Ansichten eines Informatikers

Lanz. Precht. Habermas. Nazis.

Hadmut
24.8.2026 23:26

Es stimmt nicht.

Aber gerade deshalb ist es aufschlussreich.

Ab und zu gehe ich abends mal essen, wenn ich Hunger, aber keine Lust oder keine Zeit zu kochen oder nichts im Hause habe, oder mir wieder einfällt, dass ich eigentlich gar nicht kochen kann. Ich habe dabei eine schlechte Angewohnheit, nämlich mein Handy, die Bluetooth-Ohrstöpsel und einen Handy-Aufsteller mitzunehmen, und dabei die 20:00-Nachrichten oder die Sendungen danach zu sehen. Was ja eigentlich ein total schlechtes Benehmen ist, aber da im Restaurant sowieso alle aufs Handy gucken, und ich in diesem Restaurant ohnehin alleine saß – sei’s drum. Heute hat das nicht geklappt, weil erstens nichts Ansehbares im Fernsehen kam und ich zweitens feststellen musste, dass mir schon wieder irgendeine App den Akku auf 20% runtergesaugt hatte. Also heute nur Notprogramm. Strom sparen.

Hin und wieder lade ich in der Podcast-App einige Podcasts herunter, damit ich – etwa im Flieger – auch ohne Empfang immer irgendwas zum Zeitvertreib im Handy habe, was nicht viel Strom braucht. Etwas herausgesucht, was von der Länge zu Abendessen plus Heimweg passt. Auf das gekommen:

Lanz und Precht über den da gerade verstorbenen Habermas. Da dachte ich, das passt, denn ich halte ja von allen dreien nicht viel.

Es war sehr interessant und hörenswert, ich kann die Folge empfehlen.

Nicht, weil sie so gut wäre, sondern weil die Fehler so aufschlussreich sind und man dabei einiges über den Mythos Habermas erfährt. Dass Habermas eine Hasenscharte oder Gaumenspalte gehabt haben muss, war ja offensichtlich, aber dass ihn das, und dass er deshalb gemobbt wurde, so grundlegend geprägt hat, wusste ich nicht. Im Prinzip sind die Auswirkungen dieser Gaumenspalte und die Erlebnisse in der Nazizeit (geboren Juni 1929, als am Ende der Nazizeit 16 Jahre alt) das, was Habermas geprägt hat und was ihn für den Rest des Lebens umtrieb. Wie bringen wir Leute zur Vernunft, wie kommen wir zu einer besseren Gesellschaft und so weiter und so fort, also wie vermeiden wir Nazis und wie vermeiden wir, dass Leute wegen Gaumenspalten ausgegrenzt werden. Durch Kommunismus. Weil die Nazis ungerecht waren und wir eine gerechte Gesellschaft haben möchten.

Oder eben so: Die Nazis waren barbarisch, und es war ein Ausbruch der Menschheit, die beschlossen habe, wir werden jetzt heute einfach mal barbarisch und bringen Millionen Menschen um, das wär’ doch mal was.

Ich finde es äußerst frappierend, wie naiv Habermas war und Lanz und Precht sind.

Da fehlte es schon am historischen Wissen und der Bereitschaft, sich zu informieren und nachzuvollziehen, wie es zu den Nazis gekommen ist und warum die Leute Nazis gewählt haben. Dass die Leute eben nicht beschlossen haben, ach, heute werden wir mal Monster und bringen Millionen Leute um, sondern genau das Gegenteil, weil sie dem Kommunismus entkommen und endlich wieder Ruhe und Ordnung haben wollten – und zunächst sogar bekamen. Nazis hin oder her – sie haben zunächst für Ruhe, Ordnung und Sicherheit gesorgt und dafür, dass die Infrastruktur wieder funktioniert, man wieder einkaufen gehen konnte. Und deshalb hat man sie gewählt und wieder gewählt. Das kommt da aber gar nicht vor. Man hat ein Weltbild, als wären die Leute spontan zu Monstern geworden wie Mogwais, die man nach Mitternacht füttert und die nass werden. Werden wir doch mal Mörder.

Und Habermas war der zwar sprachdonnernden, aber intellektuell sehr, sehr dünn geteebeutelten Auffassung, dass das einfach ein Verzicht auf Vernutzt gewesen sei, und man das verhindern könne, indem man an die Vernunft der Leute appelliere: Seid doch vernünftig, seid keien Nazis! Macht eine gerechte Gesellschaft.

Das ist unfassbar doof, denn Habermas unterstellte – wie so viele Geistes- und Sozial„wissenschaftler“ – dass der Mensch neutral geboren wird, dann irgendwie nur eine Vernunftmaschine im Kopf hat, und von seiner Umgebung, den Einflüssen geprägt und gemacht wird. Marxistenfolklore.

Dumm. Falsch. Unwissenschaftlich. Emipirieloses Geisteswissenschaftlergeschwafel, die versuchen, die Welt in ihr Weltbild einzuordnen, indem sie den Menschen für einen Computer halten, den man ohne Betriebssystem gekauft hat. So funktioniert aber Evolution nicht, und so funktioniert das Gehirn nicht. Das Gehirn ist weder homogen, noch gleich, und kommt auch nicht ohne Software auf die Welt.

In der Kombination aus fehlendem historischem Wissen und dem völligen Unverständnis des Gehirns, gemischt mit marxistischer Ideologie und geisteswissenschaflicher Schwafelerleichterung kommt man dann zu diesem Weltbild. Habermas meinte, man könne die Welt verbessern, indem man die Leute ersucht „nehmt doch Vernunft an“ – in dem Glauben, dass er im Besitz derselben sei.

Interessanterweise kommen sie sogar auf Leute zu sprechen, die sagen, dass man so etwas nicht verhindern könne, weil der Mensch sich wie ein Tier verhalte, lehnen das aber völlig ab. Dabei ist genau das der Schlüssel zum Verständnis, denn das menschliche Gehirn ist nun einmal eine Weiterentwicklung des Tiergehirns und ein evolutionäres Produkt und kein Gerät, das am Reißbrett erfunden wurde.

Zumindest noch, bevor die Kommunisten in die Genetik eingreifen und wahre Sozialisten und Kommunisten produzieren. Schöne neue Welt.

Richtig interessant wird das an der Stelle, an der sie auf den Historikerstreit und Ernst Nolte kommen. Denn Nolte hatte ja den durchaus begründeten und mir richtig erscheinenden Standpunkt vertreten, dass die Verbrechen der Nazis gar nicht so singulär waren, sondern eine Folge menschlicher Verhaltensweisen, die – wenn auch nicht in dieser Konzentration – auch schon an anderer Stelle vorgekommen seien.

Statt sich damit aber auseinanderzusetzen, wischen alle drei – Lanz, Precht, Habermas – das einfach weg, weil es nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Man unterstellte Nolte, er wolle die einzigartige Schuld der Deutschen relativieren. Wieso man Rassismus ablehnt, dann aber sagt, dass die Deutschen – auch wenn erst nach 1945 geboren – per Abstammung eine Erbschuld haben, konnte mir noch keiner erklären. Und warum man ererbte Millionenvermögen ablehnt, weil die Geburtstombola uns ungleich mache, aber meint, dass die Nazischuld per Abstammung und Hautfarbe vererbt werde, konnte mir auch noch niemand erklären.

Als ich die nun reden hörte, kam mir ein Gedanke.

Modelliert man sich die Nazis – unter Umgehung aller historischen Erkenntnisse und Quellen – willkürlich so zusammen, damit das Habermas’sche Schuldmodell funktioniert?

Seltsamerweise nämlich betrachtet man nie Marx, Lenin, Stalin, obwohl es ohne die die Nazis nie gegeben hätte. Es geht gerade zu darum, als müsste man zwanghaft ein „die Kommunisten haben damit nichts zu tun“ und „die Sozialisten auch nicht“ stricken, und die Nazis hätten sich danach zu richten.

Man schnitzt sich da eine Welt zusammen, die ins Weltbild passt, nämlich das, dass man selbst der Gute und die anderen die Bösen sind.

War Habermas letztlich nur das, was man heute eine posttraumatische Belastungsstörung nennt? Der Versuch, die Empfindungen des Kindes zu rationalisieren, aber dem intellektuell nicht gewachsen zu sein?

Sie erwähnen, dass Habermas unheimlich viele Bücher gelesen habe und das unheimlich schnell, der die sofort erfasst habe. War der auf der Suche nach einer plausiblen Erklärung, hat sie aber nicht gefunden, weil er bei den Geisteswissenschaftlern geblieben ist, anstatt zu den Neurologen zu gehen?

Ist Habermas der umfangreiche, lebenslange, aber inhaltlich erfolglose Versuch, seine Kindheit zu verstehen?

Und hat er sich die Nazis wie Zinnsoldaten nach seinem Spiel geformt?

Sind weite Teile des heutigen linken Denkens ein Produkt, ein Echo des Meisterschwaflers Habermas, der es nicht schaffte, sich seine Kindheit zu erklären, und sich deshalb auf diese einzigartige Sonderschuld zu versteifen, die Nazis in Ermangelung seiner Fähigkeit, sie zu erklären, für unerklärbar zu erklären? Sie für singulär zu halten und zu erklären, damit sie nicht regulär erscheinen könnten, weil die Mittel des Geisteswissenschaftlers an der Erfassung der Regel scheitern und die Seele des verletzten Kindes an der Möglichkeit der Wiederholung verzweifeln könnte? War Habermas ein Fall für den Psychiater? Musste er die Unerklärbarkeit in Form der Singularität postulieren, um nicht daran zu verzweifeln, dass er am Versuch der Erklärung des Erklärbaren so scheiterte?

Wurde er deshalb zur Lichtfigur der Linken, weil er sie alle von der Not der Befassung mit der Erklärung befreite, deren Wiederhall heute dieses „Alles Nazis, alles Faschisten“ ist, nämlich der Verzicht auf eine Erklärung?

Und dann kam Nolte daher und meinte, doch, doch, das sei schon erklärlich? Musste da Habermas nicht zwingend der ideologische Fehlerstromschutzschalter rausfliegen?

Und dann kommen Lanz und Precht daher und meinen, sie könnten das mal so eben per Podcast zerlabern?

Es ist alles intellektuell so flach. So schrecklich flach.

Und wir werden niemals erfahren, ob Habermas nur wegen seiner Gaumenspalte gemobbt wurde, oder vielleicht auch, weil er so viel dummes Zeug so gestelzt dahergeredet hat. Vielleicht ist er den Leuten einfach nach Kommunistenart auf den Wecker gegangen? Vielleicht war der einfach ein Kotzbrocken mit Gaumenspalte, und deshalb unbeliebt?

Oder gäbe es vielleicht heute gar keine Nazis mehr im täglichen Dauergespräch, wenn Habermas keine Gaumenspalte gehabt und deshalb nicht gemobbt worden wäre?

Waren die Nazis für Habermas das, was für Beuys die Fettecke war, nämlich die lebenslange Verarbeitung von Kriegserlebnissen? Aus der Wikipedia über Beuys:

Am 4. März 1944 begann die Rote Armee an der Ostfront ihre Frühjahrsoffensive und erzwang in der Schlacht um die Krim den vollständigen Rückzug der deutschen Verbände aus der Ukraine. Während eines Einsatzes bei Schneefall hatte Beuys’ Stuka am 16. März 1944 rund 200 Meter östlich von Freifeld,[15][16] im Blindflug Bodenkontakt und zerschellte am Boden.[17] Der Pilot, Hans Laurinck, starb, Beuys wurde verletzt. Er erlitt eine Nasenbeinfraktur, mehrere Knochenbrüche und ein Absturztrauma. Von einem deutschen Suchkommando wurde er bei den Trümmern der Ju 87 gefunden und am 17. März 1944 in das mobile Militärlazarett 179 nach Kurman-Kemeltschi eingeliefert, das er erst am 7. April 1944 verlassen konnte.[18]

Der Absturz mit seiner Nachgeschichte diente Beuys als Stoff einer Legende, der zufolge ihn nomadische Krimtataren „acht Tage lang aufopfernd mit ihren Hausmitteln“ (Salbung der Wunden mit tierischem Fett und Warmhalten in Filz) gepflegt hätten. Diese Legende, die Beuys’ Vorliebe für die Materialien Fett und Filz erklären sollte und die er in einem BBC-Interview ebenso beschrieb,[19] vertrat auch sein Biograf Heiner Stachelhaus bis zuletzt.[20] Nach der Recherche des Künstlers Jörg Herold wurde Beuys nach dem Absturz von einem Suchkommando gefunden, wie die FAZ über Herolds Spurensuche auf der Krim am 7. August 2000 meldete.[21] Der acht- bis zwölftägige Aufenthalt bei den Tataren, wie ihn Stachelhaus und andere überliefern, wurde schon 1996 von Beuys’ Ehefrau Eva in Zweifel gezogen. Die Witwe stufte die immer wieder erzählte Geschichte als seine „Fieberträume in langer Bewußtlosigkeit“ ein.

Ich habe das an meinem eigenen Vater beobachtet (Jahrgang 1936), der den Krieg und das Hungern nie verwunden hat, und bis zum Ende seines Lebens eine Art Messy war, der selbst verbogene Schrauben und uralte Tütensuppen für alle Ewigkeit aufbewahrte, weil man sie nochmal brauchen könnte. Er hat sich nie davon befreien können, und nachdem ich es schon mal erwähnte, schrieben mir viele Leser, dass sie dasselbe bei ihren Verwandten beobachtet hatten.

Krieg traumatisiert. Jeder kennt das „Opa erzählt vom Krieg“, meiner hat das auch, und ich kann das nachvollziehen, wenn ich bedenke, wieviel ich schon von 15 Monaten Grundwehrdienst zu erzählen hatte, obwohl das kein Krieg, keine Gefahr, kein Hunger war.

Auf den Gedanken, dass Habermas einfach nur ein Leben lang damit beschäftigt war, mit seinen Traumata, seinen Erlebnissen klarzukommen, dies aber nicht schaffte, weil das geisteswissenschaftliche Geschwafel das selbst dann, wenn man sich das wie Habermas bücherweise reinkloppt, einfach nicht hergibt, scheint niemand gekommen zu sein.

Ist der Wunsch nach Sozialismus und Kommunismus damit letztlich nur der untaugliche Versuch einer Traumabewältigung? Die Phantasie einer nazifreien Gesellschaft, die so nicht möglich ist, weil man sich zuvor die Nazis so umgeschwafelt hat, damit sie zum Weltbild passen?

Ist der Sozialismus ein fiktives Paradies, das frei von fiktiven Bösewichten ist?

Braucht es die Nazis postmortem als Weltbilderfüller?