teitelbaum were a special team of ENIAC programmers. As “Computers” for the Army, they calculated ballistics trajectory equations painstakingly using desktop calculators, an analog technology of the time. Chosen to be ENIAC programmers, they taught themselves and others certain functions of the ENIAC and helped prepare the ballistics program. After the war, Ruth relocated with the ENIAC to Aberdeen, Maryland, where she taught the next generation of ENIAC programmers how to use the unique new computing tool.

Frances Spence and Kathleen Antonelli were a second ENIAC team. Both mathematics majors in the class of 1942 of Chestnut Hill College in Philadelphia, they responded to the Army’s call for mathematicians and were assigned to operate the Differential Analyzer, a huge analog machine of which there were only a few in the world. Fran and Kay led the teams of women who used this machine to calculate the ballistics equations. After the war, both Fran and Kay continued with the ENIAC to program equations for some of the world’s foremost mathematicians. Kay married Dr. John Mauchly who, together with J. Presper Eckert, invented the ENIAC and UNIVAC computers, and Kay worked with John on program designs and techniques for many years.

Das ist das, was ich meinte und was auch im Film „Hidden Figures“ gezeigt wird: Es ging darum, die endlose Handarbeit am Tischrechner automatisiert nachzuahmen. Die wesentliche Idee kam vom dem, der die Maschine geplant und gebaut hat. Sei es ihnen aber nicht in Abrede gestellt, ich will die Leistung auch nicht schmälern. Nur hat das eben mit der Komplexität dessen, was man heute unter „Programmieren“ versteht, wenig zu tun.

In 1952, Admiral Grace Hopper created one of the world’s first compilers (in her spare time). She envisioned code to use English language-based instructions, and her programming language design work led to the creation of COBOL, used to this day.

Ja. Stimmt. Hat sie gemacht. Aber auch die hat niemand verdrängt. Im Gegenteil: Männer haben sie zum Admiral ernannt. Das ist doch keine Verdrängung. Der Punkt ist: Sie ist irgendwann gestorben, und danach kam keine mehr. Die Realität ist, dass Hopper einfach outstanding war, und man gerade daran sieht, wie wenige Frauen da mithalten konnten.

Ist Euch aufgefallen, dass man da immer nur selektiv Frauen betrachtet und so tut, als hätte es damals gar keine Männer gegeben? Alan Turing? Schon mal gehört?

Moving into the post-war era and the 1960’s, software engineering was considered “women’s work” because it was thought of as clerical. Hardware was the difficult job, i.e. “for men”. Cosmopolitan famously ran a 1967 issue about “The Computer Girls,” with Admiral Hopper saying women are “naturals” at computer programming. (By “naturals” Hopper wasn’t referring to biology, it should be noted, but to the responsibilities women were socialized in, such as planning a dinner and having everything be ready at the appropriate time.)

Da kann man sich dann aber auch mal überlegen, wie toll die Leistung Hoppers dann wirklich war, wenn sie solch Aussagen gemacht hat. Stellt Euch vor, ein Mann hätte sowas gesagt.

Starting in the late 1960’s, men realized programming was actually really hard, and thus, prestigious. That meant it was lucrative and valuable, and (some) men didn’t want women enjoying all the benefits of that.

Nöh.

In den späten 60ern ging das richtige Programmieren los, das nicht mehr das Nachahmen der alten Tischrechner war.

But this semi-hostile takeover was not the only thing that took place. Films such as WarGames and Weird Science helped establish a stereotype of the “computer programmer” as an awkward male nerd.

Der Film WarGames habe die Frauen aus der Informatik verdrängt.

Wenn man wissen will, das damals so ablief, sollte man lieber das Kuckucksei lesen. Männer wollten. Frauen wollten nicht. Das ist alles.

Denn Frauen waren weg – was auch nicht stimmt, sie sind nur nicht so stark angestiegen wie Männer – sobald die Sache wirklich komplex wurde. Frauen, die das konnten und mochten, gab es immer. Aber es waren halt nicht so viele wie bei den Männern.