Ansichten eines Informatikers

Vom unsichtbaren Pfosten, der aus dem Nichts auftauchte und einen Verkehrsunfall verursachte

Hadmut
14.8.2026 20:59

Hätte ich das auf Video aufnehmen können, wäre das ein erstklassiges Schulungsvideo über Wahrnehmungslücken geworden.

IKEA ist ein zwar dünner, aber doch letztlich nie versiegender Quell von Blogartikeln.

Heute war ich bei IKEA Lichtenberg (Google Maps Satellitendraufsicht). Kleinkram kaufen und ein in der Verpackung beschädigtes Regalbrett umtauschen.

Nun ist die Sache die, dass ich bevorzugt abseits parke, wo möglichst wenig Autos stehen und möglichst wenig Leute vorbeikommen, damit sie mir das Auto nicht anrempeln oder zerkratzen. Habe ich schon als Kind von meinem Vater gelernt, der hat das auch immer so gemacht. Also parke ich da, wo am wenigsten Autos stehen, und das ist, wenn nicht gerade Feierabendgeschäft ist und jeder zu IKEA rennt, in der südwestlichen Ecke des Parkplatzes. Weil der Parkplatz an einem Freitag Mittag insgesamt kaum halb voll ist, und die Leute alle nahe am Eingang parken, ist zu dieser Zeit eine große Fläche aus mehreren Parkplatzreihen komplett leer. Da parke ich am liebsten. Einsam, weit weg, da, wo niemand mit einem schwer beladenen Einkaufswagen vorbekommt, der ihm außer Kontrolle gerät und gegen mein Auto brettern würde. Brettern im wörtlichen Sinne.

Also fahre ich so dahin und parke so, naja, wie man eben so auf einem großen Parkplatz parkt. Ich fahre in eine der auf dem Boden aufgemalten Gassen und stelle das Auto – Front voran, Kofferraum zur Gasse, in der Fahrschule heißt das „vorwärts einparken“ auf einen der Parkplätze.

Also: IKEA-Markt liegt so um die 120 Meter links hinter mir, so im Winkel „auf 8 Uhr“.

Nun hatte ich ja beschrieben dass Männer und Frauen ihre Umgebung unterschiedlich erfassen und scannen. Männer untersuchen auf Angreifer, Gegner, Beute, Bewegungen, extrapolieren und prognostizieren, um Kollisionen und Gefahren vorherzusagen. Frauen eher so sozial, gibt es Gesichter, Kinder, Not. Wie ich also so einparke, nehme ich – eigentlich unbewusst, aber es kommt im Hirn an – rechts von mir ist nichts, alles leer, alles flach. Keine Angreifer, keine Deckung für Angreifer, nur etwa ein Dutzend Parkplatzspalten, alle leer, und dann kommt eine Straße, in die jede der Parkplatzgassen mündet, und über die man den Parkplatz befährt und verlässt.

Also:

Eine völlig stress- und gefahrenfreie Situation, Temperatur über 30°C, strahlend blauer Himmel, wolkenlos, Mittagszeit, alles hellstens erleuchtet, Siesta-Atmosphäre, nichts los. In meiner Raumwahrnehmung: IKEA links hinten, rechts von mir ist gar nichts. Wie man das eben so wahrnimmt, ohne darüber nachzudenken, wenn man auf einen Parkplatz fährt, und dabei nach vorne rausschaut.

Dann habe ich ein zweites Mal in den Bereich rechts vom Auto geschaut, nämlich als ich ausgestiegen und die Fahrertür geschlossen habe. Man schaut nicht bewusst, und denkt nicht darüber nach, aber man nimmt wahr: Da ist nichts. Alles flach und leer. Kein Auto, kein Mensch, einfach nichts. Flach. Leer. Nichts da.

Dann wollte ich schon zum Kofferraum, als mir einfiel, dass ich das Handy im Auto vergessen habe. Also nochmal Tür auf, Handy rausholen, Tür zu. Dabei nochmal nach rechts geschaut. Da ist nichts.

Ich gehe zum Kofferraum, um das Regalbrett herauszuholen, das ich umtauschen muss, weil es in der Verpackung beschädigt war. Also mache ich den Kofferraum auf. Wenn man vor seinem Auto steht und den Kofferraum öffnet, kann man gar nicht anders, als aus den Augenwinkeln wahrzunehmen, was links und rechts neben dem Auto ist, weil der Blickwinkel größer als das Auto breit ist. Links ist etwas, da stehen Werbeschilder und in einem Abstand Autos. Rechts ist nichts. Weit und breit kein Mensch, kein Auto. Ich nehme aber noch wahr, dass hinter mir auf der aufgemalten Gasse ein Auto an mir vorbeifährt.

Ich beuge mich in den Kofferraum, um das Brett (nicht groß, 40×60, da muss man nicht viel kämpfen, das kann man einfach so nehmen), und wie ich mich gerade in den Kofferraum beuge, höre ich direkt rechts neben mir, wenige Meter Abstand, also genau da, wo bis vor 2 Sekunden gesichert gar nichts war, ein Verkehrsunfall-Krachen. Also nicht Parkrempler-Scheppern, sondern so richtig Karacho-Verkehrsunfall-Krachen mit unüberhörbaren „Jetzt Kaputt“-Sound.

Ich natürlich den Kopf hoch und gucke blöd: Genau da, wo bisher und bis vor zwei Sekunden wirklich und „gesichert“ gar nichts war, ein großer Verkehrsunfall auf dem Parkplatz. So keine 10 Meter von mir weg.

Ein großer Transporter, wie ihn ganz viele Autohersteller produzieren (ich habe ein Foto, verkneife mir aber aus Datenschutzgründen die Details) und viele Handwerksfirmen einsetzen (hatte einen Firmenaufdruck) hatte einen Verkehrsunfall. Direkt neben mir.

Erster Gedanke:
Hä!? Spinne ich? Habe ich noch alle Räder an der Achse? (Selbsttest aktiviert). Wie kann es zu einem Verkehrsunfall kommen, wo gerade eben, vor zwei Sekunden, noch nichts und niemand war? Versteckte Kamera? Will mich jemand verarschen? Das Auto sieht echt aus, nicht aufgeblasen oder so etwas.
Zweiter Gedanke:
Nach Wechsel des Blickwinkels bemerke ich, dass der nicht gegen ein anderes Auto gefahren ist, sondern gegen eine dieser etwa 3 Meter hohen Säulen, die da rumstehen und Parkplatzpositionen angeben, damit man sein Auto wiederfindet. Auf dieser steht B6.

Wie kann man denn da dagegen fahren? Ist das ein selbstfahrendes Auto, das versagt hat? Oder ist da eine Automatik von selbst losgefahren? Abschüssig ist es hier nicht, einfach gerollt kann es nicht sein.

Oder hatte es der Geheimdienst auf mich abgesehen und mich verfehlt? Sitzt da der Killer drin? Wollte mich einer persönlich umlegen, hinterrücks über den Haufen fahren? Oder eher so Allahu Akbar, jeden beliebigen Weißen? Und Allah hat nicht getroffen, weil keinen Führerschein?

Und: Richtig was kaputt, Flüssigkeiten laufen deutlich sichtbar aus dem Motorraum aus. Blut ist es aber nicht.

Dritter Gedanke:
Das kann nur das Auto sein, das gerade eben hinter mehr vorbeigefahren ist.

Ach, Du Scheiße! Das könnte ein Herzinfarkt, Schlaganfall, Zuckerkoma oder so etwas sein, Fahrer bewusstlos. Hin, Erste Hilfe und so. Losgerannt, 10 Meter schaffe ich gerade noch so.

Wie ich so zu diesem Lieferwagen mit Firmenaufdruck hinkomme, geht langsam die Tür auf. Der Fahrer kommt, etwas geschockt, merklich bedröppelt heraus. Junger Mann, Mitte 20, Handwerkerkluft, augenscheinlich kräftig, trainiert, gesund, deutsch. Ich: Sind Sie verletzt? Sind Sie in Ordnung? Er lacht etwas verlegen und von der Situation überrumpelt, äh, ja, danke und alles in Ordnung.

Ich: Sicher? Leute unter Schock merken das ja oft nicht, wenn sie verletzt sind. Und ich habe neulich wieder einmal die amerikanischen Polizeivideos der Bodycams von Verkehrskontrollen, die zu Schießereien eskalieren, angesehen. Amerikanische Polizisten haben eine Routine, dass sie sich nach Schießereien gegenseitig auf Einschusslöcher untersuchen, weil man das manchmal selbst gar nicht merkt, dass man einen Treffer abbekommen hat und innerlich oder äußerlich verblutet.

Der Mann erscheint mir in Ordnung. Bisschen von der Rolle, etwas geschockt, aber definitiv keine sichtbare Verletzung, auch nicht mit dem Kopf gegen die Scheibe oder so, er redet und bewegt sich völlig kontrolliert und nicht hilfebedürftig. Er bekräftigt, dass ihm nichts passiert sei und er keine Hilfe brauche.

Ich schaue mir das Auto von vorne an. Genau mittschiffs, zentral in der Mitte, gegen den Pfosten. Nicht irgendwie seitlich gestreift oder Spiegel abgerissen, sondern genau auf die Zwölf, voll in die Mitte. Stoßfänger, Motorhaube geschätzte 60 bis 70 cm, eingeknickt, Motor getroffen, Kühlwasser auf dem Boden, noch irgendwas Öliges läuft aus.

Was ist denn passiert?

Ich weiß nicht, wie das passiert ist.

Und das war dann ein Ding genau von der Sorte, die mich interessiert. Wie kann jemand, jung, wach, gut beieinander, Handwerker, alleine (also nicht von anderen gestört), völlig normal, in keiner Weise betrunken oder auf Droge, intelligenter und kontrollierter Mensch, „Normalo“, bei hellichtem Tag und bester Sicht, allerdings drückender Hitze, einfach so frontal gegen einen Pfosten fahren?

Das will ich wissen.

Aber erst einmal gehen ich rein, weil ich kein Gaffer sein will, nachdem der ja versichert hat, dass er keine Hilfe braucht und man ihn allein lassen kann. Drinnen Bescheid gesagt. Es ist auch gleich jemand von IKEA raus, um das zu klären, also sichergestellt, dass nochmal jemand mit dem redet und der nicht kollabiert.

Also ich vom Einkaufen zurückkam, war gerade der Abschleppwagen da und alles mit Bindemitteln abgestreut. Noch’n Eis geholt und noch zwei Teller gekauft, wieder rausgekommen, Abschleppwagen weg.

Das war die Situation (Satellitenbild von Google Maps):

Die helle Ecke rechts oben ist die Ecke des IKEA-Gebäudes. Grün mein Parkplatz, rot wo er gefahren ist und noch hin wollte. Der wollte einfach die Abkürzung zur Straße diagonal über die leeren Parkplätze fahren und ist genau in dem Moment, als ich mich in den Kofferaum gebeugt habe, hinter mir vorbei und nach links gefahren und gegen den Mast.

Das erklärt, wie der dahin kam, und innerhalb der zwei Sekunden, in denen ich den Kopf im Kofferraum hatte. Warum ein Unfall stattfinden konnte, wo eben noch nichts war.

Aber warum hat er das Ding nicht gesehen?

Nochmal von der Seite, Winkel so gewählt, dass das Schild die Sonne verdeckt und die nicht in die Kamera strahlt, der Pfosten war vorher senkrecht (und dürfte zum Wohle des Fahrers einige Energie aufgenommen haben):

Unten das verstreute Bindemittel für die Flüssigkeiten. Ich bin dann auf die Lösung des Rätels gekommen, konnte die aber nicht mehr fotografieren, weil genau in diesem Augenblick Reinigungspersonal kam, um die Bindemittel zusammenzukehren, und ich das Personal nicht fotografieren wollte (Datenschutz, Persönlichkeitsrechte und so weiter).

Schaut mal auf diesem Foto, da ist im linken Bereich ein hoher Mast zu sehen. Leider oben abgeschnitten, das ist die Beleuchtung des Parkplatzes, da sitzen oben Scheinwerfer drauf. Und wenn man von da kommt, von wo der kam, dann sind der Pfosten und der Lampenmast exakt auf einer Linie und sehen gleich aus.

Wenn man aus einem ganz bestimmten Winkel auf den Pfosten zufährt und nicht so hundertprozentig konzentriert ist, wird der Pfosten wie bei einem Tarnmuster praktisch unsichtbar, wenn man das Schild obendrauf in 3 Metern Höhe nicht bewusst sieht. Das säuft in deren Wald aus verzinktem Metall optisch einfach ab.

Der muss die Fläche als frei wahrgenommen und bis zum Scheppern nicht gemerkt haben, dass da ein Pfosten steht. Der fuhr gegen den Pfosten und wusste nicht, wie das hatte passieren können.

Der Pfosten war wirklich unsichtbar.