„Die Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) lässt gegen sie erhobene Plagiatsvorwürfe untersuchen.“
Warum ich diesen Satz überhaupt nicht verstehe.
Ich verstehe etwas nicht.
Dabei passiert es immer wieder. Und ich verstehe es immer wieder, jedes einzelne Mal nicht.
Der Tagesspiegel schreibt: Plagiatsverdacht gegen Berlins Justizsenatorin: Badenberg bittet Uni Köln um Check ihrer Doktorarbeit
Die Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) lässt gegen sie erhobene Plagiatsvorwürfe untersuchen. Der sogenannte Plagiatsjäger Stefan Weber will Badenberg zuvor in einem Gutachten zu ihrer Doktorarbeit mehr als 80 Plagiate nachgewiesen haben, darunter sogar in der Danksagung an ihre Eltern.
„Die Dissertation wurde nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt“, sagte Badenberg dem Tagesspiegel. „Ich habe die Universität zu Köln gebeten, meine Dissertation unabhängig und umfassend zu prüfen. Die wissenschaftliche Bewertung einzelner Fundstellen ist Gegenstand dieses Verfahrens.“ Ob Badenberg den Doktortitel bis zum Abschluss der Prüfung durch die Universität Köln ruhen lässt, blieb zunächst unklar.
So etwas liest man häufig, wenn es um Plagiatsvorwürfe geht.
Und jedesmal wundere ich mich, weil ich es jedesmal aufs Neue nicht verstehe.
Warum?
Lasst es mich mal so erklären. Mit den Sitten und Gebräuchen auf Zypern. Als ich mir damals die kleine gebrauchte Wohnung auf Zypern kaufte, habe ich vorher eine zypriotische Architektin und Bausachverständige beauftragt, sie soll sich die Sache mal ansehen. Das macht man so auf Zypern. Und als ich mir einen Gebrauchtwagen kaufte, habe ich ein Unternehmen, das Fahrzeuge prüft, gebeten, mal zu kommen und sich das Auto anzusehen. Auch das macht man so auf Zypern. Ich habe Dinge, deren Herkunft und Vorgeschichte ich nicht kannte, von anderen, die sich damit auskennen, prüfen lassen, bevor ich mich selbst darauf eingelassen habe.
Aber ich käme im Leben nicht auf die Idee, jemand anderen einen Text, den ich selbst geschrieben habe, noch dazu, wenn es nicht ein einfacher Blogartikel, sondern etwas so wichtiges wie eine Dissertation ist, darauf prüfen zu lassen, ob ich die woanders abgeschrieben habe. Ganz abgesehen davon, dass ich das nicht tun würde und das unter meiner Würde wäre, und ich das auch fachlich gar nicht nötig habe, sondern genug selbst produzieren kann: Ich weiß ja, wie ich meine Dissertation geschrieben habe, wie sie zustande kam, ob ich sie geklaut oder selbst erstellt habe.
Ich frage ja auch keinen Sachverständigen, ob ich vielleicht die Bank überfallen habe. Das weiß ich doch selbst, ob ich das getan habe oder nicht.
Würde mir also einer vorwerfen, dass mit meiner Dissertation etwas nicht stimme, würde ich mich doch selbst verteidigen. So, wie man das in der Promotionsprüfung auch macht und „Verteidigung“ nennt.
Ah … da fällt mir ein: Man hatte ja behauptet, dass mit meiner Dissertation etwas nicht stimme – und ich habe mich selbst verteidigt. Da brauchte ich keinen Dritten. Und die Uni konnte keine einzige meiner Verteidigungen abwehren, sondern sagte nur, sie habe niemanden, der fachlich mithalten und mich prüfen könne.
Gerade weil ich das Spiel schon einmal mitgespielt habe:
Ich verstehe nicht, wie jemand seine Dissertation bei Plagiatsvorwurf der Universität zur Prüfung vorlegen kann. Der Universität hat sie doch in der Prüfung schon vorgelegen.
Wenn mir jemand ein Plagiat – oder andere Manipulation, wie KI-Nutzung, Schwindel, erfundene Ergebnisse usw., war ja alles schon da – vorwürfe, dann würde ich meine Arbeit doch selbst verteidigen, weil ich, wenn es denn meine ist, doch der bin, der sich am besten damit auskennt und bei der Erstellung als Einziger durchgehend dabei war. Für meine eigene Arbeit gibt es keinen besseren Fachmann und Zeugen als mich selbst.
Wenn jemand also seine Arbeit der Universität zur Prüfung vorlegt, dann riecht das für mich danach, als würde er sie prüfen lassen wie ich eine gebrauchte Wohnung oder einen Gebrauchtwagen, die ich aus einer möglicherweise dubiosen Quelle gekauft habe und nicht selbst beurteilen kann, weil ich mich damit nicht genug auskenne.
Auch das wirft für mich die Frage auf:
War das eine gekaufte Dissertation?
Hat man die vom Ghostwriter gekauft, und der Ghostwriter hat halt geschummelt?
Irgendwo gab es schon einige Berichte über Ghostwriter – Einzelpersonen und ganze Unternehmen – die sagten, dass sie für eine Dissertation 2 bis 4 Wochen bräuchten. Selbst wenn die Leute genial wären, so schnell geht das nicht. Andererseits müssen sich diese Leute ohnehin darauf verlassen können, dass der Prof die Arbeit sowieso nicht liest – und welche Dissertation wird schon gelesen? Wenigstens von den Prüfern? Ich habe so viele Professoren ertappt, die ein Gutachten über etwas abgaben, was sie nie gelesen hatten. Das ist gängige Praxis.
Auch das zahlt wieder auf meinen Verdacht ein, dass viele „Plagiatoren“ vom Plagiatsvorwurf kalt erwischt werden, weil sie die Dissertation nicht plagiiert, sondern gekauft oder auf anderem Wege vom Ghostwriter bekommen haben, und gar nicht wussten, dass Textstellen abgeschrieben wurden (und möglicherweise der Ghostwriter bei sich selbst abschreibt, weil er die Ur-Quellen auch schon geschrieben hat).
Es gibt noch einen anderen Aspekt. Manchmal fällt mir nämlich auf, dass ich in 10 oder 20 Jahren alten Texten – wie Blogartikeln – Sätze von mir selbst finde, die ich längst vergessen hatte, unlängst aber neu, und trotzdem vom Aufbau und oft sogar wörtlich gleich wieder geschrieben habe, ohne mich an den alten Satz zu erinnern. Ich argumentiere ab und zu nach 20 Jahren in exakter derselben Weise, und manchmal sogar wortgleich, wie ich es früher schon einmal getan habe, ohne mich daran zu erinnern. Was dann aussieht, wie ein (Eigen-)Plagiat ist einfach nur zweimal vom selben Hirn geschrieben. Vielleicht sind manche Plagiate gar keine Plagiate, sondern nur zweimal deckungsgleiches Produkt desselben Ghostwriters.
Irgendwas ist doch da faul.
Wenn jemand eine Dissertation schreibt, und die dann auch, wie es die Promotionsordnung vorschreibt, eine Disputation, eine Verteidigung übersteht (obwohl manche Promotionsordnungen alternativ auch ein Rigorosum erlauben), dann müsste derselbe doch auch in der Lage sein, seine Dissertation gegen den Vorwurf des Plagiats zu verteidigen.
Was wäre denn passiert, wenn in der Disputation ein Prüfer zum Doktoranden gesagt hätte: Hören Sie mal, mir ist aufgefallen, dass da mehrere Textstellen 1:1 aus anderen Quellen stammen, die nicht angegeben wurden. Was sagen Sie dazu?
Verteidigt sich der Doktorand dann selbst?
Oder sagt er, ja, da muss ich das mal die Uni prüfen lassen?
Schon diese Art der Reaktion auf einen solchen Vorwurf stinkt doch gewaltig zum Himmel.
Und warum erklären die Leute dann auch noch, sie hätten „nach bestem Wissen und Gewissen“ gearbeitet? Gut, diese Formulierung ist eine Standardformulierung. Nach den ersten Betrugsfällen, vor allem Jan Hendrik Schön in Physik, hatten viele Fakultäten das in ihre Promotionsordnung aufgenommen, dass man eine solche Phrase in die Dissertation schreiben und sie unterschreiben muss. Als ob ein Betrüger nicht auch da schummeln würde. Als ob man eine Bank gegen Banküberfall sichern könnte, indem man von jedem Kunden beim Verlassen verlangt, dass er eine Erklärung abgibt, die Bank nicht überfallen zu haben.
Was soll das also heißen?
„Ja, ich habe abgeschrieben, aber wusste es halt nicht besser und hatte kein schlechtes Gewissen, weil der Prof nichts dagegen hatte? Oder die Partei mir sagte, das machen hier alle so?“ Oder: Ich habe gar kein Gewissen, und wissen tue ich auch nichts! Oder: Ich bin Politiker. Wir machen das immer so!
Ich habe mal einen Professor der Uni Karlsruhe angezeigt, weil ich ihm nachweisen konnte, dass er für die Annahme einer Diplomarbeit 3000 DM Schmiergeld forderte. Der war so doof und hat sogar eine Rechnung dafür geschickt. Die Generalstaatsanwaltschaft ließ ihn aber vom Haken, weil das alle machen würden und von der Universitätsleitung so verlangt würde, weshalb der Professor das Unrecht seines Handelns nicht habe erkennen können.
Gilt dann das Gleiche nicht auch für „nach bestem Wissen und Gewissen“? Das haben damals alle so gemacht, also ist mein Gewissen rein?
Warum also sagt sie nicht einfach, wie ein ehrlicher Mensch das tun würde, „Ich habe nicht plagiiert!“ Und irgendeine Erklärung dafür liefern, wie die Textübereinstimmungen zustandekommen. Oder sagen: Ich weiß es nicht. Oder: Stimmt alles nicht, das hat sich der Plagiatsjäger ausgedacht! Oder: Die haben von mir plagiiert, denn ich habe diese Formulierungen schon früher, nämlich da und da verwendet?
Will sagen:
Ein echter Doktorand, der seine Arbeit selbst geschrieben hat, würde auf einen solchen Vorwurf ganz anders reagieren.
Der Punkt daran ist, dass man einem echten Doktoranden, der seine Arbeit selbst geschrieben hat, einen solchen Vorwurf erst gar nicht machen würde. Es fehlt deshalb an Vergleichsfällen, an denen man das abnorme Verhalten erkennen würde.
Letztlich heißt so eine Reaktion für mich nur, dass man versucht
- Zeit zu schinden,
- die Sache aus der aktuellen Aufmerksamkeit zu bringen und zu hoffen, dass bis zum Ergebnis eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird,
- und zu schauen, ob man die Angelegenheit durch politischen Einfluss oder Schmiergeld an die Uni retten kann.
Außerdem: Was will man daran „wissenschaftlich“ prüfen? Hier geht es um einen Sachverhalt, nicht um eine wissenschaftliche Frage. Es geht um eine Sachverhaltsprüfung.
Warum eigentlich befragt man in solchen Fällen niemals die Prüfer, warum jemand bei ihnen eine Dissertation vorlegen kann, wenn er nicht vorher ersichtlich und so ausgiebig zu dem Thema gearbeitet hat, dass die Arbeit auch tatsächlich von ihm stammen kann?