Ansichten eines Informatikers

Wenn Arbeit kein Ziel mehr ist

Hadmut
6.8.2026 15:12

Gesellschaft kaputt. Aber sowas von.

FOCUS schreibt, dass man Arbeitslose begleitet hat. Nicht mal eben schnell befragt, sondern jahrelang „begleitet“, Hunderte von ihnen. Ergebnis: Bürgergeld: Bei fast jedem Fünften fehlt Arbeitswille komplett

Die Auswertung eines großen rehapro-Modellprojekts, an dem ich beteiligt war, zeigt das deutlich. Dabei handelt es sich nicht um eine schnelle Befragung, sondern um eine mehrjährige Begleitung Hunderter Langzeitarbeitsloser mit multiplen Beeinträchtigungen im SGB-II-Bereich und Hunderte Einzeluntersuchungen, die sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt: Routinen, Ausweichbewegungen, Abwehr, Misstrauen, Passivität, Gewöhnung und die langsame Entstehung einer eigenen Normalität.

Fast jeder Fünfte will nicht mehr in Arbeit zurück

Der Begriff Arbeitswille ist dabei zentral. Er beschreibt, ob Erwerbsarbeit für eine Person überhaupt noch ein realistischer und gewünschter Bezugspunkt ist. Die Ergebnisse sind hart. Bei 29,8 Prozent galt er als teilweise vorhanden. Bei 21,7 Prozent war er wenig vorhanden, bei 19,8 Prozent nicht vorhanden.

Noch deutlicher wird die Verschiebung bei den Normen. Nur 40,9 Prozent bewerteten bürgerliche Normen positiv. 39,1 Prozent verhielten sich neutral, 12,8 Prozent ablehnend. Das sind nur zwei von mehreren Größen, die aber herausstechen.

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Das aus den Daten abgeleitete Milieumodell ordnet diese Unterschiede. Es unterscheidet sechs Gruppen nach Aktivität und Veränderungsbereitschaft.

Veränderungswillige machen 30 Prozent aus. Veränderungsgehemmte 7 Prozent. Orientierungssuchende kommen auf 24 Prozent. Orientierungslose umfassen 15 Prozent. Sie alle sind mit unterschiedlichen Methoden vielleicht noch integrierbar, manche stehen auf der Kippe.

Der harte Kern: eingerichtet, skeptisch, kaum erreichbar

Dann wird es aber problematisch. Eingerichtete machen 17 Prozent aus. Sie müssen nicht laut, aggressiv oder offen verweigernd auftreten. Häufig reicht eine Mischung aus Passivität, Gewöhnung und fehlendem Zukunftsbezug. Noch ein Kurs, noch ein Gespräch, noch ein Angebot verändert dann wenig, weil es keinen inneren Veränderungsimpuls trifft.

Besonders brisant sind die Skeptischen, ebenfalls 7 Prozent. Sie sind nicht unbedingt passiv. Sie können durchaus aktiv sein, aber nicht in Richtung regulärer Arbeitsmarktintegration. Hilfe wird akzeptiert, solange sie den Status quo nicht grundlegend infrage stellt. Genau hier wird sichtbar, warum mehr Angebote allein nicht reichen. Erwerbstätigkeit gehört in diesem Fall für gut 24 Prozent nicht zu einer erstrebenswerten Norm.

Ich bin mir sicher, dass das noch viel schlimmer ist, als da beschrieben. Denn die beschreiben nur die, die sich bewusst sind und sagen, dass sie nicht arbeiten wollen.

Es gibt aber noch viel mehr, die sich einreden oder vorgeben, sie wollten ja arbeiten, das aber weder ernstlich wollen, noch können. Ich weiß aus dem Bereich der Paketdienste, dass da häufig Leute vorbeikommen, die vom Arbeitsamt o.ä. geschickt werden, um zu arbeiten, auch den Eindruck machen, dass sie das wollen, sich aber falsche Vorstellungen machen, und dann nach ein, zwei Tagen schon zusammenklappen. „Wie, das ist »Arbeiten«? Nein, das ist nichts für mich, das habe ich mir anders vorgestellt!“

Viele glauben nämlich, dass Arbeiten zu gehen so eine Art Bespaßung durch den Arbeitgeber ist. Deshalb haben die ja in den USA so viele Luxus-Tussis aus den IT-Firmen geworfen, die da nur hingehen, um edel mittag zu essen, in den Fitnessraum zu gehen, zur Massage, zur Psychotherapie, wie Wellness-Park, nur mit Geld bekommen statt zahlen. Auf dem Tisch natürlich der teuerste Mac.

Der Punkt ist, dass selbst bei denen die „arbeiten wollen“, und bei den Arbeitgebern die Vorstellungen von „Arbeiten“ eben oft weit auseinander gehen.

Mir ist gerade auf Twitter die da untergekommen:

(Mir egal, ob echt oder KI-Fake, solche Leute gibt es real zuhauf.)

Das sind dann die Leute, die, wenn man sie fragt, sagen, dass sie selbstverständlich arbeiten gehen wollen, aber wenn es dann konkret wird, maulen „aber doch nicht so …“.