Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die „Informatikerin” Saskia Esken, das Internet, das Unwissen und die Weisheit, das eine vom anderen unterscheiden zu können

Hadmut
13.2.2021 1:01

Was uns die SPD so als „Informatikerin” hinstellt.

Was ist eigentlich die führende Eigenschaft dieser Frau? Die Dummheit oder die Verlogenheit?

Die von der SPD öfters als „Informatikerin” bezeichnete Saskia Esken hat ihren Vortrag im Bundestag vom 11.2.2021 (gestern) auf Facebook online gestellt.

00:00:12 Wissen ist Macht. Das ist eine altbekannte Weisheit. Und die Beherrscher der alten Welt waren stets darauf bedacht, ihre Macht nicht zu teilen. Herrschaftswissen hat man das genannt, und das Gegenstück dazu war es, das Volk unwissend und damit gefügig zu halten.

Gegen diese Haltung wandten sich zunächst im 18. Jahrhundert die Aufklärung, deren Protagonisten, Diderot und andere, der Welt eine Enzyklopädie, eine Sammlung des Wissens dieser Welt, geschenkt haben. Im 19. Jahrhundert haben die Bildungsvereine der Arbeiterbewegung erkannt, dass so eine gedruckte Sammlung des Wissens eben doch nur das Bildungsbürgertum erreicht, und im 20. Jahrhundert haben die Erfinder des Internets um Tim Berners-Lee uns allen den direkten Zugang zum Wissen dieser Welt geschenkt.

Leider auch zum Unwissen, denn insofern sind wir mehr denn je auch darauf angewiesen, das eine vom anderen unterscheiden zu können.

Bedenke, worum Du bittest. Es könnte Dir gewährt werden, etwa indem der Danisch kommt. Unterscheiden wir also mal das Wissen vom Unwissen:

  • Die Erfinder des Internets haben mit Tim Berners-Lee eigentlich gar nichts zu tun, denn das Internet wurde in den 60er und 70er Jahren in den USA erfunden.

    Tim Berners-Lee ist Brite, war am CERN und hat 1989 das World Wide Web entwickelt.

    Das Internet und das WWW sind aber zwei ziemlich getrennte Dinge, denn das ist genau die Idee dahinter, das Netzwerk und die Anwendungen systematisch und logisch zu trennen.

  • Dazu verwende ich auch den Begriff „entwickelt” und nicht „erfunden”, weil es nichts grundsätzlich Neues war, sondern in der Luft lag, und der da eben Zeit, Muße und Finanzierung hatte, sowas zu entwickeln. Denn vom Prinzip her gab es mit FTP und Gopher längst Systeme und Protokolle zum vernetzten Zugriff mit Hyperlinks, Postscript schon als Seitenbeschreibungssprache, seit 1988 Display Postscript, und von Apple gab es schon seit 1987 Hypercard als System mit Multimediaseiten und Hyperlinks. Es war halt nur proprietär und – damals typisch Apple – nur auf Apple-Rechnern zu haben, damit man die kaufen musste.

    Ich kann mich noch erinnern, dass ich damals an der Uni einer der ersten, wenn nicht sogar der erste war, der damals Gopher und dann die im Usenet zu findenden ersten Versionen von Webserver und -Browsern aus Einzelteilen zusammengklaubte, compilieren konnte und das damals im Institut staunenden Leuten vorführte. Und mit welchen Widerständen ich zu kämpfen hatte, weil die Karlsruher Informatikfakultät, deren Professoren mehrheitlich gar nicht mit Computern oder nur mit Apple Macintosh umgehen konnten und deshalb alles, was irgendwie Unix-orientiert war, beispielsweise auch Mail per SMTP, rundheraus ablehnten und einfach nur Klicki-Bunti (oder damals noch Klicki-Schwarzweißi-)-Jünger von Apple waren, und das Wissen der Fakultät, soweit überhaupt elektronisch, bereits in Hypercard und vergraben und noch auf Jahre an Hypercard und einem irgendwie darauf aufbauenden Schwachsinnsprojekt festgehalten hatten und das WWW schlichtweg ablehnten, weil das ja nur der (für Karlsruher Informatik-Professoren kaum zu verstehende) Amateur-Nachbau von Apples Klicki-Zeugs war.

    Das World Wide Web war damals keineswegs eine neue Erfindung. Das wurde eigentlich schon mit FTP, den FTP-Suchmaschinen, Usenet, SMTP-Mail und Gopher erfunden.

    Berners-Lee hat nur zwei damals noch sehr, sehr rudimentäre, primitive Dinge entwickelt, nämlich das Protokoll HTTP und das Format HTML, wobei auch letzteres keine neue Erfindung war, den es war eine Anwendung von SGML (von 1986), und markup-Languages gab es damals auch schon, etwa TeX.

    Weil es aber frei compilierbare, kostenlose, quelloffene und völlig offen definierte Client- und Server-Software gab und eben HTTP und HTML einfach und offen definiert waren, und es jeder ohne Lizenzkosten und teuren Mac, nämlich auf Unix-Maschinen verwenden konnte, hat sich das schnell durchgesetzt. Es ist aber mitnichten eine neue Erfindung.

  • Es stimmt auch nicht, dass Berners-Lee das „uns allen” geschenkt habe.

    Das war als reines Wissenschaftler-Medium gedacht, und 1989 war noch nicht daran zu denken, dass irgendwer außerhalb der Wissenschaftler an Universitäten überhaupt je Zugang zum Web oder zum Internet haben könnte.

    Internet-Zugänge für die Allgemeinheit kamen erst so um 2000 auf. Bis dahin waren digitale Zugänge vorrangig auf proprietäre Dinge wie America Online, BTX, Minitel, usenet/uucp und private Mailboxen per Modem beschränkt, die neben dem Netz immer auch die Datenformate und -protokolle vorgaben (im Schichtenmodell alle Schichten belegten)

  • Weder Internet noch World Wide Web waren je dazu gedacht, der Menschheit den Zugang zum Wissen der Welt zu schenken. Denn als die entwickelt wurden, war daran noch überhaupt nicht zu denken. Das war für rein technisch-wissenschaftliche Zwecke gedacht.

    Und wer sich erinnert, wie das damals lief, oder vielleicht irgendwo noch alte Webseiten sehen kann, der weiß, dass wir damals ein schlechtes Gewissen für jedes einzelne kleine Bildchen hatten, das wir als GIF mit vielleicht 100×200 Pixeln irgendwo reinpappten, weil das den Seitenaufbau endlos verlangsamte. Die Verbindungen waren dafür noch viel zu langsam, und die Rechner hatten viel zu wenig Speicher. Das wäre damals noch gar nicht möglich gewesen, größere Wissensbestände zu speichern.

  • Es kannte sich auch nur eine verschwindend kleine Minderheit überhaupt damit aus.

    Nicht mal die Informatik-Professoren jener Zeit waren dem Ding gewachsen. Das war so das Ding der damaligen C64-Generation, der Leute, die damals gerade im Informatik-Studium oder kurz danach waren.

Heißt: Saskia Esken, die uns immer als „Informatikerin” hingestellt wird, hat überhaupt keine Ahnung, wovon sie da redet.

Den Unterschied zwischen Internet und World Wide Web nicht zu kennen, das ist schon richtig schlimm, und würde ich seit 15 Jahren nicht mal mehr dem „fortgeschrittenen Laien” noch durchgehen lassen. Journalisten schreiben sowas gerne, aber wer Internet und Web nicht auseinanderhalten kann, sollte das Schreiben dazu lieber bleiben lassen.

Ganz krass fand ich ja, als ich damals herausgefunden habe, dass die Truppe um Ursula von der Leyen Internet-Gesetze machen wollte, aber so gar nicht verstanden hatte, was das eigentlich ist. Die dachten, das sei so ein Dienst wie BTX oder America Online, und es gehe nur darum, Webseiten als Monolithen durch die Gegend zu schieben. Dass eine Webseite aus verschiedenen Bestandteilen besteht, die per HTTP, TCP, IP in kleinen Teilchen geholt und zusammengesetzt werden, konnten die sich nicht vorstellen. Die dachten, ein Internetprovider sei so eine Art Webseiten-Broker und „DNS” die große Webseitenschleuder. Und die Kinderpornosperre hätte in deren Vorstellung so funktionieren sollen, dass man einem Internetprovider verbietet, eine bestimmte Webseite weiterzuverkaufen, so wie man einem Buchhändler verbietet, ein Buch zu verkaufen, das auf einem Index steht. Das ist mir damals schon aufgefallen, wie unglaublich schwer das ist, diesen kompetenzlosen Politikern klarzumachen, wie das Internet funktioniert – ungefähr so schwer wie einem Karlsruher Informatik-Professor.

Das liegt aber vor allem daran, dass zu meiner Zeit an der Uni Karlsruhe, wenn ich mich recht erinnere, kein einziger (oder nur ein später dazugekommener, ganz junger) Informatik-Professor selbst Informatik studiert hatte. Das waren eigentlich alles fachfremde Finanzierungshuren, meistens von der Sorte, die in ihrem eigenen Fach nichts geworden und nicht untergekommen sind, und sich über die satten Geldmittel in Informatik und die Beamtenstelle gefreut hatten. Diese angeblich größte, tollste, beste, schönste Informatikfakultät Deutschlands war nur ein Zirkus von Leuten, die sich als Informatiker ausgaben – manche besser, manche schlechter, aber stets mit höchstens nur sehr lokal begrenztem Wissen.

Schaut man aber zu Esken, dann steht in Wikipedia:

Ihr Abitur erlangte sie 1981 am Johannes-Kepler-Gymnasium in Weil der Stadt. Ein Studium der Germanistik und Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart brach sie ab und arbeitete danach unter anderem als Paketzustellerin und Kellnerin. 1990 schloss sie an der Akademie für Datenverarbeitung Böblingen eine Ausbildung zur staatlich geprüften Informatikerin ab und arbeitete anschließend in der Softwareentwicklung, bis sie zugunsten ihrer 1994, 1996 und 1999 geborenen Kinder auf ihre Berufstätigkeit verzichtete.

Berners-Lee hatte den Kram erst 1989 entwickelt, ich weiß nicht mehr ganz genau wann, aber so um die Zeit waren die ersten Testversionen überhaupt erst verfügbar.

Wenn Esken 1990 einen Abschluss als „staatlich geprüfte Informatikerin” gemacht haben soll, dann kann das World Wide Web nicht Teil ihrer Ausbildung gewesen sein, das gab es damals noch nicht, und auch noch kaum ihrer angeblichen Tätigkeit in der Softwareentwicklung.

Das Internet muss man damals aber eigentlich schon gekannt haben, wenn man nicht gerade eine Pseudo-Witz-Ausbildung gemacht oder wirklich ganz in der Provinz gelandet ist.

Allerdings hatte ich mir das 2019 schon mal angesehen und als Witz eingestuft.

Wenn man aber im Jahr 2021 noch immer den Unterschied zwischen Internet und World Wide Web nicht verstanden hat, muss man in Sachen IT schon ganz brachial inkompetent und völlig unfähig sein.

Und wenn einem das dann als „Informatikerin” verkauft wird und die behauptet, sie habe „Software entwickelt”, dann bekommt man ein Gefühl dafür, wie die SPD in Sachen Kompetenz vor allem bei Frauen die Öffentlichkeit täuscht.

Überaus bedenklich finde ich, dass man so einen Mist im Bundestag erzählen kann und es keiner merkt.

Übrigens: Hier lobt Esken noch die Aufklärung. Seit Jahren aber führt die SPD per Gender Studies den totalen Krieg gegen eben jene Aufklärer des 18. Jahrhunderts, weil die es gewesen wären, die Frau und Geschlecht erfunden hätten. Bei 0:01:59 beklagt sie, wir seien ins finstere Zeitalter der Voraufklärung zurückgefallen. Genau dahin haben die von der SPD betriebenen Gender Studies aber die Universitäten verschoben, weil es ja deren erklärtes Ziel war, das Werk der bösen weißen Männer, die das alles nur erfunden hätten, um Frauen, Schwule und Schwarze herauszudrängen, Quality is a Myth. Die machen ja seit Jahren nichts anderes, als die Aufklärung rückabwickeln zu wollen.

Und richtig übel wird es, wenn sie so ab 0:02:40 darauf abhebt, wie wichtig es wäre, das Wissen zu teilen – während die SPD der Antifa darin Vorschub leistet, jeden zum Schweigen zu bringen, der etwas sagt, was politisch nicht passt, Leute aus den Universitäten und Professuren zu drängen. Und dann kommt sie da an und trötet, der Wissensaustausch sei so wichtig.

Selbst innerhalb ihrer Dummen-Sphäre sind sie noch tiefenverlogen.

Was will sie damit eigentlich sagen?

Sie will sagen, dass die SPD den Datenschutz abbauen und an all unsere Daten will.

Weil Diderot die Enzyklopädie geschrieben und Berners-Lee das Internet erfunden habe, damit wir alle an alle Daten dieser Welt kommen könnten, sollten wir jetzt auf den Datenschutz weitgehend verzichten, um in deren Geiste zu stehen. Als ob Diderot oder Berners-Lee irgendwas mit Massendaten zu tun gehabt hätten.

Und nun sitze ich da, und sehe, dass diese Saskia Esken da wieder mal dumm und verlogen auftritt, und frage mich, welche der beiden Eigenschaften bei ihr eigentlich die führende ist, oder ob es da auch so eine Hufeisentheorie gibt, ob das beides dann, wenn beides nur genügend stark ausgeprägt ist, wieder überlappt, zusammenfließt. Denn das hatte ich ja neulich schon vermutet, dass einem ab einem gewissen Maß der Inkompetenz auch der Realitätsbezug verloren geht.