Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Hallervordens Lockdown-Treff

Hadmut
21.11.2020 22:23

Mmmh.

Dieter Hallervorden hatte ja – erfolglos – versucht, sein Schlosspark-Theater in Berlin trotz Corona zu öffnen und das vor Gericht durchzusetzen. Das Theater darf nicht öffnen.

Ob nun aus Protest oder Verzweiflung oder einfach, um nicht tot zu wirken, gab es gerade per Livestream auf Google und Facebook eine 90-minütige Sondervorstellung mit kurzen Ausschnitten aus Theaterstücken des Schlosspark-Theaters und kurzen Auftritten von Kabarettisten von den Wühlmäusen (oder auch anderen, ich weiß nicht, ob die alle zu den Wühlmäusen gehören).

Ich finde das schön, dass man zeigt „Wir sind noch da” und dass man, wie Hallervorden eingangs sagte, immer wieder aufsteht, wenn man fällt. Verdient haben sie daran natürlich nichts, die Kosten laufen weiter.

Nebenbei, und das will ich hier jetzt mal loswerden: Ich muss immer schmunzeln, wenn ich Johannes Hallervorden höre. Ich habe schon manche Leute erlebt, die ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sehen, aber wirklich noch niemandem, der sich so wie sein Vater anhört, wie Hallervorden. Es ist wirklich verblüffend, denn ich hielt den Sound von Hallervorden immer für einzigartig. Ich war immer ein Fan seit Nonstop Nonsens und dachte, so einen gibt’s nicht nochmal.

Was mir nicht gefällt

Die Mischung aus Theater und Kabarett ließ mich über die Frage nachdenken, ob ich ein politisches Theater überhaupt möchte. Klar, Kabarettisten müssen Politik aufgreifen, das ist deren Thema, sonst wäre es ja kein Kabarett. Und Hallervorden ist oder war (weiß nicht, ob der da noch aktiv ist) als politischer Kabarettist wirklich sehr gut. Es hat mir aber nicht gefallen, dass er im Ausschnitt aus seinem Stück Gottes Lebenslauf (Gott = Dieter Hallervorden macht mal Pause und bewirbt sich mit seinem Lebenslauf komplikationsbehaftet in einem modernen Unternehmen, um da mal real zu arbeiten) klimapolitisch wird.

Ich sage ganz offen, dass mir das nicht gefällt. Vielleicht hätte es mir vor 30 Jahren noch gefallen, aber nicht heute. Wir werden inzwischen von morgens bis abends mit dieser Politscheiße zugedonnert. Für mich ist Theater (im Gegensatz zu Kabarett) etwas, was ich unter Unterhaltung einordne. Wo man sich mal entspannen, und mal ausspannen kann. Von mir aus Klamauk, oder komische Witze, Situationskomik auf der Bühne, auch wenn sie viel zu lang ausgedehnt wird, oder auch Klassiker, alles in Ordnung. Aber ich würde keinen Eintritt dafür zahlen und auch nicht meine Frei- und Lebenszeit dafür ausgeben, um dann auch dort noch mit dem Klimamist konfrontiert zu werden. Wenn ich das will, muss ich nur den Fernseher einschalten. Oder, wenn ich es analog will, das Fenster aufmachen und meinen Nachbarn quasseln lassen. Theater soll meines Erachtens nicht die Wiederholung dessen sein, womit ich schon die letzten zwei Jahre dauerberegnet, dauerbelästigt wurde. Es mag sein, dass ein unpolitisches Theater, das der Unterhaltung dient, anspruchslos ist. Und genau das ist der Anspruch, den ich an das Theater habe: Nicht diesen Anspruch an mich zu haben. Denn ich zahle ja denen und nicht die mir. Ich will mich freuen, es zu sehen, und nicht auf der Anklagebank sitzen, nicht mal der Hallervordens.

Das ist dann irgendwo auch die Folge dieser omnipräsenten Politisierung, dieser Verblödung, an der auch schon die Presse zugrundegeht. Früher war das mal so eine kapitalistische Selbstverständlichkeit: Der Kunde zahlt, der andere liefert dafür eine Dienstleistung, die ersterem Geld wert ist, weshalb er wieder kommt. Ob nun Berichterstattung in der Zeitung oder Unterhaltung auf der Theaterbühne. Inzwischen aber reduzieren sich beide, Zeitung wie Theater, zur Bühne politischer Meinungsäußerung, um das im zurückhaltendsten Sinne auszudrücken. Und diese Meinungsäußerung ist (wie ich das neulich schon dem Landtag Sachsen als Stellungnahme dargelegt habe) zunächst mal eine Privatangelegenheit, eine Privatsache. Und darin liegt der Denkfehler: Ich investiere nicht Zeit und Geld, damit dann der auf der Bühne seine Interessen verfolgt und das zur Äußerung seiner Meinung macht. Dafür könnte ich noch Verständnis und Interesse aufbringen, wenn es etwas neues wäre, aber nicht, wenn es derselbe Senf ist, den ich so schon pausenlos höre. Ich brauche keinen Dieter Hallervorden als Gott, der mir gegen Geld und Fahrt zum anderen Ende von Berlin erklärt, dass die Meeresspiegel steigen. Das weiß ich auch so schon, weil man es mir ja ständig und unablässig erklärt (gerade erst kam irgendwo im Fernsehen der Ex-Malediven-Präsident Nasheed rauf und runter, obwohl mir der Hotelier auf den Malediven, exzessiver Taucher, erklärte, dass den Malediven bei steigendem Wasserspiegel gar nichts passiert, denn wenn man dort viel tauche, verstehe man den Mechanismus, mit dem die Strömung dort Sand anspült, und steigt der Meeresspiegel, stiegen die Malediven, die nichts als Sandhaufen sind, einfach mit. Nur leider nicht die Häuser.) Es fehlte mir gerade noch, es mir für Geld nochmal vorwerfen zu lassen.

Man geht nicht ins Theater, um dasselbe zu hören, was einem von morgens bis abends schon vorgedudelt wird.

Sie müssten etwas anderes im Angebot haben.

Vermarktung

Mir ging die Frage durch den Kopf, ob es funktionieren könnte, Theaterstücke aufzuzeichnen und über eine Vermarktungsplattform wie beispielsweise Amazon Prime zu verticken.

Natürlich kann man da nicht die Beträge nehmen wie bei einem Hollywood-Kinofilm, schon gar nicht wie bei einer Theaterkarte. Aber was wäre, wenn sowas vielleicht 1,99 oder 3,99 kosten würde? Und die das dann dort auf ihrer Bühne aufnehmen (dass sie ordentliche Kameras haben, haben sie ja heute bewiesen), können sie ja sogar in Ruhe machen, so oft wiederholen, bis es passt, brauchen keine Pausen einzubauen, weil der Zuschauer ja die Pinkel-/Pausetaste hat, und hätten aber den Vorteil, dass es nicht nur zwei Wochen, sondern dauerhaft läuft, weltweit, das kann man ja mal ein paar Jahre laufen lassen. Und es könnte durchaus auch neue Perspektiven bringen, weil die Kamera halt nicht eben nur aus Sicht der Theatersitze filmen kann, sondern auch mal die Person oder das Gesicht in Großaufnahme, von der Seite und so weiter. Wenn man nicht live spielt, kann man sich ja auch Sachen erlauben, dass in einer Szene, für einen Blick, der Kameramann auf der Bühne steht und aus der Nähe filmt. Von hinten, von oben, aus der Kiste, ne GoPro am Hut, weiß der Kuckuck. Mal eine Szene außen, im Freien oder in der U-Bahn, auf dem Friedhof, irgendsowas.

Könnte das kostendeckend funktionieren?

Könnte man davon leben?

Überheblichkeit

Ich frage mich, ob Künstler nicht zu überheblich sind. Sie beklagen das Sterben der Kunst, neulich fand ich irgendwo den (durchaus interessanten) Begriff des „Kulturinfarkts”.

Nehmen die sich zu wichtig?

Wollen sie wichtiger sein als sie sind?

Überschätzen die sich und ihre Bedeutung?

Viele (vor allem Fernseh-)Schauspieler wirken auf mich überaus arrogant. Glauben, alles drehe sich um sie. Weil das auf ihren paar Quadratmetern so ist.

Ich könnte mich jetzt aber nicht erinnern, dass sich die Theaterleute schon mal groß für andere eingesetzt hätten. Als damals die Dotcom-Blase platzte, wollte auch erst mal kaum jemand noch Informatiker haben. Ich könnte mich nicht erinnern, dass sich Theaterleute damals für Informatiker stark gemacht hätten. Und so weiter. Nur mal so provokant gefragt: Worauf beruht die Erwartungshaltung, dass alle nun den Theaterleuten zu Hilfe eilten?

War es in den letzten 50 Jahren nicht normal, dass so viele Berufe verschwunden sind?

Oder anders gefragt: Wie wichtig kann jemand sein, der sich nur selbst für wichtig hält?

Wird „Kultur” überschätzt? Ist Kultur ein Luxus, den wir uns gerade einfach nicht leisten können und wollen?

Ein Anachronismus?

Allerdings, und das will ich auch nicht verhehlen, hat mir die Sache doch ein Stirnrunzeln hinterlassen, einen Gedankengang beschert, der vielleicht nicht beabsichtigt war.

Ich frage mich, ob Theater an sich nicht genauso veraltet ist wie Zeitung auf Papier.

Ob Theater nicht eine Kunstform ist, die sich einfach überlebt hat.

Mir fällt häufig auf, dass mir Fernseh- und Kinofilme, Serien, die mir als Kind unheimlich gut gefielen, die ich sehr spannend fand, heute eher langsam, träge, spannungsarm vorkommen. Beispielsweise Hitchcock Fenster zum Hof oder Cocktail für eine Leiche, die ja gerade auch wegen ihrer Handlung an nur einem Ort so typische Bühnenstücke sind, letzteres wurde ja auch aufgeführt. Das zieht sich.

Oder den Film Arsen und Spitzenhäubchen. Fand ich mal einen Superfilm. Ich war mal in Berlin in einem Theaterstück, und die Leute gingen wärend der Aufführung, weil es ihnen zu langweilig vorkam, obwohl das Erzähltempo ziemlich genau wie im Film war. Man dehnt im Theater die Sachen einfach zu lang. Es geht auch nicht viel anders, weil man keine Schnitte hat und weil man so sprechen muss, dass die es auch hinten noch verstehen.

Wir haben nun aber auch eine Generation von Leuten, die an Youtube, Social Media, Actionfilme, den ganzen technischen Schnickschnack, aber auch ausgefuchste Dramaturgie, Drehbücher, Kameraführung, Soundeffekte gewöhnt ist.

Ich weiß, es ist schund, aber ich habe ja schon öfters erzählt, dass ich wegen meines Tinnitus die Stille, die ich hier mitten in Berlin fast immer habe, nicht immer mag und es deshalb ganz gern habe, gerade so beim Bloggen oder Lesen im Web, irgendeine flache Hintergrundgeräuschquelle zu haben, und deshalb oft so diese ZDF-Programm mit den Krimis zwischen 18 und 19 Uhr laufen habe. Mir ist aufgefallen, dass die vor einigen Jahren einen deutlichen Qualitätssprung vollzogen haben, was die Kameraführung, die Schnitte, die Regie angeht. Man hat es anscheinend sogar wieder etwas zurückgenommen, aber man hat gemerkt, dass die sich zwischendrin mal für einige Zeit wirklich große Mühe gegeben hatten, ein neues Erscheinungsbild zu bringen, anders zu wirken, schneller, dynamischer, professioneller, weniger Fernsehspiel. Es war sogar gut (ob es erfolgreich war, weiß ich nicht, billig war es wohl nicht). Auch beim Tatort merkte man ja, dass die dringend nach neuem suchen, auf einmal mit Zeitschleifen wie beim Murmeltier, Geisterhäusern, der Verschmelzung einer Tatort-Figur mit ihrem Schauspieler experimentierten. Professor Börne war gerade in der Hölle beim Teufel persönlich, übrigens auch sehr gut gedreht und inszeniert.

Damit kann Theater nicht mithalten.

Ist die Zeit des Theaters nun einfach vorbei?

Viele Leute bestreiten, dass man an Corona sterbe, sondern höchstens mit. Tatsächlich sterben viele alte und gebrechliche Leute auch an schwächeren Krankheiten, weil die ihnen einfach den Rest geben.

Gibt Corona dem Theater gerade den Rest?