Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Der Messie und die Amygdala

Hadmut
24.9.2021 12:07

Mir ging gerade beim Aufräumen ein Gedanke durch den Kopf.

Das Thema Ordnung liegt mir als Informatiker ja schon von Berufs wegen, und die Erörterung einer der frühesten Artikel dieses Blogs. Was tut man eigentlich, wenn man seine Wohnung aufräumt?

Manchmal geht es darum, eine optische Regelmäßigkeit herzustellen, damit es aufgeräumt aussieht. Quasi die optische Entropie senken.

Mal geht es um Hygiene, sprich, die unverderblich und ungefährlich lagerbaren Sachen von Staub, Dreck, Schmutz, verderblichen Sachen zu trennen, also beispielsweise das alte Leberwurstbrot nicht im Bücherregal zwischen den Taschenbüchern stehen zu haben.

Manchmal geht es um Minimierung des Volumens.

Oder, meistens, um Minimierung der Zeit zum Wegräumen und Wiederfinden. Der Volksmund sagt, wer Ordnung halte, sei nur zu faul zum Suchen. Stimmt. Eben drum. Ist in der Informatik eine eigene Disziplin, zu faul zum Suchen zu sein, und Dinge schnell wiederzufinden. (Mir geht es gelegentlich so, dass ich Dinge unsystematisch suche und nicht finde und dann überlege, wo sie denn wären, wenn ich sie aufgeräumt hätte, und sie dann genau da finde. Eben weil ich sie irgendwann mal aufgeräumt habe, mich daran nicht mehr in jedem Einzelfall erinnern, aber den Aufräumvorgang gedanklich deckungsgleich wiederholen kann.)

Es ist nicht einfach, den Begriff der Ordnung (im Kontext Wohnung) zu definieren, weil es eine Art Oberbegriff für ganz unterschiedliche Dinge ist. Ordnung kann auch heißen, sich an einem fremden Ort, etwa einem Flughafen, sofort zurechtzufinden oder eben auch nicht. Ordnung kann die Ästhetik der Wandornamente in einer Moschee bezeichnen (bei manchen eben auch nicht).

Aber was ist Unordnung?

Damit meine ich nicht die einfache Abwesenheit von Ordnung, deren schlichtes Unterlassen, sondern das bewusste Aufrechterhalten von Unordnung.

Unordnung aus Prinzip, als Lebensweise.

Ich habe jemanden in der Verwandschaft, der ist notorischer Messie. Der wirft nichts weg. Selbst wenn man uralte Zeitschriften zur Altpapierabholung für den nächsten Morgen raus auf die Straße stellt, schleicht er nachts raus und holt sie wieder rein, ohne jemals irgendeine Verwendung dafür zu haben. Er hat im Keller einen Eimer voller Schrauben. Gebrauchte Schrauben, krumme Schrauben, rostige Schrauben, kaputte Schrauben, völlig unsortiert, völlig nutzlos, weil man keine drei gleichen Schrauben darin findet. Er hat in seinem ganze Leben noch keine Schraube weggeworfen, denn: Man könnte sie ja irgendwann nochmal brauchen. Nicht eine Tür in der Wohnung geht vollständig auf, weil der die Angwohnheit hat, dass man Dinge ja hinter der Tür gut wegstellen kann, da stehen sie erst mal nicht mehr im Weg. Nur steht eben inzwischen ziemlich viel hinter den Türen. Wenn man sie überhaupt noch aufbekam. Eine Abstellkammer war gewaltfrei nicht mehr zu öffnen, weil die Tür nach innen aufging, er aber so viele Dinge darin aufgetürmt hatte, dass die irgendwann mal umkippten und von innen die Tür blockierten. Einen Kellerraum betrat er gar nicht mehr, obwohl die Tür noch aufging (sie ging nämlich nach außen auf). Nicht etwa, weil der Raum gestopft voll war (was er war), sondern schlicht deshalb, weil er sich damit nicht mehr befassen wollte. Das Angebot, ihn zu entrümpelt, wies er aber auch empört von sich. Warum er einen Raum voller Dinge aufbewahrte, obwohl er ihn nicht mehr betrat, es also gar keine Rolle mehr spielte, ob er es hat oder nicht, konnte und wollte er nicht beantworten. Das war für ihn einfach in Ordnung so, dass dieser Raum mit irgendwelchem Krempel vollgestellt und für die Ewigkeit verschlossen war wie ein Pyramidengrab. Und zwar auch dann, wenn er schon gar nicht mehr wusste, was da eigentlich drin stand. Zwei, drei Dinge fielen ihm noch ein, ganz wichtiger Christbaumschmuck zum Beispiel, der aber unerreichbar ganz hinten stand. Unerträglich der Gedanke, dass man Weihnachten mit violetten Kugeln feiern wollte, aber nur rote zur Hand hätte. Was, wenn dann gerade keine violetten mehr im Handel zu haben wären? Der Fall dürfe nicht eintreten.

Was mich daran so frappierte, war nicht allein das Sammeln und Behalten der Dinge an sich. Sondern der Widerspruch, Dinge unbedingt kaufen oder behalten zu wollen, und sie dann niemals zu verwenden. Er hatte noch einen Kinderschreibtisch als Bausatz originalverpackt aufgehoben, der er kaufte, als er ein kleines Kind hatte. Gekauft, weil das Kind den doch zur Einschulung unbedingt brauchte. Ihn dann aber nie aufgebaut, aber auch nicht bereit, ihn rauszuwerfen, zu verkaufen, zu verschenken, als das Kind längst das Abitur hinter sich hatte und ausgezogen war. Schränke, Regale, sogar ein Geräteschuppen als Bausätze gekauft, originalverpackt, auch nach Jahrzehnten nicht aufgebaut, wurde immer fuchsteufelswild, wenn man ansprach, man könnte das doch mal aufbauen, so als ob es nicht angetastet werden dürfte, als ob es für schlechte Zeiten aufbewahrt werden müsse. Eine Bevorratung.

Ich hatte mal eine Diskussion darüber, ob man eine Tütensuppe, die vielleicht 50 Pfennig gekostet hat, und deren Mindesthaltbarkeitsdatum um weit mehr als 10 Jahre überschritten war, wegwerfen könnte. Das hat mir eine Schimpfkanonade eingebracht, ich hätte noch nie Hunger gehabt, nie den Krieg erlebt. Mein Alternativvorschlag, sie zuzubereiten, zu essen und durch ein neues Modell zu ersetzen, fand ähnliche Ablehnung. Wozu man sie aufhebt? Man könnte sie ja nochmal brauchen. Wozu, wenn nicht zum Essen? Und warum uralte Dinge essen, anstatt sie ab und zu mal zu ersetzen? Geht nicht. Es muss diese Tütensuppe sein, nicht irgendeine andere.

Und genau das ist der Punkt: Ich hatte es bisher immer für ein Kriegstrauma gehalten, denn er hatte im zweiten Weltkrieg wirklich gehungert und durch Flucht alles verloren. Ich habe es als irreparablen Wesenszug akzeptiert und hingenommen. Ist halt so. Und da seit mindestens 15 Jahren auch nicht mehr drüber nachgedacht.

Nun habe ich ja aber in letzter Zeit viel über Hirnstrukturen, Amygdala, Gewissen, Rudelverhalten, evolutionär erworbene Verhaltensweisen geschrieben.

Und wie ich gerade so meine großen und kleinen Reisetaschen, die ich vor meiner Reise auseinandergerupft hatte, um die passende auszuwählen, gerade wieder zusammenlegte und zusammen legte und einpackte, ging mir ein Gedanke durch den Kopf.

Könnte es sein, dass hier das Sozialverhalten, das Rudelverhalten, auf leblose Dinge, auf Sachen durchschlägt und Messies mit ihren Dingen quasi im Rudel leben?

Oder dass das so eine evolutionär erworbene Weise des Umgangs mit Essbarem ist?

Denn: Evolutionär erworbene Verhaltensweise gegenüber dem Rudel gibt es. Und gegenüber Nahrung auch. Man muss nur aus dem Fenster gucken um zu sehen, wie manche Vögel oder die Eichhörnchen Futter für schlechte Zeiten vergraben.

Der Umgang mit dem Konsumleben ist dagegen noch nicht alt genug, um eine Verhaltensweise evolutionär erworben zu haben (auch wenn man das bei Frauen beim Shopping in der Modezeile gern glauben würde).

Ist Messietum eine Art Rudelverhalten, das fälschlich – oder ersatzweise – auf tote Dinge angewandt wird?

Könnte es sein, dass die heutige Konsumgesellschaft, nicht nur dazu führt, dass wir tausende Dinge in der Wohnung haben, sondern diese Umgebung voller Dinge vom Hirn als Rudel aufgefasst wird, weil es keine besser passenden Strukturen hat?

Könnte es weiterhin sein, dass ein wesentlicher Teil des Marketing, der Verkaufstricks, eben gerade darauf beruht, beim Käufer Rudelmechanismen zu aktivieren?

Wieder mal Amygdala? Konsumgüter als Rudelgenossen im Gehirn verankert?