Ansichten eines Informatikers

Bluesky, Goebbels und der Rundfunk

Hadmut
6.5.2026 17:04

Hochinteressantes historisches Update zum Artikel über Bluesky

Ich hatte doch vorhin einen Artikel über Bluesky geschrieben, und darin auch einen Tweet gebracht, in dem jemand Goebbels zum Rundfunk zitiert hatte,

Was mir die KI auch zunächst als Aussage bestätigt hatte. Die Rede habe er 25. März 1933 vor Intendanten und Direktoren der deutschen Rundfunkgesellschaften im Berliner Funkhaus gehalten.

„Wir machen gar keinen Hehl daraus: Der Rundfunk gehört uns und niemandem sonst. Den Rundfunk werden wir in den Dienst unserer Idee stellen und keine andere Idee soll hier zu Worte kommen!“.

Eine Leserin, die sich mit dem Thema aber wohl ausgiebiger befasst hatte, schrieb mir, dass sie das nachrecherchiert hat, weil sie meint, dass so eine Aussage überhaupt nicht zu Goebbels passe, dass der das niemals so gesagt hätte.

Sie hat also rechechiert und gesucht, etliche Suchmaschinen und KI-Systeme befragt, schickt mir dazu auch eine ellenlange Mail mit den ganzen Auskünften, und kommt dabei zu einem überaus bemerkenswerten und aufschlussreichen Ergebnis:

Es gebe keinerlei belastbare Quelle für dieses Zitat. Es gibt zwar Angaben, die bestätigen, dass Goebbels an diesem Tag eine solche Rede vor dem Rundfunk gehalten habe, aber der Inhalt sei nur teilweise erhalten und das, was erhalten sei, geben die Aussage nicht her. Im Gegenteil ließen sich Aussagen finden, die belegen, dass große Teile der Rede nicht erhalten sind.

Erhalten ist wohl ein Ausschnitt von 02:36, den man auf archive.org anhören kann. Darin sagt Goebbels, was er vom Rundfunk erwartet. Das ist durchaus aufschlussreich, denn er fängt darin nett und süßlich an, und eskaliert das dann in den Standpunkt, dass der Rundfunk eine Tendenz haben müsse und schimpft auf einen jüdischen Richter. Der will also schn den Runfdunk als tendenziöses und staatskonformes Medium haben. Aber das Zitat passt in seiner Diktion nicht dazu, da gebe ich der Leserin Recht. Und die Aussage, dass der Rundfunk „ihnen gehöre“ passt auch nicht zu diesem Ausschnitt.

Das fällt for allem dann auf, weil es auf archive.org noch eine andere Rede von Goebbels in diesem Zusammenhang, ebenfalls vom März 1933 gibt, dort unter „6 An die jüdische Presse, Rundfunk 1933.03.xx“, wo er zunächst sagt, dass Regierung und Propaganda zusammengehören, und dann gegen die jüdische Presse heftig vom Leder zieht. Aber auch da kommt das Zitat nicht vor. Was man allerdings deutlich merkt, ist, dass Goebbels deutlich verschiedene Tonarten drauf hatte und er sich gegenüber den Rundfunkintendanten deutlich feiner und gewählter ausdrückte als gegenüber „dem Volk“ oder gegenüber der „jüdischen Presse“.

Woher kommt also dieses Zitat, wenn es doch anscheinen keinen Beleg dafür gibt?

Nach ihren Recherchen kam diese – angebliche – Aussage erst mit einer Rekonstruktion durch SWR Kultur / Archivradio vom 16.07.2019 auf und sie schickt mir auch reichlich Links auf Artikel und Hörfolgen beim SWR zu diesem Thema. Sie ist der Meinung, dass diese Aussage nicht von Goebbels stamme, sondern in der SWR-Rekonstruktion erfunden worden sei.

Alles beim SWR:

Das ist eine Menge Material, da sind überall Tonaufnahmen dabei und die Reden dauerten meist eine Stunde. Man wäre eine Weile beschäftigt, sich das alles bewusst anzuhören. Das kann man mal machen, wenn man in der Bahn oder im Flieger sitzt.

Anscheinend aber liegt die Leserin hier falsch.

Denn sie hat mir selbst auch zwei Links geschickt, auf diese Tonaufnahme der Rede an die Intendanten, 1:19:34, anscheinend dieselbe, die auch der SWR hat, und dieses Video über diese Ansprache:

Und darin kommt das fragliche Zitat gleich in den ersten 60 Sekunden vor. Wenn das Video kein Fake ist, dann hat der das tatsächlich so gesagt. Aber: Es ist ein Zusammenschnitt. Ich muss mir irgendwann mal die ganze Rede anhören, um zu hören, ob das das auch in der Abfolge der Sätze so gesagt wurde.

Also halte ich das zunächst mal für Fehlalarm, das Zitat scheint wohl echt zu sein.

Aber …

Ich habe, wie gesagt, nur mal kurz reingehört, ob die Tonaufnahmen Goebbels Reden oder irgendwelche neuen Radiodiskussionen darüber sind. Und in den Bruchstücken ist mir schon aufgefallen, dass es frappierende Übereinstimmungen zwischen der Medienstrategie von rot/grün und Goebbels Umgang mit den Medien gibt.

Ich hatte das früher ausführlich beschrieben, dass Leute wie Mussolini und Hitler die ersten waren, die die neuen elektronischen Medien wie Rundfunk, Mikrofone, Lautsprecher, Tonaufnahmen für sich nutzten. Interessant dazu der Kinofilm „The King’s Speech“ über den britischen Prinz Albert (später König George VI), der als Stotterer enorm damit haderte, als erster aus der Königsfamilie Rundfunkansprachen halten zu müssen. Auch die Japaner hörten nach der Kapitulation gegen die USA zum ersten Mal die Stimme ihres Kaisers, der dazu gezwungen war, die Kapitulation im Rundfunk seinem Volk zu erklären. Viele hatten den bis dahin nicht für einen Menschen gehalten.

In einer dieser Reden sagte Goebbels auch, dass sie den Rundfunk zum Nachfolger der Presse des letzten Jahrhunderts machen wollten. Der Umgang mit Rundfunk zur Propaganda ist also medienhistorisch von enormer Bedeutung.

Kurios auch das: Ich hatte mal auf der ersten oben genannten SWR-Seite mit der Rede an die Intendanten einfach mal willkürlich mittenrein geklickt und eine Stelle erwischt, in der Goebbels sagt, dass sie nach 1919 ein Land vorgefunden hätten (gemeint ist wohl die Weimarer Republik, ich muss mir das mal im Ganzen anhören, um den Kontext zu bekommen), das allein von „Parteien und Sonderorganisationen“ regiert werde. Heute würde man das wohl „NGOs“ nennen. Da hört man mit heutigem Wissen die Taktik von Antonio Gramsci heraus.

Allein schon beim kurzen Probe- und Reinhören fand ich es frappierend, wie sehr Goebbels eigener Umgang mit dem Rundfunk, aber auch das, was er über andere sagt, auf die heutige Medienlandschaft und auf Bluesky zutrifft.

Nun geht mir die Frage durch den Kopf, ob sich linke Strategen an Goebbels orientierten. Man merkt zwar allenthalben, dass sich eigentlich die gesamte heutige linke Medien- und Propagandastrategie an Antonio Gramsci orientiert. Aber Gramsci saß lange im Gefängnis und starb 1937, der hatte es noch nicht mit den elektronischen Medien. Mir geht deshalb die Frage durch den Kopf, ob die modernen kommunistischen Partei- und Propagandastrategen Gramsci bei dem, was die Medien angeht, einfach durch Goebbels ergänzt haben. Fangen ja beide mit G an.

Ich hatte oft beschrieben, dass Linke die Methoden der Nazis übernehmen und die Nazis vieles von den Kommunisten plagiiert hatten. Und häufig kritisiert, dass all die Holocaust-Museen und -Ausstellungen schreckliche Bilder und viel Symbolik zeigen, aber den Fokus auf das Visuelle, auf Hakenkreuze, braune Uniformen und das Gesicht Hitlers legen, die Methoden dagegen nicht betrachten – weil sie sie selbst nutzen wollen. Und wenn man sie selbst benutzen will, dann warnt man nicht davor.

Wenn man sich das so anschaut, bzw. anhört, und durchliest, kommt man auf den Gedanken, dass Goebbels geradezu prägend, wenn nicht konstituierend für den Rundfunk war. Den gab es zwar schon vorher, muss es ja, sonst hätte Goebbels ja nicht 1933 einen Tag nach der Machtübernahme zu Intendanten und Direktoren reden können, die müssen also schon vorher da gewesen sein. Aber die waren klein. Die Nazis haben den Volksempfänger vorangebracht und das Fernsehen forciert.

Mir geht die Frage durch den Kopf, ob unser Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk sich jemals von dieser Prägung erholt hat oder immer noch so drauf ist, und lediglich den Dienstherrn gewechselt hat. Könnte es also sein, dass der ÖRR noch immer nach den Prinzipien arbeitet, die Goebbels ihm aufgedrückt hat?

Und dass man mit Bluesky versucht, die Propaganda und den Volksempfänger wieder aufzubauen?