Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

zu Guttenberg, die Pornografie und die BILD-Zeitung

Hadmut
13.9.2010 19:23

Eine (un)heilige Allianz.

Ich gehe jeden Morgen an einem Pressespiegel vorbei, in dem auch die Bildzeitung steckt. Da hat’s mich heute mal wieder aus den Socken gehauen. Die große Megaschlagzeile über die ganze Vorderhälfte der Seite 1:

Stephanie zu Guttenberg:

Pornografie
verdirbt unsere Kinder

Besorgte Minister-Gattin schlägt Alarm

Also ganz reißerisch mit den Begriffen „Pornografie”, „verderben” und „Kinder” die Aufmerksamkeit rangezogen. Also nicht in einer Weise, die besorgte Eltern anzieht, sondern ganz eindeutig auf die Pornointerssierten unteren Geistesschichten abzielt. Und dann so groß geschrieben, als wäre irgendwas ganz Schlimmes ganz aktuell passiert, als habe die Freifrau zu Guttenberg persönlich irgendwelche Schändungen aufgedeckt, über die man ganz dringend alle schmutzigen Detail slesen müsse.

Brachialmarketing der untersten Schublade.

Worum es dann geht, erfährt man auf Seite 12. Hauptsache die schmierige Schlagzeile ist platziert.

Frau zu Guttenberg stört sich daran, daß Popstars halb nackt über die Bühne hüpfen. Und dann nur seichtestes Blabla. Ein paar konservative Meinungen, Null Information, Null aktueller Vorgang. Abeg ganz schlimm: Vier Bilder von einer Christina Aguilera im schwarzen Latexdress, einer knapp bekleideten Rihanna, einer Lady Gaga im Netzhemd mit Nippelsternchen und einer Beyonce im kleinen Schwarzen mit Blick unterhalb desselbigen. Und dann die Titelzeile „Die Idole unserer Kinder sehen aus wie Porno-Stars.” und „Pornografie ist längst Bestandteil der Jugendkultur geworden.” Ach Herrje.

Und dann ist das ganze völlig substanzlos, seicht, altbekannt, überhaupt nichts Neues. Daß Kulturwissenschaftler den Look als „Porno-Chic” bezeichnen. Oder daß der Rapper Bushido in den letzten Jahren über eine Million Platten seines Vergewaltigungssongs „Gang Bang” verkauft habe.

Was soll das? Eine Titelzeilen-Erruption von gar nichts? Eine Riesen-Kampagne, und dann kommt hinten gar nichts? Doch, am Anfang ist kurz die Rede von einem neuen „Ratgeber” der Stephanie zu Guttenberg, und ganz am Ende steht in einem schwarzen Feld:

STEPHANIE ZU GUTTENBERG: „Schaut nicht weg! Was wir gegen sexuellen Missbrauch tun müssen” (180 Seite, 16,95 Euro) erscheint heute im Kreuz Verlag

Boah, wie dreckig. Das ganze Ding ist eine Marketing-Nummer um das Buch zu verkaufen. Sonst eigentlich nichts.

Und die BILD heuchelt dazu, daß die Schwarte kracht. Hinten regen sie sich auf, daß Aguilera, Rihana, Gaga, und Beyonce knapp bekleidet herumlaufen und tun so, als wäre das der Untergang unserer Kultur, dabei hat die BILD doch selbst jeden Tag ein doofes Oben-Ohne-Titten-Mädchen auf der Titelseite, so nach dem Motto die scharfe Nachbarin von nebenan rennt immer oben ohne und im Tanga rum.

Und ausgerechnet sowas nehmen die da als Marketing-Instrument her.

Kürzlich hatten sie schon mal eine 3D-Version der Bild-Zeitung. Da stand auch nichts aktuelles drin, aber dafür in 3D: Karl Theodor zu Guttenberg im Kampfkombi vor dem Jagdflugzeug.

Die Familie zu Guttenberg scheint ja beste Beziehungen zur BILD zu haben, und die BILD scheint immer wieder gerne als deren Marketing- und Propagandablatt aufzutreten. Denn daß man für so wenig Information, für so ein „gar nichts passiert” und eine Buchveröffentlichung so eine Schlagzeile produziert, ist selbst für die BILD außergewöhnlich niveaulos. Zumal die Lesergruppe der BILD sich in der Regel sowieso nicht für den dümmlichen Text des Artikels interessiert, sondern mehr für das rattenscharfe Foto von Rihanna. Als würde man mit Schweinebraten nach Vegetariern suchen. Ausgerechnet die Anti-Porno-Kampagne als Aufhänger für typische BILD-Fotos?

Macht uns die zu Guttenberg nun die Alice Schwarzer 2.0? Oder steckt doch mehr dahinter?

zu Guttenberg war schon als eine der Treiberinnen der Kinderporno-Kampagne aufgefallen, auch da in Zusammenhang mit dem Verein Innocence in Danger, und auch da in äußerst scheinheiliger und unglaubwürdiger Weise, denn es tauchten da Bilder einer protzig-neureich-dekadenten Gala auf, die das alles nur als ein Vehikel erscheinen ließ, daß eine Horde gelangweilt-reicher Ehefrauen der Oberschicht mal wieder einen Anlaß hat, zusammenzukommen.

Bei der Kinderpornonummer hat man damals behauptet, daß es ein Milliardenmarkt sei. Pustekuchen. Bisher nicht zu finden. Da haben sie kürzlich welche festgenommen und die sind nun auch geständig vor Gericht, und haben schlimme Dinge getan – nur mit Geld hatte es nichts zu tun. Was dann doch den Eindruck aufdrängt, daß die Kinderporno-Kämpferinnen gerne mal zu dick auftragen, wenn es ihren Interessen dient. Nun ist das Thema ziemlich ausgelutscht, keine Schlagzeile mehr wert, da muß dann halt mal eine neue Variation herhalten. Wieder Kinder, wieder Porno, nur jetzt andersherum, jetzt sind die Kinder die Konsumenten. Hauptsache, mit irgendwas und irgendwelchen platten Buzzwords Aufmerksamkeit gedroschen.

Oder war es vielleicht andersherum? Geht es generell um eine erzkonservative Ansicht, wonach alle sich züchtig zu kleiden haben? Und die Kinderpornonummer sollte nur als Speerspitze dienen, um Internetsperren widerstandslos zu etablieren, und eigentlich ging es gar nicht um Kinder als Pornodarsteller sondern als Pornokonsumenten?

zu Guttenbergs sind katholisch. Er ist laut Internet katholisch, sie war zumindest auf einer katholischen Schule und äußerst sittenstrenge Ansichten. Reitet man da auf der Promi-Schiene in Richtung konservativer Ansichten, Wiedereinführung der Sittenstrenge?

Mir fällt dazu zuerst mal ein, daß es ja gerade in der katholischen Kirche sehr viele Mißbrauchsfälle gab und sich auch heute immer mehr zeigt, daß es in fast jeder Diözese Fälle gab (hab den Link gerade nicht zur Hand). Und meines Erachtens (und nach meiner Erfahrung) richten katholische Pfarrer generell sehr viel mehr Schaden als eine knapp bekleidete Rihanna an. Ich würde meine Kinder (wenn ich welche hätte) viel eher die Musikvideos von Rihanna gucken lassen als sie dem Einfluß der Kirche auszusetzen, die ich für unverantwortlich schädlich halte, und die ja massenweise Falschinformationen und eine unerträgliche Moralauffassung predigt. Im übrigen finde ich die Bekleidung der Pop-Stars noch allemal vernünftiger und gesünder als alte Männer in lila Kleidern und mit komischen Hüten, die einem erzählen wollen, was richtig und falsch ist.

Daher müßte man zunächst mal überlegen, ob man nicht der katholischen Kirche die Kindergärtern, Internate usw. entzieht, wenn man Kinder schützen will. Denn daß die seltsamen Sitten der Kirche und der Zölibat nicht gerade gesund für die Sexualität der Leute und deren Auswahl sind, liegt auf der Hand. Aber da will man nichts tun. Lieber geht man einer Handvoll Pop-Stars an den Kragen. (Und nimmt sich schon wieder mal ein Thema, wo man keinen Widerstand erwartet.)

Und mir fällt dazu ein, daß ich gerade auf Telepolis einen Artikel gelesen habe, wonach Sarazzin mit seiner aktuellen Debatte eigentlich nur die Sprechpuppe der BILD-Zeitung gewesen sei. In Wirklichkeit stecke eine rechtskonservative politische Meinungsmache der BILD dahinter, die sich dabei hinter der angeblichen Meinung ihrer Leser versteckt. Und über mehrere Ausgaben hinweg hat man die ausländerfeindlichen Ansichten Sarazzins hinausposaunt.

Haben hier rechtskonservative Kreise Einfluß auf die BILD? Wird hier eine systematische Meinungsmanipulation betrieben? Eine Maschinerie, auf der kleine Nebendarsteller wie Sarazzin und zu Guttenberg als Promi-Strohmann mal mitreiten und ihre Bücher verkloppen dürfen?

Bedenkt man, daß beispielsweise auch das ZDF von der CDU und damit rechtskonservativ gesteuert wird, kann man sich schon fragen, ob wir überhaupt noch eine Presse, oder nur noch Propagandaorgane haben. Mal sehen, was als nächstes kommt.

Meine Zweifel an den zu Guttenbergs steigen jedenfalls immer mehr. Irgendwie kommen die mir mehr und mehr als stinkreicher Adel vor, der sich aus lauter Langeweile und Hoheitsdenken heraus publizitätsträchtige Jobs sucht. Vorsitzende von so einem spleenigen Gutmenschen-Verein mag da noch akzeptabel sein. Bundesverteidigungsminister ist es da nicht mehr.

Eines haben sie damit jedenfalls erreicht: Ich habe mir dieses Buch bestellt.


9 Kommentare (RSS-Feed)

Mephane
13.9.2010 19:53
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“Haben hier rechtskonservative Kreise Einfluß auf die BILD? Wird hier eine systematische Meinungsmanipulation betrieben? Eine Maschinerie, auf der kleine Nebendarsteller wie Sarazzin und zu Guttenberg als Promi-Strohmann mal mitreiten und ihre Bücher verkloppen dürfen?”

Daran habe ich schon seit einer ganzen Weile nicht den geringsten Zweifel mehr. Die Entwicklung geht stetig richtung rechts-konservativ, und alle, und fast alle positiven Entwicklungen sind nur kleine Siege auf Rückzugsgefechten, getreu dem Motto “3 Schritte vor, 2 zurück” geht es immer weiter in eine Richtung, die so manche schon für undenkbar gehalten hätte.

Konkret zum Thema des Artikels: Es gibt Kreise, die wünschen sich ein extrem strenges Sexualstrafrecht ähnlich wie in manchen ultrakonservativen Bundesstaaten der USA, wo selbst Jugendlichen für einvernehmliche Aktivitäten verurteilt und lebenslang öffentlich als “Sexualstraftäter” gebrandmarkt sind (inklusive öffentlicher Auflistung mit Adresse etc.), und Jungen in der frühen Pubertät bei “Verdacht auf Homosexualität” mit Elektroschocks und ähnlichem “geheilt” werden sollen. Klingt wie aus dem vor-vorigen Jahrhundert, passiert aber heute, in der ach-so-aufgeklärten und freiheitlichen westlichen Welt…


Twister
14.9.2010 11:03
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Wenn man sich anschaut, wie fast schonv erzweifelt die BILD die Idee der neuen radikalen Partei pusht obgleich Sarrazzin in der SPD bleiben will, dürfte da etwas dran sein.

1. diese Umfrage, wer jetzt eine neue Protestpartei (na klar) wählen würde
2. dann dieses Überlegen ob Sarrazzin dann auch solche Chancen hätte wie Wilders und Co
3. heute schon wieder das Geraune darüber, wer für eine solche Partei geeignet wäre usw.

Vielleicht möchte ja Herr Diekmann kandidieren? 😉


yasar
15.9.2010 2:41
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Die Springerpresse war schon immer rechtskonservativ, auch wenn die Nackedeibildchen drucken.


nadar
15.9.2010 2:42
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Ein Bericht dazu mit sehr passendem Foto ist hier zu finden: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/super-symbolfoto-82/

via http://blog.fefe.de/?ts=b2715790


yasar
15.9.2010 14:11
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Heute in der Dönerbude meines vertrauens:

Die Rückseite der Bild ist voll von “pornografischen” Bildern. Von Lady Gaga. Klar, typisch Doppelmoral von Springerpresse.


quarc
15.9.2010 19:30
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Immer wieder passend zur “Bild” ist auch dieser Kommentar.


Herbert
15.9.2010 19:57
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Wo es schon um Strafbarkeit von Sexualitäten und sexuellen Handlungen geht: Laut der UN (und laut des “äußerst wissenschafltichen” Phantasiebuch “Diagnostical Charta for Mental Disorders” (DCM)) ist Transsexualität eine Krankheit. Der einzige Staat in Europa, der explizit gegen diese Sache ist, ist der Staat der Franozsen, der Rest schweigt. §175 für Transsexuelle halte ich eher für eine Gefahr für Kinder und Erwachsene, als “Nippelgate” oder youporn oder sonst was filmisch-fiktives.


Mike
22.9.2010 3:46
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Hast du dir das Sarrazin-Buch auch bestellt?

Das gehört mal Argumentativ zerlegt.


Die Springerpresse war schon immer rechtskonservativ, auch wenn die Nackedeibildchen drucken.