Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Zum Unterschied zwischen Leithammelmechanik und Risk Management

Hadmut
27.4.2021 12:45

Ich liebe ja alle meine Leser und habe sie total gerne, weil sie mir so tolle Zuschriften schicken.

Alle.

Naja, fast alle.

Ein Leser schreibt mir

Hallo Hr. Danisch,

es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich Corona auch „offiziell“ als größte Lüge der Menschheitsgeschichte herausstellt, an die Sie trotz garantiert hunderter Hinweise Ihrer treuen Leser nahezu zwanghaft geglaubt haben.

Einfach mal zum Nachdenken:

Experten:

Prof. Dr. Drosten
Prof. Dr. Wieler (Tierarzt)
Jens Spahn (Bankkaufmann)
Bill Gates (Softwarehersteller)
Angela Merkel (Physikerin)
Marcus Söder (Jurist)
Greta Thunberg (nichts)

Verschwörungstheoretiker:
[Liste mit 84 Namen mit Prof. Dr. und Dr. davor, von denen ich nur zwei überhaupt je gehört habe, und die ich hier aus publizistischen und Datenschutzgründen nicht wiedergebe]

Dazu will ich mal ein paar grundsätzliche Takte sagen.

  • So eine Liste ist völliger Bullshit. Es sind nicht nur Drosten, Wieler, Spahn, Gates, Merkel, Söder und Thunberg, die uns da einen von Corona erzählen. Eine völlige Fehldarstellung, weil zum Beispiel mein Zahnarzt, meine Hausärztin, die Frau meines Kollegen oder die Apothekerin in meinem Freundeskreis da nicht mit drinstehen. Es ist völlig schwachsinnig, sich da zur Fremd- und Eigentäuschung so eine Liste zusammenzuschnippeln, dass die „guten“ Leute der eigenen Meinung sind und ein paar anerkannte Hassfiguren der gegenseitigen.
  • Mit „Prof. Dr.“ und „Dr.“ kann kann sicherlich sehr viele Leute beeindrucken.

    Mich nicht.

    Im Gegenteil. Gerade wenn „Prof.“ davor steht, führt das bei mir eher zur Vorsicht, weil es mir sagt, dass derjenigen in die Hochschulkorruption eingebunden ist und womöglich zu denen gehört, die außerhalb der Elfenbeinmafia nicht lebensfähig wäre.

    1. Existieren diese Leute überhaupt? Oder sind das Phantasienamen?
    2. Wieviele Leute dieses Namens existieren da jeweils? Ist das überhaupt eindeutig?
    3. Und behaupten die auch alle, dass COVID-19 nicht existiert oder ungefährlich sei? Oder sagen die das nicht?
    4. Beim zweiten Namen, den ich zufällig ausgewählt habe, stieß ich auf einen Arzt, der das keineswegs für eine Lüge hält, sondern lediglich behauptet, dass die Ausbreitung nach seiner Beobachtung nicht so drastisch sei, wie kommuniziert, und er zu der Aufassung kommt, dass der (wirtschaftliche) Schaden durch die Maßnahmen höher wäre als der (gesundheitliche) durch COVID-19. Das trägt die Behauptung des Lesers schon mal nicht, und die Frage, in welchem Wechselkurs wir wirtschaftlichen gegen gesundheitlichen Schaden aufrechnen, wäre zu diskutieren. Abgesehen davon, dass wir die Kosten des gesundheitlichen Schadens noch nicht kalkulieren können, weil wir die Langzeitfolgen noch nicht überblicken können.

      Und rein wissenschaftlich gesehen: Wir können die Kosten eines Lockdown-Verzichts nicht berechnen, weil wir noch kein Experiment einer Erde mit COVID-19 ohne Lockdown hatten. Insofern lässt sich das gar nicht vergleichen, weil wir nicht beide Handlungsweisen und ihre Folgen kennen. Wir haben auch keine Metrik für Gesundheit und Menschenleben, mittels derer wir wirtschaftliche Schäden bezüglich der Schadenshöhe vergleichen können.

      Die Frage ist eher: Wieviel Geld ist es uns wert, x% vor Tod und y% vor Siechtum zu retten.

      Würde man diese Frage aber beantworten, käme sehr schnell die Folgefrage auf, warum man eigentich mit großem Aufwand Flüchtlinge aus dem Mittelmeer fischt und hier lebenslang alimentiert, wenn doch Menschenleben einer finanziellen Abwägung unterliegen.

      Da würde man dann die Frage stellen müssen, was eigentlich die billigere Methode ist, an Menschenleben zu kommen und sie volkswirtschaftlich zu verwerten:

      • Retten Einheimischer mit Berufsausbildung und Anstellung vor COVID-19 zum durchschnittlichen volkswirtschaftlichen Preis A und mit Nutzen B oder
      • Menschenpflücken im Mittelmeer zum Preis C mit volkswirtschaftlichem Nutzen D, wobei D oft < 0 .

      Das Fass kann man aufmachen, aber dann hat man ziemlich Ärger am Hals.

      Vereinfacht gesagt: Was ist schlauer? Menschen hier sterben zu lassen und mit den eingesparten Corona-Maßnahmen-Kosten das Mittelmeer nach Ersatz abernten, oder die im Mittelmeer lassen und das dadurch gesparte Geld hier für Maßnahmen verwenden und an Wirte auszahlen?

      Ich finde es verlogen und doppelmoralig, wenn man einerseits sagt, dass man Menschen, die sich selbst ins Mittelmeer schmeißen, unter allen Umständen und mit allen Kosten da rausfischen muss, dann aber hier sagt, also nöh, die Kosten des Lockdowns sind uns zu hoch, Party wollen wir auch machen, was kümmert es uns, wenn ein paar sterben?

      Warum rettet man fremde Menschen aus dem Mittelmeer, aber nicht die eigenen hier in der Stadt? Das wäre die Frage, die aus solchen Kosten-Nutzen-Abwägungen folgte.

      Warum überhaupt Intensivstationen, warum nicht generell Menschen einfach sterben lassen, sobald sie zu krank sind, wenn doch Menschenernter und -dealer wie die evangelische Kirche längst einen Schwarzmarkt mit Nachschub betreiben?

  • Es steht auch nicht dabei, worin diese Leuten eigentlich Dr. und Professor sind. Literatur? Astronomie? Isländische Folklore?

    In Medizin wird der Doktor übrigens leistungsunabhängig vergeben, sagt gar nichts.

  • Es wird überhaupt nicht argumentiert oder inhaltlich begründet, sondern rein quantitativ mit „Ich habe mehr auf meiner Liste“.

    Mehrheiten spielen vielleicht bei den Geisterwissenschaftlern, aber nicht in der Wissenschaft eine Rolle. Da zählt, wer den Standpunkt begründen kann. Nun haben wir ziemlich viele Tote und auch Langzeitkranke, und selbst Genese, die erzählen, wie schlimm das war. Ich habe aber noch keinen einzigen gehört, der mir darlegen konnte, warum es das Virus (oder, wie manche behaupten, Viren generell) nicht gäbe oder es ungefährlich wäre, sich damit zu infizieren.

    Selbst wenn es nach der Anzahl der Leute auf der Liste ginge: Dann müsste man beide Seiten ihre Listen selbst schreiben lassen. Man kann aber nicht hingehen und für den eigenen Standpunkt eine lange Liste mit irgendwelchen Namen und für den gegnerischen Standpunkt eine Witzliste aufschreiben und dann sagen „Ätsch, ich hab’ gewonnen, weil ich hab’ mehr!“

  • Der Leser berücksichtigt auch nicht, dass ich schon was älter bin, deftig vorerkrankt und nicht eben sehr gesund bin, sich das aus meiner Sichtweise etwas anders darstellt.

    Zum Vergleich: Ich bekomme immer wieder Mails von Lesern, auch eines politisch mittleren bis rechten Spektrums, die mich vor linker Gewalt warnen, ich solle doch aus Berlin wegziehen, früher oder später würden die mich ja zusammen- oder totschlagen. Und sie würden mich doch so gerne weiter lesen.

    Das mag ja sein. Aber widerspricht sich das nicht? Hüte Dich vor den Linken, die schlagen Dich zusammen oder bringen Dich um, aber scher Dich nicht um COVID-19? Wer ist gefährlicher? Antifa oder COVID-19?

Mich stört daran aber eigentlich etwas anderes, auch wenn es mich eigentlich voll bestätigt:

Dieses Rudel- und Amygdala-Denken.

Die Leute denken nicht sachlich rational, sondern sie denken in Rudelzugehörigkeiten. Solche Zuschriften haben ja letztlich keinen anderen Inhalt als „Du bist im falschen Rudel untewegs und rennst den falschen Leithammeln hinterher“.

Das ist übrigens das, was mich an Reitschuster sehr stört: Der macht da hemmungslos Leserzahlen und Follower, indem er dieses Rudelverhalten bedient und den Leuten einfach liefert, was sie hören wollen. Das baut systematisch auf diesen Rudelfunktionen im Hirn auf.

Ich habe es zwar schon ein paarmal erzählt, aber hier nochmal:

Ich glaube nicht an Corona, schon gar nicht zwanghaft, und ich laufe auch keinen Leithammeln hinterher.

Ich bin Informatiker, Bereich IT-Sicherheit, und damit auch im Bereich Risk Management unterwegs. Und deshalb bin ich es gewohnt, Risiken zu beurteilen und Entscheidungen zu treffen für Dinge, von denen man noch nicht weiß, ob sie stimmen oder ob sie eintreffen. Gibt es auch in der Betriebswirtschaft, nennt sich da Entscheidungstheorie. Und die Informatiker haben noch sowas ähnliches, nennt sich Spieltheorie. Da geht es auch um Fragen wie die, wie man sich verhält, wenn man nicht weiß ob…

Es ist nämlich keineswegs so, dass Unkenntnis über COVID-19 und dessen Gefährlichkeit logisch dazu führt, es zu ignorieren oder abzutun. Im Gegenteil, das wäre sehr dumm.

Grob gesagt, vereinfacht gesagt, muss man vier Fälle unterscheiden. Zwei für COVID-19 ist gefährlich oder nicht gefährlich, und man macht Lockdown oder nicht Lockdown.

gefährlich nicht gefährlich
Maßnahmen richtig gehandelt, Leben gerettet falsch gehandelt: Ohne Not ein Jahr im Home Office herumgehockt
keine Maßnahmen falsch gehandelt: Tod, Siechtum, Einsturz Gesundheitssystem richtig gehandelt, Kosten gespart

Es ist ein zentraler Denkfehler vieler Leute, zu unterstellen, dass man an COVID-19 „glauben“ müsse, und dass daraus, nicht auf die Lügner hereinzufallen, folge, dass man das einfach alles ignorieren und feiern gehen kann.

Risk Management kann eben auch darauf hinauslaufen, dass man gerade dann, wenn man nicht weiß, wie gefährlich etwas ist (denn gerade dann, wenn man es nicht weiß, braucht man ja solche Methoden des Risk Management) trotzdem Gegenmaßnahmen einleitet, weil das die Handlungsweise mit dem geringsten Risiko ist. Oder wie ich früher sagte: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Es ist ein absoluter Denkfehler, die Vogel-Strauß-Taktik anzuwenden: Eine Gefahr, die ich nicht sehe, existiert auch nicht.

Deshalb ist es nicht nur dumm, sondern enthält auch den Vorwurf der Dummheit mir gegenüber, wenn man unterstellt, Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen setze voraus, auf COVID-Demagogen hereingefallen zu sein. Denn sogar dann, wenn man sagt, dass man nicht weiß, ob COVID-19 gefährlich ist oder überhaupt existiert, kann die logische Folge daraus trotzdem sein, Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Es gibt übrigens Muslime, die ähnlich argumentieren: Sie wissen nicht wirklich, ob das alles stimmt. Aber wenn sie sich an den Koran halten und es doch keinen Gott gibt, haben sie nichts verloren, denn dann sie einfach genauso tot. Ignorieren sie ihn aber und es gibt doch ein Jenseits, haben sie ewigen Schaden. Vom Standpunkt des Risk Management durchaus richtig. Hat nur einen Haken: Es ist nicht ungewiss, ob es Gott gibt, sondern ein logischer Widerspruch, dass es ihn gäbe. Man kann den Fall Jenseits logisch ausschließen, ebenso wie die jenseitige Diesseits-Haftung des Menschen.

Dazu hätte ich noch anzumerken, dass ich die bisherigen COVID-19-Maßnahmen aus meiner Situation heraus nicht mal als sehr nachteilig empfand. Im Gegenteil, ich fand das jetzt überaus angenehm und erholsam, mal ein Jahr lang nicht ständig auf Achse zu sein und sich stundenlang im lauten Büro herumschlagen zu müssen, wo ich wegen des Lärmpegels (wie viel Kollegen auch) schon mit Active Noise Cancelation-Kopfhörer rumsaß. Zugegeben, mir geht die Rumsitzerei zuhause auf Kreislauf und Muskulatur, und langsam dann doch auch auf den Wecker, ich würde gerne verreisen. Und mir fehlen der Asiate und der Araber, bei denen ich sonst immer lecker Mittag essen ging.

Aber davon abgesehen fand ich es eigentlich sehr angenehm und würde das Jahr nicht missen wollen.

Es hat uns eine Menge gebracht, endlich mal etwas Bewegung und Alternativen in die Arbeitswelt zu bringen und das auch mal alles etwas anders zu sehen, und eben auch besser zu erkennen, was wichtig und was überflüssig ist.

Nun bin ich zwar insoweit „privilegiert“, als ich hier keine Oide und keine Bälger habe, die mir den Lagerkoller bereiten. Und man sagt ja, der Intelligente langweile sich nur in Gesellschaft.

Trotzdem ist es grundlegend falsch, dumm und auch impertinent, mir zu unterstellen, dass ich mich nur deshalb an Corona-Maßnahmen hielte, weil ich auf irgenwelche Täuscher hereinfiele. Das ist unlogisch.

Auch dann, wenn man nicht weiß, wie gefährlich COVID-19 ist, spricht das Risk Management – zunächst, für gewisse Zeit – dafür, Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Zum Vergleich: Ich fahre seit über 30 Jahren Auto und hatte noch nie einen Unfall. Trotzdem lege ich jedesmal den Sicherheitsgurt an und meine letzten 5 Autos hatten alle einen Airbag.

Warum?

Risk Management.