Hadmut Danisch

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Buchkritik zu „Schaut nicht weg!”

Hadmut
22.9.2010 2:46

Stephanie zu Guttenberg, Frau unseres Bundesverteidigungsministers, hat ein Buch über sexuellen Mißbrauch von Kindern geschrieben. Ich habe es gerade gelesen.

Schlechter Eindruck

Schlechter Eindruck vorab

Selten hat ein Buch schon vorab einen so schlechten Vor-Eindruck bei mir hinterlassen.

Schon das Anpreisen des Werks als Hauptschlagzeile in der BILD-Zeitung kam ganz sauer rüber, denn zu Guttenberg beschwert sich ja über die sexualisierte Darstellung moderner Popmusiker – die BILD garniert das natürlich mit entsprechenden Abbildungen und wählt als großes Titelschlagwort „PORNOGRAPHIE”. Und dann ausgerechnet die BILD-Zeitung, die fast jeden Tag ein Titten-Mädchen auf der Titelseite, mindestens aber irgendwo innendrin hat. Es sieht von vornherein so aus, als würde zu Guttenberg sich zur Bewerbung ihres eigenen Buches genau der Mittel bedienen, die sie anprangert. Und dann setzt Niggemeier noch einen drauf, indem er einen Artikel von Welt Kompakt zeigt, in dem sich zu Gutenberg mit sehr plakativ herausgestelltem Panorama-Dekollete zeigt – dieselbe, die sich darüber mokiert, daß in der Popkultur viel Haut zu sehen ist, für die sie offenbar ganz andere Maßstäbe anwendet als an ihre eigene Bekleidung. Man kommt sich vor wie bei GTST (Gute Titten, schlechte Titten). Glaubwürdigkeit geht anders.

Dann gab es die Woche noch ein affiges Fernsehinterview im ZDF zwischen Peter Hahne und Stephanie zu Guttenberg. Nun ist ja bekannt, daß die BILD erzkonservativ und das ZDF von der CDU unterwandert ist. Daß man aber so drastisch Werbung für Ministergattins Buch treibt, zwingt zu erheblichen und tiefgreifenden Zweifeln an Qualität, Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit und Eignung unserer Medien.

Und dann kam heute in den Nachrichten, daß die Bundesregierung eine Kampagne gegen Kindesmißbrauch startet. Das ganze Ding ist eine konzertierte Aktion. Und die Medien haben sie voll im Sack, wenn sie die so in ihre Aktionen einbinden können. Wir können eigentlich nichts mehr glauben, weil das alles politisch motiviert wird.

Wer ist Autor dieses Werkes?

Beim Lesen des Textes beschlich mich die ganze Zeit ein merkwürdiges Gefühl, daß da irgendetwas nicht stimmt. Rein sprachlich ist das Buch gut, sogar zu gut für jemanden, der das nicht beruflich macht.

Inhaltlich erstaunt dann der Wechsel zwischen naiven und in der Erfahrung beschränkten Sichtweise der Hausfrau und Mutter, wenn sie etwa Regeln, Empfehlungen und Erkenntnisse zur Erziehung und Verhinderung von Mißbrauch an der Erziehung ihrer zwei Töchter im Grundschulalter festmacht, was nicht gerade ein großer Erfahrungsschatz oder eine Qualifikation ist. Manchmal liest sie sich wie jemand, der ein Buch über das Häuserbauen schreibt, nachdem er mal gesehen hat, wie eines gebaut wird.

Dann wieder enthält das Buch eine Vielzahl plausibler und gut wirkender Informationen, die eigentlich nur von jemandem kommen können, der sich sehr professionell damit beschäftigt, was sie selbst offenbar nicht so im nötigen Umfang tut. Sie scheint eher so als Gallionsfigur unterwegs zu sein und jetzt eben mal alles aufgeschrieben zu haben, was sie da so mitbekommen hat. So heißt es zu ihrer Qualifikation auf der hinteren Umschlaginnenseite lapidar „Sie hat zwei Töchter und ist verheiratet mit Karl-Theodor zu Guttenberg”. Viel mehr scheint’s dann auch nicht zu sein.

Diese seltsame Diskrepanz löst sich auf, wenn man das Buch sehr sorgfältig liest. So habe ich mich am Ende des Buches gewundert, warum auf der hinteren Umschlagseite zwei Autorinnen stehen, nämlich zu Guttenberg selbst und Anne-Ev Ustorf, mit der trockenen Beschreibung „freie Journalistin und Buchautorin”. Und tatsächlich steht zwar auf dem Außenumschlag als Autorin nur Stephanie zu Guttenberg, aber drinnen auf den Vorseiten dann „Stephanie zu Guttenberg mit Anne-Ev Ustorf”. Was sich dann schon fast so wie eine Ghostwriterin liest. Und was die für jemanden ohne Bucherfahrung hohe sprachliche Qualität und die teils schwankende inhaltliche Qualität erklärt.

Bemerkenswert dann auch, daß auf Seite 53, am Ende des ersten Kapitels (eines der besten in diesem Buch) steht:

Fachliche Beratung: Sabine Dietrich, Dipl. Sozialpädagogin, FH, und Traumaberaterin

Was dann doch den starken Eindruck hinterläßt, daß die Sprache von Ustorf, der Inhalt von Dietrich und der Name auf dem Umschlag von zu Guttenberg kommt. Bäh!

Zeitvertreib für gelangweilte adlige Millionärs-Gattin?

Vor einiger Zeit hatte ich schon kritisiert, daß mir dieser Verein Innocence in Danger dubios vorkommt, mehr so als Stelldichein der Promis und des Adels, die da ihre Galas veranstalten und auf Gutmenschen machen, und sich an dem Thema Kindesmißbrauch nur schrubbern. Die das Leid, das Problem, die extreme Perversion wie ein Alkoholiker als Überdosis brauchen, um überhaupt nochmal aus der Lethargie des Luxuslebens zwischen Reichtum, Promis und Galas aufwachen und etwas finden zu können, was die abgestumpften Nerven noch erreicht. Und dann in der Einleitung auf Seite 7 und 9 der Satz:

Vor sechs Jahren fragte eine gute Bekannte, ob ich mir vorstellen könne, mich ehrenamtlich für sexuell missbrauchte Kinder einzusetzen. Das war die ehemalige Vizepräsidentin des DRK, Soscha Gräfin Eulenburg, Vorstandsmitglied bei Innocence in Danger e.V., einem Verein, der gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in den Neuen Medien kämpft. […]

Denn wenn ich etwas anfasse, dann richtig: Es interessiert mich nicht, nur meinem Namen für irgendetwas herzugeben oder hin und wieder eine Gala zu besuchen – obwohl das manchmal in der Medienberichterstattung über mich so wirken mag.

Gräfin, Freifrau, Gala – und wie früher beschrieben eine Ansammlung von Promi, Geld und SchickiMicki. Da setzt sich bei mir der Eindruck fest, daß die Kinder gerade ein zweites Mal mißbraucht werden, nämlich als Brennstoff für die Erfüllung von Galas gelangweilter Adliger und als Vorlage für exquisites First-Class-Gruseln einer von den Medien und dem täglichen Wahnsinn längst abgestumpften Elite, die noch einen Kick sucht.

Material reicht nicht für ein Buch

Ich will’s mal so sagen: Die erste Hälfte des mit 170 Seiten ohnehin dünnen Buches, bis Seite 83, liest sich sogar recht gut und bringen einige interessante Sichtweisen darauf, wie sexueller Mißbrauch abläuft, wie er schädigt, welche Probleme die Leute dann mit sich herumtragen.

Aber dann kommt ein völliger Bruch und inhaltlicher Absturz. Plötzlich wird völlig ohne Motivation und Übergang, und in bester Unterschichten-Stammtisch-Manier auf das Internet und die sexualisierte Gesellschaft eingehackt, weil die Jugendlichen damit selbst sexualisiert würden und Wert auf Sex, sexuelle Erscheinung usw. lägen. Was aber hat das jetzt mit dem Mißbrauch von Kindern durch Erwachsene zu tun? Da schimpft sie auf den Porno-Chic von Lady Gaga (Seite 137), die in schwarzem Leder-Mieder, Strapsen und freien Pobacken auftritt, und macht sich Sorgen um die Kinder (Was viele heute im Zeitalter der Kunstfaster nicht mehr wissen: Mieder und Strapse waren mal normaler Bestandteil regulärer Damenunterbekleidung und haben ihren Ursprung nicht im Rotlichtbezirk), und stellt als positives Gegenbeispiel dagegen (Seite 136), daß man sich früher verschämt Pornoheftchen in irgendwelchen Schränkchen bei irgendwelchen Eltern, Großeltern oder Bekannten gesucht hat. Pornohefte aus den Schränken der Eltern zu mopsen hält sie also für besser als Lady Gaga oder sie im Internet zu holen. Kapier ich nicht. Zeigt aber ihre naive und kreuzbigotte (und irgendwo dann auch verlogene) Sichtweise auf: Whitney Houston in Seidenrobe und Nena im weiten T-Shirt mit Röhrenjeans zur Zeit der Jugend zu Guttenbergs waren gut, aber Madonna, Prince und Michael Jackson wegen ihrer Rotlicht-Outfits sind schlecht. Da hat man den Eindruck, daß das alles nur auf ihre erzbiedere Erziehung in einer katholischen Schule zurückgeht, die sie nicht verkraftet hat (aber selbst mit der offener-Balkon-Robe unterwegs ist, s.o.).

Abgefahren wird es dann, wenn die Mädchen selbst als Missetäterinnen dastehen. So schimpft sie auf Seite 142 über junge Mädchen, die sich in der Öffentlichkeit ungeniert von Jungen an die Brüste fassen lassen und dabei nicht etwa unangenehm berührt, sondern stolz gucken. Und wie so oft in diesem Buch kommt dann der erhobene Zeigefinger, daß das in ihrer Jugend alles ganz anders und völlig undenkbar war. Stephanie zu Guttenberg ist 34 Jahre alt, zehn Jahre zünger als ich, und trotzdem kommt sie mir vor wie eine alte Frau, die auf die Jugend schimpft. So in der „Zu unserer Zeit damals hätte es das nicht gegeben”-Art, die sich ja auch mehrfach wörtlich in dem Buch findet. Stephanie zu Guttenberg ist die älteste 34-jährige, von der ich je gelesen habe. Wie so ein alter Knacker. Hoffentlich werde ich nie so alt, wie die jetzt schon ist.

Und dann kommt wieder so ein Einsprengsel über den Mißbrauch in der katholischen Kirche, von dem man nicht erkennt, warum sie jetzt wieder auf das Thema Kindesmißbrauch zurückschwenkt, aber so richtig was rüber kommt da auch nicht.

Es verfestigt sich aber der Eindruck, daß die nicht genug Material für ein Buch hatten. Bis Seite 83 geht’s, und dann kommt nur noch Dünnschiß und Geblubber, der überwiegend nichts mehr mit Kindesmißbrauch sondern Jugendsexualisierung zu tun hat. Geht einem bei Kindermißbrauch das Material aus, müssen Kinder halt als Ersatztäter herhalten. Vielleicht waren aber auch nur die Ghostwriterin und die Pädagogin nur bis Seite 83 mit dabei.

Stephanie zu Guttenberg und das Internet

Das Internet ist das Pflicht-Feindbild aller Kinderporno-Ritter, und so kommt auch zu Guttenberg nicht umhin, da mal draufzuhauen und das Internet als Universalschuldigen hinzustellen. Dummerweise merkt man dabei sehr deutlich, daß sie vom Internet kaum Ahnung hat. Sie gibt es sogar zu (Seite 87), daß sie irgendwo zwischen den Generationen hängt und weder ein »Digital Native« noch ein »Digital Immigrant« ist. Man könnte sowas dann auch einfach »Laie« nennen, aber das wäre zu offensichtlich. Tatsächlich wird sie wenig konkret und hält sich auffällig kurz mit dem Thema auf, da wird nichts näher vertieft, außer den Nutzungsarten Jugendlicher, die sie irgendwo abgeschrieben hat (Seite 89) und der Gewißheit, daß sie ihren Töchtern keine Rechner im Zimmer gestatten wird (Seite 92). Auf Seite 161 gibt sie dann dubiose oberflächliche Ratschläge (man solle doch als Suchmaschine www.blinde-kuh.de oder www.fragfinn.de verwenden, wozu man garantiert jeden 14-jährigen überzeugen kann, meine Güte).

Auf Seite 94/95 wird uns dann die 14-jährige „Lena” vorgestellt. Die hat sich per Chat in einen 15-jährigen verliebt und mit ihm und später mit dessen Freund bereitwillig geschlafen. Ebenfalls mit ihrem Einverständnis stand dann noch dessen 13-jähriger Bruder daneben und hat das mit dem Handy gefilmt. Lena selbst bekommt dann den Video und verbreitet ihn selbst weiter. Natürlich gerät das außer Kontrolle und so weiter.

Man fragt sich aber: Was will sie uns damit jetzt eigentlich sagen? Ist diese 14-jährige nun Opfer oder Täter oder was? Freilich ist das schlecht. Aber sie hat das aus eigenem Willen getan und die Bilder selbst verbreitet. Will man dem 13-jährigen daraus einen Vorwurf machen? Egal. Das Internet ist an allem schuld. Das ist böse. Früher ist sowas nicht passiert, weil das einfach viel zu kompliziert war. Da hätten 14-jährige das gar nicht gekonnt. Deshalb ist die Zeit heute auch böse.

Und natürlich der Vorwurf, daß die Bundesregierung die Porno-Sperre nicht umgesetzt hat (Seite 13). Warum man die Sperre nicht umgesetzt hat und warum sie nicht funktioniert, ficht sie nicht an, hat sie wohl auch nicht begriffen. Wozu auch? Wir sind hier die Guten, was interessieren uns da Fakten?

Auf Seite 14 heißt es dazu:

„Bis heute habe ich nicht verstanden, dass unsere Informationsfreiheit dahin gehen muss, dass wir Straftaten gegen Kinder im Internet dulden.”

Tja, dann hätte man es sich vielleicht vorher erklären lassen, bevor man solche dusseligen Aussagen in einem Buch trifft? An irgendeiner Stelle im Buch (find’s gerade nicht mehr) schreibt sie, daß sie Verständnis dafür hat, wenn ein 15-jähriger in Facebook unbedachtes Zeug schreibt und veröffentlicht, aber nicht, wenn ihre 35-jährige Bekannte das auch tut. Das gilt nicht nur für Facebook, das gilt auch für richtige Bücher. Bevor man so einen Käse schreibt, sollte man sich das einfach mal erklären lassen, wenn man es nicht verstanden hat.

Interessant dann aber Seite 101:

Denn Geld spielt bei der Verbreitung von Kinderpornografie meist eine kleinere Rolle, als gemeinhin angenommen. »Die überwältigende Mehrzahl der Feststellungen, die wir machen, sind kostenlose Tauschringe oder Ringe, bei denen man gegen ein relativ geringes Entgelt Mitglied wird, wo also nicht das kommerzielle Gewinnstreben im Vordergrund steht. Von einer Kinderpornoindustrie zu sprechen wäre insofern für die Masse der Feststellungen nicht richtig«, erklärte ein Fahnder des LKA München in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Ach, so!? Hatte Ursula von der Leyen die Internet-Sperren nicht lauthals und energisch damit begründet, daß Kinderpornografie ein „Milliardenmarkt” sei, und man den Straftätern die Geldflüsse abdrehen müsse, daß die Täter aus kommerziellem Antrieb Kinder mißbrauchen?

Nicht nachprüfbar

Selbst da, wo das Buch inhaltlich einigermaßen gut ist, bis Seite 83, gibt es kaum etwas, was nachprüfbar ist. Die (zu Guttenberg oder wer auch immer das eben geschrieben oder gesagt hat) erzählen da eine Menge Dinge. Und erwarten, daß man die glaubt. Nachprüfen kann man nämlich nichts. Ob das so stimmt, oder ob sie das irgendwo aufgefangen hat, ob sie das richtig oder als Laie falsch verstanden hat – weiß man nicht. So kann man mit einem so wichtigen Thema nicht umgehen. Und man merkt eben auch an vielen Stellen, daß sie sich die Welt da zurechtbiegen, wie sie sie brauchen.

Und manchmal verrät sich die Sprache. So schreibt sie nicht „Wir schätzen”, sondern nimmt sich selbst als Beleg heran (Seite 99):

„Laut Schätzung von Innocence in Danger e.V. leben in der Bundesrepublik Deutschland 50 000 regelmäßige Konsumenten von Kinderpornografie.”

Dem würde ich eine andere Quelle entgegenhalten:

Laut Hadmut Danisch ist es unseriös, die eigene Meinung oder Schätzung zu veredeln, indem man sie als Quelle ausgibt.

Positives

Abgesehen davon, daß es zum eigentlichen Titel nicht so richtig paßt und nicht ohne weiteres nachprüfbar ist, sind die Seiten bis 83 ganz ordentlich zu lesen und mehr oder weniger interessant. Es geht darum, welche psychischen Schäden Mißbrauch hinterläßt, womit die Opfer zu kämpfen haben und mit welchen perfiden und subtilen Methoden die Täter die Opfer gefügig und schweigsam machen. Insofern schon interessant.

Verfänglich ist dabei, daß immer wieder Aussagen vorkommen, die man aus eigener Erfahrung bestätigen kann. So wird man dummerweise unkritisch gegenüber dem gesamten Text. Da muß man aufpassen.

So kamen mir etwa die diversen Darstellungen zu gesellschaftlichem Druck bekannt vor, und darüber, wie man ausgegrenzt wird, wenn man nicht mitmacht. Kenne ich selbst, weil ich keinen Alkohol trinke.

Auffällig auch, daß das ganze schon irgendwo aus dem Hausfrauenblickwinkel geschrieben ist, was man da so alles erlebt und gehört hat. Bisschen wie Alice im Wunderland. Ach, und wie sich die Kinder so freuen, wenn man ihnen ein Freizeiterlebnis gestaltet. Sie kann nicht zwischen Fachbuch und Erlebniserzählung als Vereinspräsidentin unterscheiden.

Bei manchen Dingen greift sie meines Erachtens sogar zu kurz. Seite 72:

»Das Kind ist gottseidank noch so klein, dass es später nichts mehr davon wissen wird«, lautet ein typischer Satz. Doch gerade das Gegenteil ist der Fall. Heute wissen wir, dass sich vor allem frühkindlich erlebte traumatische Beziehungserfahrungen wie zum Beispiel sexuelle Gewlt oder auch Vernachlässigung direkt in das kindliche Gehirn einbrennen.

Das findet noch viel stärker statt, als zu Guttenberg glaubt: Ich hatte – so lange ich mich erinnern kann – irgendwo so eine seltsame Erinnerung im Kopf rumspuken. Nicht schlimm, nicht bedrohlich, nicht ständig. So als wäre ich bei etwas dabei gewesen, als könnte ich mich genau an einen Vorgang erinnern, ohne zu wissen, wo das gewesen sein soll. Ich kann mich erinnern, daß ich jemanden gesehen habe, der von etwas einen Schreck bekommt, die Hände vors Gesicht schlägt, irgendetwas sagt, dann rückwärts geht und schließlich an einer Kommode lehnt und sich von dem Schreck erholt. Komischerweise habe ich die Menschen nur als grobe Klumpen wahrgenommen, ohne Beine, ohne Gesicht, nur die Nase. Und die Sprache konnte ich nicht verstehen, es hörte sich an wie dumpfe Wal-Gesänge. Dazu hatte ich aber auch die ziemlich präzise Beschreibung der Wohnung im Kopf, in der das passiert ist. Ich konnte den genauen Grundriss aufzeichnen, sogar die Ausmaße darstellen, die Eingangstür, und auch die Möbel beschreiben. Ich konnte sagen, wo im Schlafzimmer das Bett steht, wo eine Kommode stand, ungefähr die Wohnzimmereinrichtung. Weiß ich alles heute noch. Als wäre ich dabeigewesen. Nur daß ich mich beim besten Willen trotzdem nicht erinnern konnte, jemals in so einer Wohnung gewesen zu sein, so einem Vorgang beigewohnt zu haben. Auch die komische reduzierte Wahrnehmung von Menschen und von Sprache konnte ich mir nicht erklären. Ich nahm immer an, ich hätte das mal geträumt.

Vor einigen Jahren, da war ich schon über 30, unterhielt ich mich mal mit meinem Vater über Träume, und erzählte auch davon, ohne dem besonderen Wert beizumessen. Er guckte mich fassungslos an. Ich solle den Grundriß aufzeichnen. Hab ich gemacht. Er war völlig baff. Und sagte mir dann, woher ich das alles weiß. Er konnte sich genau an den Vorgang erinnern.

Dieser Vorgang passierte am ersten Tag, als ich nach meiner eigenen Geburt aus dem Krankenhaus kam, als ich gerade so drei oder vier Tage alt war. Die Person, die den Schreck bekommen hatte, war meine Mutter, die einen Schreck bekam, weil das Kind nicht mehr in der Wiege lag. Mein Vater hatte mich auf dem Arm und sie hat es nicht gemerkt, guckte in die Wiege und die war leer. Als sie dann sah, daß das Kind doch da und außer Gefahr ist, ist sie ein paar Schritte zurück gegangen, hat an der Kommode gelehnt, die Hände vor das Gesicht geschlagen und durchgeatmet. Entwarnung. Und ich habe das gesehen. Und der Grundriß der Wohnung war exakt der der Wohnung, in der wir damals wohnten, auch die Möbel stimmten genau. Da haben wir aber auch nur gewohnt, bis ich 2 Monate alt war. Es hatte nie jemand darüber mit mir geredet, ich konnte das nur aus eigener Erinnerung wissen, zumal es sich ja um optische Erinnerungen handelt. Das heißt, daß ich – auch wenn der Vorgang nur ein paar Sekunden dauerte – noch immer die ziemlich genaue Erinnerung daran habe, wie ein wenige Tage alter Säugling seine Umgebung wahrnimmt. Bei allem anderen, woran ich mich erinnern kann, war ich mindestens 3 Jahre alt.

Das heißt aber auch, daß selbst die Kinderschutzritter die Gedächtnisfähigkeiten von Kindern unterschätzen. Nicht nur traumatische Gewalt brennt sich ein, auch normale Vorgänge können Erinnerungen hinterlassen, und zwar ziemlich konkrete und auch bei Säuglingen. Ob sich das Gehirn daran dann auch erinnern will ist eine andere Frage.

Fazit

Kindesmißbrauch ist ein heftiges Thema, und es ist unbedingt wichtig, daß man etwas dagegen unternimmt.

Die Frage ist, ob der Zweck die Mittel heiligt. Und ob das Thema nun wieder so wenig wichtig ist, daß man es unausgelasteten Adligen zur Selbstprofilierung überlassen könnte. Ich habe den Eindruck, daß die Privatisierung des Staates zu weit geht.

Fragt sich, was der richtige Weg wäre. Die Aktionen von der Leyens zählen ja unter „Handeln des Staates”, waren aber auch nichts. Oder noch weniger. Im direkten Vergleich mit von der Leyen kommt zu Guttenberg ja noch insofern gut weg, als in dem Buch ja auch ein paar ordentliche Sachen stehen. Die Wahl zwischen beiden kommt mir aber trotzdem so vor wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Den Ansatz, Kinderpornographie im Internet bekämpfen zu wollen, kann man ja verfolgen (denn anders als zu Guttenberg glaubt schützt die Informationsfreiheit Kinderpornos ja gar nicht). Aber warum, verdammt nochmal, kann das nicht mal jemand machen, der sich mit sowas auskennt? Warum müssen sowas immer Leyen – pardon – Laien machen? Ist Inkompetenz in der deutschen Politik schon so zum Standard geworden? (Daß unsere Politik ein sehr gebrochenes Verhältnis zur Sachkunde hat, habe ich hier ja schon öfters beschrieben.) Und dann diese Medienbeeinflussung. Ganz schlecht.

Ich komme mir zunehmend von der Politik und einer geld- oder realadligen Oberschicht an der Nase herumgeführt, beeinflusst, manipuliert vor. Und habe den Eindruck, daß hier gerade die Kinderpornosperre 2.0 vorbereitet werden soll.

Das Buch? Ja, man kann’s lesen. Bis Seite 83. Aber auch nur mit Vorsicht. Denn ob’s stimmt und ob’s verallgemeinerbar ist, kann man nicht so nachprüfen. Liest sich eher so wie die gesammelten Erinnerungen einer ehrenamtlichen Namensgeberin. Aber man muß es nicht lesen. Ein Brüller ist es nicht. Und ob’s das Geld wert ist, muß jeder selbst wissen.


13 Kommentare (RSS-Feed)

stefan
22.9.2010 9:32
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Danke für die Arbeit!
Nachdem was hier beschrieben wird muss ich davon ausgehen, dass der erste (und Deiner Meinung nach “bessere”) Teil des Buches “fremdgeschrieben” wurde. Die moralingeschwängerten Ausschweifungen im 2. Teil sind wohl eher auf von Guttenbergs Mist gewachsen.

“Ich komme mir zunehmend von der Politik und einer geld- oder realadligen Oberschicht an der Nase herumgeführt, beeinflusst, manipuliert vor.”

dito!


Tim Kowalewski
22.9.2010 13:27
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Danke für die Rezension!


Herbert
22.9.2010 15:31
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Wenn ich mir anschaue, wie ihr Mann so arbeitet wundert es mich nicht, dass sie selbst dann auch so arbeitet. Wäre eher das Wunder gewesen, wenn sie wirklich gut gearbeitet hätte.

Dieser Satz “früher hat es das nicht gegeben” ist so dermaßen blöde…das “Früher” dieser Frau beginnt 1850 und endet 1968, alles außerhalb davon interessiert die nicht. Ob die Pieter Brueghel kennt? Ob die weiß, wie es die Griechen miteinander gemacht haben? Ob die weiß, wie krass die Taoisten waren? Da ist eine Handy-Aufnahme einer 14 jährigen wie sie mit einem 15 jährigen usw. total die Prüderie!!

Die hat das Thema soviel verstanden wie ihr Mann die Verfassung einzuhalten bereit war. Kinderpornos mit so einem “die 14-jährige-Lena”-Beispiel erläutern zu wollen ist eine Beleidigung der echten Opfer von Kinderpornographie, also denen, die kein Handy haben und nix mit freiwillig. Mithin sind das die Kinder, die ca. 10 Jahre später, wenn sie 16 sind, zb in Dubai in das große Hotel gehen und die Berufspolitiker dort besuchen oder die mal in Mailand bei Berlusconis Haus vorbeischauen müssen…ich bezweifle aber, dass die Guttenberg so weit denken könnte.


Stefan
23.9.2010 23:19
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Interessante Rezension. Vielleicht kann man ja der guten Frau auch zugestehen, daß sie sich einfach “nützlich” machen will, daß sie sich eine “Aufgabe” und ein Thema gesucht hat- welches dann eben teils recht, teils schlecht umgesetzt wurde.

Immerhin ist sie damit aus dem Bannkreis von “Kinder, Küche, Kirche” hinausgekommen. Daß sie ihre Polit-Connections mit eingebunden hat…nun gut. Ich glaube, da deichseln viele andere ganz andere Sachen, wenn sie Zugang zur machtelite haben.

Ich habe übrigens bis eben gerade ein Feature im MDR Figaro gehört, worin die Geschichte von Kurt Demmler (erfolgreichster Songtexter der DDR) berichtet wird. Der hat zwar wirklich viele super Texte geschrieben, aber er hatte ein Problem mit Frauen und ein Faible für Kinder.

Er hat es mit Hilfe seiner Popularität geschafft, über mindestens 20 jahre hinweg(!) Mädchen zu mißbrauchen, indem er ihren Eltern und ihnen selber vorgaukelte, er würde ihre Begabung fördern und Stars aus ihnen machen. Viele Eltern haben gemerkt, was da abgeht, und sich dennoch nicht getraut, ihn anzuzeigen. Er konnte immer weitermachen.

Als er dann doch dran war (2008) und seine Verhandlung anstand, hat er sich im Knast erhängt.

Ich ziehe aus der Sache die Schlußfolgerung, daß es wohl kaum gelingen wird, den Kindesmißbrauch einzudämmen – wenn so ein Täter mit so voelen Opfern so lange weitermachen kann.

Zu dem Erlebnis aus dem Babyalter: es stimmt, daß Babys am Anfang nur unscharf sehen und keine Gesichter erkennen können. Es hieß früher, sie könnten noch gar nicht sehen, aber das wurde mittlerweile widerlegt.


Hadmut
24.9.2010 0:01
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Zur Babysichtweise: Das war nicht unscharf im optischen Sinne. Die Augen haben funktioniert. Das Gehirn konnte die Informationen aber nicht verarbeiten, die Mustererkennung, die Klassifizierung hat einfach noch nicht funktioniert. Ich habe grob äußere Formen und Konturen, sogar eine Nase gesehen, konnte das aber überhaupt nicht einordnen oder erfassen, das waren einfach irgendwelche optischen Eindrücke, die überhaupt keine oder fast keine Wirkung hinterlassen haben. Ich glaube, das hat auch sehr viel mit dem Erfahrungsschatz zu tun, der erst aufgebaut werden muß. Komischerweise habe ich den Grundriß und die Möbel deutlich besser erfasst.

Es gibt ja Leute, die Gesichter nicht erkennen können. Aufgrund dieser einzelnen Erinnerung kann ich mir so ungefähr vorstellen, wie das ist.

Andererseits: Wie soll man die Leute da zu Hause auch „wiedererkennen”, wenn man sie ja zum ersten Mal trifft….

Insofern bin ich aber ziemlich überzeugt davon, daß sich selbst Säuglinge an Mißbrauch später in der ein oder anderen Form lebenslang erinnern und einen dauerhaften Knacks behalten können.


nadar
25.9.2010 1:25
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zu “Früher gabs das nicht” und dem Kommentar dazu:
Zur Zeit sendet MDR Figaro die zweite Staffel von “Michael Köhlmeier erzählt Klassische Sagen des Altertums”
Es dreht sich hauptsächlich (soweit ich das gehört habe) um die Mythen der griechischen Götter. Was dort an “normaler” Hurerei, Inzest und Sodomie beschrieben wird, geht auf keine Kuhhaut.
Für meinen Teil kann ich schon mit der Ilias wenig anfangen. Für mich ist das hauptsächlich die Verherrlichung von Gewalt und Krieg. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie jemand mit intakter Realitätsvorstellung das als Große Dichtung bezeichnen mag.
Im Vergleich zu den oben erwähnten Sagen ist das aber eher Kinderkram…


Jens
25.9.2010 12:28
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“Für meinen Teil kann ich schon mit der Ilias wenig anfangen. Für mich ist das hauptsächlich die Verherrlichung von Gewalt und Krieg. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie jemand mit intakter Realitätsvorstellung das als Große Dichtung bezeichnen mag.”

Dann kannst Du vermutlich auch mit Kill Bill oder Sin City nichts anfangen?


nadar
25.9.2010 13:02
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Exakt. dito Wehrpflicht.
Ich halte es mehr mit Tucholsky. 🙂


Jörg
7.10.2010 10:13
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[…] gegen sexuellen Missbrauch tun müssen – with a little help from the BILD. Wenn man Leserberichten glauben schenken darf, kann man an den Qualitätsschwankungen ablesen, welche Stellen von Stephanie […]


Saskia Schwartz
14.10.2010 8:16
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“Die Kinderfresser-Bar: Wenn du denkst, schlimmer geht’s nicht mehr, kommt der Adel wider her”. Cooler Spruch!

Welche Arroganz und Plumpheit, Kinder zu mißbrauchen, um sich bei der Öffentlichkeit einschleimen zu wollen und von anderen Themen abzulenken. Kinder durch Aufklärung und weitere Maßnahmen vor Mißbrauch zu schützen – dazu sind doch in erster Linie die Eltern da und vielleicht noch die Lehrer. Dazu braucht man keine Pseudo-Gutmenschen und keinen “Adel” !

Jetzt gehen sie auch noch damit hausieren, dass Stephanie zu Guttenberg angeblich Morddrohungen für ihre “Aufklärung” erhält, damit man sie zur Märtyrin erklärt. Abstoßend!

Interessant ist, dass sich in t-online über dem Link mit den angeblichen Morddrohungen gegen Stephanie Guttenberg auch ein Link findet, nachdem sich angeblich jeder 10.Deutsche eine Diktatur wünscht. Das könnte denen so passen!

Die Guttenbergs wollen sich doch nur interessant machen und sich als angebliche Retter der Nation aufspielen.

Am liebsten würden gewisse Leute, die im Hintergrund die Fäden ziehen, eine Diktatur unter den zu Guttenbergs in Deutschland errichten, die vorgebt, Kriminalität zu bekämpfen, aber in Wahrheit korrekte Ermittler daran hindert, schwere Wirtschaftsstraftaten und Gewalttaten von Leuten, die sich für allmächtig halten, aufzuklären.

Sie selber (die Guttenbergs und ihre mächtigen Hintermänner) werden sich dann aber selber wie widerliche Zecken mit Privilegien vollsaugen und andere moralisieren. Abscheulich!

Weg mit dem ganzen Adelspack, den Wirtschafts-Oligarchen und solchen Politikern, die sich bereits jetzt wie Diktatoren aufführen – alle weg!


alex
19.10.2010 18:15
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Sehr schöne Rezension, obwohl das alles irgendwie zu erwarten war, trotzdem informativ.

Besonders gewundert habe ich mich darüber, dass anscheinend wirklich auch Autoren an dem Buch mitgeschrieben haben.


peripatus
4.3.2011 5:41
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Genauso, wie KTG die Bundeswehr und die getöteten Soldaten als Staffage und Kulisse für seine Inszenierung benutzte, so benutzt seine Gattin die geschändeten Kinder in ähnlicher Weise. Dabei möchte sie natürlich mit ihrem Vorbild von der Leyen die Instrumente schaffen und benützen, die eine Kontrolle des Internets ermöglichen- im Nachhinein sehr verständlich.Ein Engagement als Präsidentin der Liga gegen den Gebärmutterhalskrebs würde ihr besser stehen und auch ihrem Intellekt wahrscheinlich mehr entsprechen.