Ansichten eines Informatikers

Verzweiflung als Zeitgeist: Von Windkraftanlagen im Allgemeinen und fehlenden Ersatzteilen im Besonderen

Hadmut
2.7.2022 14:56

Es wird finster werden.

Ein Leser schreibt mir zum Blogartikel über die Frage, wer künftig eigentlich die Windkraftanlagen warten soll (ich muss ein paar Details weglassen, die Rückschlüsse auf ihn zuließen):

Hallo Herr Danisch.

Ab und zu schreibe ich Ihnen mal, beruflich bin ich [anonymisiert] (bitte anonymisieren), mit […]kontakt im Konzern ([..]000 Leute NUR sog. “erneuerbare”) auch zu anderen Abteilungen wie Wind und Solar. (selbst bin ich [..] Jahre, weiß, deutsch, Hochschulabschluss [..] aber Kenntnisse von Lötkolben und wie ein PC von innen ist)

Der Anteil der “alten weißen Männer” ist bei uns auch 90% oder so, bei allen “draußen-Berufen” auf den Anlagen, und bei allen, mit denen ich telefoniere, und bei denen ich Fachwissen bekommen kann (Kopplung von Geräten, Spezifikationen, etc). Insbesondere bei Herstellern von Bauteilen, von denen es ggf. nur 1 oder 2 gibt, der Rest macht nur Rebranding. Fällt mir gerade erst so auf.

Dank Corona haben viele Chefs (auch in Solar und Wind) nun gemerkt, wie toll ein Warenlager ist. Seitdem versuchen wir Händeringend, so einfache Sachen wie Pumpen, elektrische Zähler, etc zu bekommen. Lieferzeiten jenseits von gut und böse.

Wenn ich davon ausgehe, dass die auch alle von Baby Boomern produziert werden (Von wem denn Sonst ??), dann ist der Techniker für kaputte Getriebe kein Problem. Es gibt keinen Ersatz zu kaufen, also muss auch niemand hoch.

Statista sagt es gibt knapp 30.000 Windräder, also sind das 30.000 Kupplungen pro 10 Jahre. Macht in 3 jahren 10.000 Kupplungen, und 3 Jahre sind die beiden “Corona-Jahre” und dieses Jahr, da hier viele Lieferketten “gewürfelt” wurden samt ungeplanter Verzögerungen, etc.

Aktuelle Lieferfrist bei uns : 4 Monate für einen einfachen, Modbus fähigen Zwischenzähler von 0-1000 Volt mit 4 Adern in der 200 € Preisklasse. Das Ding, was man in ne Stromverteilung einfach “mal schnell” reinschraubt. Erst “kommt in 4 Wochen”, dann “in 8 Wochen”, jetzt aktuell auf “kommt in 4 Monaten”. Und ja, wir haben auch bei so ziemlich jedem alternativen Lieferanten geschaut. Auf all deren Homepages wird zwar ein Bestand von 3 oder ein grüßer Knubbel bei Lieferfrist geführt, aber klein heißt es “Lieferung durch Firma …”

Wenn der Zähler nicht lieferbar ist, braucht man auch keinen Techniker mehr, der ihn einbaut, weil man hat ihn ja nicht. Selbiges gilt für die Kupplung, oder “das Getriebe im Ganzen” (ist ja egal, ob die Kupplung oder ein Zahnrad kaputt ist, Getriebeschaden ist Stillstand). Ich persönlich glaube nicht, dass es all diese notwendigen Getriebe und Kupplungen aktuell gibt, da sie während Corona in den notwendigen Stückzahlen produziert wurden. 20% Minder-Produktion über 2 Jahre wg Kurzarbeit und “nehmt mal ein paar Nachmittags eure Überstunden” statt Auszahlung, Hilfskräfte vorsorglich nicht übernommen mit “wir rufen euch an, wenn sich die Auftragslage bessert”, würden bei solch einem “haltbaren” Artikel schon eine Verwerfung in der Kette auslösen.

Prove Me Wrong, ich würde die Lager mit den Getrieben und Kupplungen gerne sehen, und dann müsste man das Lager gscheit bewachen.

Die eigentliche Frage wäre dann:

Wie lange ist die Frist, bis die Windrad-GmbH pleite geht, und dann – selbst wenn das Getriebe/Kupplung irgendwann mal kommt – niemand mehr den Techniker bezahlen darf/kann, um ihn hochzuschicken ? (nicht pro einzelner Windrad-GmbH, sondern so “in selbstverstärkenden Stückzahlen”). GGF steht auch nur 1/3 des Windparks, und die Pachtkosten rechnen sich dann nicht mehr, weswegen der Windpark selbst pleite geht ?

Die Wartungsfreie Welt gibt es übrigens im Film “Logan’s Run”, aber da stirbt man auch mit 30 und die Geburten sind reglementiert und die Berufe per Geburt zugewiesen.

Beste Grüße,

Ja, kommt mir bekannt vor. Ich habe mir gerade bei einem Hersteller einen kleinen, eigentlich ganz billigen Minicomputer bestellt, nichts besonders, gewöhnliche Popel-CPU, RAM-Fassung, SSD-Steckplatz, passiv gekühlt. Auf der Auftragsbestätigung die Angabe, dass die voraussichtliche Lieferzeit bei 22 Wochen liegt.

Der Leser setzt nach und verweist auf die zweite Graphik unter https://www.wind-energie.de/themen/zahlen-und-fakten/deutschland/:

Wenn ich mir die Grafik oben anschaue, dann wurde in 2017 ingefähr soviel gebaut wie in den 4 Jahren danach zusammen. Bedeutet, dass alle, die bauen können und gut sind (die könnte man zur Wartung hoch schicken), sich bereits was Neues gesucht haben.

Bedeutet auch:
Die Boomzeiten von 2014 bis 2018 sind vorbei, weil niemand (in Stückzahlen) mehr da ist, der Windkraft bauen kann, dazu gehören auch die Logistik des Transports der Teile (Fachwissen im Mitarbeiter) und das Fachwissen für Genehmigungen, Anträge, etc.

Nun zur Wartungsthematik:

Zubau
2013: 1100
2014: 1700
2015: 1400
2016: 1600
2017: 1800

Macht mal schnell bis 2027 durchzuführende 10-jahres-Wartungen: 7.600
Und diese als ERSTE 10-Jahres-Wartungen der Anlagen, also zusätzlich zum “eingespielten Wartungsniveau” der bisherigen ca. 23.000 Anlagen verschiedenen Alters mit Alter bis 2012,
deren Wartungen bereits eingeplant sind.

Wird Zeit, dass wir Wartungspersonal ausbilden.

Aber ach, das is ja kein Bürojob.

He, he, he. Das wird ganz bestimmt lustig.

Man kann sich natürlich die Frage stellen, warum man sich gerade so viel Mühe gibt, Frauen für gut bezahlte Vorstandsposten zu motivieren und ihnen „Vorbilder“ zu bauen, aber nicht für den Job als Windkraftanlagenklempner. So mit Hochsteigen oder Abseilen. (Haben die Dinger eigentlich innen einen Fahrstuhl, eine Wendeltreppe oder eine Leiter? Ich frage nur so für einen Bekannten…)

Warum hört man nie etwas von diesem Berufsbild für Frauen? Warum stehen die immer nur mit dem Mikrofon in der Hand davor und erzählen darüber?