Hadmut Danisch

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Das Abitur stirbt

Hadmut
7.3.2016 21:49

…schnell.

Die Süddeutsche hat – obwohl ja selbst so ein extremer Verfechter linker Politikreformen – einen ironisch-bösen Artikel über die Verblödung deutscher Schulausbildung.

Soft Skills

Bei den Kompetenzen stehen Soft Skills obenan. Sie sind schon in den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz für die Grundschule angelangt: “Anstelle von trägem Wissen, das die Schülerinnen und Schüler nur zur Beantwortung von eng begrenzten und bekannten Aufgabenstellungen nutzen können, soll vernetztes Wissen entwickelt werden.”

Für den Schreiblehrgang etwa bedeutet das: Nach vier Jahren verfügen die Schüler “über grundlegende Rechtschreibstrategien. Sie können lautentsprechend verschriften und berücksichtigen orthografische und morphematische Regelungen und grammatisches Wissen. (. . .) Sie erproben und vergleichen Schreibweisen und denken über sie nach. Sie gelangen durch Vergleichen, Nachschlagen im Wörterbuch und Anwenden von Regeln zur richtigen Schreibweise. Sie entwickeln Rechtschreibgespür und Selbstverantwortung ihren Texten gegenüber.”

Huahahahaaa. Wer denkt sich den sowas aus? (Wohlgemerkt: Nicht der Süddeutsche-Artikel, der schreibt nur drüber)

Grundlegende Rechtschreibstrategien – lautentsprechend verschriften – orthografische Regelungen berücksichtigen – erproben und vergleichen Schreibweisen – Selbstverantwortung ihren Texten gegenüber

Boah!

Als besonders effizient und gerecht gelten sogenannte Lückensatzdiktate. “Unterschiede im Schreibtempo fallen kaum ins Gewicht.” “Der Schreibaufwand ist begrenzt, was insbesondere für schwächere Schreiberinnen und Schreiber hilfreich ist.” Hier wird offen eingestanden, dass eine Routine des Schreibens, ohne die sich ja keine Rechtschreibung einprägt, erst gar nicht mehr erstrebt wird. Besonders den “schwächeren Schreibern” wird, angeblich um sie nicht zu benachteiligen, diese Einprägungshilfe vorenthalten.

Nivellierung auf den Dümmsten. Die ganze Klasse lernt nicht mehr schreiben, damit der Klassendümmste nicht negativ auffällt.

Auch in der Grundschulmathematik geht es laut Bildungsstandards nicht etwa erst einmal darum, zählen zu lernen, sondern vorab um den “vernetzten Charakter der Mathematik”, also um “prozessbezogene Kompetenzen”: “selbst oder gemeinsam Probleme mathematisch zu lösen, über das Verstehen und das Lösen von Aufgaben zu kommunizieren, über das Zutreffen von Vermutungen oder über mathematische Zusammenhänge zu argumentieren, Sachsituationen in der Sprache der Mathematik zu modellieren”.

Wer denkt sich so ein Schwachsinn aus? Angeblich die Bildungsministerkonferenz. Nächste Frage: Warum dürfen Leute, die sich so einen Schwachsinn ausdenken, das Wort „Bildung” im Namen führen? Weil sie Politiker sind.

Und wie geht das bei Zehnjährigen? Etwa so: “Tina und Esther sammeln Fußball-Bilder. Zusammen haben sie 25 Bilder. Tina hat 7 Bilder mehr als Esther. Wie viele Bilder hat Esther?”

Da müsste man nachdenken und die Rechenaufgabe erst einmal selber formulieren (“modellieren)”. Aber gemach, es werden sogleich vier mögliche Antworten mitgeliefert: die Zahlen 7, 9, 16 und 18. Um zu bemerken, dass 7 und 18 nicht infrage kommen, muss man nicht viel modellieren können. Bleiben 9 und 16. Selbst wer nicht gewahr wird, dass diese beiden Zahlen bereits verraten, wie die 25 Bilder auf die beiden Mädchen verteilt sind, wird sich wahrscheinlich an die Vorgabe erinnern, dass Esther weniger Bilder hat – und die kleinere Zahl markieren. Die Lösung ist also vorgekaut, das ganze Gerede vom “Argumentieren” über mathematische Zusammenhänge bloß darübergestülpt. Modellieren heißt faktisch: ankreuzen. Was im Sprachunterricht der Lückentext, ist in der Mathematik der Multiple Choice. Die Lücke richtig ausfüllen oder die richtige Lücke ausfüllen: darauf kommt es bei schriftlichen Leistungen vorrangig an.

Rechnen lernt man nicht mehr. Aber dass Mädchen jetzt Fußball-bilder sammeln.

Alle Bildungsstandards fordern Soft Skills. Hard Skills wie Kopfrechnen, Rechtschreibung, Memorieren werden widerwillig mitgeschleppt und erodieren. Sie gelten nicht mehr als mentale Elementartechniken, nicht mehr als Unterbau höherer Leistungen, sondern sie sind unter der Würde von Kindern, die durch kreatives Entdecken statt durch Pauken vorankommen sollen. Kompetenzmodellierer und Bildungspolitiker argumentieren wie Pianisten, die kaum mehr Klavier üben, weil es nicht auf Technik ankomme, sondern auf die Musik. Oder wie Fußballtrainer, die das Kraft- und Konditionstraining abschaffen, um Zeit fürs Eigentliche zu gewinnen: das intelligente Zusammenspiel, die Hackentricks und Fallrückzieher. Sie sägen also an dem Ast, auf dem das Eigentliche sitzt.

Na, dann.