Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Hinrichtung eines Machos

Hadmut
17.2.2021 23:06

Weil jetzt doch noch mal jemand fragte, ob ich nicht mal was schreiben könnte, wo Frauen gewinnen: Wieder mal ein Schwank aus meinem Leben.

Die Sache ist die: Ich kann nicht tanzen.

So gar nicht.

Das liegt mir nicht, ich kann damit nichts anfangen, und es passt nicht zu meiner Körpergeometrie. Meine Extremitäten sind etwas kurz geraten, ich muss Hosen und Sakko-Ärmel kürzen lassen, liegt in der Familie. Man nennt uns „Sitz-Riesen”. Es hat in manchen Sportarten durchaus Vorteile, aber nicht beim Tanzen. Es ist einfach nicht mein Ding.

Als ich noch Student war, meinte eine gute Freundin, das müsse sich doch ändern lassen, und schleppte mich und noch einen weiteren Informatiker mit ähnlicher Veranlagung in den kostenlosen Uni-Tanzkurs, der damals über ein Semester lang im Mensa-Foyer abgehalten wurde. Bevor Ihr Euch jetzt – zu früh – freut, nein, ich werde Euch nicht darlegen, wie schlecht ich mich dabei angestellt habe. Das überlasse ich Eurer schmutzigen Phantasie.

Der Punkt war: Man kann ja an einer technischen Uni an sich keinen Tanzkurs abhalten, weil man dafür eben Frauen braucht. Die hatte man irgendwie von Fachhochschulen der Umgebung mit Frauenüberschuss und Männermangel herangeholt, um da auf ein ausgeglichenes Verhältnis zu kommen, so als win-win-Situation.

Das nun wieder fassten manche Leute als Gelegenheit auf, in der technischen Uni endlich mal an Frauen zu kommen, da gab es ja Mangel, und Tanzschulen waren ja eigentlich schon immer auch Baggerplätze. Naja, mit dem Baggern ist es nich so weit her, wenn man sich bewegt wie ein Berggorilla und erst mal voll damit beschäftigt ist, mit 1-2-Wiegeschritt und sowas hinzukommen, ohne sich und anderen auf die Füße zu treten. Man wurde zwar angewiesen, dem anderen ins Gesicht zu schauen, aber man neigt dann doch eher zum unwillkürlichen Blick nach unten. Zumal da auch keine tanzschulentypische Kleidung angesagt war.

Nun war da ein Typ, so ein geölter Macho, dick die Haare aufgegelt, in Profitänzer-Klamotten, der auch schon ziemlich gut, oder vor allem exaltiert-angeberhaft tanzen konnte, und sich so auffällig Profitänzer-ölig bewegte, der da eigentlich überhaupt nicht reinpasste, und den Macho machte. Der suchte sich da eine gutaussehende Frau nach der anderen, forderte sie auf und gab dann den Angeber, um rauszuhängen, wie gut und toll er tanzen kann und wie schlecht die Frauen – Anfängerkurs eben – tanzten und mit ihm nicht mithalten konnten. Der fiel da so richtig negativ auf, in seiner ganzen Erscheinung, so ein geschmierter Kotzbrocken eben. Und die Ansage der Tanzlehrer war, dass Aufforderungen beim ersten Mal nicht abgelehnt werden, damit jeder mal mit jedem und keiner abgehängt wird und sozial und so.

Eines Abends begab es sich aber, dass er keine mehr fand, weil niemand mehr mit ihm tanzen wollte.

Das geht für einen Macho natürlich nicht, dass er da steht und keine findet.

Also wandte er sich besagter meiniger Freundin zu, die dabei war, um die Fortschritte von mir und dem anderen aus dem Freundeskreis zu überwachen, aber selbst nicht mittanzte. Warum, dazu komme ich gleich.

Sie saß nur am Rande auf einer Bank und war in ein Fachbuch vertieft (Informatik), achtete nur so hin und wieder mal kurzen Blickes auf das Tanzgeschehen, um zu gucken, wie wir das machen.

Nun muss ich besagte Freundin etwas beschreiben.

Sie kann sich zwar aufbrezeln, wenn sie will, sogar ziemlich (dazu komme ich gleich), aber normalerweise will sie gar nicht. Sie läuft – oder jedenfalls damals zur Studienzeit – bevorzugt im einfachen Mädchenlook herum, der bei ihr ansatzlos in einen Informatikerlook übergegangen war: Großes Schlabber-T-Shirt mit irgendwelchen Comic-Helden wie Snoopy oder Garfield drauf, eine viel zu große und vor allem zu breite, deshalb unförmige, aber geräumig-bequeme Latzhose. Und unten Birkenstock-Latschen, nicht die offenen, sondern die vorne geschlossenen Pantoffeln aus rosa Wildleder, in denen man watschelt wie ein Pinguin. Also so völlig kontra-attraktiv, eben ihr Lebensstil. Wie sie sich wohl fühlte.

Dazu kam außerdem, dass sie es – wie erstaunlich viele Frauen – bequem fand und liebte, im Stehen und Sitzen die Füße nach innen zu drehen, und das auch noch asymmetrisch. Das sieht jetzt eben auch nicht sexy aus.

Sie blickt außerdem gerne etwas knopfäugig drein und hält auch gerne den Kopf etwas gekippt, wenn sie mit jemandem redet, und hat so gar keine Allüren, sich mit Gestik oder Mimik irgendwie durchzusetzen. Wenn ihr jemand blöd kommt, neigt sie dazu, erst mal mit großen Augen Klein-Mädchen-mäßig und unterwürfig zu gucken und den anderen reden zu lassen, bis sie weiß, worum es geht und was der will. Ist halt so. Man schätzt sie leicht falsch ein.

Sie saß da also am Rand, vertieft in ein Informatik-Fachbuch. Sie sah aus wie das perfekte Mauerblümchen, das nur da sitzt, weil keiner mit ihr will.

Besagter Macho, der gerade keine mehr fand, hatte sie bisher keines Blickes gewürdigt, aber nun auserkoren, und ging so schaukelnden Tänzerschrittes und wackelnden Hinterns schnurstracks auf sie wie auf die Beute zu, um sie – nein, nicht aufzufordern, sondern sich herabzulassen sich ihrer zu erbarmen. Sie guckte ihn so untertänig von unten mit ihrem „Oh, mein Herr und Gebieter”-Blick an – dazu komme ich gleich. Er sagte was zu ihr, sie antwortete etwas, nickte dazu, stand auf und watschelte bereitwillig folgsam hinter ihm her auf die „Tanzfläche”.

Wie sie mir später sagte, hatte er ihr erklärt, dass er ihr jetzt mal die Gelegenheit geben wolle, dass sie auch mal tanzen und was lernen könne. Sie hatte nur „Na gut, wenn Du meinst…” gesagt.

Ich hatte aus der Entfernung ihren Blick gesehen und wusste sofort: Das wird ein Blutbad. Die macht heute keine Gefangenen.

Ich kenne diesen Blick. Er ist ungefähr äquivalent damit, wenn das Opfer im letzten Augenblick den Hai sieht, bevor es gefressen wird. Der hatte keine Ahnung, wen und was er da geweckt hatte.

Der ging also in dieser typischen Tänzer-Attitüde, gegelt, in Tänzer-Klamotten, Tänzer-Schuhen, in diesem übertrieben artikulierten Schritt dahin, als hätte er Beute gemacht, und sie watschelte da so mit ihrem typischen Blick O-gott-o-gott-ich-soll-jetzt-Tanzen-wie-macht-man-das-was-passiert-jetzt-Blick hinter ihm her. Und er so gönnerhaft voraus, so Ich-tanze-jetzt-auch-mal-mit-dem-Entchen.

Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste – zwei Sekunden später, als die Musik los ging, wusste er es, aber da war es für ihn zu spät – war, dass sie damals Turniertänzerin war. Mit dem ersten Takt der Musik war sie eine völlig andere Frau, wie Jekyll and Hyde.

Das war kein Tanz. Das war eine öffentliche Hinrichtung.

Sie hat ihn da – in Latzhose und rosa Birkenstockschlappen – in Sekunden in Grund und Boden getanzt, völlig abgenagt. Wie ein Torero in der Arena, der den Stier lächerlich macht, indem er ihn hin- und herrennen lässt und ihm bei jeder Begegnung die Banderillas setzt. Um ihn am Ende zu töten und Ruhm und Applaus entgegenzunehmen.

Und dazu noch dieses kokette Strahlelächeln der Turniertänzer, als wäre es größte, lockerste und leichteste Spaß auf Erden, während er nicht hinterherkam und nur nur blöd aussah. Der hat nur noch versucht, die 3 Minuten irgendwie zu überleben, und gehofft, dass die Musik endlich aufhört.

Eine große Traube von Leuten stand, statt tanzen zu üben, mit offenem Mund außen rum und guckte nur noch. Sogar die Tanzlehrer.

Ihre Show, er nur der Watschenhansel.

Danach setzte sie sich, als wäre nichts gewesen, und las ihr Buch weiter.

Er wurde nie wieder gesehen.