Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Auto per USB-Strom angelassen

Hadmut
2.2.2021 2:03

Wenn mir das jemand noch vor ein paar Jahren erzählt hätte, hätte ich es für Unfug gehalten.

Ich kann mich noch erinnern, als ich das erste Mal mit USB zu tun hatte:

Da war ich noch Mitarbeiter an der Uni und ein Kollege hatte ein PC-Board gekauft, auf dem die Pfostenstecker für USB 1 waren – die äußeren USB-Buchsen (A und B) gab es da noch gar nicht, die waren noch nicht festgelegt worden, Software gab es auch noch nicht.

Wir hatten damals herumgerätselt und – späte Neunziger Jahre – noch echt mühsam Informationen gesammelt, wofür das eigentlich gut sein soll. Ah, ja, Tastatur und Maus über denselben Stecker anbieten. Toll. Nur hatten Computer damals schon die gleichen Stecker für Tastatur und Maus, die runden nämlich.

Aber: Es hieß, man solle auch Drucker bald darüber anschließen können. Ach so? Konkurrenz zu AppleTalk?

Nicht lang später hatte ich den ersten USB-Stick. Wikipedia meint, die ersten seien Ende 2000 verkauft worden, aber ich hätte jetzt eigentlich gedacht, ich hätte schon zu Uni-Zeiten, mithin vor Frühjahr 1998, meinen ersten gehabt, so ein riesiges, komisch leuchtendes, sauteures, sehr langsames Ding, das aber immerhin hosentauglich war und etwas zahmer als die damaligen SCSI-Transportplatten oder die berühmten ZIP-Disks mit ihren wahnwitzigen 100MB (ebenfalls mit SCSI-Anschluss). So richtig Spaß hat das mit USB 1 nicht gemacht, erst mit USB 2.0 waren USB-Sticks brauchbar.

USB galt damals als Schnittstelle am untersten Ende, langsam, popelig, dünner Strom. So für Tastatur und Maus eben.

Mein Auto sprang am Wochenende nicht mehr an.

Moderne Autos ziehen eben immer ein bisschen Strom, die Batterie hat Selbstentladung, und seit ich in Berlin wohne, fahre ich ohnehin nur noch wenig innerhalb der Stadt, und zu Lockdown-/Homeoffice-Zeiten noch weniger. Wo soll ich noch hinfahren? Ich sitze im Home-Office und haben drei Supermärkte direkt vor der Nase, das Auto zu holen wäre ein Umweg. Und so ganz neu ist die Autobatterie auch nicht mehr. Da kann der Batteriestand schon mal etwas in die Knie gehen. Innenbeleuchtung ging noch, aber Starten ging gar nicht mehr. Hat nicht mal mehr geleiert.

Zwar habe ich für genau solche Fälle eine tragbare Starthilfebatterie, aber die war auch leer. (Ja, ich weiß…) Und die braucht ziemlich lange, bis sie geladen ist.

Also habe ich zum ersten Mal dem Auto Starthilfe nicht per Starthilfekabel (ist ja sowas von 20. Jahrhundert…) und auch nicht per tragbarem Bleiakku, sondern mit einer LiIon-USB-Powerbank. Nicht besonders groß, viel kleiner und leichter als der tragbare Bleiakku. Aber halt ein spezielles Modell, das nicht nur einen USB-Ausgang hat, sondern noch die dicken Kontakte mit zwei großen Starthilfeklemmen. Und natürlich vorher noch geladen: Per Micro-USB an einem USB-Ladegerät, mit dem ich auch die Handys lade.

Es ist ein komisches Gefühl, wenn man da an seinem Auto steht, und statt einer schweren Batterie mit ordentlichem Koffer drumherum so eine kleine USB-Powerbank dranhängt. Irgendwie hängt der Gedanke im Raum „Das kann gar nicht funktionieren”. Das Ding wird sich sofort mit *Puff* in ein Rauchwölkchen verwandeln und bis auf etwas Gestank rückstandsfrei verschwunden sein ohne dass der Motor auch nur irgendeinen Kommentar dazu abgeben würde. Das ist viel zu klein und zu leicht, um funktionieren und ein Auto starten zu können.

Boah, hab ich gestaunt.

Das Ding hat nicht nur das Anklemmen sofort erkannt, die Polarität und Spannung geprüft und dann signalisiert, dass es jetzt los gehen könnte. (Wenn man die Anleitung liest, findet man, dass sich das Ding nur dann einschaltet, wenn es feststellt, dass eine Autobatterie mit noch mindestens 2 Volt angeschlossen und richtig gepolt ist. Für schwer komatöse Fälle, in denen die Batterie nicht mehr als anwesend erkannt wird, gibt es eine Notfalltaste, die man ein paar Sekunden lang drücken muss, um alle Sicherheitsprüfungen auf eigenes Risiko abzuschalten und zu sagen „Ich will das jetzt so”. Aber so weit war es bei mir ja nicht, allerdings habe ich sowas noch bei keinem bisherigen Starthilfe-BleiAkku gesehen.)

Und dann: Motor sofort und ohne jegliches Leiern angesprungen, als wäre voller Batteriestand da. Das Ding piepte noch vergnügt und erklärte, auch danach noch über den vollen Ladestand, nämlich alle verfügbaren Balkenanzeigen-LEDs zu verfügen. Ich hätte ja erwartet, einmal starten und das Ding ist leer und muss an den Defibrilator, falls es den Startversuch überhaupt überlebt.

Da war ich wirklich baff, dass das kleine Ding besser funktioniert hat als der tragbare Bleiakku, und auch noch viel leichter anzuschließen ist, weil viel kleiner und handlicher. Muss man nicht stellen, kann man überall hinlegen. Und eine helle LED-Lampe ist auch noch eingebaut.

Da war ich wirklich verblüfft, wie gut das Ding funktioniert. Hätte ich wirklich nicht gedacht.

Hätte mir noch vor ein paar Jahren jemand erzählt, dass ich mein Auto mal mit so einer kleinen Powerbank anlasse, die ich vorher mit dem Handy-Netzteil per USB geladen habe…