Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Von der Gesellschaft zur Feindschaft

Hadmut
18.9.2021 15:05

Wisst Ihr, was mir die Tage auch noch aufgefallen ist?

Früher brauchte man Urlaub und Erholung von der Arbeit.

Heute braucht man Urlaub und Erholung von der Gesellschaft.

Früher hat man sich nach Feierabend in den Fernsehsessel gesetzt und zur Erholung Fernsehen geguckt. Fernsehen fühlte sich nach Erholung an.

Heute muss man sich vom Fernsehen erholen.

Ich habe das so gemerkt: Eine Woche lang kein Gender, keine Migrationspredigten, keine Belehrung, keine Erziehung, niemand, der mir Autofahren oder Fleisch verbieten wollte, nicht eine verschleierte Frau, keine Emanze, keine Feministin, übrigens auch so gut wie keine Graffiti, keine Propaganda, keine Plakate, keine Moralisierung, einfach normales Leben, wie das früher mal war.

Ich war nicht zur Erholung verreist. Gerade deshalb war ich sehr erstaunt, einen so enormen Erholungseffekt bemerkt zu haben. Nicht einmal, weil es dort so toll gewesen wäre, sondern schon, weil ich nicht hier war. Weil auf einmal dieser Gesellschaftsstress weg war, der hier permanent erzeugt wird. Man erholt sich dadurch, nicht mehr in Deutschland zu sein. Indem man einfach so ganz normal lebt.

Wir haben längst eine Gesellschaft, in der jeder jeden nur noch unter Stress und Druck setzt, ständig belehren und umerziehen will, man niemals mehr in Ruhe gelassen wird. Nichts, wirklich gar nichts geht noch ohne Bekenntnisse zu irgendwelchen politischen Zielen und Aussagen was man alles soll, muss, braucht und was man nicht soll, nicht darf, nicht braucht.

Eigentlich sollte eine Gesellschaft eine Stütze sein, etwas, was Hilfe, Gemeinschaft, Geborgenheit vermittelt, das Gefühl, sich unter seinesgleichen und nicht bedroht, sondern sicher zu fühlen. Oder in Hirnsprech: Der Amygdala ermöglichen, sich entspannt zurückzulehnen, sich im eigenen Rudel zu fühlen.

Inzwischen haben wir eine Gesellschaft, in der man ständig unter Stress ist, weil man sich permanent in „Feindesland“, im feindlichen Rudel fühlt, man ständig darauf achten muss, keine offene Flanke zu riskieren, weil man sofort angegriffen würde.

Anders gesagt:

Wir sind keine Gesellschaft mehr.

Das Wort beruht ja schon auf „Gesellen“, Leute, die gleich sind und zusammenhalten. Das sind wir aber nicht mehr. Es hat keinen kooperativen Gehalt, keinen positiven Wert mehr, die Gesellschaft bietet dem Invididuum keinen Vorteil mehr durch die Mitgliedschaft. Es ist im Gegenteil ein Bedrohungszustand geworden, der richtige Begriff wäre deshalb eher Feindschaft als Gesellschaft.

Ich hatte doch vorhin zwei Blogartikel über diesen Fall geschrieben, in dem ein Vater dafür festgenommen wurde, weil er im Zug seinen Sohn knuddelte. Darauf schrieb mir ein Lehrer:

Ich bin Lehrer, und auch noch in einem für so viele so schweren Fach wie Mathematik. Da kann es schon einmal vorkommen, dass die Erwartungen eines Schülers mit den tatsächlich erbrachten Leistungen nicht übereinstimmen. Wenn so ein kleiner Fünftklässler vor einem sitzt und die Tränen fließen, weil auf seiner Klassenarbeit eine Fünf oder Sechs steht, dann fühlt man mit dem Kleinen und will ihn trösten. Früher hätte ich meine Hand auf seine Schulter gelegt, ihn ein wenig gedrückt und vorsichtig gestreichelt. Das ist eine Form des Trostspendens, mehr steckt nicht dahinter. Heute mache ich so etwas nicht mehr. Höchstens dass ich es noch ein wenig andeute. Ich muss damit rechnen, dass die kleine Mia ihrer Mutter arglos davon erzählt, wie Fynn geweint und der Lehrer ihn gestreichelt hat. Und wenn bei Mias Mutter die falschen Bilder im Kopf entstehen und sie womöglich von der hysterischen Sorte ist, habe ich den Ruf weg und den Ärger am Hals. Das erspare ich mir. Lieber lasse ich mich herzlos nennen, weil ich Fynn ungetröstet habe weinen lassen. Zweiergespräche mit einem Schüler oder einer Schülerin ohne Zeugen finden bei mir nur noch bei offener Tür zum Gang statt. Jeder, der zufällig vorbeikommt, darf registrieren, wie Schüler und Lehrer an entgegengesetzten Teilen des Tisches sitzen und miteinander reden.

Übergriffigkeiten zwischen Pädagogen und ihren Zöglingen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Und natürlich gibt es Systeme, die solche Übergriffigkeiten erleichtern, wenn sich die falschen Erwachsenen dort sammeln. Wir kennen die Vorgänge in Internaten oder Sportvereinen aus der Zeitung. Aber auf das Gesamte gesehen sind diese Vorfälle die absoluten Ausnahmen. Leider werden sie nicht als solche behandelt und die Schuldigen entsprechend bestraft, sondern es wird immer wieder verallgemeinert, so dass eine Atmosphäre der Verdächtigungen entsteht. Wie gesagt, ich habe meine Konsequenzen gezogen.

Was hat das noch mit einer Gesellschaft zu tun?

Wo hat es überhaupt noch irgendeinen positiven Wert, irgendeinen Vorteil, Teil dieser Gesellschaft zu sein?

Wir haben Dauerstress, Dauerdruck, ständig Verbote und Verfolgung, die höchsten Steuern der Welt, miserable Renten, Wohnungsnot, ein lausiges Fernsehprogramm, eine wertlose Presse, widerliche Parteien, schlechte Schulen, schlechte Universitäten, ein katastrophales gesellschaftliches Klima. Es geht rund um die Uhr nur noch darum, was einem alles weggenommen wird: Geld, Auto, Wohnung, Job, Urlaub, Essen, nur noch die Plünderung der Substanz.

Welchen Grund könnte man haben, diesem Zustand, in den sich unsere Gesellschaft verwandelt hat, noch anzugehören, angehören zu wollen?

Was ist an dieser Gesellschaft noch Gesellschaft?