Ansichten eines Informatikers

Die semantische Fruchtigkeit der englischen Sprache

Hadmut
9.5.2026 17:35

Deutsch ist zwar eindeutig die ausdrucksstärkere und präzisere Sprache, [Update]

aber ich staune immer wieder, wie kurz, prägnant und bedeutungsschwanger man manche Dinge im Englischen, besonders im Amerikanischen gerade durch dessen frappierende Kürze und Einfachheit, den begrenzten Wortschatz der einfachen Umgangssprache ausdrücken kann. Beispiel „walk the dog“ statt „Gassi gehen“, wobei letzteres zwar auch nicht lang ist, aber immerhin erklärungsbedürftig. Das versteht man nicht per se und bedarf eines Kunstwortes. walk the dog ist verständlich und einem banalen Grundwortschatz von typisch 2000 Wörtern entnommen.

„You had one job.“ „Get the job done!“ Die Armut der Sprache auf der einen Seite geht mit einer besonderen Würze der Kürze auf der anderen Seite einher. „Wag the dog“ unterscheidet sich nur minimal von „Walk the dog“, bedeutet etwas ganz anderes und trifft trotzdem auf den Punkt. Die haben ein Talent dafür, wiederkehrende Situationen und Gedanken sehr kurz zu codieren. Informatiker würden es einen Huffman-Code nennen, weil die Formulierungen meist unmso kürzer sind, je öfter etwas vorkommt. Der Grundwortschatz ist gering, und sie nutzen viele kurze Kombinationen für Sachverhalte. +

Zu dem Flugzeugunfall in Denver, bei dem auf der Startbahn ein Fußgänger in das Triebwerk gesaugt und geshreddert wurde, heißt es im verlinkten Video

„He was consumed by one of the engines.“

„Consumed“.

Ich könnte mich kringeln ob der Wahl dieses Verbs zur Beschreibung des Vorgangs in einem Wort. So höflich, so distanziert, so sauber, und doch ist alle Sauerei damit ausgedrückt, und jedem klar, dass das Triebwerk dabei geschlabbert hat, und anschließend gerülpst.

Das Triebwerk hat ihn gefressen. Verzehrt. Ein einzelnes Wort, das eigentlich auch etwas ganz anderes meint, und trotzdem in aller Höflichkeit und Distanz beschreibt, was passiert ist.

Wie könnte man das im Deutschen so ausdrücken? Sollte ein Nachrichtsprecher sagen „vom Triebwerk gefressen“? „verspeist“? „verdaut“? „Schaschlik“? „Chop Suey“?

Ich finde es immer wieder zum quieken, dass Englisch, besonders Amerikanisch zwar eigentlich eine von den Ausdrucksmöglichkeiten schwache Sprache ist, weil es viel weniger Synonyme und bedeutungsähnliche Wörter gibt als im Deutschen, und sowohl kulturell als auch sprachlich viele Formulierungen dort kanonisch sind, also sich für irgendeinen Vorgang genau eine Formulierung einbürgert, sie dann aber ausgerechnet daraus ganz erstaunlich kurze, prägnante und zielsichere Formulierungen generieren.

Update: In den Berichten finden sich noch mehr solche Formulierungen. Über den Geshredderten heißt es, er sei über den Zaun geklettert, „jumped the fence“, und die Passagiere wurden „bussed to the terminal“.

Das fällt mir dabei häufig auf, dass sie dazu neigen, Formulierungen auf Verb + Akkusativobjekt einzudampfen, bei Bedarf im Passiv (s.o. „consumed“).

Das ist so ein zentrales Element der Verkürzung der amerikanischen Sprache, alles auf Subjekt–Prädikat–Akkusativobjekt-Sätze einzudampfen und auf Nebensätze und Attribute von vornherein zu verzichten. Früher hieß das „jumped over the fence“ oder „were brought by bus to the terminal“.