Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

“Rückwärtsgewandt und unverschämt”

Hadmut
20.3.2016 16:00

Zum Niedergang von Wissenschaft und Journalismus. [Kleine Korrektur]

Leser habe mich auf diesen Artikel der HNA aufmerksam gemacht, der von einem neuen, Gender-Studies-kritischen Buch des Biologen Ulrich Kutschera berichtet.

Kutschera sagt zwar sachlich viel richtiges, und hat auch den wissenschaftlich-kritisch richtigen Riecher, aber verbal ist er nicht der Stärkste, die Formulierungen sitzen da oft nicht so richtig. Das macht ihn angreifbar. Und entsprechend heißt es in dem Artikel auch

Der Evolutionsbiologe hatte bereits in mehreren Interviews seine harsche Kritik an der Genderforschung, die auch an der Kasseler Uni betrieben wird, geäußert. Daraufhin war er von der Uni-Leitung zur Mäßigung aufgefordert worden, da seine Äußerungen das vertretbare Maß an inhaltlicher Kritik überschritten hätten.

Offenbar hat sich Kutschera den Fingerzeig des Uni-Präsidiums nicht zu Herzen genommen. Mit seinem neuen Buch „Das Gender-Paradoxon“ gibt er auf 440 Seiten seiner Verachtung gegenüber den Gender-Studien („generieren akademisch klingenden Papiermüll“) Ausdruck. So schreibt er von „fundamentalistischen Feministinnen“, die ihr „radikales Programm“ mit „Mafia-artigen Kampfmethoden“ in alle Gesellschaftsbereiche getragen hätten.

Es gibt in der Wissenschaft kein „vertretbares Maß an inhaltlicher Kritik”, weil inhaltliche Kritik in der Wissenschaft nicht quantitativ beschränkt sein kann. Und auch eine Uni-Leitung einem Wissenschaftler Kritik nicht verbieten oder auf irgendein Maß beschränken kann. Es gibt unvertretbare inhaltliche Kritik, aber kein unvertretbares Maß.

Zudem ist es völlig richtig und zutreffend, dass sie „akademisch klingenden Papiermüll generieren”. Das sage ich nicht nur selbst seit Jahren, sondern es ist sogar in der feministischen Literatur zu finden, dass dies deren explizite Strategie ist: Sie fassen Wissenschaft als inhaltslosen, sozialen Vorgang auf und meinen, es genüge, das Gehabe nachzuahmen, in dem sie so tun, als ob sie etwas veröffentlichten.

Ich erinnere nur daran, dass das – geisteswissenschaftlich verdorbene – Verwaltungsgericht Berlin mir neulich beschied, dass schon die Frage an die Gender Studies, ob sie irgendetwas davon nachgeprüft haben, eine unzulässige Polemik sei, die deshalb vom Presserecht nicht abgedeckt sei. Zumal sich immer wieder mal an manchen Stellen Äußerungen finden, dass Inhalt der Gender Studies einfach nur willkürliche Annahmen und Behauptungen seien.

Bedenklich daher folgender Abschnitt:

Das sagt die Universität

Die Uni Kassel wollte sich auf HNA-Anfrage nicht zu Kutscheras Buchveröffentlichung äußern. Ein Sprecher verwies auf Stellungnahmen aus 2015, in denen sich die Uni-Leitung klar zur Frauen- und Geschlechterforschung bekannt hatte. Debatten müssten überdies vom gegenseitigen Respekt der Disziplinen geprägt sein. Es sei nicht akzeptabel, wenn Mitglieder der Universität bestimmten wissenschaftlichen Disziplinen die fachliche Kompetenz und Reputation absprechen. (bal)

Wieder das gleiche Prinzip: Nicht die Gender Studies haben irgendwas wissenschaftliches zu liefern, sondern Kritiker das Maul zu halten. Man habe „Respekt” zu üben. Die „Wissenschaftlichkeit” der Gender Studies beruht also allein darauf, dass man nicht fragen darf.

Niedriger kann man eigentlich nicht sinken.

Ich habe deshalb mal bei der Pressestelle der Uni Kassel neutral angefragt, was deren „Wissenschaftliche Standards” seien. Denn immer öfter fällt auf, dass die Erhöhung der Frauenquote über die Abschaffung jeglicher Qualitätsanforderungen abläuft.

Politisch interessant ist deshalb auch dieser Kommentar zu diesem Buch, geschrieben von einem törichten Tropf namens Bastian Ludwig, Redakteur bei der HNA (Hessisch-Niedersächsische Allgemeine), unbekannten Ausbildungsstatus. Er „kritisiert” das Buch.

Lest Euch den Artikel mal durch.

  • Erwähnt er überhaupt den Buchtitel „Das Gender-Paradoxon“? Nein, nicht mal das.
  • Erfährt der Leser, wovon das Buch handelt? Auch nicht.
  • Erfährt der Leser, was im Buch steht? Kein direktes Wort. Nur eine einzige indirekte Aussage von 440 Seiten.

Dafür nicht nachvollziehbare, emotionale Schmähwertungen:

Wer das neue Buch von Ulrich Kutschera ließt, könnte glauben, ein Werk des 18. Jahrhunderts in den Händen zu halten. Was der Evolutionsbiologe dort auf über 440 Seiten ausbreitet, klingt so, als sei jemand von annodazumal 200 Jahre in die Zukunft gereist und wundere sich nun über die veränderten Lebensverhältnisse.

Kutscheras Äußerungen sind nicht nur rückwärtsgewandt, sondern auch unverschämt. Etwa dann, wenn er die Partnerwahl von Akademikerinnen anprangert oder Männer verteidigt, die ihrer Verantwortung als Vater nicht nachkommen. Wegen ihres hohen Testosteronspiegels seien diese schlicht nicht dafür gemacht, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern – für den Biologieprofessor alles biologische Fakten.

Kritik an der Partnerwahl von Akademikerinnen soll wie ein Werk des 18. Jahrhunderts klingen?

Oder heißt das einfach nur, dass das tabu ist und jeder Kritiker einfach irgendwie beschimpft wird?

Die Äußerungen seien „rückwärtsgewandt”? Das heißt, automatisch schlecht? Keine Änderung darf man kritisieren? Warum beschweren sich dann Journalisten über sinkende Umsatzzahlen? Ist das nicht auch „rückwärtsgewandt”?

Und was ist daran unverschämt, dass ein Biologe Testosteron als „biologische Fakten” ansieht? (Wird uns nicht ständig von den Genderisten vorgehalten, dass es ein testosteronverursachtes biologisches Faktum sei, dass Männer gewalttätig seien?)

Außerdem ist die HNA schlichtweg falsch informiert:

Und anders als Kutschera behauptet, wird niemand in staatlichen Aufzuchtanstalten zu dieser Denkweise genötigt.

Doch. In immer mehr Studiengängen wird das Zwangsfach. Und bezahlen müssen wir den Mist alle.

Freiheit der Wissenschaft, ja. Aber nicht auf Kosten des Anstands und Respekts gegenüber Andersdenkenden.

Ach. Schreibt einer, der es nicht ertragen kann, dass Kutschera anders denkt als er selbst.

Ausgerechnet über Gender Studies, die aus nichts anderem bestehen als dem Krieg gegen alle Andersdenkenden.

Diese Buchkritik ist im Bereich der Buchkritiken so ziemlich der schlechteste Rotz, der mir je untergekommen ist. Hinterlässt bei mir den Eindruck, als kenne er das Buch gar nicht, habe nur eine einzige Seite aufgeschlagen, eine Überschrift angelesen. 440 Seiten und mehr als das ist nicht drin.

Kein Buchtitel, keine einzige konkrete Aussage, keine Betrachtung, wie Kutschera etwas begründet (oder ob nicht).

Es wird nicht mal gefragt oder überlegt, ob Kutschera vielleicht Recht haben könnte.

Es geht nur um „Was erlaubt der sich, Kritik zu äußern?”

Da sieht man, auf welchem Null-Niveau der Journalismus heute angekommen und zu welcher Propaganda-Trompete die verkommen sind. Informationen gibt es überhaupt nicht mehr, nichts worüber der Leser nachdenken, sich eine Meinung bilden könnte, nur noch Emotionalvorlagen und Zensur, die der Leser blind zu übernehmen hat.

Noch dazu fachlich ahnungslos und uninformiert, falsche Aussagen.

Und dann noch die Stoßrichtung und das Paradoxon verkannt: Die Berufswahl von Akademikerinnen ist eher ein Problem der Frauen als der Männer. Aber um das zu wissen bräuchte es sowas wie Allgemeinwissen und Presseüberblick.

Zuviel verlangt von Journalisten der heutigen Zeit.

Ahnungslos, uninformiert, nicht in der Lage, Informationen zu liefern, auf Empörungs- und Emotionalgepumpe beschränkt. Kein Wunder, dass denen Gender Studies so gut gefallen, die sind genauso. Und dieser leere Windbeutel maßt sich an, anderen Wissenschaftskritik verbieten zu wollen?

Wer finanziert eigentlich solche Schmierblätter?

Herrje, wie es Zeit wird, dass da mal ein paar Blätter Pleite gehen. Wir haben eh viel zu viel, insbesondere weit mehr Redaktionen als befähigte Journalisten. Faktisch schreiben die nur noch Agenturmeldungen ab, und wenn sie sich doch mal an was Eigenem versuchen geht es gnadenlos schief (siehe oben).

Korrektur: Ein Leser weist mich gerade darauf hin, dass beide HNA-Artikel vom „törichten Tropf” Bastian Ludwig stammen. Stand in meinem Browser an einem Artikel nicht mit dran, weil sie ihre Seiten so mit JavaScript-Mist verballert haben, dass das nicht in jedem Browser und mit jeder Schutz-Einstellung angezeigt wird.

Heißt aber auch, dass er durchaus einige Stellen aus dem Buch kennt, und trotzdem nicht in der Lage – oder schlimmer: nicht willens – ist, eine inhaltliche Kritik zu schreiben.