Ansichten eines Informatikers

Warum ich jetzt kein Wunder-Chat-Programm schreibe

Hadmut
6.4.2022 13:48

Eine Erläuterung.

Ich hatte doch gerade erwähnt, dass mir das auf die Nerven geht, dass es tausendundein Chat-Programm/-Protokoll gibt, und jeder von einem verlangt, dass man sein Lieblingschat-Programm mit unterstützt, bis man nur noch mit Chatten beschäftigt ist.

Ein Leser hatte mich deshalb bekniet, dass ich doch mal das ultimative und wunderbare, zensurresistente Chat-Programm schreiben solle.

Ich hatte geantwortet, dass das Verhältnis von Aufwand zu Erfolgsaussichten viel zu schlecht ist, Er wollte das nicht so einsehen, drum hier nochmal ausführlich begründet.

Hat die Welt auf mein Super-Chat-Programm gewartet?

Unter Informatikern wurde schon diskutiert, warum wir in einer unüberschaubaren Zahl von Programmiersprachen ersaufen. Warum gibt es so viele?

Es gibt so viele, weil jeder Harry meint, seine persönlichen Vorlieben in eine neue Sprache gießen zu müssen, für jeden Quark eine neue Spezialsprache herbeigenudelt werden muss. Das führt dazu, dass wir nicht wenige gute, sondern viele mittelmäßige Sprachen haben.

Dazu kommt, dass vielen Leuten die leistungsfähigeren Sprachen schlicht zu schwierig sind. Wir sind da immer noch beim Prinzip BASIC, und dem Ansatz, dass man für einen großen Teil der Leute nicht sonderlich gute, sondern leicht erlernbare Sprachen braucht, die sie intellektuell nicht überfordern. Go. Python. PHP. Javascript.

Und dann kommt jedesmal einer um die Ecke, der (oft sogar zu Recht) meint, dass die bestehenden Sprachen alle Mist seien, und wir viel zu viele hätten, man endlich mal eine gute Sprache bräuchte, und die göttliche Vorsehung ihn auserkoren habe, diese zu schaffen. Ergebnis: Statt weniger Sprachen zu haben hat man dann statt n Sprachen nun n+1 Sprachen. Problem verschlimmert statt verbessert.

Wer würde glauben, dass das bei Chat-Programmen anders wäre? Dass man da was verbessern würde, indem man zu 20 Programmen noch ein 21. dazubaut und dann erwartet, dass die Welt gerade auf einen gewartet habe?

Aufwand

Sorry, aber wir sind nicht mehr in den frühen 90er Jahren, wo man eine Programmidee oder einen Protokollentwurf mal schnell in C zum Laufen bringt, ein README schreibt und das in 17 Teilen über alt.sources oder sowas in die Welt pustet, um zu gewinnen.

Heute muss man für sowas Server und Datenbankkonzepte bauen, mit Rechtekonzept, Parallelisierung, Skalierung, Backup-Konzept, Datenschutzkonzept, Sicherheitskonzept, und so weiter und so fort. Natürlich mit Rest-API-Design und was dazu gehört.

Dann braucht man ein Webfrontend mit einer schönen Client-Schnittstelle in Javascript, und selbstverständlich Apps für Android und iPhone.

Oder, wenn es dezentral gehostet sein soll, docker-Images und fertige virtuelle Maschinen als Cloud-Muster.

Nicht zu vergessen das UX-Design samt durchgängigem Erscheinungsbild, Logo, Symbolik, Anleitungen, Übersetzungen in verschiedene Sprachen.

Mal abgesehen davon, dass ein einzelner das quantitativ nicht mehr schaffen kann (und ich bitte mal zu berücksichtigen, dass ich Mitte 50 und nicht mehr 30 bin und nicht mehr 12, 14, 16 Stunden am Tag programmieren kann und will), kann er es auch qualitativ nicht, weil das alles so wahnsinnig viele Dinge sind, dass man die nicht mehr alle beherrschen kann. Da kostet inzwischen alles soviel Zeit, sich darin wissend zu machen und wissend zu halten, dass keine Zeit mehr bleibt, es auch zu benutzen. Man kann den ganzen Krempel nur noch dann effektiv nutzen, wenn man sich spezialisiert und sich auf eine Nische konzentriert, weil man nur durch die Beschränkung auf ein Fachthema noch genug Zeit übrig hat, um sein Expertentum auch praktisch anzuwenden. Das Problem ist: Je mehr Sachen man kann, desto mehr Zeit braucht man, sie auch weiter zu können, und desto weniger Zeit hat man, das, was man kann, dann auch zu tun.

Man kann sowas nicht mehr alleine machen, man braucht zwangsläufig ein Team. Schon zur Erstellung.

Betreiben muss man das aber auch noch. Man braucht also zusätzlich noch eine Betriebsmannschaft, und noch einen Kundenservice, und noch eine Werbeabteilung und so weiter.

Ich war jahrelang in einem Unternehmen, dessen Kernaufgabe eben ein solches Kommunikationsprogramm war. Dazu brauchte es 80 bis 100 Festangestellte und dazu noch 30 bis 50 Freie und ein paar externe Dienstleister. Dazu Geschäftsräume, Kapital, laufende Kosten, Rechenzentrum. Plus mehrere Jahre Zeit. Bei sehr mäßigem Erfolg.

Ich habe da schon einen Überblick, was es braucht, weil ich da schon mal beruflich drin war. Das kann man nicht alleine, wenn es nach was aussehen soll.

Dazu kommt, dass wir, vom Kapitalaufwand ganz abgesehen, einen Fachkräftemangel haben. Man kriegt gar nicht mehr genug geeignete und befähigte Leute. Und das denke ich mir ja nicht aus, das habe ich ja jahrelang beobachtet, weil ich die Leute ja geschult habe, dass das Niveau immer weiter absank und der Laden sich immer mehr mit sich selbst statt mit seinem Produkt beschäftigte und um sich selbst drehte.

Kapital und Risiko

Selbst wenn man annimmt, dass ich das alleine machen könnte: Ich würde selbst für grundlegende Funktionen mindestens zwei bis drei Jahre benötigen, um das im Kern zum Laufen zu bringen, zu testen, zu produzieren und so weiter. Reicht ja nicht, nur ein Testprogramm zu haben. Das muss ja so gebaut sein, dass auch eine Milliarde Leute das benutzen können.

Das heißt, dass ich mich für Jahre völlig zurückziehen müsste und alles auf dieses Produkt setzen. Und was ist, wenn es nicht klappt?

Ich könnte sowas machen, wenn ich Millionär und auf Einkommen nicht mehr angewiesen wäre. So aus Langeweile. Dann würde ich mir irgendwo ein schönes Haus auf einer schönen Insel kaufen, und mich mit einem Notebook und einen Campingstuhl irgendwo so hinsetzen, dass die Füße am Traumstand im warmen Wasser sind. Bin aber kein Millionär.

Der Leser meinte noch so süffisant, es wäre ihm auch einen Hunni wert. Anderen vielleicht auch. Ich soll das also für 500 Euro oder sowas machen.

Sorry, aber mit dem ganzen Aufwand drumherum, Servern und allem, bräuchte man da einen Invest von ein paar Millionen. Und nicht ein paar Hunnis.

Markt, Business Case, Bedarf und Werbung

Wo ist da eigentlich der Markt? Wo der Business Case? Wer braucht das?

Ganz im Ernst: Wie will man den Markt penetrieren, auf dem es schon 20 Chat-Programme gibt, indem man damit kommt (Yet another…), dass man das glorreiche 21. hat?

Das man noch dazu nicht einfach so benutzen kann, weil es ja dezentral, selbstgehostet sein soll.

Wie will man die Leute dazu bringen? Man bräuchte schon einige zig oder hundert Millionen Nutzer. Welches Argument sollte man für diese Leute haben? Was nicht schon durch Telegram, Signal und sowas abgedeckt wäre?

Und wo soll das Geld herkommen, um die Kosten zu decken?

Zum Vergleich: Twitter ist nun sehr bekannt und weltweit intensiv genutzt, und zumindest noch vor kurzer Zeit waren sie noch nicht in der Profit-Zone, machten noch Miese. Es gibt so eine Erkenntnis in der IT: Einen Verdrängungswettbewerb auf einem bereits bedienten und gesättigten Markt kann man, wenn überhaupt, nur noch gewinnen, wenn man massive Quersubventionen betreiben kann und keine Gewinnerwartungen hegt. Und selbst das funktioniert nicht automatisch, sogar Google ist mit seinem Chat auf die Nase gefallen.

Wenn man da noch ewas erreichen will, braucht man eine „disruptive“ Idee. Und Wagniskapital.

Konkurrenz

Nehmen wir mal hypothetisch an, ich hätte irgendeine geniale Idee um irgendwas zu bauen, was noch keiner hat und jeder haben will.

Was glaubt Ihr, wie lange ich das haben würde?

Was meint ihr, was da los wäre, wenn Google oder Facebook oder Apple da mal eben 5.000 Leute dransetzen, sie sollen das mal nachprogrammieren und in ihren Riesen-Clouds aufsetzen. Wieviele Chancen ich da noch hätte?

Selbst im Silicon Valley machen inzwischen alle kleineren Firmen und Startups einen Riesen-Bogen um alle Themen, die Gefahr laufen, von den Großen als Geschäftsfeld betrachtet zu werden, weil die alles plattmachen und übernehmen. Man liefert damit nur die Idee und seine Lebenszeit bei den Großen ab.

Patente

kann ich mir nicht leisten. Würde aber hochwahrscheinlich viele verletzen, wenn ich so einen Dienst bauen würde. Kann ich mir auch nicht leisten.

Geheimdienste

Habe ich nicht jahrelang hier erzählt, wie es mir mit dem Promotionsverfahren ergangen ist?

Glaubt irgendwer, die Geheimdienste würden mich allen Ernstes ein abhörsicheres Chatsystem aufsetzen lassen?

Ich habe schon genug Angriffe gegen mich, weil ich hier unerwünschte Auffassungen publiziere. Ich brauche keinen tragischen Verkehrsunfall. Auch kein Nowitschok oder sowas.

EU

Ergänzend dazu: Wer glaubt, dass die EU und andere Machtsysteme sowas in Zukunft noch dulden werden?

Plattform?

Man muss sich auch mal mit dem Gedanken vertraut machen, dass ein solches Projekt gar nicht möglich ist, weil man auf Browser, Betriebssysteme, Android, iOS als Plattform angewiesen wäre. Damit wird das aber eh nichts mehr mit der sicheren Kommunikation. Man muss sich mal bewusst machen, dass ein solcher Wunderchat auf den verfügbaren Geräten gar nicht mehr in einer Weise zu implementieren wäre, dass die Sicherheitsqualität so zuverlässig und zuzusichern wäre, um überhaupt einen nenenswerten Teil von Leuten zur Nutzung zu bekommen.

Sprachliches Umfeld

Der Leser meint, ich hätte doch zig-tausend Leser.

Ja. Sogar mehr. Reicht aber nicht. Man bräuchte schon einige Millionen, oder eher hundert Millionen Leser, um das zum Fliegen zu bringen, denn wieviele der Leser haben tatsächlich Interesse an einem neuen Chat-Programm? Jeder Hunderste? Man bräuchte aber schon ein paar Millionen Benutzer. Es gibt nicht genug Leute aus Deutschland, die dafür in Frage kämen.

Nächstes Problem: Deutschland. Als Deutscher und mit deutschem Sprachschwerpunkt habe ich international ziemlich wenig Chancen. Im englischsprachigen Raum, und der zählt hier, wollen die auch Anbieter aus dem englischsprachigen Umfeld. Zumal Deutschland nun wirklich nicht für Software-Brüller bekannt ist. „Deutsches Chatsystem“ ist eher Quelle für Witze. Wir werden ausgelacht, weil wir nicht mal in jedes Haus Internet bringen und uns bei der Digitalisierung anstellen wie eine Kuh beim Eierlegen.

Es ist bekannt, dass man auf dem amerikanischen Markt einfach gar keine Chance hat, wenn man nicht mindestens einen Standort in den USA hat und ein paar englischsprachig klingende Namen im Vorstand.

Warum?

Ich habe nicht verstanden, warum ich jetzt alles stehen und liegen lassen soll, um meine verbleibende Restlebensarbeitszeit in ein Projekt zu versenken, von dem ich selbst nicht überzeugt bin, weil der Leser gerne seinen Super-Chat haben möchte – für einen Hunderter. Ich chatte ja nicht mal gerne.

Grundsätzlich zu haben wäre ich für ein Projekt schon noch. Aber es müsste was sein, was mich interessiert. Ich kann es alleine nicht (mehr) wuppen. Und das Geld muss irgendwoher kommen, Startinvestition und Business Case, laufender Betrieb. Da und dort ein Hunni, das reicht nicht. Davon kann man mal Pizza für die Truppe bestellen.