Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Villa Vulva und die asymmetrischen Brüste

Hadmut
21.6.2022 18:31

Zum aktuellen Stand der Töpferkunst.

Eigentlich hängt mir „Bares für Rares“ vom ZDF total zum Hals raus. An sich ist die Sendung ja nicht schlecht, aber inzwischen quantitativ so derart überzogen und zu Tode wiederholt, dass man schier das Kotzen bekommt. Zumal Horst Lichter in der Sendung einfach komplett überflüssig ist. Außer dämliche Begrüßungen zu machen und dann offenzulegen, dass er von eigentlich gar nichts Ahnung hat, macht er nicht, und wird dafür dann mit Geld vollgepumpt.

Immerhin sieht man dabei ab und zu, auf welchem qualitativen hohen Stand die Porzellan- und Töpferkunst so ungefähr zwischen 1850 und 1970 so war. Es ist zwar überhaupt nicht mein Geschmack und fast alles finde ich persönlich wirklich hässlich, aber viele Dinge sind von erstaunlicher Detailtreue, mit unglaublichem Aufwand gefertigt, mit wahnsinnig viel Können und Arbeitszeit gemacht. Nicht selten sagen ja die Experten zu Porzellan, Keramik, Schmuck und dergleichen, dass man sowas heute entweder gar nicht mehr fertigen könne, weil die Handwerkstechniken und Kunstfertigkeiten nicht mehr existieren oder nicht mehr erlernt werden.

Dafür haben wir heute anderes.

N-TV berichtet über die Töpferstätte „Villa Vulva“: Getöpferte Vulven und Brüste zeigen Vielfältigkeit

Feministisches Töpfern wird immer beliebter und an manchen Orten entstehen hippe Keramikstudios. Einige der dort hergestellten Tassen haben Brüste und in Seifenschalen ist auch mal eine Vulva zu sehen. Was hinter dem Trend steckt – und warum man dabei viel lernen kann.

Manchmal müssen die Leute überlegen. Wenn sie in der Töpferwerkstatt sitzen und eine Vulva formen sollen, haben manche erstmal ein Fragezeichen im Kopf. Einige merken dann: “Hey, ich weiß eigentlich gar nicht so richtig, wie eine Vulva aussieht”, erzählt Catharina Rubel. Die 29-Jährige will daran etwas ändern.

Da ist man als Mann einfach ganz klar im Vorteil. Bei uns gehören Kenntnis und Betrachten von Vulven quasi zum „Betriebssystem“, und den eigenen Schniedel können wir auch ohne Hilfsmittel sehen. Zumindest die meisten von uns.

Ich finde das frappierend, dass Frauen dazu neigen, Männern pauschal vorzuwerfen, dass sie die Klitoris nicht fänden, und dann stellt sich heraus, dass viele Frauen das ganze Ding nicht kennen. Das erinnert mich daran, dass ich so um 2003 bei einem der Konferenzbesuche in San Francisco mal irgendwo zu einem öffentlichen wissenschaftlichen Vortrag von zwei Sexualtherapeuten (ein Paar, Mann und Frau) über amerikanischen Sex und das Wunder der Vulva gegangen bin, und eigentlich etwas fürchterlich verklemmt-puritanisches, so ein drumherum-Lavieren erwartet habe. Anscheinend lag ich damit auch grundsätzlich richtig, aber die Therapeuten wollten das bekämpfen. Zum Halb-Schock des Publikums zog die Therapeutin mitten im Vortrag vor dem Publikum blank, setzte sich weit gespreizt auf den Vortragstisch, und dann mussten sich alle in einer langen Schlange anstellen und sich die offen stehende Angelegenheit aus der Nähe betrachten, und sich wissenschaftliche Erläuterungen dazu anhören. Beachtlich fand ich aber, mit welcher erstaunlichen Ernstlichkeit das Publikum das mitmachte und sich benahm, als hätte man ihnen wirklich Neues offenbart. Neben mir saß eine zwar Alte, aber wirklich rattenscharfe Alte, die aussah wie Priscilla Presley und einen knallengen schwarzen Leder-Catsuit trug, deshalb auch vor mir in der Schlange stand, die sich das alles mit größter Sorgfalt betrachtete, einen Schreibblock dabei hatte und sich unablässig Notizen machte. Man lernt ja auch im hohen Alter noch dazu.

Und bei uns backen sie eben Vulva-Törtchen oder töpfern Vulva-Seifenschalen.

Wenn’s hilft…

Fragt man junge Frauen, dann haben manche heute Tassen mit Brüsten zu Hause. Auf einem Berliner Wochenmarkt werden Seifen in Vulvaform verkauft und in Onlineshops findet man zum Beispiel Kerzen und Ohrringe mit weiblichen Genitalien. Auch einen Kalender gab es schon, der in Freiburg konzipiert wurde. Das Schöne daran: Das Bild, das diese Gegenstände zeigen, ist ein neues.

Fangen wir bei den Brüsten an. In Rubels Berliner Werkstatt stehen Boobie-Tassen. Die Brüste darauf sind mal schief, mal zeigen sie nach unten. Sie sind immer unterschiedlich. Wenn Frauen das sehen, erzählt Rubel, sei der erste Kommentar oft: “Die sehen ja aus wie meine!” Lange wurde in der Öffentlichkeit ein anderes Bild von Brüsten gezeichnet. Postkarten aus dem Strandurlaub zeigten pralle Dekolletés, das Fernsehen und entsprechende Magazine sowieso. Es sei immer nur eine Form von Brüsten sichtbar, sagt Rubel. “Perfekt geformt, groß, selbst stehend. Und wir zeigen eben natürlichere Brüste.” Auf einer Tasse ist auch nur eine Brust zu sehen – ein Bild, das etliche Frauen nach einer Krebserkrankung kennen.

Sie zeigen dazu Tassen mit stark unterschiedlich großen Hängebrüsten.

Wenn man sich damit identifiziert – warum nicht?

Neu ist die Idee aber nicht. Ich kann mich erinnern, in meiner frühen Sturm- und Drangzeit mal irgendwo in einem Fachgeschäft für Schlüpfrigkeiten und schlechte Geschenke Milchkännchen für den Kaffee gesehen zu haben, die aus einer Tasse bestanden, die auf einer Seite eine einzelne Brust mit Loch in der Brustwarze hatte, man sich also die Milch durch den Nippel einer Brust in den Kaffee gießen konnte. Hier so eine ähnliche Variation. War aber nichts für mich, ich trinke ja keinen Kaffee. Dafür würde man auf jeden Fall als Sexist gekreuzigt, aber Tassen mit schiefen Hängetitten sind jetzt der feministische Hit.

Jeder, wie er kann.