Schwarzfahren durch Informatik
Eine Schande der Zunft.
So gänzlich rechtstreu war die Informatik ja nie. Hacken und so, Stichwort Captain Crunch, doch ging es dabei immer nur darum, IT-System auszutricksen und deren Lücken aufzuzeigen. Es gab mal so eine Art Ehrencodex, dass man auch bei verbotenen Dingen innerhalb der IT-Sphäre blieb. Und nicht Dinge da draußen angriff.
Zunächst TAZ und dann Golem berichten über einen Informatikstudenten, der eine App entwickelt hat, mit der man Fahrscheinkontrolleure umgehen, also Schwarzfahren kann.
Golem: Diese App warnt Berliner Fahrgäste vor Ticket-Kontrollen
TAZ: „Mich hat dieses Kontrollregime emotional sehr aufgebracht“
Johan Trieloff hat eine „Blitzer-App“ für Kontrollen im ÖPNV entwickelt. Er erklärt, wie das geht, und warum er keine ethischen Bedenken hat.
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Im Interview: Johan Trieloff, 21 Jahre alt, ist Mitbegründer der Initiative FreiFahren und studiert an der TU Berlin Informatik.
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taz: Herr Trieloff, was ist die FreiFahren-App und wie funktioniert sie?
Johan Trieloff: Unsere App bietet allen die Möglichkeit, Kontrollen in U- und S-Bahn zu melden. Auf einem Liniennetz wird mit einem Blick sichtbar, wo gerade in Berlin kontrolliert wird. Basierend auf typischen Mustern können wir sogar eine Risikovorhersage machen, in welche Richtung sich Kontrollteams bewegen.
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taz: Wann haben Sie die App entwickelt – und warum?
Trieloff: Das hat alles 2023 angefangen. Ich war im ersten Semester und habe das Buch „Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich“ von Ronen Steinke gelesen. Darin beschreibt er, wie in Deutschland juristische Strafen Menschen mit geringem Einkommen beziehungsweise Vermögen viel stärker treffen. Hängen geblieben ist bei mir das Beispiel von den bis zu 9.000 Menschen, die jedes Jahr in einem deutschen Gefängnis sitzen, weil sie ohne Ticket im Nahverkehr gefahren sind. Das sind meist Menschen, die unter sehr prekären Umständen leben und in deren Leben viel schiefgelaufen ist. Sie sind oft arbeitslos oder gering beschäftigt, viele haben psychische Probleme. Eigentlich müsste der Staat ihnen helfen, stattdessen errichtet er ein Kontrollregime im Nahverkehr, mit dem sie aktiv gejagt werden. Mich hat das emotional sehr aufgebracht.
Wenn so eine Scheiße nicht nur betrieben, sondern sogar noch von den Medien bejubelt wird, können wir die Informatik auch dicht machen.
Denn das läuft darauf hinaus, dass nur noch die Ehrlichen, die arbeiten und für die Fahrscheine und Steuern zahlen, die Dummen sind.
Solche Leute kotzen mich abgrundtief an. Und es ist eine Schande des Faches – sofern man die heruntergekommene und zum Hurnstall verkommene deutsche Informatik übehaupt noch schänden kann – dass solche Leute sich „Informatiker“ nennen dürfen.
Ich beschreibe das hier seit Jahrzehnten, wie die Informatik zur Charaktermüllhalde wurde, und das alles nur noch linkes Gehampel und Theater ist.
Dem Knaben dürfte auch nicht bewusst sein, wieviel so eine Universität und wieviel ein Studienplatz kostet, und der Steuerzahler ihm das zahlt.
Ich bin dringend dafür, dass wir kostendeckende Studiengebühren einführen. Und die später im Beruf des Studiums gezahlte Einkommensteuer darauf anrechnen. Dann müssen wir nämlich solche Leute, die den Steuerzahler doppelt prellen, nicht mitschleppen.
Und ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass der Steuerzahler solchen Leuten ein Studium oder was auch immer finanzieren sollte.
Und so etwas sollte dann auch strafbar sein.
taz: Bekommen Sie nicht auch Feedback, dass es grundsätzlich nicht okay ist, was Sie da machen? Dass der Nahverkehr ein öffentliches Gut ist, das auch von den NutzerInnen finanziell getragen werden muss?
Trieloff: Das Argument kennen wir, aber es geht ein bisschen an den Fakten vorbei. Oft wird verkannt, dass ein Großteil der Einnahmen des ÖPNV direkt aus staatlicher Finanzierung stammt, nicht aus Ticketverkäufen. Und dass die BVG sich gerade in einer Krise befindet, dass Bahnen unzuverlässig oder gar nicht fahren, liegt nicht an den Menschen, die sich kein Ticket leisten können, sondern daran, dass der Staat die Betriebe kaputtgespart hat. Wobei andererseits Geld da ist, um Kontrollierende zu bezahlen, Geld für die Verwaltungsgebühren des erhöhten Beförderungsentgelts und vor allem Geld für die Inhaftierung von Hunderten Menschen alleine in Berlin, deren Unterbringung rund 200 Euro am Tag kostet. All das, weil Mobilität eine Ware ist und Menschen diskriminiert werden, die nicht die Mittel haben, um sie sich leisten zu können.
Ach, so. Der Staat finanziert die Verkehrsbetriebe, und er sorgt nur dafür, dass das dann auch gerecht verteilt wird.
Die deutschen Universitäten sind zu Idiotenmeilern verkommen. Da werden nur noch Linke ausgebrütet.
Und solche Leute sollen dann nach dem Studium Bank-, Börsen-, Unternehmens-, Polizeisoftware erstellen? Wer traut solchen Vögeln noch über den Weg?
Übrigens stimmt da auch so nicht, was er sagt. Vor Einführung der Pauschaltickets (wie Deutschlandticket und 9-Euroticket) lag der Anteil der Fahrscheineinnahmen an der Finanzierung der BVG bei 58 Prozent. Inzwischen liegt der Anteil der öffentlichen „Ausgleichszahlungen“ für diese Fahrscheine, für vergünstigte Sozial- und Schülertickets bei über 50 Prozent, das ist aber noch kein „Großteil“, weil das eine Summe aus verschiedenen Anteilen ist, darunter auch die Einnahmen aus den Pauschaltickets. Rechnet man das zusammen, liegt der Anteil der Fahrscheineinnahmen an der Finanzierung immer noch über 50 Prozent.
Der redet sich seinen Betrug dann auch einfach schön.
Und dann kommt man dann auch in die Nähe des Punktes, an dem man sich schämen muss, Informatiker zu heißen. Ich möchte mit solchen Leuten keine Berufsbezeichnung teilen.
In anderen Ländern kommt man ohne vollständige Ticketkontrolle gar nicht erst auf den Bahnsteig.