Supermarkt des Horrors
Einkaufen jenseits der Grenze des vegetativen Ekels.
Dass in Berlin häufig sehr stinkende Leute in den Verkehrsmitteln und Supermärkten unterwegs sind, habe ich schon oft erwähnt. Man sieht gelegentlich, dass auch andere die Nase rümpfen, und immer wieder kommt es vor, dass ich einem leeren Gang, wenn die Leute schon längst weg sind, noch riechen kann, wo die entlanggegangen und stehen geblieben sind, oder wo ein anderer kreuzte. Manchmal komme ich mir in Supermarktgängen vor wie ein Mantrailer-Spürhund.
Aber heute ist mir etwas begegnet, das sprengt alles bisher Erlebte.
Also, die Sache ist die: Ich esse so dann und wann sehr gerne eine bayerische Leberkässemmel. Das ist von den Zutaten her überschaubar und leicht zu merken: Ein Leberkäs. Eine Semmel. Und – so mag ich das eben – obszön viel süßen, bayerischen Senf. Man kann über Bayern sehr geteilter Meinung sein, und vieles kritisch sehen, aber die Leberkässemmel und der süße Senf gehören eindeutig zu den positiven Kulturgütern.
Ein akutes Hüngerchen ereilte mich heute. Die Küchenkurzinventur ergab jedoch, dass mir die Semmeln, Weckle, Schrippen, wie auch immer, ausgegangen sind. Also dachte ich mir, ich geh mal schnell in den Supermarkt, um mir ein paar einfache Weizenbrötchen, eben so Schrippen, Semmeln, zu holen.
Heute wurde das ein Horrortrip.
Ich hatte mir gerade zwei Laugenbrezeln eingetütet und wollte zu den Weizenbrötchen. Das ist ja so ein großer, vorne offener Behälter, aus dem man sich – entweder mit Grillzangen oder mit Plastikwegwerfhandschuhen – selbst bedienen soll.
Das ist mir schon oft als hygienisch problematisch aufgefallen, weil die Handschuhe meist aufgebraucht sind und diese Grillzangen aussehen, als würden sie einmal im Jahr gereinigt. Vermutlich dann schon etwas öfter, aber es überzeugt mich nicht. Ich weiß ja auch nicht, ob die da eine Spülmaschine oder ähnliches haben. Bei den Backöfen habe ich das schon gesehen, dass die sich abends selbst reinigen und dazu mit viel Wasser und Spülmittel innen selbst ausspülen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die da extra eine Spülmaschine für diese Zangen hinstellen.
Man sieht auch immer wieder mal, dass Migranten sich mit unseren Hygienevorstellungen schwer tun. Vor allem Mütter versagen oft komplett darin, dem Nachwuchs Einhalt zu gebieten, wenn die rotznasigen Kleinen da mit den Backwaren spielen, anfingern, dran lutschen, sie auf den Boden fallen lassen und dann wieder reinwerfen. Man findet im Netz auch Videos von Leuten, die von jedem mal abbeißen und wieder reinlegen. Ich will an dieser Stelle anmerken, dass mir die Väter weitaus öfter als Mütter damit auffallen, dass sie die Kinder zurücknehmen und belehren, was man anfasst und was nicht, und dass man damit nicht spielt, nur das nimmt, was man wirklich kaufen will, und dann mit Zange, Handschuh, in die Tüte, ohne die Sache anzufassen. Den meisten Müttern scheint das völlig egal zu sein.
Ich wollte also gerade an die Brötchen, als zwei ankamen. Ich verkneife mir jetzt mal Angaben zu Männlein und Weiblein, sonst handele ich mir Ärger ein. Ich nenne sie mal A und B. Herkunft unklar, ich konnte zumindest überhaupt nichts sehen oder erkennen, was auf Migrationshintergrund schließen ließe. Dem Aussehen nach deutsch oder osteuropäisch.
B im Rollstuhl, A schob den Rollstuhl und versuchte, sich um B zu kümmern.
Beide entsetzlich stinkend, völlig verdreckt wie Leute, die seit Jahren obdachlos vor sich hin vegetieren, als hätten sie sich mindestens die letzten drei Jahre nicht gewaschen.
Beide übersät mit Anzeichen irgendwelcher Krankenheiten, Geschwüre, Ekzeme, Drogeneinstichstellen, kein Quadratzentimeter intakter Haut. Dem Anschein nach teils offen, wohl auch mit Sekretbildung. Garantiert auf Droge, ich würde blind auf HIV/Aids wetten, genug Material für die Doktorarbeiten eines ganzen Jahrgangs an Hautärzten.
Beide auch geistig nahe bei Null. B (im Rollstuhl) wirkt geistig schwer bis schwerst behindert, nicht zu einer regulären Körperhaltung in der Lage, die Arme rudern weitgehend unkontrolliert seitlich herum, keine kontrollierte Bewegung. Von Koordination, Feinmotorik, Handsteuerung keine Rede. Gibt nur Lall- und grunzähnliche Laute von sich, nicht zu normaler Sprache fähig. Für mich nicht erkennbar, ob angeboren oder durch Drogen oder Krankheit erworben. Der Übergang zwischen Nahrungsaufnahme und Körperausscheidungen zweifellos fließend, eigentlich nicht mehr alleine existenzfähig. Sabbelt.
A kümmert sich im Rahmen der Möglichkeiten um B, die Möglichkeiten sind gering, denn A geht es kaum besser als B. Ebenso verdreckt, mit Krankheiten und Hautdefekten übersät, fraglos gut bekannt mit allem, was der Berliner Drogenmarkt hergibt. Kann nicht aufrecht stehen, läuft gebeugt, es reicht gerade so, um den Rollstuhl von B zu schieben und sich gleichzeitig daran festzuhalten, um nicht umzufallen. Kann keine ganzen Sätze sprechen, bringt aber immerhin einzelne Worte heraus, um mit B zu kommunizieren.
Der Geruch entsetzlich. Es hat mich Selbstbeherrschung gekostet, mich da nicht im Supermarkt zu übergeben. Ich reagiere auf solche Dinge leicht vegetativ.
Und die blieben nun genau vor den Weizenbrötchen stehen. Warum, war mir erst nicht klar.
Ich bin erst einmal dran vorbei und einige Gänge weiter, um die Sache aus der Entfernung zu beobachten. Die gingen da nicht mehr weg, sondern waren mit irgendwas Gegenseitigem beschäftigt, wovon ich inniglich hoffte, es nicht ansehen oder erkennen zu müssen. Der weitere Verlauf suggerierte, dass es ein Prozess der Willensbildung und des Entscheidungsprozesses war, sich den Brötchen zuzuwenden. Schon nach etwa 10 Minuten näherte man sich auf Kontaktentfernung den Brötchen.
B (im Rollstuhl, auf Ruderbewegungen beschränkt) wollte anscheinend Brötchen nehmen, ruderte aber mit den (unfassbar dreckigen) Händen unkontrolliert und erfolglos in den Brötchen herum, rührte die alle mal um.
A war etwas besser und schaffte es, sich einer Weile mit einer Tüte in einer Hand und einer dieser Zangen in der anderen Hand an den Brötchen zu schaffen zu machen, aus motorischen Gründen auch nur mit geringem Erfolg, dafür beachtlichem Schwenkbereich.
Leute machten einen großen Bogen darum.
Nun will ich ja gerne einsehen und bestätigen, dass auch kaputte Drogenjunkies essen und dazu Essen kaufen müssen.
Aber was mir da heute vor Augen (und schlimmer: vor die Nase) geführt wurde, war für mich weit außerhalb des Tolerablen, weit im Bereich des bewusst nicht mehr zu kontrollierenden Ekels. In dem Bereich, in dem die archaischen Teile des Gehirns auf die Notbremse treten und ganz tiefe aus dem evolutinären Erbe heraus klarstellen, dass wir (alle Fraktionen des Gehirns) das mit dem Essen vorerst bleiben lassen und uns fern halten. Mir war da sofort jeglicher Hunger oder Appetit vergangen. Das war einfach jenseits der Ekelgrenze.
Wie gesagt, ich glaube gerne, dass auch solche Leute essen müssen.
Trotzdem halte ich das nicht mehr für tolerabel, nicht mehr für zumutbar. Da beginnen dann die Gesellschaftszustände, die ein Zusammenleben unmöglich machen. Eine Gesellschaft, die sich kaputttoleriert.
Auf dem Rückweg ging mir die Frage durch den Kopf, warum ich solche Vorgänge – wenn auch sonst nicht ganz so schlimm wie heute – in Berlin oft, im viel ärmeren Zypern aber nie sehe. Auf Zypern sieht man solche Leute einfach nicht. Es gibt sie anscheinend nicht. Und ich habe auf Zypern bisher auch nur eine einzige „Transperson“ gesehen – am permanenten ausfälligen Fluchen leicht als deutscher Tourist zu erkennen. Den Effekt, dass ich in Supermärkten riechen kann, welchen Weg Leute gegangen sind, obwohl sie schon wieder weg sind, habe ich in Zypern noch nicht erlebt.
Toleranz hin oder her:
Wenn gewisse hygienische Mindeststandards nicht mehr erfüllt werden, und von mir erwartet wird, dass ich Brötchen kaufe, in den vor meinen Augen völlig kaputte, total verdreckte und von Hautkrankheiten übersäte Drogenjunkies mit teils sekretabsondernden oder offenen Hautstellen drin herumgerudert haben, die sich seit langer Zeit nicht mehr gewaschen haben und zu geordnetem Stuhlgang sicher nicht mehr in der Lage sind, ist bei mir die Grenze überschritten.
Ich halte des Konzept der offen verkauften, unverpackten Lebensmittel mit Selbstbedienung für gesellschaftlich gescheitert.
Auf Zypern gar kein Problem, dort werden auch Obst und Gemüse fast immer offen und einzeln zum Selbstbedienen angeboten, und mir ist kein einziger Fall in Erinnerung, dass ich da irgendetwas gesehen hätte, woran man Anstoß nehmen könnte. Zypern ist nicht nur eine High-Trust-Gesellschaft, sondern die Leute waschen sich auch. Man kann dort ohne weiteres Lebensmittel auch offen verkaufen.
Nur: Wo bekommt man heute noch erträgliche Brötchen her?
Bäckereien gibt es immer weniger, und wenn, dann sind die sehr, sehr teuer und am späten Vormittag schon wieder ausverkauft.
Deutschland klappt als Gesellschaft gerade nicht nur in sich zusammen. Es wird gerade auch richtig eklig.