Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Das Prinzip Idiot nicht berücksichtigt

Hadmut
29.4.2021 23:36

Warum es nicht funktionieren wird.

Ich hatte mal beschrieben, dass ich einige wenige Male in Berlin die car2go-Flitzer verwendet habe, die man ad hoc per Handy anmieten kann, obwohl ich ein Auto habe. Ich fand das manchmal angenehm, wenn man spätabends von irgendeiner Veranstaltung nach Hause will und dann die U-Bahn-Station vollgekotzt und voller Drogenjunkies, -händler und Krimineller ist und stinkt wie Sau. Flitzer nehmen, nach Hause fahren, irgendwo abstellen, fertig. Oder auch um zu Flughafen zu fahren und das Gepäck nicht tragen zu müssen, weil das eigene Auto drei Wochen am Flughafen stehe zu lassen mehr kosten würde als die eigentliche Reise.

Aber, ach.

Abgesehen davon, dass irgendwie alle Leute genauso fahren wollen wie ich und deshalb immer da, wo ich bin, gerade keiner da ist, merkt man durchaus, dass die Leute damit umgehen wie Sau. Ich bin auch schon länger nicht mehr gefahren, sehe aber mit dem Aufkommen der e-Zigaretten immer mehr Leute, die im Straßenverkehr im Mietwagen sitzen und da drin – trotz Rauchverbot – dampfen. Aus irgendwelchen Gründen denken Elektroraucher immer, sie wären irgendwie klimaneutral, als wären sie von Verbrenner auf e-Auto umgestiegen. Ich habe mich schon einige Male bei Leuten beschwert, deren Abgasdampfwolke ich voll ins Gesicht bekommen habe, zumal auch das ziemlich stinkt. Kapieren die nicht. Die sind felsenfest überzeugt, dass e-Zigaretten keinen Anlass zur Beschwerde geben könnten, das nur ein Vorwand sei, um sie anzuranzen. Die denken, das wäre das Ding in der Mitte zwischen iPhone und Tesla. Es stinkt, es klebt, es ist widerlich. Wie ein abgebrannter Tesla.

Das Problem ist eben, dass entgegen sozialistischer Wichsphantasien die Sache mit dem Gemeineigentum in unseren Kulturkreisen nicht funktioniert. Was öffentlich zugänglich ist, wird demoliert, angepisst, vollgekackt, beschmiert, beklebt, beranzt. Ist hier in Deutschland so. Zumindest in Berlin. Ich hatte mal eine Zeitlang ab und zu mal beruflich in Nürnberg zu tun. Wenn man Berlin ist, kommt man sich in Nürnberg wie in einem fremden, exotischen Land vor. U-Bahn und Straßen so sauber, kaum was demoliert. Man ist überrascht, dass die Einheimischen trotzdem eine Sprache sprechen, die der eigenen ähnelt. Ich bin immer von Berlin aus mit diesen komischen Bombardier Dash 8Q-400 Propellermaschinen geflogen. Es ist rustikal, es rumpelt komisch, es ist laut, es dauert – und wenn man aussteigt, ist man plötzlich ganz woanders, wo es anders aussieht, die Straßen sauber und die Menschen freundlich sind. Wie Urlaub.

Ist jetzt aber nicht grundsätzlich so, dass das in Bayern eben so sei.

Die Süddeutsche schreibt, dass in München eine Ladesäule für Elektroautos „gehackt“ wurde:

E-Ladesäule mit Hackfleisch beschädigt […]

Fest steht: Jüngst kam es dort zu einem Ausfall, weil jemand die Steckvorrichtung der Ladestation mit Hackfleisch zugekleistert hatte. Das Fleisch drang bis in die Kontakte der Stecker vor, die deshalb ausgetauscht werden mussten.

Die Stadtwerke München (SWM) verzeichnen immer mehr Fälle von Vandalismus an E-Ladesäulen. Insgesamt ist die Störungsquote mit drei Prozent im Vergleich zum Bundesdurchschnitt (17 Prozent) noch niedrig.

Ärger gab es in der Vergangenheit etwa auch dann, wenn ein einzelner E-Mobilist sein Fahrzeug an eine Ladesäule ansteckte, den Ladevorgang jedoch absichtlich nicht autorisierte, um den Stellplatz als reinen Parkplatz zu nutzen.

Da bin ich mal gespannt, wie sie das zum Funktionieren bringen wollen, wenn im Bundesdurchschnitt 17 Prozent der Ladesäulen gerade immer durch Vandalismus gestört sind. Ich verstehe das so, dass nicht etwa nur 17% der Ladesäul:innen Vandalismuserfahrungen machen musste und von Vandalismus betroffen ist, sondern 17% immer gerade kaputt seien. Keine Ahnung, ob das stimmt, ich habe kein Elektroauto.

Aber so eine herkömmliche Benzinzapfsäule hatte eben mit Tankstelle, Beleuchtung, Personal und Überwachungskameras immer ihren „safe space“. So eine arme, einsame Ladesäule, die da irgendwo alleine in der Dunkelheit rumsteht, hat keinen Schutz vor Hackfleisch. Sind Ladesäulen Vegetarier?

Mich erinnert das an Telefonzellen.

Die meisten von Euch werden das nicht mehr kennen, da waren so kleine Häuschen, innendrin ein Telefon (die hingen damals noch in Häuschen und waren keine Handys), da konnte mal telefonieren, wenn man Geld einwarf, und dann hingen da zum Aufklappen noch Telefonbücher drin. Früher guckte man in Büchern nach, wenn man eine Telefonnummer gesucht hat.

In den Dingern hat es fast immer übelst gestunken, fanden sich Flüssigkeiten, von denen man nicht wissen wollte, was sie waren, die Telefonbücher waren rausgerissen oder als Klopapier verwendet worden, und wenn man Glück hatte, waren sie rausgerissen worden, bevor man sie als Klopapier verwendet hatte. Und nicht selten ging das mit dem Telefonieren eben nicht, weil der Hörer abgerissen oder vollgewichst war, die Tasten mit Sekundenkleber vollgepappt oder der Münzschlitz mit Nagellack zugeklebt. Oder es wohnten Penner drinnen.

Als dann jeder ein Handy hatte, hat man die Dinger nicht mehr gebraucht und abgebaut, und keiner vermisste sie.

Nun kommen sie wieder als E-Auto-Ladesäule.