Die erstaunliche Abrisswirkung des Gummihammers
Physik ist einfach das Geilste überhaupt.
Ich hatte ja schon angesprochen, dass ich gerade mein Sofa entsorgen muss, und den Platz für etwas anderes brauche, mich deshalb nicht auf langwierige und teure Sperrmüllabholungen einlassen wollte, die mir terminlich gerade gar nicht passen, sondern ich das mache wie mit einer Leiche, die man unauffällig loswerden will, zerstückelt und über den Hausmüll entsorgt.
Deshalb habe ich gerade das kaputteste und sperrigste Teil, die Chaise Longue, zu Kleinholz verarbeitet. Es bleibt verblüffend wenig übrig, wenn man die Luft herauslässt.
Beachtlich dabei ist, dass das Ding aus einer ganz seltsamen Mischung aus
- Sehr guter Verarbeitung und hochstabiler Konstruktion,
- billigstem Material, ungehobeltem, billigem Holz und lumpigen Presspanplatten
bestand. Anscheinend wurde das Ding von erfahrenen Möbelkonstrukteuren bei IKEA entwickelt und dann gefragt, wer es am billigsten herstellt. Und hier steht „Made in Romania“ drauf, also hat sich wohl eine rumänische Möbelfabrik gemeldet.
Dass IKEA die Möbel nur konstruktiv vorgibt und das dann an verschiedene Möbelfabriken als Auftrag vergibt, ist mir schon oft aufgefallen. Als ich 2014 hier eingezogen bin, habe ich mir viele der Besta-Regale gekauft, auch ein paar Türen dazu, und dabei fiel auf, dass alle Besta-Teile in weiß tadelos und von einwandfreier Qualität waren, während bei den schwarzen erhebliche Mängel zu finden waren und ich über die Hälfte der Schranktüren umtauschen musste. Die waren – obwohl formal das gleiche Teil, nur in anderer Farbe – völlig anders gefertigt. Während die weißen – gemacht in einer Fabrik in Brandenburg – eine typische Melaminbeschichtung hatten, bestanden die schwarzen aus Pressspan mit aufgeklebter Folie, die auch Blasen schlug, weil bei der Herstellung offenbar aus einer Maschine Öl auf das Holz getropft und dann zwischen Holz und Folie eingeklebt worden war und dort als Ölblase den Weg bis zu mir gefunden hatte und ähnliche Späße mehr. Beim Umtausch sagten sie mir bei IKEA, dass sie mit dieser Fabrik schon viele Probleme hatten.
Mir fällt auch auf, dass die Besta-Möbel, die ich auf Zypern bei IKEA gekauft habe, von deutlich schlechterer Qualität sind, als die, die ich damals in Berlin gekauft habe. Andere Fabrik. Ich kann aber nicht sagen, ob das daran liegt, dass ich die auf Zypern gekauft habe, oder dass ich sie 10 Jahre später gekauft habe und IKEA einfach billiger einkauft und schlechter Qualität bestellt. Viele der Möbelstücke von IKEA auf Zypern (eigentlich Griechenland, denn es gibt auf Zypern nur einen einzigen IKEA-Laden, dazu noch ein kleines Bestellbüro und einen Bestellversand) haben Angaben, dass sie aus Polen oder Italien kommen, und während viele Möbelstücke – wegen des Transports auf die Insel – ca. 20% teurer als in Deutschland sind, gibt es seltsamerweise auch Stücke – meist Regalböden und dergleichen – die billiger als in Deutschland sind.
Kurzum: Es ist mir schon oft aufgefallen, dass IKEA die Möbelstücke und deren Verpackung entwirft, anscheinend sehr genaue Bau- und Verpackungspläne macht, und das dann an verschiedene Fabriken vergibt, was sich dann im Detail an Unterscheiden zeigt. Auch bei den Plastikbehältern Kuggis ist mir schon aufgefallen, dass die aus mindestens fünf verschiedenen Ländern kommen und dabei farbliche, technische und qualitative Unterschiede aufweisen.
Und anscheinend hat man hier bei dieser Sofakombination eine sehr stabile Konstruktion mit sorgfältigen Angaben, wo wie zu nageln und zu verbinden ist, mit billigstem Material kombiniert. Was wohl auch der Grund gewesen sein dürfte, warum das Ding nach einigen Jahren anfing, einseitig durchgesessen zu sein und ich beim Sitzen Schlagseite bekam.
Was das Ding, auch wenn unter dem Kunstleder dann zu entdecken, aus sehr billigem Holz hergestellt worden war, erstaunlich stabil und robust machte, weil viele Querstreben und Diagonalstützen, und sehr viel genagelt und getackert. So durchgesessen das Polster, so nachgegeben die Gummizüge, so stabil die Holzkonstruktion.
Wie bekommt man das klein? Mit normalem Haushaltswerkzeug ist da gar nichts auszurichten.
Verblüffend einfach.
Ich hatte mir vor über 10 Jahren für ein Zeltlager im Baumarkt einen Gummihammer für die Zeltheringe gekauft. Weiß nicht mehr, 3 Euro oder so etwas, ganz billiges Ding. Hat damals gute Dienste geleistet, steht seither aber fast nur in der Besenkammer. Hat sich auch zum Zusammenbau von Blechkeller- und anderen Regalen bewährt, aber die meiste Zeit steht das Ding nur bereit, weil sich die Nachbarn das Ding gerne bei mir ausleihen, um in Beete irgendwelche Hölzer und Begrenzungen zu klopfen.
Das Ding besteht nur aus dem Gummikopf mit einem Loch, durch das ein konischer Holzgriff gesteckt ist. Nicht einmal fest miteinander verbunden. Ganz einfache Konstruktion.
Gewicht? Müsste ich mal wiegen, würde ich so auf 1,5 kg schätzen.
Und mit diesem erstaunlich billigen und einfachen Gummihammer bekommt man alles kaputt und auseinander, und man muss sich noch nicht einmal anstrengen und kaum Kraft aufwenden.
Einfach nur in großen weiten Bewegungen von oben herab auf die Verbindungsstellen. Kaum mehr als einfach fallen lassen.
Mit Geduld. Immer wieder.
Diesen wuchtigen Schlägen, wenn da dieses Gummigewicht draufdonnert, hält nichts stand. Vernagelung, Verleimung, Heftklammern, Pressspan – es gibt alles nach.
Blanke Physik, Impuls und Energie. Das Ding nimmt, wenn man es von oben herabsausen lässt, Bewegung und Energie auf, physikalisch der „Kraftstoß“, und weil das Holz kaum elastisch ist, muss es die gesamte Schlagenergie auf sehr, sehr kurzem Wege auffangen – und das ist eben Kraft mal Weg. Dividiert man die Energie durch einen sehr kurzen Weg, entsteht dabei sehr viel Kraft. Deshalb ist es auch so verheeren, mit dem Auto gegen den Brückenpfeiler zu fahren. Oder vom Hochhaus zu fallen und unten aufzuschlagen. Selber physikalischer Grund.
Und schwupsdiwups sind in kürzester Zeit praktisch mühelos alle Querstreben und Stabilitätsteile aus dem Ding herausgeschlagen, obwohl die eben noch aussahen, als seien sie für die Ewigkeit gemacht.
Und als dann nur noch der Rahmen ohne die Innenstabilisierung stand, schön rechteckig, reichte der Druck mit nur zwei Finger gegen die Seite, um durch die Scherkräfte, denen der Rahmen nun nicht mehr standhalten konnte, das ganze Ding in die vier Seitenteile zu zerbrechen. Hier nun einfach die Hebelkraft. Wenn ich an einem Holzrahmen, 2 Meter mal 80 cm, am 2-Meter-Ende seitlich drücke, kann die Verbindung unten dem nicht standhalten, das Pressspanholz zerbricht sofort. Was dann auch sehr schön zeigte, wie gut und effektiv die Stabilisierungswirkung all der eingebauten Teile war – bis ich sie mit dem Gummihammer herausgeschlagen hatte.
Das ging alles verblüffend schnell, einfach, fast mühelos, fast ohne Kraft – dank des großen schweren Gummihammers. Der bekommt alles kaputt, was nicht nachgibt, nicht genug federt. Einfach nur Masse, die aufschlägt.
Jetzt ärgere ich mich.
Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, das auf Video aufzunehmen, weil ich gar nicht damit gerechnet habe, dass das etwas zu sehen wäre, und wenn, ich mich auch nur lächerlich machen würde. Wie lang braucht denn der, um eine Holzkiste zu zerlegen? Im Nachhinein betrachtet wäre das vielleicht ein ulkiges Zeitraffervideo geworden.
Wie auch immer: Physik ist einfach geil.